Der Erste Weltkrieg aus Soldatensicht

Kriegsdarstellungen bei Ernst Jünger, Erich Maria Remarque, Edlef Köppen und Walter Flex


Masterarbeit, 2015

74 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographische Hintergründe und erste Rezeption der Werke
2.1. Rezeption zum Entstehungszeitpunkt
2.2. Rezeption und Wiederaufnahme im Nationalsozialismus

3. Form und Struktur
3.1. Formaler Aufbau und Erzählsituationen
3.2. Wirkung der Erzählsituation auf den Rezipienten

4. Textanalyse: Parallelen und Unterschiede
4.1. Auf dem Weg in die Schlacht: der „Geist von 1914“
4.2. Ausgangssituation der Kämpfer und die Transformation zum Soldaten
4.3. Kameradschaft
4.4. Verlust der Menschlichkeit
4.5. Ambivalenz des Tötens

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nicht ohne Grund wird der erste Weltkrieg im englischen und französischen Sprachraum als „the Great War“ oder „la Grande Guerre“ bezeichnet: dieser Krieg von zuvor unbekannten Ausmaßen, der rund 17 Millionen Menschenleben forderte, prägte die Geschichte Europas wie kaum ein anderes Großereignis und wird immer wieder als die Urkatastrophe Europas bezeichnet. Sämtliche Bereiche des modernen Lebens des vergangenen Jahrhunderts wurden auf die eine oder andere Weise durch den Weltkrieg beeinflusst und auch über 100 Jahre nach seinem Beginn und fortschreitender Forschung gehört dieser Krieg noch zu den historischen Ereignissen, denen noch immer ein Rest des Unverständlichen und Unerklärlichen anhaftet. Die Fragen nach der allgemeinen Stimmung im Land, nach der Situation während des Krieges und auch nach der Kriegsschuld halten bis heute weltweit ungebrochenes Interesse wach.

Wenn von einem „Weltkrieg“ gesprochen wird sind in der historischen Forschung zwei Lesarten zu unterscheiden. Einerseits liegt die offensichtliche geographische Ausdehnung auf der Hand; dieser Krieg zwischen anfangs europäischen Mächten wurde als erster wirklich globaler Krieg der Weltgeschichte auch außerhalb Europas und zwischen außereuropäischen Staaten geführt. Daraus ergibt sich die zweite Lesart des Begriffs, nämlich die seiner welthistorischen Bedeutung. Auf sämtlichen Kontinenten waren die Folgen für die Bevölkerung spürbar und reichen teilweise bis in die Gegenwart[1]. Dies betrifft einerseits die direkte militärische Mobilisierung der britischen und französischen Kolonien und der von Russland rekrutierten asiatischen Armeen. Darüber hinaus sind die direkten und indirekten ökonomischen Auswirkungen auf die Finanzsysteme aller Staaten nicht von der Hand zu weisen. Der Erste Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen, die bis heute zu spüren sind – der Historiker G. Kennel bezeichnet den ersten Weltkrieg nicht umsonst mehrfach als „ the great seminal catastrophe of this century“[2]. Diese Einschätzung wird von Wissenschaftlern aller Forschungsrichtungen weitestgehend geteilt und kann im Angesicht des ungeheuren Leids auf beiden Seiten kaum in Frage gestellt werden[3]. Es gilt als gesichert, dass mit der „Hölle von Verdun“ der letzte unumkehrbare Schritt zur Ankunft in der Moderne gemacht wurde[4], die Entwicklung dahin, die eigentliche „Geburt der Moderne“ wird schon in den letzten Jahren des Wilhelminischen Kaiserreichs angesetzt[5].

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Vorstellung vom Krieg noch von den alten Idealen geprägt, den Gegner in offenen Feldschlachten mutig zu bekämpfen und heroisch im direkten Zweikampf zu besiegen. Dieses Ideal aus der Antike bewährte sich auch noch bis hin zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, doch die neue Form der Kriegsführung mit Millionen von Opfern im Graben- und Stellungskrieg erforderte eine Revision dieser alten Werte, da der Soldat sich den neuen technischen Errungenschaften[6] anpassen musste und eine gewisse Emotionslosigkeit und Abhärtung stärker in den Vordergrund rückte.

Ohne weiter auf die historische Interpretation[7], die den Umfang dieser Arbeit sprengen würde, einzugehen, muss man dennoch festhalten, dass ein derartiges Großereignis eine gewisse Einheit innerhalb der literarischen Darstellungen einer kämpfenden Nation erwarten lässt. Selbstverständlich sind besonders von französischer, britischer und russischer Seite stark von den deutschen Darstellungen abweichende Berichte zu erwarten[8], umso mehr erstaunen die Widersprüche und teilweise konträren Bilder innerhalb der unterschiedlichen deutschen Zeugnisse.

Im Verlauf dieser Arbeit werde ich einige der wohl bekanntesten deutschsprachigen Darstellungen des ersten Weltkriegs aus Soldatensicht untersuchen. Hierbei werden vor allem die zum Entstehungszeitpunkt wie auch noch heute populärsten Werke über den ersten Weltkrieg, nämlich Erich Maria Remarques 1928 erschienener Roman Im Westen nichts Neues und Ernst Jüngers Kriegstagebüchern In Stahlgewittern (1920), betrachtet. Darüber hinaus werde ich Parallelen zu Walter Flex‘ 1916 erschienener autobiographischer Novelle Der Wanderer zwischen beiden Welten und Edlef Köppens Roman Heeresbericht von 1930 ziehen und dabei die Unterschiede der Kriegsdarstellung, aber auch die zweifelsohne vorhandenen Gemeinsamkeiten darstellen. Der heutige Leser kann sich nur ein beschränktes Bild davon machen, inwiefern die Kriegserlebnisse den Einzelnen und die Bevölkerung als Ganzes geprägt haben; um sich ein genaueres und zumindest ansatzweise entzerrtes Bild zu machen ist es daher notwendig, sich der Thematik von verschiedenen Seiten und Blickwinkeln zu nähern. Die – mit den genannten Ausnahmen heute fast vergessenen – affirmativen Texte, zu denen neben Flex‘ Wanderer auch beispielsweise Richthofens Der rote Kampfflieger oder Mückes Ayesha gehört, sind zum Entstehungszeitpunkt weit präsenter als die kriegskritischen Texte, die anfangs neben der bellizistischen Literatur weitestgehend untergehen. Die vier untersuchten Werke sollen hier nur exemplarisch für die wahre Flut an literarischen Werken stehen, die bereits in den ersten Kriegsmonaten bis über ein Jahrzehnt nach Kriegsende veröffentlicht wurden.

Einer zeitgenössischen Schätzung zufolge sind in der Bevölkerung „allein im August 1914 anderthalb Millionen Kriegsgedichte entstanden […], also 50.000 im Tagesdurchschnitt“[9], was als deutliches Zeichen für den in der Bevölkerung vorherrschenden, kriegsbejahenden Enthusiasmus in den ersten Kriegswochen- und Monaten gelesen werden kann. Kennzeichnend ist wohl vor allem für die Zeit vor Kriegsbeginn eine öffentliche Erregung bisher unbekannten Ausmaßes und eine Entschlossenheit „zur Verteidigung der Nation auf Tod und Leben“[10]. Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze für diese „patriotische Begeisterung und männlich-jugendliche Abenteuerlust“[11], die sich durch sämtliche Bevölkerungsschichten ziehen, in der historischen Darstellung jedoch möglicherweise auch verzerrt dargestellt werden. Auf diesen Punkt werde ich im Folgenden noch weiter eingehen, ebenso auf die Wiederaufnahme der Thematik im Nationalsozialismus.

