Gibt es einen Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum?

Eine Untersuchung am Beispiel der besonderen Ausgleichsregelungen des EEG


Bachelorarbeit, 2014
52 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum?
2.1 Wachstum
2.1.1 Das Bruttoinlandsprodukt als Maßeinheit für das Wachstum
2.1.2 Das BIP pro Kopf als Wohlstandsindikator
2.2 Umweltschutz
2.2.1 Umweltschutz als wirtschaftspolitisches Ziel
2.2.2 Maßeinheit für den Umweltschutz?
2.3 Ist eine höhere Umweltqualität bei gleichzeitigem Wachstum möglich?
2.3.1 Umwelt als Ressource
2.3.2 Das selektive Wachstum

3 Das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien
3.1 Geschichtliche Einordnung
3.1.1 Der Weg zum EEG (1973-2000)
3.1.2 Reformen des EEG (2000-2014)
3.2 Funktionsweise
3.2.1 Grundsätzliche Regelungen
3.2.2 Die EEG-Umlage
3.3 Das EEG und der „Strompreis“
3.3.1 Der Merit-Order-Effekt
3.3.2 Einfluss des Börsenstrompreises auf die EEG-Umlage
3.3.3 Gewinner und Verlierer des niedrigen Börsenstrompreises
4 Besondere Ausgleichsregelungen für stromintensive Unternehmen 26
4.1 Zweck der besonderen Ausgleichsregelungen 26
4.2 Welche Unternehmen gelten als stromintensiv im Sinne des EEG? 27
4.2.1 Alte Fassung des EEG
4.2.2 Neue Fassung des EEG
4.3 Höhe der Begünstigung durch die Begrenzung der EEG-Umlage 30
4.3.1 Alte Fassung des EEG
4.3.2 Neue Fassung des EEG
4.4 Tatsächliche Wirkung der Rabatte auf die EEG-Umlage 32
4.5 Anreizwirkung der Rabatte

5 Einfluss der BesAR auf Wachstum und Umwelt

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Gesetze und Rechtsverordnungen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Umwelt-Kuznets-Kurve

Abbildung 2: Zusammenhang von BIP pro Kopf und Rauchverschmutzung in Städten .

Abbildung 3: Durchschnittliche EEG-Vergütungsssätze

Abbildung 4: Das EEG-Umlagekonto

Abbildung 5: Der Merit-Order-Effekt

Abbildung 6: Begünstigte Unternehmen und begünstigte Strommenge im Zeitablauf

Abbildung 7: Stromverbrauch der Industriebetriebe

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Gibt es einen Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum? Diese Frage beschäftigt die Wirtschaftswissenschaftler seit nunmehr fast 45 Jahren. Aus ihr sind zahlreiche umweltökonomische Überlegungen hervorgegangen, wie die Theorie der Umwelt-Kuznets-Kurve oder die um 1970 entworfene IPAT Gleichung, die unter anderem einen direkten mathematischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltqualität unterstellt. Diese ökonomischen Überlegungen wurden dann mit dem aufkommenden Konzept der nachhaltigen Volkswirtschaft in den 70er Jahren zunehmend auch politisch relevant. Wie ist es einer Volkswirtschaft möglich, zu wachsen, ohne dabei stärker die Umwelt zu belasten? Muss eine Volkswirtschaft wachsen oder verliert Wachstum ab einem bestimmten Zeitpunkt seine Relevanz? Wie ist es möglich, eine auf lange Sicht von fossilen Energieträgern unabhängige Energieversorgung zu sichern? All dies sind Fragen, die auch im Jahr 2014 noch nicht hinreichend beantwortet sind. Insbesondere die letztere Problematik sollte in Deutschland durch die Einführung des Gesetzes für den Vorrang erneuerbarer Energien (EEG) gelöst werden. Mit dieser politischen Maßnahme soll, kurzgefasst, der Bau von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien angekurbelt und die Produktion von Strom aus solchen Anlagen attraktiv für die Betreiber gemacht werden. Finanziert wird diese Förderung durch die Endverbraucher von Strom. Einige dieser Endverbraucher werden jedoch über die sogenannten besonderen Ausgleichsregelungen (BesAR) teilweise von ihrem Finanzierungsanteil entlastet.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob und wie sich diese BesAR des EEG auf Wachstum und Umwelt auswirken. Dabei werden volkswirtschaftliche Grundkenntnisse vorausgesetzt.

