Überblicksdarstellung der ,,Geschichte der Psychologie'' von Helmut Lück


Zusammenfassung, 2013

38 Seiten


Leseprobe

1.Möglichkeiten und Methoden der Psychologiegeschichtsschreibung

a) Warum Geschichte der Psychologie?

- Rolle des schlechten Gewissens: Herausstellung von Versäumnissen, Fehlentwicklungen und in Vergessenheit geratenen Ideen
- tieferes Verständnis für die Gegenwart und die berufliche Praxis

Distanzierte Haltung von Psychologen gegenüber der Geschichte der Psychologie:

- Haltung ist historisch begründbar: Methodik angelehnt an Naturwissenschaften, frühere Forschung schien ihnen überholt- Beschäftigung unsinnig; seit den 1980igern Rückbesinnung auf Geisteswissenschaften (Defizite in der experimentelle Psych., Gesellschaftstheorie Marx zeigt historische Bedingtheit menschl. Handelns)

- Kuhn: Suche nach Gesetzmäßigkeit in Entwicklung der Wissenschaften: Krisen lösen Paradigmenwechsel aus

- Geschichtswissenschaft verändert sich: bedient sich häufiger an Methoden empirischer Sozialforschung (oral history); Laien forschen nach Herkunft, Geschichte des Ortes, Vereins etc.

Zweck der Psychologiegeschichte:

- früher: Rechtfertigung eigenen Handelns
- heute: Aufzeigen von Grenzen des früheren Zwecks, höherer Wert durch Betonung der gesellschaftlichen Bedingungen in Forschung, Lehre und Praxis

b) Verbreitung von Irrtümern:

- Beispiel 1 : Psychologie im Nationalsozialismus

- Verhältnis Psychologie zu Nationalsozialismus bisher kaum thematisiert, weil froh diese Zeit hinter sich zu haben, Rechtfertigungsdruck

- Irrtum: Psychologische Forschung hatte unter Nationalsozialismus zu leiden, Nazis seien gegen Psychologie eingestellt gewesen, Niedergang der Psychologie

- seit Beginn der 80iger kritische Auseinandersetzung

- Quantitativ gesehen Aufschwung der Psychologie

- Ausbau psych. Institute

- freie Lehrstühle in neue Professuren umgewandelt

- riesiger Ausbau der Wehrmacht und Wehrmachtpsychologie

- Professionalisierung der Psychologie: bis 1941 kein klares Berufsbild, ab da Einrichtung einer Ausbildung, vor allem Diagnostik

- neuere Quellen belegen Psychologen spielten entscheidende Rolle bei Kindereuthanasie

- 1942 Einstellung der Heeres- und Luftwaffenpsychologie, weil Diagnose für Kriegstauglichkeit nicht mehr nötig

- Verbot der Psychoanalyse?

- Richtig ist:Schriften Freuds 1933 verbrannt, Wiener Institut liquidiert, Emigration der Analytiker, Psychoanalyse offiziell verboten

- Aber: psychoanalytische Therapie wurde auch im 3. Reich praktiziert! Gründung des Deutschen Instituts für psych. Forschung und Psychotherapie (zusammenfassen tiefenpsycholo. Richtungen)

- Beispiel 2: Experimentelle Psychologie in der BRD

- Irrtum: Psychologie sei schon immer experimentell gewesen

- Aber: immer schon nicht-experimentelle spekulative Anteile

- Beispiel: Wundt- fast ausschließlich nichtexp. Völkerpsychologie

- Watson- Utopien verfasst und kaum versucht Behaviorismus in die Tat umzusetzen

- Interessant: nach 2WK Dtld. wurde experimentelle Psychologie der USA von der Mehrzahl der dt. Psychologieprofessoren als überholt angesehen. Erst Ende 50iger Aufschwung in Dtld.

- Beispiel 3 :Psychoanalyse in der UdSSR

- Irrtum: Psychoanalyse sei deutsch-österreichische Angelegenheit, die nach Emigration bedeutender Personen in den USA weiterentwickelt wurde

- In der UdSSR Blütezeit der Psychoanalyse nach der Oktoberrevolution 1917, die vom Staat gefördert wurde! (schnelles Ende durch Stalinismus)

- 1921 Kinderlaboratorium in Moskau durch Psychoanalytiker gegründet

- Gründe für Erfolg der PA in UdSSR:

- Lenin? - verbrachte 1900-1917 mehr als 13 Jahr in Westeuropa

- setzte sich für die Übersetzungen der Werke Freuds ins Russische ein

- Frau Lenins: Pädagogin, die mit Freud Entwicklungspsychologie vertraut

- 3 Werke Freuds heute noch in seiner Bibliothek

- Trotzkij – schon früh mit Psychoanalyse vertraut und Befürworter

c) Geschichtswissenschaftliche Aspekte

früher: Historismus: Leopold von Randtke (1795-1886) – Sammeln aller erreichbaren Fakten, dadurch ,,die'' Wahrheit - ,,wie es gewesen ist'', objektiv

Heute: Es gibt nicht die Wahrheit, Geschichte kann nur Rekonstruktion des Vergangenen sein, die einer bestimmten Fragestellung und Perspektive unterliegt.

,,Jede Zeit müsse sich ihre Geschichte neu schreiben''

- historische Fakten werden immer wieder anders verstanden

- jede Epoche hat andere Fragen

Geschichtswissenschaft heute in Wandlungsprozess, stärkerer Bezug zu Sozialwissenschaften!

d) Modelle der Psychologiegeschichtsschreibung

- Great-men Ansatz – Boring schrieb differenzierteste Psychologiegeschichte 1929

- Ideengeschichtliche der Psychologie von Helmann 1967 mit kulturellen Aspekten, chronologisches vorgehen, was hat sich aus etwas entwickelt

- Problemgeschichte, kein chronologisches Vorgehen, Systematisierung von Einzelfragen, Pongratz, 1967, umfangreiche Problemgeschichte verfasst

- Sozialgeschichte – heute: ähnlich der Ideengeschichte, aber Fokus stärker auf sozialen, gesellschaftl., polit. und institutionellen Bindungen und Bedingungen psychologischer Forschung; aktive Geschichte, da sie als schlechtes Gewissen in Frage stellt, anregt und aufmerksam macht

e) Psychologiegeschichtliche Forschungsmethoden

- keine anderen Methoden wie in den der Geschichtswissenschaften

- 1. Quellenstudium:

- Quelle: Texte, Gegenstände oder Tatsachen aus denen Kenntnisse über die Vergangenheit gewonnen werden können.

- Beispiel: Geburtenregister: nicht nur Feststellung wann eine Person gelebt hat, sondern auch Lebenserwartungen, Familiengröße, Präferenz ggü. Geschlecht (wenn jüngstes Kind häufiger Junge war, dann kann man schlussfolgern, dass kulturell männliche Nachkommen erwünschter waren)

- Primär- und Sekundärquellen: je näher die Quelle dem Ereignis ist, umso höher der Erkenntnisgehalt, z.B. Primärquelle - Briefe aus einer Zeit, Sekundärquelle wäre Lebenserinnerung.

- Viele Quellen wurde vernichtet, z.B.Sperrmüll

- Übriggebliebenes Material ist niemals eine Zufallsstichprobe, Material überlebt selektiert, deshalb muss besonderes Augenmerk auf fehlendes Material gelegt werden

- Methoden der Auswertung:

- Hermeneutik, benötigt Vorkenntnisse über die Person, Sitten, Zeit etc. um nicht falsch zu interpretieren

- hermeneutischer Zirkel (verstehen läuft zirkulär ab; Grundregel: das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstehen )

- seit letztem Jahrhundert vermehrt mathematisch-statistische Methoden (empirische Sozialwissenschaft): deskriptive Statistik, Regressionsanalyse, komplizierte multivariate Verfahren

- Historische Sozialwissenschaft oder hist. Soziologie: bibliometrische Analysen:Zeitreihenanalyse, Inhaltsanalyse

- 2. Archive:- Psychologen mit den Dokumenten ihrer Geschichte z.T. sehr nachlässig umgegangen.

- Archive, kostenfrei aber nicht uneingeschränkt möglich.

- 1. Institut für Geschichte der Psychologie der Uni Passau 1924 gegründet, 2009 an Uni Würzburg verlagert ,,Adolf Würth Zentrum für Geschichte der Psychologie'': Sammlung Literatur, Instrumente, Geräte Testsammlungen, Nachlässe, Briefe.

