Die Auswahl der Thematik „Frühkindliche Spielentwicklung“ hat ihren Ursprung in meinen Beobachtungen zum frühen kindlichen Spiel in der Krippengruppe einer Kita. Während meiner praktischen Tätigkeit drängten sich mir folgende Fragen auf: “Welchen Stellenwert sollte ich dem freien Spielen im Kita-Alltag einräumen?“ und “Welche Aufgabe habe ich als Erzieher während des freien Spiels der Kinder?“
Dabei interessierte mich besonders das Zusammenspiel der Kinder im Rahmen des Rollenspiels. Sollte ich vermittelnd eingreifen, Impulse geben oder spielen lassen, auf Miteinander bestehen oder Spielgruppen vor „Eindringlingen“ schützen? Basierend auf diesen Überlegungen entstand folgende Zielsetzung: Kindliches Spiel in seiner Bedeutung für die Entwicklung zu verstehen und Unterstützungsmöglichkeiten am Beispiel des Rollenspiels theoretisch und praktisch zu erschließen.
Durch die Definition des „Spiels“ in Anlehnung an unterschiedliche Autoren wird der Arbeit ein einheitlicher Spielbegriff zugrunde gelegt. Um Klarheit über meine Rolle als Erzieher während des freien Spiels und insbesondere im Rollenspiel zu gewinnen, erschien mir zunächst eine Abgrenzung des Rollenspiels zu anderen Spielformen sinnvoll, die nicht nur die Einordnung meiner Spielbeobachtungen in der Praxis erleichtert, sondern auch die Spielentwicklung verdeutlicht, die jedes Kind im Verlaufe seiner Entwicklung durchläuft. Dabei wird die Form des Regelspiels vernachlässigt, zumal es für die Kinder meiner Praktikumsgruppe noch nicht von Bedeutung ist. Da der Umgang Erwachsener mit dem kindlichen Spiel auch geprägt ist von der Bedeutung, die sie ihm zusprechen, folgt in der Arbeit eine Auseinandersetzung mit den Entwicklungsmöglichkeiten im kindlichen Spiel.
Basierend auf meinen Beobachtungen der Kinder wird eine erste Einschätzung des (spielerischen) Entwicklungsstandes der Kinder vorgenommen, Möglichkeiten der Unterstützung des Rollenspiels aufgezeigt und Erfahrungen mit der Umsetzung einer ausgewählten Methode in der Praxis beschrieben, um abschließend die Beobachtungen unter Berücksichtigung theoretischer Kenntnisse auszuwerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frühkindliche Spielentwicklung
2.1 Merkmale des kindlichen Spiels
2.2 Entwicklung des frühkindlichen Spiels
2.2.1 Psychomotorische Spiele (auch Funktionsspiele)
2.2.2 Konstruktionsspiele
2.2.3 Rollenspiele
2.3 Entwicklungsmöglichkeiten im kindlichen Spiel unter besonderer Berücksichtigung des Rollenspiels
3. Beobachtungen in der Praxis und Begleitung der Kinder im Rollenspiel
3.1 Darstellung des Entwicklungsstandes der Kinder basierend auf Beobachtungen im freien Spiel und Entwicklung der leitenden Fragestellung
3.2 Rolle des Erziehers: Unterstützungsmöglichkeiten beim Rollenspiel
3.3 Gestaltung einer Praxissituation zur Unterstützung des kindlichen Rollenspiels
3.4 Beobachtungen während und nach der gestalteten Situation
4. Auswertung der Beobachtungen
4.1 Reflexion meines Vorgehens
4.2 Rückschlüsse auf Kompetenzen und Unterstützungsbedarf der drei Kinder
4.3 Intensivierung des Spiels durch Rollenfüllung
5. Schlussfolgerungen und Bedeutung für die Praxis
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit ist es, die Bedeutung des kindlichen Spiels für die Entwicklung zu verstehen und Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder am Beispiel des Rollenspiels theoretisch und praktisch zu erschließen, um Klarheit über die Rolle der Erzieher während des freien Spiels zu gewinnen.