Besonders die Erlebnisse der Soldaten an der Westfront sind es, die sich in das kollektive Gedächtnis aller Beteiligten aus Militär und Zivilbevölkerung gleichermaßen eingebrannt haben. Die anfangs euphorische Stimmung sollte sich mit Fortschritt des Kriegs wandeln, in allen beteiligten Gesellschaften musste der Tod von fast zehn Millionen meist junger Männer thematisiert werden. Die beträchtlichen Ressourcen, die von staatlicher Seite zur Aufarbeitung und Ehrung der Gefallenen aufgewendet wurden, dürften den unmittelbar Betroffenen kaum Trost gespendet haben. Die „Heiligkeit der deutschen Sache“[12] alleine reichte bald nicht mehr aus, um einen Sinn im Tod von Millionen zu sehen; andere, private Mittel zum Umgang mit dem Geschehenen mussten gefunden werden. Es verwundert daher nicht, dass ein Ereignis wie der Erste Weltkrieg mit seinen unvorstellbaren Ausmaßen auf Politik und Gesellschaft unterschiedlichste künstlerische Verarbeitungen unmittelbar und auch längerfristig nach sich zog.

Alle Autoren, deren Werke im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden, waren Soldaten an der Westfront[13] und haben ihre jeweiligen Erlebnisse literarisch verarbeitet, jedoch dafür verschiedene Formen der Berichterstattung gewählt und aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet. Dies war anders auch kaum möglich: der Krieg war allgegenwärtig und unausweichlich; es wurde buchstäblich in alle Himmelsrichtungen gekämpft, selbst unter Wasser und am Himmel herrschte Krieg. Für den einzelnen Teilnehmer an diesen Kriegshandlungen muss es deshalb schlicht unmöglich gewesen sein, die Übersicht zu behalten und mehr als seinen unmittelbaren Erfahrungsbereich zu beschreiben. Daher überwiegen in der zeitgenössischen Prosa auch die Ausdrucksformen, die es gestatten, sich auf eine sehr subjektive Ebene zu beschränken; hierzu zählen vor allem Tagebücher, Reportagen und Korrespondenzen[14]. Auch in den meisten Erzählungen und Romanen aus der Kriegszeit selbst kann eine solche Beschränkung auf den Erfahrungshorizont des Protagonisten beobachtet werden, die erst im Laufe der zwanziger Jahre durch offenere Formen durchbrochen werden soll[15]. Gemeinsam ist den Autoren bzw. ihren Protagonisten eine generelle Tendenz hin zur Suche nach Antworten auf die Fragen, die ihnen und ihren Gefährten vom Krieg gestellt worden waren: so kann beispielsweise Jünger den Verlust des Krieges nicht verstehen und Flex rettet sich notdürftig in romantische Sphären, um Ernst Wurches Tod einen Sinn zu verleihen, der über das ehrenvolle Sterben für das Vaterland hinausreicht. Am anderen Ende des Spektrums findet sich Remarque, der wie auch sein Protagonist Paul Bäumer den Krieg als solchen nicht nachvollziehen kann[16].

Entgegengesetzt der Behauptung in seinem Vorwort, wurde Remarques Roman durchaus als Anklage gegen den Krieg im Allgemeinen aufgefasst und kann sehr wohl auch als solche verstanden werden. Hierzu sollen im ersten Teil dieser Arbeit die jeweiligen persönlichen Werdegänge betrachtet werden.

Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie es möglich sein kann, dass junge Männer, etwa gleichaltrig, die im selben Krieg an den gleichen Orten für die selbe Seite kämpften, alle an der Front unmittelbar an den Kriegshandlungen beteiligt, diesen Krieg so unterschiedlich wahrnehmen konnten. Interessanterweise wird in sämtlichen Texten konsequent davon abgesehen, pauschalisierend und ungenau über das Kriegsgeschehen zu berichten[17], das Erlebte soll sachlich vermittelt werden, wobei dies auf sehr unterschiedliche Weise geschieht – Köppens Heeresbericht, eine „Collage des Krieges“[18] sticht hierbei durch das Einflechten historischer Dokumente besonders hervor.

Auf Form, Stil und Struktur der Werke und der jeweiligen Wirkung auf den Rezipienten wird im Folgenden ebenso eingegangen wie auf die Rezeptionsgeschichte der Werke, bevor schließlich die unterschiedlichen Beschreibungen des eigentlichen Kriegsalltags betrachtet werden.Besonders wichtig ist hierbei die irreversible Transformation des Zivilisten zum Soldaten, die mit dem Eintritt in die Armee beginnt und die – nicht zuletzt durch das Töten – unweigerlich eine Entmenschlichung der Soldaten mit sich bringt. Im Vordergrund dieses letzten Teils steht, eng damit verknüpft, die Rolle des Menschen, der sowohl als Individuum als auch als insignifikanter Teil der Kriegsmaschinerie dargestellt wird, wobei besonders bei Jünger der ideale Soldat komplett mit dieser verschmilzt.

2. Biographische Hintergründe und erste Rezeption der Werke

Die Erfahrungen an der Westfront haben alle Autoren mit ihren Protagonisten gemein, haben diese jedoch aus sehr unterschiedlichen Perspektiven erlebt und verarbeitet. Die unterschiedliche Distanz zum Erlebten sorgt für Leseeindrücke, die beim Leser verschiedenste Gefühle und Reaktionen evozieren. Eine nicht bestreitbare Gemeinsamkeit aller hier diskutierten Darstellungen sind allerdings autobiographische, zeitgenössische oder zumindest nicht eindeutig fiktive Elemente. Es wird in der Forschung vielerorts darauf hingewiesen, dass aufgrund „der Repräsentation des ‚Kriegserlebnisses‘ […] eine Unterscheidung zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen ‚Erlebnisbericht‘ und ‚Roman‘ hinfällig geworden“[19] sei, daher erscheint es angebracht, zumindest eine kurze Darstellung der unterschiedlichen Biographien zu geben, die möglicherweise einen ersten Einblick in die Motivationen und Intentionen der Autoren bieten können.

Der erste Unterschied, auf den ich im folgenden Kapitel nochmals ausführlich eingehen werde, ist die Darstellungsform der Werke. Für diese Untersuchung wurden nur Werke herangezogen, die auf den ersten Blick eine recht klare Gattungszuordnung aufweisen[20], bei näherem Betrachten wird allerdings schnell deutlich, dass die Problematik um eine genau definierte narratologische Einordnung damit erst beginnt. Unweigerlich stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von persönlich erlebtem, also autobiographischen Elementen, die der Autor in die Erzählung eingeflochten hat und der Erzählinstanz. Schneider stellt fest, dass die meisten Kriegsromane sich in einer „Grauzone zwischen Propaganda, Literatur, Journalismus und Autobiographie“[21] befinden:

Die Literatur während des Krieges hatte die Standards und Konventionen, aber auch die Kriterien zur Bewertung von Kriegsliteratur festgeschrieben. Fiktion und Dokumentation hatten sich in diese Genre so weit angenähert, daß eine Trennlinie zu ziehen auch heute kaum möglich scheint. […]

Die Texte der Kriegs- und Antikriegsliteratur stellen sich bei näherer Analyse als unauflösliche Konglomerate aus Fiktion und angeblicher „Wahrheit“ dar, wobei es der Spitzfindigkeit auch des heutigen Lesers überlassen bleibt, die „Unwahrheiten zu erkennen“[22].

Franz Zipfel stellt sich genau dieser Problematik, wenn er die Zusammenhänge zwischen der referentiellen Praxis und der Fiktions-Praxis näher untersucht und dabei Doubrovskys Begriff der Autofiktion näher erläutert[23].