Der Hauptteil dieser Arbeit ist thematisch in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil (Kapitel 2) wird dem Leser zunächst das nötige Basiswissen über die beiden volkswirtschaftlichen Größen Umwelt und Wachstum separat vermittelt. Am Ende des Kapitels erfolgt dann eine ganzheitliche Betrachtung. Dabei wird insbesondere auf die Frage eingegangen, ob und unter welchen Umständen eine bessere Umweltqualität mit steigendem Wachstum einhergeht. Im Abschnitt 2 (Kapitel 3 und 4) erfolgt dann die Überleitung zum EEG und den BesAR. Nach einer kurzen Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung des EEG werden wiederum zum Verständnis erforderliche

Grundlagen erläutert, indem einzelne essentielle Komponenten wie die EEG-Umlage und der Zusammenhang zwischen dem „Strompreis“ und dem EEG erläutert werden. Diese sind Voraussetzung für das Verständnis der BesAR, die in Kapitel 4 intensiv behandelt werden. Neben der grundsätzlichen Funktion wird auch auf wesentliche Änderungen der BesAR eingegangen, die sich aufgrund einer aktuellen Novellierung des EEG ergeben haben. Im Abschnitt 3 (Kapitel 5) wird dann wieder vom speziellen Sachverhalt (EEG und BesAR) zur ganzheitlichen Betrachtungsweise von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum übergeleitet. Dort soll die im Titel formulierte Fragestellung mit dem erworbenen Wissen aufgegriffen und beantwortet werden.

2 Ein Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum?

Um den Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum zu verstehen, sollen die beiden Begriffe zunächst in einem wirtschaftspolitischen Zusammenhang erläutert werden.

2.1 Wachstum

Das angemessene und stetige Wachstum ist ein grundlegendes wirtschaftspolitisches Ziel einer jeden modernen Volkswirtschaft. Es bildet in Deutschland, zusammen mit den Zielen des hohen Beschäftigungsgrades, des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts und der Stabilität des Preisniveaus das sogenannte „magische Viereck“ der Wirtschaftspolitik, das seit 1967 im Stabilitätsgesetz verankert ist.1 Es scheint auf den ersten Blick unpassend, in der Politik von magisch zu reden. Der Begriff ist aber durchaus treffend gewählt. Denn alle vier wirtschaftspolitischen Ziele korrelieren miteinander auf unterschiedliche Art und Weise. So bedeutet beispielsweise ein starkes Wirtschaftswachstum meist auch eine Verringerung der Arbeitslosenquote. Dieser Zusammenhang zwischen Produktion und Arbeitslosigkeit wurde erstmals von dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Arthur Melvin Okun beschrieben2. Seine Entdeckung basiert auf einer empirischen Untersuchung, die er in den USA im Zeitraum von 1954 bis 1962 durchführte.3 Er konnte anhand einer Regressionsgeraden nachweisen, dass die Arbeitslosenquote immer dann gesunken bzw. gestiegen ist, wenn

das Produktionsniveau, gemessen am realen BIP, einen bestimmten Schwellenwert über- bzw. unterschritt. Dieser Schwellenwert wird als natürliche Produktion einer Volkswirtschaft bezeichnet.

Mathematisch drückt sich dieser Zusammenhang in folgender Formel aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ut ist die Arbeitslosenquote der aktuellen Periode und щ_г bezeichnet die Arbeitslosenquote der vorangegangenen Periode. ß ist die Steigung der Regressionsgeraden.

gyt ist die prozentuale Veränderung des BIP im Vergleich zum Vorjahr.

gy ist der Schnittpunkt der Regressionsgeraden mit der x-Achse und somit das natürliche Produktionsniveau.

Der Koeffizient ß ist stets negativ und gibt an, wie stark sich der Effekt eines Produktionswachstums über dem normalen Wachstum auf die Arbeitslosenquote auswirkt.4 Ist also die prozentuale Veränderung des BIP (gyt ) größer als die natürliche Wachstumsrate der Produktion (gy ), so muss die Arbeitslosenquote der betrachteten Periode sinken. Umgekehrt gilt: Wenn gyt kleiner als gy ist, dann muss die Arbeitslosenquote der betrachteten Periode gestiegen sein. Die Arbeitslosenquote sinkt und steigt jedoch nicht im gleichen Maße, wie die Wachstumsrate einer Periode über oder unter dem natürlichen Niveau liegt. Vielmehr ist der Effekt stets geringer, weshalb die rechte Seite der Gleichung noch mit dem Koeffizienten ß multipliziert wird. Eine verbesserte Beschäftigung führt allerdings aufgrund der gestiegenen Kaufkraft zur Verringerung der Preisniveaustabilität.5 Magisch sind die Zielsetzungen also insofern, als dass es unmöglich ist, sie alle gleichzeitig zu verbessern. Zwischen ihnen soll lediglich ein angemessenes Gleichgewicht herrschen.