- 2. seit 1997 Psychologiegeschichtliches Forschungsarchiv (PGFA): Nachlässe, Tests, Schenkungen, Tondokumenten

- 3. Größtes Archiv außerhalb der BRD University of Akron, Ohio: Spezialmaterial, Korespondenzen, Umfangreiches Filmmaterial

- 4. Nachlässe einzelner Psychologen in Familienbesitz oder an den Unis an denen sie lehrten

- 5. Museen: Deutsches Museum in München: - psychologische Geräte und Literaturarchiv, Sigmund Freud Haus in Wien: Wohnung, Sammlung psychoanalytischer Literatur, Im Exil in London: seit 1987 Wohnung auch als Museum zugänglich

- 3. Spurensuche und nichtreaktive Messverfahren: Analyse von Spuren, aus unabsichtliche Überresten wird auf Individuen und deren Handlungen geschlossen. Aber: Menschen können Spuren legen und verwischen (z.b. Nazidokumente), eher Gebiet von Historikern, Detektiven, Jägern. Nicht von Psychologen, Soziologen. Bekannteste Verfahren Abnutzung, Ablagerung, Archive, Material und Energieverbrauch, aber auch Feldexperimente.Versuchspersonen haben keinen Einfluss auf den zu messenden Sachverhalt. Nichtreaktive Verfahren sind in direkter Beziehung zu historischen Forschungsmethoden.

- 4. oral history – gezielte Befragung von Personen nach der Vergangenheit; sehr aufwendig, Tonbandaufzeichnung, sorgfältige Transkription. Vorteil: zielgerichtet Daten gewinnen, anschaulich, lebendig; z.B. Geuter 1984 Psychologen als Nazizeitzeugen befragt

- 5. Zeitreihenanalyse:

- Daten chronologisch geordnet, z.b. Anzahl der Selbstmorde in einem Jahr, graphische Darstellung in Punktediagramm

- Beschreibung von Trends, in Grenzen Prognosen möglich

- z.b. Erscheinung von Publikation zu Teilgebieten Aggression, ADHS etc. - Forschungstrends erkennbar

- Fragestellung anhand von Hypothesen

f) Psychologische Theorien im Dienste der Psychologiegeschichte

1. Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie

- Biographieforschung

- früheste Entwicklungspsychologisches Modell von Charlotte Bühler 1933:

- Zusammentragung von Biographien und Autobiographien von bedeutenden Persönlichkeiten (quantitative Erfassung von Einkommen, Patenten, Veröffentlichungen, etc./Darstellung über Lebensdiagramm)

- Versuch Phasenmodell der menschlichen Entwicklung zu erarbeiten

- Herausstellung des menschlichen Strebens nach Erfüllung

- Persönlichkeitspsychologie: z.B. Inhaltsanalyse von Texten- Schlussfolgerung auf Persönlichkeitsdimensionen wie Leistungsmotivation

- Verwendung projektiver Tests (Basis Assoziationen z.B. Rorschach-Test, TAT)

2. Sozialpsychologie

- Schulen- und Institutionengeschichte

- Sozialisationsprozesse

- Analyse von Gruppen: Prozesse von Normenbildung, Führung, Sympathie, Ablehnung anderer Gruppen etc.

- Sozialpsychologen haben sich nur selten Forschergruppen zugewandt, erst seit Thomas Kuhn - Historiker

- Beispiele von Forschergruppen:

- Freuds Mittwochsgesellschaft (Könnten nach Interaktionsstrukturen untersucht werden)

- Auswertung wissenschaftlicher Kontroversen. Wer ist warum an Kontroverse beteiligt?etc.

- Verhältnis Führung und Gruppenklima oder Führung und Produktivität der Gruppe – diese Fragen werden an heutigen Gruppen erforscht. Erforschung der Fragestellungen aber für auch für vergangene Gruppen denkbar.

3. Psychoanalyse und Psychohistorie

- psychoanalytische Methode auf Texte, Kindheitserinnerungen etc. angewendet

- heute wichtige Methode in der Literaturwissenschaft (Literaturpsychologie)

- Psychohistorie – eigenständiges Gebiet

- z.B. E. Erikson – Analyse von Luther

- Hitlers Machtstreben und Sendungsbewusstsein mit Fakten über Kindheit, Elternhaus, Erziehungsstil etc. erklärbar

- Vor- und Nachteile:

- verschieden Interpretationsmöglichkeiten von einem Sachverhalt

- Vorwiegend im Zentrum ist das Individuum – neuere Geschichtswissenschaft bemüht um gesellschaftliche Prozesse

4. Marxistische Gesellschaftstheorie und kritische Psychologie

- Basis der kritischen Psychologie ist Marx

- Holzkamp und Schüler 1971 Aufsatz ,,kritischer Rationalismus als blinder Kritizismus'': Vorwurf an bürgerlicher Psychologie: Betrachtet Geschichte als Naturprozess und unterscheidet nicht menschliche Geschichte