In Remarques Roman vereinen sich autobiographische Elemente mit Elementen, die der Autor Berichten anderer Soldaten entnommen hat – Kunicki erkennt in Remarques Schilderungen sogar Jüngersche Elemente wieder, die Remarque von diesem übernommen haben soll[24]. Dennoch handelt es sich um einen Roman, der eine fiktive Authentizität für sich beansprucht, also als beispielhaften Text gelesen werden kann und aus dem die Position des Autors nicht zwangsläufig klar hervorgeht. Ein noch interessanterer Fall liegt bei Köppens Heeresbericht vor: der Titel selbst erhebt den Anspruch zu berichten, jedoch stellt der Autor schon dem ersten Teil die Notiz voran, dass Personennamen und Bezeichnungen der Gruppenteile außer in den Dokumenten nicht der Wahrheit entsprächen[25].

Bei Walter Flex und Ernst Jünger ist dies anders, diese Schilderungen, bei denen Autor und Erzähler verschmelzen, werden von den Autoren ausdrücklich als real und authentisch deklariert. Flex Untertitel Ein Kriegserlebnis sowie die Widmung lassen an der Authenizität keinen Zweifel aufkommen; Jünger selbst hat sein Werk in Form eines Tagebuchs veröffentlicht. Im Gegensatz zu Remarques und Köppens handelt es sich hierbei keineswegs um Fiktion und seine affirmative Haltung zum Krieg kann wie auch bei Flex aus dem Text unmittelbar erschlossen werden.

Interessanterweise haben Jünger, Flex und auch Köppen haben von Beginn an ein anderes Verhältnis zum Krieg als Remarque – der damals neunzehnjährige Jünger meldet sich wie auch Köppen und Flex direkt bei Kriegsbeginn freiwillig und ganz im Gegensatz zu Remarque, der erst zwei Jahre später zum Kriegsdienst einberufen wird.

Als ältestes von sieben Kindern am 29. März 1895 in Heidelberg geboren[26], beschließt Ernst Jünger, nach eigenen Angaben „ein jugendlicher Träumer“[27], bereits 1913, der Fremdenlegion beizutreten. Neben der Langeweile, die er in der Schule empfand, ist es vor allem sein von abstrakter Vernunft geprägter Vater, dem er mit diesem Schritt entkommen will. Afrika, das Sinnbild einer „prächtige[n] Anarchie des Lebens“[28] erscheint dem Wandervogel Jünger als exotisches Ziel, um dem autoritären bürgerlichen Elternhaus und der gesellschaftlichen Kleingeistigkeit zu entkommen[29]. Die Ambitionen verlieren sich allerdings, als Jünger nach seiner Ankunft in Algerien erkennen muss, dass sein Bild von Afrika lediglich dem konstruierten Bild einer zügellosen Freiheit und keineswegs der Realität entspricht. Eine Desertion nach Marokko bleibt nach Intervention des Vaters folgenlos. Die vielfach zitierte Fotografie, die Ernst Jünger auf Geheiß des Vaters vor seiner Rückkehr anfertigen lässt und die ihn in der Uniform der Fremdenlegion darstellt, ist ein Sinnbild für diese gescheiterte Flucht und seine Unfähigkeit, sich vom autoritären Elternhaus zu lösen[30]. Er kehrt zurück nach Hameln, um kurz darauf nach dem abgelegten Notabitur als Kriegsfreiwilliger der Armee beizutreten – wie viele andere Deutsche ist auch Jünger begeistert, (erneut) ein anderes, heldenhaftes Dasein führen zu dürfen.

Anfangs als einfacher Soldat an der Westfront eingesetzt, schlägt er nach einer Verwundung und dem damit zusammenhängenden Heimaturlaub die Offizierslaufbahn ein. Er wird im weiteren Kriegsverlauf mehrmals verwundet, kehrt jedoch immer wieder zurück an die Front und wird 1918 als einer der Letzten für seinen bemerkenswerten Einsatz mit der bedeutenden militärischen Auszeichnung „Pour le Mérite“ ausgezeichnet. Mit der Benachrichtigung über die Auszeichnung, die ihm verliehen werden soll, endet auch sein erstes Werk[31] In Stahlgewittern. Es handelt sich hierbei um die Kriegserlebnisse und Eindrücke, die Jünger in zahlreichen Tage- und Notizbüchern in den Jahren 1914-1918 aufgezeichnet hatte und die er in Buchform bereits 1920, knapp zwei Jahre nach Ende des Krieges, veröffentlichte. Der eklatante Kontrast zwischen der Katastrophe, die die Armee und damit auch der Staat erleiden und der persönlichen Heroisierung des Kriegers könnte kaum größer sein als an dieser Stelle am Ende des Buches[32].

Auch nach Ende des Krieges hält sich Jünger zunächst fast ausschließlich im militärischen Umfeld auf und dient zunächst noch als Leutnant im 16. Infanterieregiment in Hannover, wo er sich einen Namen als entschiedener Gegner der Republik macht. Mit seinen ständig aktualisierten Versionen von In Stahlgewittern versucht Jünger immer wieder, den aktuellen Zeitgeist zu treffen und schafft es dadurch, trotz seiner zeitlebens bellizistischen Tendenzen klare politische Signale über die eigentliche Thematik hinaus zu senden. Die teils bis heute andauernde Kritik an Jüngers Kriegsverherrlichung übersieht hier schnell, wie sich, je nach Lesart, die Aussagen und die möglichen Intentionen des Autors wandeln[33]. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verläuft der literarische Erfolg nur schleppend, lediglich militärische Kreise loben die deskriptive Darstellung.

Ganz anders verläuft die frühe Rezeption von Walter Flex‘ Werk, des populärsten Buchs, das noch im Ersten Weltkrieg in Deutschland publiziert wurde[34]: Der Wanderer zwischen beiden Welten. Das im Oktober 1916 veröffentlichte Buch eines bis dato eher unbekannten Kriegslyrikers ist gleichermaßen ein Lob auf den deutschen Kriegergeist als auch eine Totenklage um einen gefallenen Freund und findet reißenden Absatz in der Bevölkerung; das Interesse an Walter Flex zieht sich bis zum Ende des zweiten Weltkriegs durch die deutsche Literaturgeschichte[35].

Die naheliegendste Antwort auf die Frage, was dieses heute fast vergessene Buch für zeitgenössische Leser so anziehend macht, liegt sicherlich in der Thematik und der Person des Autors: Zum Publikationszeitpunkt waren bereits mehrere hunderttausend Soldaten vor allem in Verdun[36] gefallen; durch die persönlichen Verluste der Leserschaft ist es daher leicht, die Trauer des Autors um seinen gefallenen Freund nachzuvollziehen[37]. Innige freundschaftliche Beziehungen zwischen den Frontsoldaten waren keine Seltenheit, insofern kann die Schilderung sicher als existentielle Lebenserfahrung dieser Generation aufgefasst werden. Flex‘ Tod ein knappes Jahr nach Erscheinen des Werkes trug sicherlich weiter zur Identifikation mit dem Autor und damit auch den Protagonisten seiner Erzählung bei – am 16.10.1917 hatten fast alle deutschen Familien Verluste zu beklagen.

Gleichzeitig muss auch der im Buch vorherrschende heroische Geist, der immer wieder erwähnt wird, hohes ideologisches Identifikationspotential für alle Deutschen geboten haben. Die weit später erschienenen Romane von Köppen und Remarque sind auf diese Identifikation mit dem Protagonisten ausgelegt, müssen also aus dieser Gleichung ausgeklammert werden. Jüngers In Stahlgewittern steht vor der Problematik, dass direkt im Anschluss an den Krieg die Euphorie in der Bevölkerung deutlich gemindert ist, außerdem ist der Schreibstil wie schon erwähnt nicht darauf ausgelegt, Empathie zu erwecken. Bei Flex ist das nicht der Fall, darüber hinaus gewährt die Person des Autors mit seiner typisch „deutschen Biographie“[38] eine gewisse Identifikation.