2.1.1 Das Bruttoinlandsprodukt als Maßeinheit für das Wachstum Allgemeiner Indikator für das Wachstum ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bzw. das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Das BIP kann mithilfe drei verschiedener Methoden berechnet werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten6 7

Die sich so ergebende Größe wird als nominales BIP bezeichnet. Bereinigt man diese Größe um die Preissteigerung aller Güter, so erhält man das reale BIP. Wenn eine Volkswirtschaft Zielkorridore für das Wachstum ausgibt, so sind diese immer auf das reale BIP bezogen. Eine Steigerung des BIP bedeutet, dass die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr gewachsen ist und ihr folglich mehr Einkommen zur Verfügung steht. Dies ist in der traditionellen Wachstumstheorie nur möglich, wenn entweder mehr Arbeit oder Kapital eingesetzt wird oder sich der Stand der Technik so verbessert, dass im Vergleich zum Vorjahr bei gleichbleibendem Input mehr Output produziert werden kann.8 Das ausgegebene Wachstumsziel der Bundesrepublik Deutschland liegt aktuell bei einer Steigerung des BIP von 3-4% pro Jahr.

2.1.2 Das BIP pro Kopf als Wohlstandsindikator

Die Eignung des BIP als Wachstumsindikator ist unumstritten. Dividiert man das BIP einer Volkswirtschaft durch die Bevölkerungszahl dieser Volkswirtschaft, so ergibt sich das BIP pro Kopf, welches oftmals als Indikator für den Wohlstand oder die Lebensqualität eingesetzt wird. Das BIP pro Kopf als eine Art arithmetisches Mittel des BIP eignet sich hierfür aber nur sehr bedingt, wie sich durch eine einfache statistische Überlegung erklären lässt. Das BIP pro Kopf sagt nichts über die tatsächliche Verteilung innerhalb der Grundgesamtheit (Volkswirtschaft) aus. So ist es gut möglich, dass 90% des BIP einer Volkswirtschaft durch 5% der Bevölkerung erwirtschaftet werden. Da Wohlstand niemals gleichverteilt ist, kann man mithilfe des BIP pro Kopf keine Aussagen über das Einkommen eines Einzelnen machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Umwelt-Kuznets-Kurve

Quelle: Schubert/Dietz (2001), S. 11.

Ein weiterer Grund, weshalb das BIP pro Kopf als Wohlstandsindikator weniger geeignet ist, ist dass mit steigendem materiellen Wohlstand immaterielle Werte immer wichtiger werden. Dies lässt sich anhand einer Theorie aus der Umweltökonomie belegen. Die sogenannte Umwelt-Kuznets-Kurve, wie sie in Abb. 1 dargestellt ist, besagt, dass die Umweltverschmutzung (E) einer Volkswirtschaft mit dem Wachstum des BIP pro Kopf (y) zunächst zunimmt und ab einem bestimmten Punkt, der nicht genau definiert werden kann, wieder abnimmt, obwohl das BIP pro Kopf weiter ansteigt. Die Kurve hat also die Form einer nach unten geöffneten Parabel, weshalb sie auch ihren Namen von der gleichartig verlaufenden Kuznets-Kurve, die den Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Pro-Kopf-Einkommen darstellt, erhalten hat.9 Da die Umwelt-Kuznets-Kurve jedoch keinen begrenzenden Zeithorizont definiert und sich auch nicht auf eine greifbare Größe bezieht, ist sie nicht gänzlich zu beweisen und bleibt daher eine Theorie. Es wurden jedoch bei der Analyse der Beziehung einzelner Umweltbelastungen zum BIP pro Kopf über längere Zeiträume in mehreren Ländern ähnliche, umgekehrt u-förmige Kurvenverläufe festgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammenhang von BIP pro Kopf und Rauchverschmutzung in Städten

Quelle: Grossmann/Krueger (1995), S. 363.

