Die Humboldt-Universität zu Berlin hat laut der Süddeutschen Zeitung in einer jahrelangen Studie das systematische und organisierte Doping in der Bundesrepublik Deutschland seit Beginn der Siebzigerjahre aufgedeckt und ihre Erkenntnisse in ihrem circa 800-seitigen Abschlussbericht mit dem Titel „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ dargestellt. Demnach wurden Versuche mit verbotenen Substanzen wie Anabolika, Testosteron oder Epo an deutschen Spitzensportlern aus Steuermitteln finanziert und vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft organisiert, das nach wie vor dem Bundesministerium des Inneren untersteht.
Schnell wurden nach Bekanntwerden der Studie Forderungen nach einem Anti-Doping-Gesetz in Deutschland laut. So pochte etwa der Chef der Deutschen Fußball Liga Rainhard Rauball auf einen solchen Erlass.
Doch welche Rolle spielt die Bundespolitik in Form des Sportausschusses im Deutschen Bundestag bei einem möglichen Anti-Doping-Gesetz? Und welche Rolle spielt und spielte er bei der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in Deutschland, gilt er doch als das mobilisierende Zentrum der Sportpolitik und Kontrollzentrum mit unterstützenden, ausgleichenden Funktionen?
Kann der Sportausschuss seinen Einfluss nutzen und vor allem, bestärkt durch die aktuelle Diskussion, den Weg frei machen für ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland?
In der folgenden Arbeit wird zu Beginn das Ausschusssystem im Deutschen Bundestag knapp im Allgemeinen dargestellt, bevor der Sportausschuss im Besonderen betrachtet wird. Hierbei wird vor allem auf die Rolle des Sportausschusses bei der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in der Bundesrepublik eingegangen, wobei exemplarisch das Sportausschuss-Hearing aus dem Jahr 1977 dargelegt wird.
Abschließen wird die Historie der Anti-Doping-Gesetzgebung in Deutschland und die Beleuchtung der Frage, ob durch die aktuelle Debatte um die oben kurz skizzierte Dopingproblematik in Deutschland der Sportausschuss seinen Einfluss und seine Macht nutzen kann, um ein neues Anti-Doping-Gesetz in Deutschland zu ermöglichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Abschlussbericht zu einer Studie der Berliner Humboldt-Universität zum systematischen Doping in der Bundesrepublik Deutschland
2 Der Sportausschuss im Deutschen Bundestag und seine Rolle bei der Anti-Doping-Gesetzgebung in Deutschland
2.1 Das Ausschusssystem im Deutschen Bundestag
2.2 Der Sportausschuss im Deutschen Bundestag
2.3 Die Rolle des Sportausschusses bei der Auseinandersetzung mit der Dopingvergangenheit der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel des Sportausschuss-Hearing 1977
2.4 Die Geschichte der Anti-Doping-Gesetzgebung in der Bundesrepublik Deutschland und die Rolle des Sportausschusses
2.5 Der aktuelle Stand der Debatte um ein Anti-Doping-Gesetz und ein möglicher neuer Anlauf für das Gesetz im Sportausschuss
3 Neues Anti-Doping-Gesetz nur bei Regierungswechsel nach der Bundestagswahl?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Sportausschusses im Deutschen Bundestag im Hinblick auf die Etablierung eines eigenständigen Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland. Dabei wird analysiert, inwiefern politische Entscheidungsprozesse und parteipolitische Interessen die gesetzgeberische Aufarbeitung der Dopingproblematik beeinflussen.
- Analyse des Ausschusssystems des Deutschen Bundestages
- Aufarbeitung der Dopingvergangenheit mittels historischer Hearings
- Evaluation der Anti-Doping-Gesetzgebung in der Bundesrepublik
- Untersuchung politischer Widerstände gegen strafrechtliche Regelungen
- Perspektiven für eine gesetzliche Neuregelung nach der Bundestagswahl
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Rolle des Sportausschusses bei der Auseinandersetzung mit der Dopingvergangenheit der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel des Sportausschuss-Hearing 1977
Erschwerend zu den eben angesprochenen anfänglichen Problemen, etwa der fehlenden Fachkenntnis vieler Ausschussmitglieder, kam hinzu, dass sogar entsprechende Experten ihr Wissen nur bruchstückhaft weitergeben wollten (Danckert 2009: 122), was sich vor allem bei Dopingfällen in der Bundesrepublik deutlich zeigte. Stets war nur von sporadischen Einzelfällen die Rede und erst nach langer Zeit wurde klar, dass es sich hierbei um ein strukturelles Problem handelte (Danckert 2009: 122). Erst durch die von Dopingfällen geprägte Tour de France 1998 wurde das Dopingausmaß deutlich, mit dem es der organisierte Sport weltweit zu tun hatte, selbst wenn sich bereits lange Zeit davor andere Beispiele, auch in Deutschland, finden, etwa der Tod der deutschen Leichtathletin Birgit Dressel 1987 oder die ersten Veröffentlichungen über systematisches Doping in der DDR Anfang der neunziger Jahre (Danckert 2009: 122).