Walter Flex wird am 06. Juli 1887 als zweiter von vier Söhnen eines hochgradig politisierten, deutsch-nationalistischen Elternpaares in Eisenach geboren[39]. Besonders die Mutter ist streng gläubige Lutheranerin und darüber hinaus von einem „radikalen Nationalismus“[40] geprägt, den sie auch auf ihre Kinder übertrug, wie Tagebucheinträge belegen. So schreibt sie am 02.02.1885 „Meine Söhne sollen dich lieben lernen, mein Kaiser (…), sie sollen echte deutsche Männer werden, und du sollst ihr leuchtendes Vorbild sein, mein Heldenkaiser!“[41] ; eine Woche später bekennt sie „Ich wäre wohl (…) am liebsten eines Offiziers, eines Offiziers meines preußischen Königs Weib geworden, das sage ich offen, (…) doch ich hoffe, mein Kaiser, ich kann dir und meinem Vaterlande auch als Frau eines Nicht-Soldaten dienen an meinem Platze“[42]. Es verwundert kaum, dass Flex (im Gegensatz zum gleichermaßen kriegsbegeisterten Ernst Jünger) den vorbehaltlosen Rückhalt seiner Familie genießt, deren Weltverständnis und politische Orientierung sich komplett mit Flex‘ eigenen Überzeugungen decken.

Nach dem Abitur 1906 beginnt Flex ein Studium der Germanistik und der Geschichte in Erlangen, um nach vier Semestern nach Straßburg zu wechseln, wo aufgrund seiner angespannten finanziellen Lage ein Dissertationsprojekt scheitern musste. Nach einigen Jahren Tätigkeit als Hauslehrer[43] u.a. bei der Familie Bismarck promoviert er schließlich 1911. Das Verhältnis zur Familie Bismarck ist allerdings angespannt, da Flex die starke Diskrepanz zwischen der nach außen hin heroisch-nationalistischen Fürstenfamilie und der „realen“ international und liberal geprägten Familie Bismarck nicht tolerieren kann, was nach einem Eklat im Januar 1915 zu seiner Kündigung führt. Wahl bezeichnet dies als Reaktion „ein[es] kleinbürgerliche[n] deutsche[n] Nationalist[en]“, der sich „ganz offenkundig in seinen heiligsten Gefühlen verletzt“ sah und „in diesem Fall lieber mit der Familie von Bismarck als mit dem Bismarckmythos [brach]“[44].

Seine durchwegs vorangetriebenen literarischen Bemühungen bleiben allerdings weitgehend erfolglos, bis er es als Kriegsfreiwilliger im August 1914 schafft, zumindest einige Gedichte in einer überregionalen Zeitung zu veröffentlichen. Darüber hinaus werden einige seiner Dramen an kleineren Bühnen aufgeführt – „die Flutwelle der Kriegslyrik des August 1914 schwemmte [ihn] nach oben“[45], wie Wahl es treffend formuliert. Der zuvor als untauglich gemusterte Flex wird schließlich als Kriegsfreiwilliger akzeptiert und nach der Ausbildung zunächst an die Westfront versetzt, bevor er im März 1915 zu einer Offiziersausbildung nach Posen abkommandiert wird. Hier lernt er den sieben Jahre jüngeren Ernst Wurche kennen, mit dem er bis zu dessen Tod am 23. August 1915[46] an der Ostfront kämpft und dem er sein bekanntestes Werk widmet. Flex muss bereits in den folgenden Wochen mit der Arbeit am Wanderer zwischen beiden Welten begonnen haben, da bereits ein knappes Jahr später die erste Auflage erscheint und in kurzen Abständen die nächsten fünf Auflagen in Druck gegeben werden, was für die begeisterte Rezeption in der Leserschaft sprechen dürfte[47]. Zur Rezeption zum Entstehungszeitpunkt nennt Wahl beeindruckende statistische Daten:

Im Jahre 1920 wurde bereits die 56. und 57. Auflage mit dem 184. bis 189. Tausend ausgeliefert, was als Indiz dafür gelten kann, dass der „Wanderer“ seinen Durchbruch zum Kultbuch vor allem dem letzten Kriegsjahr und der unmittelbaren Zeit nach Kriegsende zu verdanken hat. Hieraus lässt sich auch die Hypothese ableiten, daß das Buch diesen Durchbruch in der Funktion als nationalistischer Trostspender in schwerer Zeit vollzog[48].

Unter vollkommen anderen Voraussetzungen wird Edlef Köppens Heeresbericht verfasst, der 1930 erstmals veröffentlicht wird und damit das späteste der vorgestellten Werke ist. Edlef Köppen wird am 1. März 1893 in Genthin als Sohn eines Arztes geboren. Nach dem Abitur 1913 und drei Semestern Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Kiel und München meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. Am 15.08.1914 erfolgt beim Autor wie auch bei seinem Protagonisten Adolf Reisiger die Meldung und am Tag darauf die Musterung[49], woraufhin er ins preußische Heer eintritt und von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am Ersten Weltkrieg teilnimmt. Hier beginnt eine Parallele zwischen dem Autor und seinem Protagonisten, die sich durch den gesamten Roman ziehen wird: Anhand des erhaltenen Soldbuchs des Soldaten Köppen hat Jutta Vinzent nachgewiesen, dass Köppen „bis in Einzelheiten hinein sein eigenes Leben als Ausgangspunkt für die fiktive Handlung um den Protagonisten Adolf Reisiger nimmt“[50].

Wie Jünger und bis zu seinem Tode Flex verbringt Köppen tatsächlich den gesamten Krieg an der Front und stützt sich nicht auf fremde Erfahrungen, wie es viele anderen pazifistische Kriegsschriftsteller, darunter Remarque, praktizieren. Dies erklärt möglicherweise auch die Veränderung der Situation und damit eng verbunden die Überzeugung des Soldaten Reisiger, der sich von einem enthusiastischem Patrioten hin zum pazifistischen Kritiker wandelt.

Der Leser verbleibt mit diesem Bild am Ende des Romans, der Protagonist befindet sich im September 1918 auf der Nervenstation des Lazaretts[51] und „schläft nicht, isst nicht, sieht starr vor sich hin. Wenn man mit ihm redet, hat er nur ständig einen Satz zur Antwort: ‚Es ist ja immer noch Krieg. Leckt mich am Arsch!‘“ (HB 396). Auch Köppen selbst nimmt nach dem Krieg eine pazifistische Position ein, so tritt er beispielsweise aus der Kirche aus, um seine Kritik an deren Haltung während des Kriegs deutlich zu machen[52].

Köppen, zeitlebens sehr an Literatur und der Verlagsarbeit interessiert, nimmt nach einem weiteren kurzen Studium schließlich 1920 eine Stellung als „Hersteller“ im Verlag Gustav Kiepenheuer an[53]. Im Mai 1923 gründet Köppen den Verlag Herdern[54], in dem er u.a. eigene, vorwiegend expressionistisch geprägte Werke veröffentlicht. Ab Mitte der 20er Jahre löst er sich jedoch von diesem Stil und beginnt die Arbeit am Heeresbericht, der durch seine nüchterne, beobachtende, exakte Erzählweise und die verwendete Montagetechnik Merkmale der Neuen Sachlichkeit aufweist. Daneben überwiegen die fiktiven Schilderungen der Gruppe um Reisiger, die ähnlich wie bei Remarque zwar pflichtbewusst Befehle verfolgen, den eigentlichen Sinn des Krieges jedoch immer weiter in Frage stellen. Überhaupt ist das gezeichnete Bild dem von Remarques Schilderung in Im Westen nichts Neues sehr ähnlich, wenngleich die Rezeptionsgeschichte sehr unterschiedlich verläuft, wie im Folgenden weiter ausgeführt wird.