Abb. 2 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen der Rauchbelastung in Städten und dem BIP pro Kopf über einen Zeitraum von 11 Jahren. Hier wird offenkundig, dass die mittlere Umweltbelastung, gemessen in Millionstel Gramm pro cm (ug/cm), zunächst mit steigendem BIP pro Kopf zunimmt und dann ab einer Belastung von ca. 100 ug/cm bei einem BIP pro Kopf von $6000 wieder fällt.10 Erklärt wird dieser Zusammenhang unter anderem mit der natürlichen Verschiebung der Präferenzen innerhalb einer Volkswirtschaft. Während am Anfang die Steigerung des eigenen materiellen

Wohlstands im Vordergrund steht, bestimmen ab einem gewissen Wohlstandsniveau zunehmend immaterielle Werte den Wohlstand,11 wie z.B. eine umweltbewusstere Lebensweise durch den Kauf regional produzierter Güter. Die Annahmen, die der Umwelt-Kuznets-Kurve zugrunde liegen, werden beispielweise durch die Entwicklung von Wachstum und Emissionen in den Schwellenländern gestützt. Hier liegt der Fokus auf materiellem wirtschaftlichen Wachstum auf Kosten der Umweltqualität. Es sind also gerade die immateriellen Präferenzen einer fortschrittlichen Volkswirtschaft, die zu einer Abnahme der Umweltverschmutzung führen, welche nicht durch das BIP pro Kopf ausgedrückt werden können, obwohl sie erheblich zum Wohlstand einer Volkswirtschaft beitragen. Ähnlich verhält es sich mit weiteren immateriellen Werten, wie Bildungsstand und dem Gesundheitssystem, dessen Vorzüge höchstens indirekt über ihren materiellen Beitrag zum BIP ausgedrückt werden.

2.2 Umweltschutz

Der Begriff des Umweltschutzes leitet sich im politischen Sinne aus den Zielen der Umweltpolitik durch die Bundesregierung ab. Diese werden definiert als Gesamtheit aller Maßnahmen, „die den Zustand der Umwelt so erhalten und verbessern, da[ss]

- bestehende Umweltschäden vermindert und beseitigt werden,
- Schäden für Menschen und Umwelt abgewehrt werden,
- Risiken für Menschen, Tiere und Pflanzen, Natur und Landschaft, Umweltmedien (Luft, Wasser, Boden) und Sachgüter minimiert werden.“12

Eine sehr bedeutende Maßnahme der Umweltpolitik ist die Erkennung und Bepreisung von umweltschädlichen externen Effekten, die von den verschmutzenden Wirtschaftssubjekten bei ihrer ökonomischen Aktivität nicht einkalkuliert werden. Externe Effekte treten üblicherweise bei öffentlichen Gütern auf, von deren Nutzung aufgrund von mangelnden Eigentumsrechten niemand ausgeschlossen werden kann. Des Weiteren sind öffentliche Güter durch einen Mangel an Rivalität gekennzeichnet, was bedeutet, dass sie von allen Nutzern gleichzeitig konsumiert werden können, ohne dass das Gut unter ihnen aufgeteilt werden muss. Negative externe Effekte führen folglich zu einer ineffizienten Allokation dieser öffentlichen Güter und somit zu einem Marktversagen.13 Dieses soll durch Umwälzung der Verschmutzungskosten auf den Verursacher (Verursacherprinzip) durch den Staat behoben werden.

2.2.1 Umweltschutz als wirtschaftspolitisches Ziel

Der Umweltschutz stellt, im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum, kein gesetzlich kodifiziertes wirtschaftspolitisches Ziel dar. Er wird aber, unter anderem aufgrund der in Kapitel 2.1.1 erläuterten geschichtlichen Umstände und der Aufnahme ins Grundgesetz (Art. 20a) im Jahre 1996, mittlerweile als solches angesehen. Das könnte auch mit der eben beschriebenen Annahme der Umwelt-Kuznets-Kurven-Theorie zusammenhängen. Deutschland hat den Extremwert auf seiner spezifischen Umwelt- Kuznets Kurve bereits überschritten, zumindest bezogen auf CO2 Emissionen. Diese gingen während der letzten 20 Jahre tendenziell zurück, während das BIP mit einigen Ausnahmen stetig angestiegen ist. Obgleich der Umweltschutz mittlerweile den inoffiziellen Rang eines wirtschaftspolitischen Ziels in Deutschland innehat, scheint es, als ob trotz der erwiesenen weltweiten Problematik der globalen Erwärmung und ihrer möglichen Auswirkungen umweltpolitische Themen stellenweise immer noch nicht ernst genug genommen werden.