- menschlich. Geschichte sei gegenständliche, gesellschaftliche Praxis, wobei der Mensch sowohl Subjekt als auch Resultat geschichtlicher Entwicklung sei

- Gesetzmäßigkeiten (Marx) im histor. Prozess; diese Geschichte sei aber nicht von außen studierbar, sondern nur von innen

- 1979/80 erste umfangreiche Auseinandersetzungen zur Geschichte der Psychologie zur Nazizeit im dt. Sprachraum

- von der krit. Psychologie sind starke Impulse zur psychologiegesch. Forschung ausgegangen

*Kritischer Rationalismus: begründet von Karl Popper, Kritisch rationale Überprüfung wissenschaftlicher Theorien mit dem Ziel ihrer vorläufigen Bestätigung durch den permanenten vergeblichen Versuch ihrer Widerlegung

2.) 19. Jahrhundert

1. Positivismus und naiver Empirismus

- Wurzeln: David Humme 1711-1776

- ab Mitte des 19.Jhrd durch Auguste Compte und Hyppolite Taine (Frankreich), John Stuart Mill und Herbert Spencer (England), Ludwig Feuerbach, Ernst Mach und Hans Vaihinger (Deutschland)

- Compte – Begründer der Soziologie, Dreistadiengesetz (3 Stadien des Denkens/Wissen bis man Optimalzustand erreicht wird: theologische, das metaphysische und das positive Stadium; theologisches Stadium mit dem Kindesalter der Menschheit, das metaphysische mit der Pubertät und das positive mit dem „männlichen Geisteszustand“ identifiziert. Die Theorie des Dreistadiengesetzes hat einen stark theologischen Charakter, d. h. sie unterstellt, dass die menschheitsgeschichtliche Entwicklung auf ein bestimmtes, von vornherein feststehendes Ziel gerichtet ist )

- Positivistischer - humanistischer Ansatz

- die englische Richtung des Positivismus = naiver Empirismus

2. Evolutionstheorie

- großer Einfluss der Darwin Theorie auf die Humanwissenschaften, z.b. psychologische Theorien (Taylor+Frazer um 1900 Annahme ,Primitive'' seien Europäern intellektuell unterlegen, niedrigere Evolutionsstufe; empirische Untersuchungen durch Galton lieferten Argumente für die Theorie-geistige Unterschieden bei Rassen; später auch Intelligenztestdesigns kulturgebunden- es gibt keine kulturunabhängigen Tests mit denen man solche Vergleiche anstellen könnte)

3. Völkerkunde und Völkerpsychologie

- ab 1850 Wettrennen um neue Kolonien

- dies führt zu Auseinandersetzung mit anderen Rassen und Kulturen als auch deren Mentalität

- Waitz 1859,,Anthropologie der Naturvölker'', Untersuchung von Mentalitätsunterschieden, Ergebnis: Mentalitätsunterschiede nicht durch die Rasse erklärbar, da gleiche Rasse verschiedene Nationalitäten haben kann/Verschiedene Rassen finden sich in versch. Umweltbedingungen-->seelische Eigenschaften seien stark modifizierbar

- Bastian, Direktor Berliner Naturkundemuseum, 1860, stellte Bedeutung der sozialen Umwelt für Menschwerdung heraus

- Humbolt, das Denken ist wesentlich von der Sprache bestimmt , versch. Sprachen = versch. Weltansichten, auch Whorf teilte die Theorie (Whorf-Hypothese )

- Begründer der Völkerpsychologie:

- Lazarus und Steinthal, befreundetes jüdisches Wissenschaftlerpaar

- 1. Basis Herders Vorstellung einer Volksseele und Johann Herbarts,,Psychologie als Wissenschaft'' (Mensch ist nichts außer Gesellschaft und erhält seine Humanität durch soziale Umwelt)

2. Vergleichendes Studium der Völker: Entwicklung des Menschen, der Sprache und Entstehen sozialen Verhaltens

3. ab 1860 ,,Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft'', Name mehrfach geändert

- Wilhelm Wundt:

- ähnliche Ansicht wie Lazarus und Steinthal

- Überzeugung, soziale Prozesse seien zu komplex um sie experimentell zu erforschen

- experimentelle Psych. für ihn auf individuelles Verhalten und Wahrnehmung und Bewusstsein beschränkt

- teilte P. in ,,experimentelle Psychologie'' und ,,Völkerpsychologie'' (Kunst, Religion, Mythos, Sitte...)

