Als männliches Au pair in Australien. Was ich für meine Arbeit als Lehrer gelernt habe


Praktikumsbericht / -arbeit, 2014

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Au Pair Tätigkeit und Wochenablauf

Aufgrund meiner Fußballtrainer Tätigkeit und dem Lehramtsstudium hielt ich es für sinnvoll, meinen obligatorischen Auslandsaufenthalt als Au Pair bei einer Familie mit Schulkindern zu planen. Über das Internet habe ich eine Familie mit drei Jungs im Alter von 6, 7 und 9 Jahren in Darwin, Australien gefunden. Der Vater arbeitet in einem Kohle- Abbau Unternehmen ca. 500 km von Darwin entfernt und ist jede dritte Woche zuhause. Die Mutter führt ihren eigenen Friseur Salon nur 15 Minuten vom Haus entfernt und ist dort dienstags bis samstags von 9- 18 Uhr arbeiten. Das sind auch meine Arbeitszeiten, sonntags und montags habe ich frei und bin von meinen Verpflichtungen im Haushalt entbunden. Ich habe früh erfahren, dass ich allerdings als Au Pair keine konkreten Arbeitszeiten habe, da man als Mitglied der Familie nicht wirklich arbeitet. Die Kinder unterscheiden nicht zwischen Arbeitszeit und Freizeit, sie unterscheiden lediglich zwischen Anwesenheit und Abwesenheit.

Die Familie beschäftigt seit sieben Jahren Au Pairs, ich bin dabei das erste männliche. Mein Tag beginnt um 7 Uhr morgens, wenn die Kinder wach werden, ihre Betten verlassen und mich wecken kommen. Denn, der Vater ist arbeiten und die Mutter im Fitnessstudio von 6- 7.15 Uhr. Bis die Kinder von der Mutter in die Schule gebracht werden, helfe ich bei der Frühstückszubereitung, dem Anziehen der Jungs, sammle die Wäsche oder spüle Geschirr. Nachdem die Jungs um 8.15 Uhr zur Schule sind und die Mutter zur Arbeit, mache ich mich für meine zweite Arbeit bzw. meinen Nebenjob fertig. Jeden Morgen arbeite ich von 9- 12 Uhr im Fitnessstudio, welches auch Jo, die Mutter besucht. Zu meinen Tätigkeiten dort gehören die Sauber- und Instandhaltung der Geräte und gelegentliches Aushelfen bei der Kinderbetreuung. Danach mache ich mich mit dem Fahrrad auf den 15 minütigen Heimweg und kümmere mich um den Haushalt. Zu meinem Aufgabenbereich neben der Kinderbetreuung gehört auch leichte Arbeit im Haushalt, wie Spülen, Wäsche waschen und im Haus durchwischen. Bis 14.30 Uhr habe ich dann freie Verfügung um zu lesen, die Stadtbibliothek zu besuchen oder mich über Darwin und Australien zu erkundigen. Um 14.45 Uhr endet der Schulalltag der Xxxxx Primary School und ich erwarte die Jungs zum Abholen. Jeden Freitag Vormittag besuche ich selber die Schule und nehme am Unterricht als Praktikant teil. Die Lehrer sind sehr offen und hilfsbereit mir gegenüber. Ich habe so einen Einblick in das Schulleben und das australische Bildungssystem bekommen. Die Lehrer dieser Grundschule genießen sehr viel Freiheit in ihrer Unterrichtsgestaltung, aber dazu gehe ich später noch drauf ein. Zuhause angekommen, gibt es einen gesunden Mittagssnack bestehend aus Obst, Gemüse und einem Sandwich. Die Kinder bekommen von mir ca. 45 Minuten Zeit sich vom Schulalltag zu erholen. In dieser Zeit schauen sie fern, spielen im Garten oder erzählen mir was in der Schule passiert ist. Danach werden die Hausaufgaben zusammen gemacht bei dem das Lesen den Schwerpunkt bildet. Von mir bekommen sie noch knifflige Rätsel, die ich mir im Alltag ausdenke. Dabei handelt es sich meistens um Hinweise mit deren Hilfe die Jungs den gesuchten Begriff erraten sollen. Dies fördert, meiner Meinung nach, ihre Kreativität und die Fähigkeit Fragen formulieren zu können. Am Nachmittag bleibt immer viel Zeit zum Spielen. Ich lasse die Kinder sich zunächst selber beschäftigen und schreite erst ein, wenn mir ihre Beschäftigung nicht gefällt, wie z.B. wenn sie fernsehen oder sie unterhalten werden wollen. Die Familie besitzt ein großes Grundstück mit vielen Tieren, einem Pool und sogar einem Parcours für Kindermotorräder und Go-Karts. Es wird aber auch im Haus mit Lego gespielt, gemalt und gebastelt oder abends eine DVD geschaut. An manchen Tagen haben die Jungs Verpflichtungen. Alex, der Jüngste, geht ein Mal die Woche schwimmen. Sam spielt Tennis und der älteste Sohn, Will, besucht Kumon, eine japanische Englisch Nachhilfe. Ansonsten möchten die Eltern ihre Kinder für vieles andere ebenfalls begeistern und lassen sie Golf oder Baseball spielen ausprobieren. An den Wochenenden an denen Vater Santo zuhause ist, unternehmen wir oft Ausflüge und fahren ins Outback oder gehen angeln. Wie anfangs bereits erwähnt, kümmere ich mich auch an meinen freien Tagen um die Kinder und fühle mich jederzeit mitverantwortlich. Besonders in der Anfangsphase muss ich die Erziehung durch die Eltern sehr aufmerksam beobachten und darauf achten, was ihnen wichtig ist und was weniger. Ich denke, dass sie von mir erwarten, dass ich mich entsprechend anpasse und dieselben Werte und Ansichten vermittle. Obwohl sie Brüder sind, haben Alex, Sam und Will sehr unterschiedliche Charaktere mit vielen verschiedenen Bedürfnissen und Interessen. Während meiner Au Pair Tätigkeit habe ich versucht, ihre einzelnen Talente zu fördern und gleichzeitig ihnen ähnliche Interessen aufgezeigt, sodass sie auch in der Lage sind, sich für Gemeinsamkeiten zu begeistern.