2.2.2 Maßeinheit für den Umweltschutz?

Ein Hauptgrund, warum umweltpolitischen Themen oftmals nicht die notwendige Beachtung zukommt, soll in diesem Kapitel aufgezeigt werden. Durch die alleinige Betrachtung der oben beschriebenen Auflistung der Ziele der Umweltpolitik wird klar, dass Umweltschutz im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum nicht über einen bestimmten Indikator zusammengefasst werden kann, da Umweltschutz nicht wie das BIP in Raten wächst oder sinkt. Doch gerade diese Quantifizierbarkeit des Umweltschutzes ist eine der wesentlichen Problematiken in der Umweltökonomie, die hier weiter vertieft werden soll.

Vereinfacht betrachtet lässt sich Umweltschutz in zwei unterschiedliche Größen einteilen:

1. Kosten der Vermeidung bzw. Beseitigung von Umweltschäden und
2. Höhe des monetären Nutzens von verbesserter Umweltqualität.14

Während die Kosten der Vermeidung relativ zuverlässig über die jeweiligen Investitionsausgaben oder Abgaben berechnet werden können, ist dies bei der Höhe des monetären Nutzens nicht der Fall. Dieser Nutzen fällt nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt an und ist auch meistens nicht direkt beobachtbar. Beispielsweise hat eine Verringerung der Treibhausgasemissionen für den Menschen keinen direkt beobachtbaren Nutzen. Die Kosten für die Verringerung der Emissionen sind jedoch durchaus quantifizierbar. Diese Asymmetrie ist einer der Gründe, weshalb umweltökonomische Argumentationen sowohl in Betrieben als auch auf volkswirtschaftlicher Ebene schwer durchzusetzen sind.

2.3 Ist eine höhere Umweltqualität bei gleichzeitigem Wachstum möglich?

Diese Frage ist seit den Anfängen der modernen Umweltökonomie vor über 45 Jahren auf unterschiedlichste Art und Weise bejaht und verneint worden.15 Ein sicherlich bedeutender Meilenstein für die Relevanz dieser Fragestellung war der Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972, der mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ den Gedanken der nachhaltigen Entwicklung und somit auch den des Umweltschutzes in einen wachstumstheoretischen Kontext einordnete. Die bekannteste Definition des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung wurde 1987 im sogenannten Brundtland Report16 formuliert. „Eine nachhaltige Entwicklung befriedigt die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft, ohne dabei jene der zukünftigen Generationen einzuschränken.“17 Um diese Bedingungen zu erfüllen, wird ein Ausgleich der drei Maximen der ökologischen Verträglichkeit, der Wirtschaftlichkeit und des sozialen Handelns angestrebt. Bezogen auf die Thematik von Umwelt und Wachstum bedeutet das, dass der Wohlstand der jetzigen Generation mindestens auch für die zukünftigen Generationen gesichert sein muss, ohne dabei eine Veränderung des ökologischen Niveaus (Umweltqualität) zu verursachen. Nach diesem Konzept besteht eine Wechselwirkung zwischen den beiden Größen Umwelt und Wachstum, obgleich diese nicht quantifiziert wird. Langfristig muss es folglich eine Möglichkeit geben, das BIP einer Volkswirtschaft zumindest auf einem konstanten Niveau zu halten, ohne dabei Einbußen der Umweltqualität in Kauf zu nehmen. Dabei stehen sich Umweltschutz und „Wohlstand“, gemessen am BIP pro Kopf, als gleichberechtigte Ziele gegenüber.18