Ganz im Gegensatz zu den anderen untersuchten Werken steht Remarques Im Westen nichts Neues, der Leser kann keine klar biographisch markierten Elemente erkennen[55]. Protagonist des Buches ist ein gewisser Paul Bäumer, der sich gemeinsam mit einigen Klassenkameraden freiwillig zum Kriegsdienst meldet, was im starken Kontrast zu Remarques eigenen Kriegserfahrungen steht.

Erich Paul Remark (alias Erich Maria Remarque), am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren, wird 1916 nach einem Notexamen am Lehrerseminar eingezogen und im Juni des folgenden Jahres direkt an die Westfront verlegt, wo er bereits wenige Wochen später verwundet wird. Den Rest des Krieges erlebt er in Duisburg zuerst als Verwundeter, später als Angestellter im Lazarett. Bereits im November 1917 beginnt er mit den Vorarbeiten an „einem Roman über den Krieg“[56]. Noch im November 1918 wird ihm das Eiserne Kreuz verliehen, das er im Januar 1919 nach der offiziellen Entlassung aus der Armee wieder zurückgibt. Remarque setzt seine Ausbildung zum katholischen Volksschullehrer fort und ist auch publizistisch tätig, sein weiterer Werdegang als Lehrer und Schriftsteller ist allerdings von Misserfolgen geprägt und erst die Veröffentlichung von Im Westen nichts Neues sollte dies ändern. Offiziell beginnt er die Arbeit an diesem Werk erst Ende 1927, bereits im März 1928 lehnt der Fischer-Verlag die Veröffentlichung ab.

Im Westen nichts Neues erscheint schließlich in Serienform erstmals seit dem 10. November 1928 in der Vossischen Zeitung und wird bereits wenige Wochen später im Januar 1929 in Buchform von Ullstein veröffentlicht. Die großangelegte Werbekampagne des Verlags führt zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, innerhalb kürzester Zeit erfreuen sich das Buch und besonders Lewis Milestones Hollywood-Verfilmung von 1930 weltweit einer enormen Popularität[57]. Der von den Nationalsozialisten äußerst kritisch beäugte Remarque verbringt den Großteil seiner Zeit bereits im Ausland, was im Lauf der 30er Jahre immer weiter zunimmt.

2.1. Rezeption zum Entstehungszeitpunkt

Der ursprüngliche Erfolg von Remarques Roman hat unterschiedliche Gründe, so ist zunächst die Rolle der Werbung keineswegs zu unterschätzen. So ist u.a. fehlende Reklame ein Grund für Köppens verhältnismäßig geringen Erfolg. Auch Jüngers Verkaufszahlen steigen erst signifikant, als das Buch von der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie entdeckt wird – bei Remarque übernimmt diese Rolle der Verlag. Das Verlagshaus Ullstein, das die erste Ausgabe publizierte, startete eine für diese Zeit unerhört große Verkaufskampagne und bereits zwölf Wochen nach der Erstveröffentlichung waren über eine halbe Million Exemplare verkauft und in über 20 Sprachen übersetzt worden[58].

Die Marketingstrategie dahinter ist simpel: Bis in die späten 20er Jahre dominieren „Offiziersmemoiren und Regimentsgeschichten“[59], dazu sind auch die Werke von Flex und Jünger zu zählen. Nun sollte durch die authentische Schilderung eines einfachen Soldaten ein „wahres“ Bild geschaffen werden, gewissermaßen eine „Gegen-Erinnerung“[60]. Remarque selbst erklärte, „Im Westen nichts Neues“ nur geschrieben zu haben, um sich ein für alle Mal von einer Besessenheit mit dem Thema zu befreien. Dieser jahrelange innere Kampf bevor das Erlebte schließlich in einem kathartischen Akt zu Papier gebracht werden konnte wurde nicht nur von deutscher, sondern auch französischer und englischer Seite berichtet[61]. Erste Zweifel an dieser Version der unredigierten Niederschrift kamen bereits sehr früh auf, schienen aber zu offensichtlich politisch motiviert, als dass ihnen Glauben geschenkt worden wäre. Die Situation wendet sich erst 1987, als die Fales Library der New York University Zugang zu Remarques Nachlass gewährt und sich Beweise für die Falschheit dieser Behauptung finden[62]. Handschriftliche Änderungen und Kommentare Remarques auf mehreren Versionen des Manuskripts machen deutlich, dass der Text, anders als vom Verlag vermarktet, offensichtlich durchstrukturiert und sorgfältig konzipiert[63] wurde.

Die Popularität von Im Westen nichts Neues im In- und Ausland wird durch die Werbekampagne des Verlags alleine nicht zufriedenstellend erklärt. Ebenfalls von großer Bedeutung ist der Zeitpunkt des Erscheinens. Direkt im Anschluss an den Krieg hätte sich Im Westen nichts Neues wohl kaum einer so großen Beliebtheit erfreut, allerdings war ein Jahrzehnt später bereits die Anti-Kriegsstimmung nicht nur unter den an Reparationszahlungen und Kriegsverlusten leidenden Deutschen, sondern weltweit auf einem Höhepunkt angelangt[64]. Gleichzeitig hatte sich auch die Haltung der Menschen zu Kriegsberichten geändert, was auch die Welle an Neuerscheinungen von vor allem Romanen gegen Ende der 20er Jahre erklärt[65]. Die unmittelbar nach dem Krieg erschienenen Berichte waren wie bereits erwähnt größtenteils von einer hohen deskriptiven, chronologischen Struktur geprägt, wie vor allem in Jüngers Stahlgewittern deutlich wird und wie an späterer Stelle noch diskutiert werden soll.

Anders ist Flex‘ Kriegsdarstellung, die jedoch tatsächlich weniger den Krieg als seine eigene Position und die seines Freundes Ernst Wurche darstellt. Wie kein Zweiter fängt Flex bei der Veröffentlichung seines Werkes die Stimmung in der Bevölkerung ein: er verbindet die stark nationalistischen Tendenzen der Bevölkerung mit dem persönlichen Schmerz über einen Verlust. Ihm gelingt ein einzigartiger Spagat zwischen deutschem Kriegsnationalismus, Hilflosigkeit im Angesicht der erlebten traumatischen Erfahrungen und nicht zuletzt der existentiellen Frage der Deutschen nach Ende des Krieges: was bleibt? Diese Frage wird ein Jahrzehnt später wieder aufgegriffen werden, wenn Remarque und Köppen in ihren Werken die Sinnlosigkeit des Kriegs beklagen, doch Flex beantwortet diese Frage komplett anders. Indirekt gibt bereits Erich Wurche selbst Antwort darauf, beispielsweise im Gespräch über die gefallenen Freunde:

„Ich habe so viele gute Freunde zu rächen –“ stieß er einmal ingrimmig hervor. „Rächen - ?“ fragte ich. „Würden Sie selber gerächt sein wollen?“ Er sah nachdenklich mit zusammengezogenen Brauchen zu den russischen Gräben hinüber und antwortete langsam und vor innerer Bewegung an den Worten zerrend: „Nein. Ich nicht. Aber die Freunde. …“ Ich nicht, aber die Freunde – da reckte sich Mensch neben Mensch in einem engen Herzen auf. Ich stand neben ihm und schwieg. Nach einer Weile schob er seinen Arm in meinen und sprach, indem er mir nah und fest ins Auge sah:

„Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,

liegt still und blank zur Seite.

Stromüber gleißt, waldüber grüßt,

Feldüber lockt die Weite! –

Das ist doch schön, nicht wahr, mein Freund!“ (WW 43f)

Erst bei Wurches Beerdigung erschließt sich dem Leser der Sinn dieses Zitats, wenn Flex die Situation schildert:

„Der Stahl, den der Waffenfrohe blank durch sein junges Leben getragen, liegt ihm nahe am Herzen, als ein Gruß von Erde, Lust und Wasser der Heimat, aus dem Marke deutscher Erde geschmiedet, in deutschem Feuer gehärtet und mit deutschem Wasser gekühlt.

Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,

liegt still und blank zur Seite.

Stromüber gleißt, waldüber grüßt,

Feldüber lockt die Weite!

Die Verse, die er im Leben geliebt hat, lebte er im Tode.“ (WW 86)

Die Frage nach dem Sinn des Krieges, die sich dem Leser zwangläufig stellen muss, wird direkt beantwortet: Es ist die Schönheit des Todes für das Vaterland, die Bereitschaft, für Kaiser und Reich „das letzte und größte Opfer“ (WW 82) zu bringen. Die schreckliche Bedeutung hinter diesen Worten, die aus späterer Sicht kaum mehr nachzuvollziehen ist, verschwindet für zeitgenössische Rezipienten hinter dem klingenden Vers. Flex ist neben seinen klar romantischen Tendenzen aber auch auf weiter Ebene Kind seiner Zeit und dem beginnenden Expressionismus verpflichtet, was sich auch in den literarischen Montagen zeigt[66]. Durch die Einflechtung von Bibelzitaten, zuletzt das Zwiegespräch zwischen dem sterbenden Wurche und Gott (vgl. WW 85), wird darüber hinaus die zur Religion erhobene Dimension des Nationalismus aufgezeigt, was sich vollkommen mit der Orientierung der Bevölkerung deckt[67].

Diese Frage nach der Sinnhaftigkeit des Krieges taucht bei Jünger besonders in den frühen Fassungen bezeichnenderweise nicht explizit auf und wird auch später bestenfalls peripher thematisiert[68]. Die Kriegsdarstellung ist bei ihm keineswegs so politisch motiviert, wie spätere Interpreten und auch Jünger selbst die Rezipienten glauben machen wollen[69], vielmehr soll besonders in der ersten Fassung des Werks die Außergewöhnlichkeit des individuellen – nämlich des eigenen – Kriegserlebnisses gegen die unheroische, alltägliche Friedenszeit abgegrenzt werden.

Es ist nicht der Ruhm des Kaiserreichs oder ein parteipolitisches Ziel und auch nicht der in späteren Ausgaben angegebene nationale Gedanke, der Jünger motiviert, sich als Kriegsfreiwilliger zu melden, vielmehr ist es die staatlich sanktionierte Möglichkeit, seine individuellen Bedürfnisse in der Existenzform des siegreichen Soldaten[70] verwirklichen zu können. Hans-Harald Müller hat Jüngers durchaus egozentrische Motivation für den Kriegsbeitritt daher treffend als einen „Vertrag mit wechselseitiger Leistungsverpflichtung“ bezeichnet: „[…] gegen den Einsatz der militärischen Kampfkraft und äußerstenfalls des Lebens hat die Gesellschaft Jünger eine heroische Existenz zu ermöglichen“[71]. Koch stellt fest, dass bei Kriegsende und der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles dieser Vertrag von Seiten der Deutschen Jünger gegenüber gewissermaßen aufgekündigt wird, was ihn folgerichtig dazu berechtigt, seine „politisch und sozial destruktive Verweigerungshaltung der Vorkriegszeit“[72] einzunehmen.

[...]


[1] So wurden beispielsweise die letzten deutschen Reparationszahlungen erst im Oktober 2010 geleistet: vgl. http://www.welt.de/9923669. Verwendete Internetressourcen werden mit einem direkten Zugriffslink im Literaturverzeichnis gesondert aufgeführt und liegen dieser Arbeit darüber hinaus in digitaler Form bei.

[2] Kennan, George: „The Decline of Bismarck's European Order“, S. 3. Hervorhebung im Original. Diese Interpretation war ursprünglich als nicht auf den Kriegsausbruch als solchen bezogen, sondern vielmehr auf die bedauerliche Kettenreaktion, die der erste Weltkrieg zur Folge hatte. Die Katastrophe ist laut Kennan also primär die unglückliche Folgewirkung, nämlich die langfristige Destabilisierung der bürgerlichen Gesellschaften und Ordnungsmodelle, in deren Verlauf ein grundsätzlich funktionierendes System in Mitteleuropa gestürzt wurde und die schließlich zum zweiten Weltkrieg führte. Im Folgenden werde ich aus der Primärliteratur unter Verwendung eines Kürzels und Angabe der Seitenzahl zitieren. Die Kürzel sind „IS“ für Jüngers „In Stahlgewittern“ (ggf. aus der Erstauflage: „IS(1)“), „IW“ für Remarques „Im Westen nichts Neues, „WW“ für Flex‘ „der Wanderer zwischen beiden Welten“ und „HB“ für Köppens Heeresbericht. Sämtliche andere verwendete Literatur wird mit dem Autornamen und einer Seitenzahl genannt; diese korrespondieren mit dem ausführlichen Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit.

[3] Neben der Bildern von endlosen Schützengräben vor allem an der Somme und um Verdun treten die Kriegshandlungen in Süd- und Südosteuropa dabei oft in den Hintergrund, obwohl sowohl die Verluste als auch die Auswirkungen in diesen Gebieten weit dramatischer waren als an den anderen Kriegsschauplätzen (vgl. Janz: 9).

[4] Vgl. Schneider/Wagener: 11.

[5] Kroll: 1.

[6] Die Kriegsführung verändert sich vor allem mit der Entwicklung neuer Waffen und besonders durch den Einsatz des Zündnadelgewehrs ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch die Präsentation des Kriegers passt sich ab dem Burenkrieg um 1900 an und entwickelt sich weg vom heroischen Vorbild, so werden prachtvolle Uniformen gegen Tarnuniformen getauscht. Die direkte offene Konfrontation weicht schließlich dem Ziel, die gegnerische Armee zu dezimieren und schlussendlich zu vernichten, wozu im Ersten Weltkriegs erstmals auf den Einsatz von Panzern und Flugzeugen zurückgegriffen wurde.

[7] Überblickswerke und weiterführende Interpretationen zum Ersten Weltkrieg sind in Fülle vorhanden, hier sei nur beispielsweise auf den historischen Überblick „Der große Krieg“ von Oliver Janz und die kontroverse Interpretation von Benjamin Richter „Wie Deutschland den Ersten Weltkrieg gewann“ verwiesen. Weitere literaturhistorische Untersuchungen werden im Lauf dieser Arbeit genannt.

[8] Fussell untersucht u.a. diese unterschiedlichen Darstellungen und kommt zu dem Ergebnis, dass die britische Kriegsdarstellung generell „phlegmatic and ironic“ ist und sich nicht einen gewissen Galgenhumor nehmen lässt, während deutsche Schilderungen „invoke overheated figures of nightmares and call upon the whole frenzied machinery of Gothic romance“ (Fussell: 196f.).

[9] Vondung: 13; Wahl: 284.

[10] Wahl: 284.

[11] Vgl. Krull: 7. Besonders auffällig ist die leidenschaftliche Schwärmerei, mit der viele Intellektuelle den Kriegsausbruch kommentieren. Kritiker wie Alfred Kerr und Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal, Gerhard Hauptmann und Rainer Maria Rilke, um nur einige zu nennen, zählen zu den kriegsbegeistertsten deutschsprachigen Literaten (vgl. Falk: 9). Sogar abseits der allgemeinen Euphorie stehende Autoren wie beispielsweise Stefan Zweig schreibt noch in seinen 1947 veröffentlichten Memoiren, dass „trotz allem Haß und Abscheu gegen den Krieg“ die neugewonnene Einigkeit des deutschen Volkes als eine wertvolle Erfahrung schätzt (zitiert nach Krull: 10). Für eine ausführliche Darstellung zum Thema sei auf Kurt Flaschs „Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg“ verwiesen, der einen einführenden Überblick in die Haltung der Philosophen und Schriftsteller gibt.