- Bedeutung des kindlichen Spiels für die Entwicklung
- Analyse verschiedener kindlicher Spielformen
- Rolle und Unterstützungsmöglichkeiten des Erziehers im Rollenspiel
- Praktische Erprobung von Methoden zur Spielförderung in der Krippe
- Beobachtung und Auswertung von Spielprozessen im Gruppenalltag
Auszug aus dem Buch
3.1 Darstellung des Entwicklungsstandes der Kinder basierend auf Beobachtungen im freien Spiel und Entwicklung der leitenden Fragestellung
Die Kinder meiner Praktikumsgruppe sind im Januar 2009 zwischen fünf Monaten und drei Jahren und zwei Monaten alt. Von den 16 Kindern der Gruppe sind bis auf ein Mädchen alle Kinder vor Vollendung des ersten Lebensjahres in die Gruppe gekommen. Mit den gezielten Beobachtungen zum kindlichen Spiel habe ich Ende Oktober 2008 begonnen. Gute Beobachtungsmöglichkeiten beim „ungestörten“ Spiel der älteren Kinder hatte ich nachmittags, wenn nur wenige Kinder wach waren oder bei Gruppenteilungen. Auffällig war, dass die Kinder sich immer dann besonders aktiv zeigten, wenn neue, realistische Gegenstände eingeführt wurden, wie z.B. der Kaufmannsladen oder die Küchenecke. Alle Kinder haben dann zunächst die Funktionen ausprobiert, wobei die älteren Kinder schnell zum Symbolspiel, zum einfachen und kollektiven Rollenspiel, z.T. auch zum sozialen Rollenspiel Stufe I übergingen (Anlage 5). Diese Beobachtungen decken sich mit den Erkenntnissen aus Studien von Einsiedler, nach denen „hochrealistisches Spielzeug zu hohen Anteilen von imitativem Phantasiespiel führt, während niedrigrealistisches Spielzeug [insbesondere bei Vorschulkindern] dazu geeignet ist, Phantasiespiel im eigentlichen Sinne, nämlich der Umwandlung in fiktive Objekte und Situationen, zu fördern“ (zit.n. Einsiedler 1991, S.95) und damit auch verstärkt das symbolische Denken anregt. Dabei hebt er hervor, dass Zweijährige im Phantasiespiel realistisches Spielzeug vorziehen, das insbesondere Nachahmungsspiele stimuliert (vgl. Einsiedler 1991, S.95f).
Die leitende Fragestellung entwickelte ich dann basierend auf meinen Beobachtungen zum Umgang mit einem „Arztkoffer“: Direkt nach Weihnachten erhielt die Kindergruppe als neues Spielzeug einen Arztkoffer, der insbesondere bei den älteren Kindern ab 2½ Jahren auf große Begeisterung stieß. An diesem Tag wurden die Instrumente gemeinsam angesehen und von den einzelnen Kindern ab zwei Jahren untersucht und ausprobiert. Dabei wurde deutlich, dass einzelne Kinder bereits über fragmentarisches Wissen verfügten, z.B. das Fieberthermometer war bekannt, z.T. auch das Stethoskop. Außerdem wussten sie, dass man zum Arzt geht, wenn man krank ist. In den folgenden Tagen setzte das freie Spielen mit den Materialien ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit begründet die Auseinandersetzung mit der frühkindlichen Spielentwicklung aus der Beobachtung der eigenen Krippengruppe und formuliert die Zielsetzung, Unterstützungsmöglichkeiten im Rollenspiel theoretisch und praktisch zu erforschen.
2. Frühkindliche Spielentwicklung: Dieses Kapitel definiert wesentliche Merkmale des Spiels, beschreibt verschiedene Spielformen von psychomotorischen Spielen bis hin zum Rollenspiel und erläutert deren Bedeutung für die kindliche Entwicklung.