2.3.1 Umwelt als Ressource

Möchte man das Verhältnis von Umwelt und Wachstum in seinen Grundzügen verstehen, so ist es notwendig, den Faktor Umwelt in einer klassischen Wachstumstheorie zu berücksichtigen und ihn auf eine Größe zu beschränken. Nach der klassischen Wachstumstheorie ergibt sich die aggregierte Produktion (Y) als Funktion aus den beiden Faktoren Arbeit (N) und Kapital (K). Integriert man nun den Faktor Umwelt als den Verbrauch von natürlichen Ressourcen19 (R) in die aggregierte Produktionsfunktion, dann folgt daraus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ob die Integration des Verbrauchs natürlicher Ressourcen in das klassische Wachstumsmodell funktioniert, hängt ganz davon ab, ob sie (insbesondere solche, die als externe Effekte klassifiziert werden können) zu angemessenen Kosten berechnet wurden.20 Die Funktion F wird dabei vom technischen Wissen der Volkswirtschaft bestimmt. Eine technisch hoch entwickelte Volkswirtschaft wird bei gleichem Input (K,N,R) einen höheren Output (Y) produzieren als eine technisch weniger entwickelte Volkswirtschaft.21 Durch die Reduktion des Faktors Umwelt auf den Verbrauch natürlicher Ressourcen ist es außerdem möglich, mathematische Bedingungen herzuleiten, unter denen die Umweltqualität auf einem konstanten Niveau verbleibt. Diese Bedingungen basieren auf der sogenannten IPAT Gleichung, die erstmals 1970 von Paul R. Ehrlich und John Holdren in einer Debatte über die Einflussfaktoren der Umwelt formuliert wurde.22 Die Gleichung unterstellt, neben der Bevölkerung (p) und der Technologie (T), das BIP pro Kopf (y)23 als eine der drei Einflussfaktoren auf die Umweltqualität (I), weshalb das Modell geeignet ist, die zentrale Fragestellung dieser Ausarbeitung zu behandeln. Die folgende Überlegung ist eine Weiterentwicklung der IPAT Gleichung von David Pearce.24 Wie in der klassischen IPAT Gleichung haben drei Faktoren einen Einfluss darauf, ob die Umweltqualität (I) steigt oder sinkt: die Bevölkerung (p), das BIP pro Kopf (y) und das Verhältnis vom Ressourcenverbrauch zum BIP (t), welches hier die Variable der Technologie ersetzt. So ergibt sich die folgende Gleichung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Wicke, L. (1993), S. 463.

2 Die Ergebnisse seiner Untersuchung wurden unter dem Namen des Okunschen Gesetzes bekannt. Es handelt sich aber weniger um ein Gesetz als um eine empirisch beobachtete Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenquote in einem bestimmten Land.

3 Vgl. Nienhaus, A. (2014), o.S.

4 Vgl. Blanchard, O./Illing, G. (2009), S. 287.

5 Dieser Zusammenhang wird in der Makroökonomie durch die Philippskurve beschrieben. Siehe dazu: Blanchard, O./Illing, G. (2009), S. 253.

6 Vgl. Blanchard, O./Illing, G. (2009), S. 51f.

7 Vgl. Statistisches Bundesamt (2008), S. 621.

8 Vgl. Martin, P./Iten, R. (2008), S. 24.

ansteigt. Die Kurve hat also die Form einer nach unten geöffneten Parabel, weshalb sie

9 Vgl. Rogall, H. (2012), S. 337.

10 Vgl. Grossmann, M. G./Krueger, B. A. (1995), S. 366.

11 Vgl. Dinda, S. (2004), S. 435.

12 Deutscher Bundestag (1990), S. 1.

13 Vgl. Martin, P./Iten, R. (2008), S. 32.

14 Vgl. Wicke, L. (1993), S. 60.

15 Eine dieser Erkentnisse war beispielsweise die Theorie der Umwelt-Kuznets-Kurve.

16 Die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland war die damalige Vorsitzende der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung und somit Namensgeberin für den Bericht.

17 World Commission on Environment and Development (1987), o.S.

18 Darüber, ob diese Ziele wirklich gleichberechtigt sind, lässt sich bekanntermaßen streiten.

Umweltökonomen vertreten die Meinung, die Umwelt müsse eindeutig Priorität haben, da ohne sie Wachstum überhaupt nicht möglich sei.

19 Natürliche Ressourcen sind alle erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energiequellen.

20 Vgl. Martin, P./Iten, R. (2008), S. 30.

21 Vgl. Blanchard, O./Illing, G. (2009), S. 324f.

22 Vgl. Chertow, R. M. (2001), S. 1.

23 Damit nicht mehrere Symbole die gleiche Bedeutung erhalten, wird hier für A (Affluence) der Buchstabe y verwendet.

24 Vgl. Pearce, D. (2002), S. 4.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Gibt es einen Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum?
Untertitel
Eine Untersuchung am Beispiel der besonderen Ausgleichsregelungen des EEG
Hochschule
Hochschule Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
52
Katalognummer
V303137
ISBN (eBook)
9783668015920
ISBN (Buch)
9783668015937
Dateigröße
2258 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gibt, trade-off, umweltschutz, wirtschaftswachstum, eine, untersuchung, beispiel, ausgleichsregelungen
Arbeit zitieren
Julian Beier (Autor), 2014, Gibt es einen Trade-Off zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303137

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