- 10 dicke Buchbände der Völkerpsychologie

- stützte sich nicht auf eigene Untersuchungen, sondern auf Expeditionsberichte, Korrespondenzen und allg. Lebenserfahrungen

→ Folge: rein beschreibende Völkerkunde; veraltet

- empirische Sozialpsychologie in Dtl. durch Wundt behindert

- in USA keine Völkerpsychologie als Wissenschaft entwickelt

- Ruth Benedict (1887-1948): Urformen der Kultur, Studium über drei immer noch existierende primitive Völker

- Versuch Aussagen über das Wesen des Menschen zu gelangen

- Grundannahme: Verhalten gelernt, kulturelle Selbstverständlichkeiten sind Vorurteile, da enorme Variabilität von Werten und Verhaltensweisen in den Kulturen

- Psychoanalyse beeinflusste die Ethnologie stark

- z.b. Freuds Schrift ,,Totem und Tabu'': Ähnlichkeiten zw. Neurotischen Störungen und Vorstellungen in primitiven Kulturen

- Neopsychoanalytiker versuchten Zusammenhänge zwischen Sozialisationspraktiken und Persönlichkeitsstrukturen zu bestimmen

4. Massenpsychologie

- Ursprungsland Italien, auch Frankreich zwischen 1890/95

- Franz. Revolution 1789 veränderte Europa in den folgenden 100 Jahren stark

- Industrialisierung, Massenfertigung, Landflucht, Elend der Industriearbeiter, aufkommende Massentransportmittel, Massenkommunikationsmittel wie Tagespresse, Gewerkschaftsbildung, Demonstrationen etc.

Es werde wissenschaftliche Erklärungen der Macht der Massen nötig:

- um Massenprozesse vorherzusehen, um bestehende Gesellschaftsschichten zu erhalten und Individuen zu schützen

- 1.) Italien: ,,Lateinische/ Römische Schule der Massenpsychologie''

- Systematisierung von Massenwirkung

- Hintergrund: Sighele 1868-1913: kriminologische Sicht: Verminderte Zurechnungsfähigkeit des Einzelnen in der Masse aufgrund verändertem Bewusstseinszustand, Einzelner sei für sein Handeln nur begrenzt verantwortlich

- im 2. Band durch Einfluss von Arzt Lombroso: Unterscheidung geborene und Gelegenheitsstraftäter in Massen

→ diese Annahme fand Eingang in der ital. Rechtsprechung

- 2.) Frankreich: bezugnehmend auf Italien

- Warum macht das Individuum die Bewusstseinsveränderung durch?

- Der Einzelne sei in der Masse gebremst. Masse sei ,,dümmer'' als das Individuum

LeBons ,,Massenpsychologie'' 1895: Masse gleich kopflosem Tier, dass durch einen Führer knetbar sei. Niedere Instinkte würden aktiviert.

- Schwächen dieser Theorie:

- stützt sich auf Berichte und Anekdoten, nicht auf eigene Beobachtungen

- Beschriebene Prozesse sind Ausnahmesituationen

- Ursachen dynamischer Prozesse nicht überzeugend dargelegt

- Sicht eines Konservativen Gebildeten der auf den Pöbel herabschaut

- Einfluss auf Freud , Ähnlicher Standpunkt, Führer = Überich

- Massenpsychologie = Randgebiet der akademischen Psychologie

- weitgehend mit Massenkommunikationsforschung, Soziologie und Ökonomischer Psychologie abgedeckt

- findet wissenschaftlich gesehen kaum Beachtung

5. Philosophie und Physiologie

- ab 1850 Materialismus :

- Auffassung, gleiche Grundlage aller Wissenschaften: Das Funktionieren des menschlichen Körpers entsprach wissenschaftlichen Gesetzen und nicht dem Willen Gottes

- Entwicklung der Medizin: verbesserte Hygiene, sezieren von Leichen, Mikroskopie etc.