Die ersten drei Monate waren für mich nicht einfach, da ich bereits sehr konkrete Vorstellungen von Erziehung und Bildung hatte und mich den Eltern oft diesbezüglich beugen musste. Aufgrund der sehr intensiven und vielen Zeit die ich mit den Kindern verbringen durfte, hatte ich doch einen großen Einfluss und habe die gesamte Familie nachhaltig geprägt. Wir pflegen weiterhin ein sehr gutes Verhältnis und haben regelmäßig Kontakt.

„Was lerne ich daraus für meine zukünftige Arbeit als Lehrer?“

Während meiner Zeit als Au Pair in Australien, bei einer Familie mit drei Schulkindern habe ich sehr viel über meinen zukünftigen Beruf als Lehrer gelernt. Ich hatte Einblick in das Familienleben und konnte beobachten, welche Rolle Schule zuhause spielt. Außerdem habe ich das Schulkonzept der Grundschule in Xxxxx, Darwin kennengelernt und darüber hinaus ein wenig über das Bildungssystem in Australien erfahren. Ich konnte sowohl in der Schule als auch im Eigenheim beobachten, wie Kinder spielerisch lernen und welche Motivationen und welchen Bezug sie zum Lernen haben.

In Zukunft werde ich als Lehrer an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule ab Klasse 5 unterrichten. Die Schülerinnen und Schüler (SuS) haben dann bereits i.d.R. vier Jahre Schulerfahrung gesammelt und sich vermutlich ihr Bild von Schule schon gemacht, auch wenn auf der fortführenden Schule zunächst vieles neu erscheint. Nun habe ich diese Erfahrungen selber als Schüler schon gemacht und dennoch war es interessant, das Schülerdasein noch einmal aus der Erwachsenenperspektive mitzuerleben. Ich habe durch meine Praktika im Studium gelernt, Schule aus der Lehrerperspektive zu betrachten. Während meines Auslandaufenthaltes konnte ich eine neue Perspektive einnehmen, nämlich die des älteren Bruders bzw. Erziehungsberechtigten. Auf diese Beobachtungen und meine Schlüsse daraus, möchte ich in den folgenden Abschnitten eingehen.