Existenziell wichtig für die Aufklärung und für die Aufarbeitung vor allem der Dopingvergangenheit in der BRD sollte das erste öffentliche Doping-Hearing des Sportausschusses im September 1977 werden. Der damalige Ausschussvorsitzende Hans Evers (CDU) machte zu Beginn deutlich: „Das Parlament mu[ss] Antwort auf die Frage bekommen, was wir eigentlich mit den Sportförderungsmitteln der öffentlichen Haushalte fördern. Deckt sich das, was wir fördern, mit den sportpolitischen Zielvorstellungen, die von den Fraktionen und von den Parteien entwickelt worden sind? [...] Geheimniskrämerei ist der Feind vertrauensvoller Zusammenarbeit. Sie schadet der Unabhängigkeit. Es wäre deshalb schädlich und ein schädliches Mi[ss]verständnis, wenn das Dopingproblem als eine sportinterne Verschlu[ss]sache behandelt werden sollte“ (Deutscher Bundestag 1977: 6/9). Der Sportausschuss versuchte mit diesem Hearing also zu klären, ob der Sport, die Bundesregierung und der Bundestag auf dem beabsichtigten Weg bei dem Gebrauch von öffentlichen Fördermitteln für den Spitzensport waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Abschlussbericht zu einer Studie der Berliner Humboldt-Universität zum systematischen Doping in der Bundesrepublik Deutschland: Die Einleitung beleuchtet die Enthüllungen über systematisches Doping in Westdeutschland und die daraus resultierende politische Forderung nach einem neuen Gesetz.
2 Der Sportausschuss im Deutschen Bundestag und seine Rolle bei der Anti-Doping-Gesetzgebung in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert das Ausschusssystem, die historische Entwicklung des Sportausschusses und dessen ambivalente Rolle bei der Aufarbeitung der Dopingproblematik.
2.1 Das Ausschusssystem im Deutschen Bundestag: Es wird die Bedeutung der Ausschüsse als vorbereitende Beschlussorgane innerhalb der parlamentarischen Arbeit des Bundestages erläutert.
2.2 Der Sportausschuss im Deutschen Bundestag: Dieser Abschnitt beschreibt die Etablierung des Sportausschusses, seine Arbeitsweise und die Problematik seiner zeitweiligen Abschottung von der Öffentlichkeit.
2.3 Die Rolle des Sportausschusses bei der Auseinandersetzung mit der Dopingvergangenheit der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel des Sportausschuss-Hearing 1977: Anhand des Hearings von 1977 wird dargelegt, wie der Ausschuss mit dem Dilemma zwischen Leistungsförderung und Dopingverbot umging.
2.4 Die Geschichte der Anti-Doping-Gesetzgebung in der Bundesrepublik Deutschland und die Rolle des Sportausschusses: Hier wird der langjährige, oft an parteipolitischen Widerständen gescheiterte Prozess einer eigenständigen Anti-Doping-Gesetzgebung nachgezeichnet.
2.5 Der aktuelle Stand der Debatte um ein Anti-Doping-Gesetz und ein möglicher neuer Anlauf für das Gesetz im Sportausschuss: Dieses Kapitel thematisiert die jüngste politische Debatte nach Veröffentlichung der Doping-Studie und die fortbestehenden Differenzen zwischen den Fraktionen.
3 Neues Anti-Doping-Gesetz nur bei Regierungswechsel nach der Bundestagswahl?: Die Schlussbetrachtung bewertet die Erfolgsaussichten für eine gesetzliche Neuregelung in Abhängigkeit von den Mehrheitsverhältnissen nach der Bundestagswahl 2013.
Schlüsselwörter
Sportausschuss, Deutscher Bundestag, Anti-Doping-Gesetz, Dopingvergangenheit, Arzneimittelgesetz, Sportpolitik, Doping-Studie, Parteipolitik, Gesetzgebungsverfahren, Leistungssport, Selbstschädigung, Sportbetrug, Transparenz, Koalitionsverhandlungen, Aufarbeitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und politischen Hürden zur Einführung eines eigenständigen Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung des Sportausschusses im Deutschen Bundestag.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Im Zentrum stehen die historische Aufarbeitung von Doping in der Bundesrepublik, die rechtliche Einordnung von Dopingmitteln sowie die Dynamik parlamentarischer Entscheidungsprozesse bei sportpolitischen Themen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Kernfrage ist, ob der Sportausschuss seinen Einfluss nutzen kann, um ein neues, unabhängiges Anti-Doping-Gesetz zu ermöglichen, oder ob parteipolitische Interessen dies blockieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur, parlamentarischen Dokumenten, Gesetzentwürfen und zeitgenössischer Berichterstattung basiert.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturelle Analyse des Ausschusssystems, die historische Rekonstruktion des Doping-Hearings von 1977 und die Untersuchung der gescheiterten Gesetzesinitiativen der vergangenen Jahrzehnte.
Wie lassen sich die zentralen Schlagworte der Arbeit zusammenfassen?
Die wesentlichen Begriffe sind Sportausschuss, Doping-Gesetzgebung, politische Verantwortlichkeit, Aufarbeitung der Vergangenheit und parteipolitischer Konflikt.
Welche Rolle spielte das Hearing von 1977 für die spätere Debatte?
Das Hearing von 1977 markierte einen ersten Versuch zur Aufarbeitung der Dopingproblematik, offenbarte jedoch bereits damals ein mangelndes politisches Durchsetzungsvermögen des Sportausschusses gegenüber sportinternen Widerständen.
Warum wird im Dokument eine mögliche Bundestagswahl als entscheidender Faktor genannt?
Der Autor argumentiert, dass eine gesetzliche Neuregelung aufgrund des Widerstands bestimmter Koalitionspartner gegen ein striktes Anti-Doping-Gesetz erst nach einer Neuordnung der Regierungsmehrheiten realistisch erscheint.
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- Fabian Herbst (Author), 2013, Reaktionen in der Politik auf den Dopingskandal 2013. Der Sportausschuss im Deutschen Bundestag und seine Möglichkeiten für ein neues Anti-Doping-Gesetz in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303080