- wichtige Vertreter: Helmholtz, Brücke, Ludwig, Bois-Reymond

- keine anderen Kräfte im Organismus als chemische und physikalische

- Mit dieser Auffassung sind Psychologen des 19. Jhrds ausgebildet worden

◦ Wundt unter Bois-Reymond/ Helmholtz, Freud unter Brücke, Pawlow unter Ludwig

- dieses Wissenschaftsverständnis hat zu beachtlichen Erfolgen geführt

6. Sinnesphysiologie und Psychophysik

- Fechner:

- Psychophysik: psychologische Vorgänge nach physikalischer Natur

- Auffassung: Universum ist ein beseeltes Wesen, das Weltganze strebt nach einer höheren Ordnung

- sucht nach Verbindung zwischen Materiellem und Geistigen

- Ernst Heinrich Weber ,,Vater der Psychophysik''

- Erforschung der Sinnesorgane, vor allem die Empfindungen

- Empfindungen sind keine genauen Abbilder der Außenwelt, sondern individuell wahrgenommen – sie sind das Rohmaterial unserer Wahrnehmungsurteile

- Erforschung der Reizschwellen durch Zirkelversuche mit Handrücken

- arithmetische Darstellung: Reizzuwachs steht in direktem Verhältnis zu Ausgangsreiz

Fechner griff dies auf:

- Wiederholung der Stechzirkelversuche

- Versuch: Gewicht 100g in der linken Hand – in der anderen Hand Unterschied bei 102g in der anderen spürbar, bei 300g sind 306 in der anderen nötig

- in Selbstversuchen fand er heraus: Veränderungen gegenüber der Standartgröße stehen in konstantem Verhältnis zu einander

Weber- Fechnersche-Konstante

Gewicht 100:102 oder 1:50

Helligkeit 1:60

Temperatur 1:30

Salzgeschmack 1:3

- geben Hinweis auf die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane

- Mathematische Formel, sog. Fundamentformel, entwickelt: ∆I=K

I

I= Standartwert ∆I= zusätzliche Intensität

K = Weber-Fechnersche-Kostante

- Ableitung der Formel E= K x L og R

- d.h. Empfindung ist Abhängig vom Produkt aus K und dem Logarithmus des Reizes

- Weber-Fechnersches Gesetz

- universelle Gültigkeit dieser Formel wurde später durch viele Untersuchungen angezweifelt, vor allem im Bereich der extremen Bereiche

7. Experimentelle Psychologie des Lernens

- Ebbinghaus, Pionier der Gedächtnisexperimente, forderte 1885 die Erweiterung der experimentellen Psychologie

- experimentelle Erforschung des Gedächtnisses

- Anwendung Fechners Methode auf das Gedächtnisleistungen

- Ebbinghaus war Versuchsleiter, Protokollant und einzige Versuchsperson

- Einprägen sinnloser Silbenreihen

- es gelang ihm nicht andere Personen für die Versuchsreihe zu gewinnen

- drei heute noch gültige psychologische Messmethoden der Gedächtnisleistung: Wiedererkennungsmethode, Reproduktionsmethode und Ersparnismethode

→ Ermittlung von Gesetzmäßigkeiten

- nach längeren Zeitabständen ist eine Wiederholung notwendig

- Lernkurve - beschreibt den Erfolgsgrad des Lernens über den Verlauf der Zeit

- Vergessenskurve – Grad des Vergessens nach einer bestimmten Zeit

- es folgte eine lange Entwicklungslinie, die vorläufig bei den heutigen Computern endet, die Silbenreihen per Zufall erstellt

3.) 19. und 20. Jahrhundert

- Schulenbildung zwischen 1880 bis 1950

a) Leipziger Schule

- physiologische und experimentelle Psychologie Wundts

- Zentrum psychologischer Forschung

- internationales Vorbild, Gründung vieler psychologischer Institute weltweit

Wilhelm Wundt

Biographisches:

- 1832 als Pfarresssohn in Neckarau geboren; starb 1920 bei Leipzig

- Medizin studiert in Tübingen

- (1858 Reymond Lehrstuhl in Berlin; zeitgleich Helmholtz Lehrstuhl in Heidelberg, in Leipzig Webers Tastsinnversuche)

- widmet sich der Physiologie während des Studiums in Heidelberg und Karlsruhe

- 1858 Privatdozent in Heidelberg unter Helmholtz, neu eingerichtetes Institut für Physiologie

- 1864 außerordentliche Professur in Heidelberg, Anthropologie und medizinische Psychologie

- 1864 Veröffentlichung ,, Physiologie des Menschen''

- naturwissenschaftlich-materialistische Position:

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Überblicksdarstellung der ,,Geschichte der Psychologie'' von Helmut Lück
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Modul 1
Autor
Jahr
2013
Seiten
38
Katalognummer
V303005
ISBN (eBook)
9783668392038
ISBN (Buch)
9783668392045
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
überblicksdarstellung, geschichte, psychologie, helmut, lück
Arbeit zitieren
Katharina Kantreiter (Autor), 2013, Überblicksdarstellung der ,,Geschichte der Psychologie'' von Helmut Lück, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303005

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