[12] Krull: 12.

[13] Lediglich Walther Flex war sowohl an der West- als auch an der Ostfront stationiert und ist mit beiden Kriegsschauplätzen vertraut. Flex diente von Oktober 1914 bis März 1915 an der Westfront, wo sein Bruder Otto an der Marne starb.

[14] Die äußerst interessante Analyse von Feldpostbriefen wird aufgrund des beschränkten Rahmens dieser Arbeit nicht weiter verfolgt. Das Innenleben der beteiligten Personen und vor allem der beteiligten Soldaten ist in diesen Dokumenten, wenn auch teilweise zensiert, vielleicht noch am besten wiedergegeben. Auch wird hier besonders die erwähnte Subjektivität der einfachen Soldaten deutlich, die kaum in der Lage sind, die eigenen Erfahrungen in den größeren Kriegsverlauf einzuordnen. Die vorgenommene Zensur trägt allerdings wiederum dazu bei, dass die Darstellungen bestenfalls verzerrt wiedergegeben werden, wie v.a. Verhey kritisiert.

[15] Vgl. Krull: 8. Im Vergleich zu Großbritannien, den USA und Frankreich hat Deutschland hier eine „zehnjährige Verspätung“ (Prümm 80: 215). Erst Arnold Zweigs Der Streit um der Sergeanten Grischa (1928) hat kultur- und literaturhistorisch auch nur annähernd die Bedeutung von Barbusses Le Feu oder Don Passos‘ Three Soldiers (ebd.).

[16] Remarque muss sich in seinem Werk nicht weiter mit der Antwort auf diese Frage auseinandersetzen; bereits das kurze Vorwort erwähnt eine „zerstört[e] [...] Generation“ (WN 9), was einem Ergebnis, einer Schlussfolgerung, vorausgreift: ein Sinn des Krieges existiert nicht, auch seine Überlebenden haben nichts als Zerstörung erfahren (vgl. Arnold: „die Frage nach dem Sinn des Krieges“, S. 39).

[17] Erneut unterscheidet sich Im Westen nichts Neues von den anderen Werken, da Remarque gezielt eine ungenaue Berichterstattung und unkonkrete Darstellung der Ereignisse als stilistisches Mittel einsetzt. Dieser Punkt wird in Kapitel 4 näher erläutert.

[18] Schafnitzel 03: 319.

[19] Schneider/Wagener: 14.

[20] Die epischen Werke lassen sich alle weiter einteilen, so ist Remarques Text ist bereits „Roman“ untertitelt, Jüngers Werk ist offensichtlich als Tagebuch konzipiert (und war in den ersten Ausgaben auch noch so betitelt) und Köppens Heeresbericht trägt bereits den Titel der zu erwartenden Gattung. Lediglich Flex‘ Werk wurde vom Autor nicht weiter untertitelt, lässt sich aber klar als Novelle erkennen.

[21] Schneider 99: 112.

[22] Ebd.

[23] Zipfel: 298f.

[24] Kunicki 99: 303.

[25] Durch die auffallenden Parallelen, die zwischen Autor und Protagonisten bestehen, wird jedoch auch diese Aussage unglaubwürdig, der Erzähler scheint zwangsläufig unzuverlässig. Zipfel bezeichnet dieses Vorgehen als „List des Textes qua Paratext“, also als einen Trick, den der Autor in der paratextuellen Kommunikation mit dem Leser anwendet (Zipfel: 299). Ganz im Sinn der Neuen Sachlichkeit experimentiert Köppen mit der Aufdeckung von Realität. Er suggeriert durch seinen Titel die Berichtform und die exakt zitierten eingefügten realen Dokumente unterstützen dies. Erst der pazifistische Inhalt selbst zeigt, wie mit Hilfe von Erzählungen und Dokumenten Realität fingiert werden kann: die als Tatsachen präsentierten Dokumente entlarven sich nach und nach als Propaganda, während die eigentliche Fiktion sich als realer Bericht erweist (vgl. Vinzent: 229).

[26] Zu einer ausführlichen Darstellung sei auf die umfassende und aktuelle Jünger-Biographien von Paul Noack und Helmuth Kiesel verwiesen, auf die sich die biographischen Angaben innerhalb dieser Arbeit stützen.

[27] Koch: 196. Koch zitiert hier Jüngers Selbsteinschätzung aus der ersten Fassung seines Essays Das abenteuerliche Herz aus dem Jahre 1929. Auf die Erstfassung dieses Werks beziehen sich sämtliche Biographen, um Jüngers Jugend darzustellen.

[28] Ebd: 199.

[29] Ebd: 198. Zu den zentralen Sollbruchstellen der bürgerlichen Gesellschaft in den Jahren um den Ersten Weltkrieg gehört auch die jugendliche Zivilisationskritik. Der an vielen Stellen diskutierte Generationenkonflikt des frühen 20. Jahrhunderts wird u.a. von Klaus Tenfelde in seinem Essay Milieus, politische Sozialisation und Generationenkonflikte im 20. Jahrhundert untersucht:www.fes.de/pdf-files/historiker/00115.pdf

[30] Vgl. Noack: 24. Noack bezeichnet diese Fotografie als „Verbeugung vor dem bürgerlichen Zeitalter“, dem Jünger (noch) nicht entfliehen kann.

[31] Zuvor verfasste Gedichte u.a. wurden erst später oder nur inoffiziell veröffentlicht. Auch die zuvor erwähnten Essays Das abenteuerliche Herz oder Afrikanische Spiele, beides Aufarbeitungen seiner Erlebnisse bei der Fremdenlegion, sind zwar chronologisch vor dem Ersten Weltkrieg anzuordnen, wurden aber erst weit später niedergeschrieben.

[32] Jüngers Werk zeichnet sich durch eine auffallende Ausblendung sämtlicher gesellschaftspolitischer Aspekte des Ersten Weltkriegs aus; diese Fixierung auf die rein subjektive Darstellung wird auch formal in der Darstellung als Tagebuch beibehalten.

[33] Es ist zu beobachten, dass die Rezeptionshindernisse, die zweifellos unter anderem auch mit Jüngers Rezeption während des Nationalsozialismus zusammenhängen, langsam verblassen (vgl. Schöning: 149). Unter anderem Karls Heinz Bohrers einflussreiche Arbeit Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk verhinderte noch ab 1977 über zwei Jahrzehnte hinweg eine Neubewertung des Autors. Erst ein knappes Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung lässt sich eine versöhnlichere Tendenz der Literaturwissenschaft feststellen, die nun auch bereit ist, das Frühwerk distanziert von der späteren Rezeption und späteren Werken zu betrachten (ebd.). Als besonders bedeutsame Änderungen gelten vor allem die Überarbeitungen im Sinne des neuen Nationalismus 1924: Jünger ergänzte das Werk um den Schlusssatz: „Wenn auch von außen Gewalt und von innen Barbarei sich in finsteren Wolken zusammenballen, – solange noch im Dunkel die Klingen blitzen und flammen, soll es heißen: Deutschland lebt und Deutschland soll nicht untergehen! “. Dieser Satz sowie andere nationalistischen Passagen waren in der Ausgabe von 1935 bereits wieder gestrichen, was maßgeblich zur Entfremdung zwischen Jünger und der NSDAP beitrug.

[34] Diese Einschätzung von Christian Graf von Krockow belegen auch Wahl: 287 und Spiekermann: 9.

[35] Spiekermann: 7.

[36] Wie bereits diskutiert ist es besonders diese Schlacht als Sinnbild für die Westfront, die die Sichtweise der Bevölkerung prägte. Die Schlacht sollte nach hohen Verlusten auf beiden Seiten am 19. Dezember 1916 ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs enden und wurde von vielen als Sinnbild für das sinnlose Töten verstanden.