Der Morgen vor der Schule. Für SuS beginnt der Tag nicht mit der Schule. Die Kinder sind vor Schulbeginn meistens schon 1- 2 Stunden auf und haben bereits positive oder negative Erlebnisse gehabt. Als Lehrer muss mir bewusst sein, dass die SuS morgens evtl. einen Streit mit Geschwistern oder Eltern hatten, sie etwas erschreckendes im Fernseher gesehen haben, es eine angenehme Überraschung gab oder sie einfach verschlafen haben und sie deswegen an diesem Schultag so betrübt, verängstigt, fröhlich oder eben müde sind. Bei meiner morgendlichen Routine habe ich oft erlebt, dass die Kinder bereits um 6 Uhr aufgestanden sind und sich selber beschäftigt haben. Während der Ältere oftmals müde ferngesehen hat, waren die Jüngeren bereits im Garten am spielen. Die Kinder kommen also in ganz unterschiedlichen Gemütslagen in die Schule und ich denke, sollte sie bei dem ein oder anderen Schüler besonders ausgeprägt sein, sollte ich als Lehrkraft darauf eingehen bzw. Rücksicht nehmen. Ein anderer Aspekt ist der der Kommunikation und Verantwortung die ich den SuS übertragen kann. Ich sollte als Lehrer unterscheiden, welche Themen ich mit dem Schüler persönlich bespreche und welche Themen mit den Eltern kommuniziert werden sollten. Dabei spielt auch die Verantwortung die ich dem Schüler übertrage eine Rolle, denn einige Informationen können über die SuS selbst vermittelt werden und einige müssen auf direktem Wege kommuniziert werden. Nach Absprache mit der Gastfamilie und den Lehrern, war ich als Schulbegleiter ebenso Ansprechpartner für die Lehrer, wie es die Eltern waren. Ich habe also Gespräche mit Schulleitung und Lehrern geführt, die normalerweise den Erziehungsberechtigten vorbehalten sind. Das war insofern wichtig und interessant, da Will, der die 4. Klasse besuchte, an einer Sensibilitätsstörung leidet. Dies wurde sowohl physisch als auch psychisch im Alltag deutlich. Da es zu Zwischenfällen in der Schule kam, waren viele Gespräche notwendig. Will reagiert besonders gereizt auf Provokationen und fühlt sich schnell überfordert. Andererseits kann er sich auch an ganz gewöhnlichen Dingen und kleinen Aufmerksamkeiten erfreuen. Will hat mich gelehrt, dass ein Lob für ein Kind sehr viel mehr als nur ein paar Worte sein können und ich als Lehrer auch immer eine modifizierte, verständliche Sprache verwenden muss. In den Gesprächen mit den betreuenden Lehrern wurde ich über auffällige Situationen oder auch Konflikte mit Will aufgeklärt und wir haben auch über die Ursachen und die Entstehung gesprochen. Manchmal wurden Will oder betroffene SuS zu den Gesprächen hinzugezogen um den Konflikt endgültig für den Tag zu beenden. In diesen Gesprächen habe ich darauf geachtet wie Lehrer mit diesen Situationen umgehen, wann sie den Konflikt selber lösen, wann sie sich Hilfe von Kollegen holen und wann die Eltern informiert werden müssen. Letztlich ist es immer im Ermessen des Lehrers und abhängig von dessen Charakter und dem Vertrauensverhältnis zum Schüler. Es gibt natürlich auch Richtlinien und ganz klare Fälle in denen Lehrpersonen aktiv werden müssen bzw. vorgeschriebene Konsequenzen ziehen müssen, allerdings können viele schwierige Situationen zwischen Lehrkraft und Schüler bereinigt werden, wenn ein gutes und vertrautes Verhältnis vorliegt. Deutlich wurde dies an Tagen, an denen Vertretungsunterricht bei fremden Lehrern stattfand oder nach Schuljahreswechsel ein Lehrerwechsel bevorstand. Will und klassenfremde Lehrer waren offenkundig schnell überfordert und ein geregelter Unterricht konnte selten stattfinden. Auch bei der Planung des kommenden Schuljahres wurden Will und Eltern über die Pläne der Schule informiert, was beim Kind Panik auslöste. Will wollte auf keinen Fall seine Lehrerin verlieren, weil er sich nur von ihr verstanden fühlte. Als Lehrer muss man sich diesen Beziehungen und Vertrauensverhältnissen bewusst sein und behutsam mit ihnen umgehen. Ich sehe es als Privileg und von Vorteil für meinen Unterricht. Gesunde Beziehungen zwischen Lehrern und SuS halte ich essentiell wichtig für die Förderung der Kinder.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Als männliches Au pair in Australien. Was ich für meine Arbeit als Lehrer gelernt habe
Hochschule
Universität Siegen  (Erziehungswissenschaften - Psychologie)
Veranstaltung
Lehrerrolle - Lehrerhandeln
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V302969
ISBN (eBook)
9783668038257
ISBN (Buch)
9783668038264
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aupair, Australien, Praktikum, Lehrer, Familie, Pädagogik
Arbeit zitieren
Arlind Oseku (Autor), 2014, Als männliches Au pair in Australien. Was ich für meine Arbeit als Lehrer gelernt habe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302969

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