3. Beobachtungen in der Praxis und Begleitung der Kinder im Rollenspiel: Der Abschnitt fokussiert auf die konkrete Beobachtung der Kinder, die Entwicklung einer Fragestellung zur Spielförderung sowie die Gestaltung einer gezielten Praxissituation unter Einsatz von Kinderbüchern.
4. Auswertung der Beobachtungen: Hier werden das eigene Vorgehen reflektiert, individuelle Entwicklungsstände der beobachteten Kinder analysiert und der Erfolg der inhaltlichen Rollenfüllung durch die Praxisaktion bewertet.
5. Schlussfolgerungen und Bedeutung für die Praxis: Das Kapitel fasst zusammen, dass durch indirekte Unterstützung sowie inhaltliche Rollenfüllung eine Intensivierung des kindlichen Spiels erreicht werden kann und betont die Bedeutung der Wertschätzung für den Selbstzweck des Spiels.
Schlüsselwörter
Frühkindliche Spielentwicklung, Rollenspiel, Krippe, Erzieherrolle, Spielpädagogik, Spielförderung, Funktionsspiel, Konstruktionsspiel, Symbolspiel, Beobachtung, Perspektivübernahme, kindliche Entwicklung, Arztkoffer, Praxisreflexion, Kleinkind
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der frühkindlichen Spielentwicklung in einer Krippengruppe und untersucht, wie Erzieher das freie Spiel, insbesondere das Rollenspiel, gezielt unterstützen und fördern können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung des kindlichen Spiels, die Rolle des Erziehers bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen sowie Methoden der aktiven Spielförderung wie z.B. die inhaltliche Rollenfüllung durch Bilderbücher.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, das kindliche Spiel in seiner Bedeutung für die Entwicklung zu verstehen und Möglichkeiten zur Unterstützung am Beispiel des Rollenspiels zu erschließen, konkretisiert durch die Frage: "Wie kann ich das kindliche Rollenspiel unterstützen?"
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse zur theoretischen Fundierung und der qualitativen Beobachtung in der Praxis, dokumentiert durch Videoaufzeichnungen und begleitete Spielsituationen in einer Krippengruppe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beinhaltet die theoretische Einordnung der Spielformen, die Darstellung des Entwicklungsstandes der beobachteten Kinder, die Planung und Durchführung einer Praxisaktion mit einem Arztkoffer sowie die anschließende Auswertung des Spielverhaltens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Frühkindliche Spielentwicklung, Rollenspiel, Erzieherrolle, Spielförderung, Beobachtung, Perspektivübernahme und Praxisreflexion charakterisiert.
Warum ist die Unterscheidung zwischen indirekter und direkter Spielführung wichtig?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, da sie aufzeigt, dass der Erzieher sowohl durch die Gestaltung der Rahmenbedingungen (indirekt, z.B. Zeit, Raum, Material) als auch durch aktives Eingreifen in das Spielgeschehen (direkt, z.B. Mitspielen, Beratung) unterschiedlich auf die Spielentwicklung Einfluss nehmen kann.
Welche Rolle spielen die eingesetzten Kinderbücher bei der Praxisaktion?
Die Kinderbücher dienen dazu, den Kindern tiefere Vorstellungen von der Rolle des Arztes zu vermitteln, um ihnen eine "Rollenfüllung" zu ermöglichen, damit sie ihr Rollenspiel ausbauen und intensivieren können.
Warum empfiehlt die Autorin, Kleinkinder nicht zum gemeinsamen Rollenspiel zu zwingen?
Da Kleinkinder erst rudimentär zur Perspektivübernahme fähig sind und meist stark ihren eigenen Impulsen folgen, ist die Fähigkeit zur Kooperation noch begrenzt. Ein Zwang würde den Selbstzweck des Spiels zerstören.
- Arbeit zitieren
- Nina Bernhardt (Autor:in), 2009, Frühkindliche Spielentwicklung. Beobachtungen zum Rollenspiel in einer Kinderkrippe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303031