[37] Zur abgekühlten Kriegseuphorie der Deutschen vgl. auch Kap. 4.1.

[38] Neuß: 27. Wahl analysiert noch weitere Identifikationspotentiale, darunter den in der damaligen Jugendbewegung vorherrschenden Geist, der mit „Wandervogel“ Wurche hervorragend charakterisiert wird und eingestreute humoristische Passagen, die in erster Linie die ältere Leserschaft ansprechen (Wahl: 238ff.).

[39] Zur ausführlichen Biographie von Walter Flex sei v.a. auf die Werke von Bernd Spiekermann und Raimund Neuß verwiesen. Beide berufen sich darüber hinaus auf die Biographie, die von Walter Flex‘ Bruder Konrad Flex publiziert und mehrfach überarbeitet wurde.

[40] Wahl: 291.

[41] Spiekermann: 20.

[42] Ebd. Diesen als Makel empfundenen Zustand wollte sie dadurch bessern, dass sie noch auf ihrer Hochzeitsreise das Gelübde ablegte, ihre Söhne später militärisch ausbilden zu lassen. Dies gelang ihr auch, bis auf den kriegsunfähigsten ältesten Sohn sollten alle anderen Söhne als Offiziere im Ersten Weltkrieg fallen.

[43] Hierbei entdeckt er auch seine Berufung zum Erzieher, was seine weitere Verehrung für den „Wandervogel“ begründet; vgl. Spiekermann: 36.

[44] Wahl: 297.

[45] Wahl: 298.

[46] Neuß: 32.

[47] Wahl: 303f.

[48] Ebd.: 348.

[49] Vgl. HB 10/ Vinzent: 297. Auf Jutta Vinzents Dissertation stützt sich auch die weitere Darstellung der Biographie Köppens.

[50] Vinzent: 23. Dies reicht bis hin zur exakten Übereinstimmung von Urlauben, Hospitalaufenthalten und der Verleihung des Eisernen Kreuzes. Auch erste Veröffentlichungen Köppens wie das 1915 erschienene Gedicht Loretto tauchen als Reisigers Werk im Heeresbericht auf: sein Vorgesetzter erwartet von ihm, sich für diese erste kriegskritische Äußerung zu verantworten (HB 286f., vgl. S. 28). Überhaupt sind sämtliche Veröffentlichungen Köppens, durchweg in der expressionistischen Zeitung Die Aktion, während des Krieges keineswegs positiv und verherrlichend, wie beispielsweise Flex es zeitlebens darstellt. Köppens Darstellungen stehen gewissermaßen im krassen Gegensatz dazu und sind beherrscht von Leiden, Hoffnung, Tod und Verzweiflung; die Einsamkeit des Individuums wird darin ebenso thematisiert wie die Frage nach Gott.

[51] Kopitzki/Salomon haben festgestellt, dass es sich bei der fiktiven Nervenstation höchstwahrscheinlich um die psychiatrische Klinik in Mainz handelt, in die Köppen im September 1918 eingeliefert wurde, nachdem der Leutnant der Reserve den Gehorsam verweigert hatte. Dort erlebt Köppen auch das Ende des Krieges, er wird offiziell im Dezember 1918 aus dem Heer entlassen (Kopitzki/Salomon: 6)

[52] Vincent: 28f.

[53] Ebd.: 31.

[54] Wann genau dieser Verlag existierte lässt sich nicht genau bestimmen, fest steht lediglich die letzte bekannte Veröffentlichung von 1924, die Köppen selbst herausgibt, bevor er als freier und später fester Mitarbeiter bei der Funk-Stunde tätig wird.

[55] Mit dieser Beobachtung soll selbstverständlich nicht angedeutet werden, dass die Fronterfahrung des Soldaten Remarque nicht real war (vgl. hierzu Bance: 361).

[56] Kohout: 14; http://www.remarque.uni-osnabrueck.de/bio.htm.

[57] Die Premiere des Films in Deutschland wurde massiv von den Nationalsozialisten gestört, die im Anschluss sowohl den Film verboten als auch 1933 die Verbrennung seiner Bücher anordneten; vgl. Kap. 2.2.

[58] Bance: 359.

[59] Schneider 03: 221.

[60] Der Begriff wird eingeführt von Herbert Bornebusch: Gegen-Erinnerung. Eine formsemantische Analyse des demokratischen Kriegsromans der Weimarer Republik. Frankfurt/Main et al. 1985; hier zitiert nach Schneider 03: 220.

[61] Vgl. Bance: 361.

[62] Schneider 03: 219. In diesem Nachlass befinden sich u.a. Typoskripte mit handschriftlichen Veränderungen Remarques, die klar belegen, dass das Buch nicht, wie von ihm behauptet, in wenigen Wochen niedergeschrieben und unkorrigiert in dieser Form auch publiziert wurde.

[63] Auf die sich daraus ergebende Problematik wird im folgenden Kapitel näher eingegangen werden.

[64] Bance: 360f.

[65] Vgl. ebd.; Haring: 363f.

[66] Vgl. Wahl: 321f.

[67] So ist die Kriegsbegeisterung vielleicht größtenteils bereits verflogen, allerdings ist das Denken und Handeln der Menschen auf weiten Strecken von einem nicht weiter hinterfragten Patriotismus geprägt.

[68] Es ist besonders der Rückbezug auf die Philosophie Nietzsches, die es Jünger zu einem späteren Zeitpunkt ermöglicht, seine Interpretation des Kriegserlebnisses auf eine geschichtsphilosophische Ebene zu heben (vgl. Koch: 240f.).

[69] Kunicki verweist hier auf die Kritiker und Kommentatoren Jüngers, die „schon seit den zwanziger Jahren auf die Kluft zwischen dem Physiognomiker der Zeit und dem Analytiker der Zeit [verweisen], der sich allzu leicht verführen ließe, seine Beobachtungen zu einem affirmativen Wertungssystem auszubauen“ (Kunicki 93: 1). Vgl. auch Anm. 89.

[70] Der Soldat als solcher ist bei Jünger nicht an die Niederlage gekoppelt; die persönliche Ehre muss nicht zwangsläufig im Zusammenhang mit dem verlorenen Krieg stehen. Dies zeigt sich deutlich in der Schlusssequenz, als dem Soldaten Jünger mit dem „Pour le Mérite“ noch eine letzte Ehrung zuteilwird, als er von der Kapitulation erfährt (IS 324). Die Niederlage wird akzeptiert, jedoch übernimmt Jünger keineswegs Verantwortung dafür, vielmehr deutet er lediglich Gründe für den Verlust an, hauptsächlich ist dies die zahlenmäßige und materielle Übermacht des Gegners (vgl. z.B. IS(1) 154, 173; IS 114, 296). In der ersten Auflage kritisiert Jünger außerdem scharf die wirklichkeitsfernen Einsatzbefehle der höheren Stäbe, die Bürokratisierung des Militärs und die Reglementierung des Alltags (vgl. IS(1) 164).

[71] Müller: 220.

[72] Koch: 211.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Der Erste Weltkrieg aus Soldatensicht
Untertitel
Kriegsdarstellungen bei Ernst Jünger, Erich Maria Remarque, Edlef Köppen und Walter Flex
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Jahr
2015
Seiten
74
Katalognummer
V302947
ISBN (eBook)
9783668010413
ISBN (Buch)
9783668010420
Dateigröße
849 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Weltkrieg, Ernst Jünger, Edlef Köppen, Walter Flex, Erich Maria Remarque, Kriegsbericht, Kriegsdarstellung, Soldatenbericht, WW1
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Der Erste Weltkrieg aus Soldatensicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302947

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