Der Klimawandel. Ein Sicherheitsproblem des 21. Jahrhunderts?


Bachelorarbeit, 2014
46 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Methode

2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand
2.1 Human Security
2.2 Kritik der Versicherheitlichung der Umweltpolitik

3 Umweltschädigung und Umweltdegradierung in Bangladesch
3.1 Arbeiten um Thomas Homer-Dixon und Günther Bächler
3.2 Fiktives Konfrontationsszenario des WBGU
3.3 Die gegenwärtige Entwicklung in Bangladesch
3.4 Anpassungsfähigkeit
3.4.1 Natürliche Ressourcen
3.4.2 Entwicklungsstand
3.4.3 Politische Rahmenbedingungen

4 Ergebnisinterpretation

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Hypothese: Der Klimawandel bedroht die menschliche Sicherheit und führt gegebenenfalls zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten.

1 Einleitung

„Die von den Meteorologen seit Mitte der 1980er Jahre prognostizierten Klimakatastrophen, die Nord und Süd, Arm und Reich, Frauen und Männer gleichermaßen treffen, wenn die Menschheit dem anthropogen verursachten Treibhauseffekt keinen Einhalt gebietet, erfordern eine neue internationale Ordnung im 21. Jahrhundert, die an die ideengeschichtlichen Traditionen von Kant und Grotius anknüpft und das Überleben der Menschheit ins Zentrum stellt“ (Dr. Hans Günter Brauch 1996: 317).

Immer eindringlicher warnt der überwiegende Teil der Klimaforscher sowie der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change bzw. Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen)1 vor der globalen Erwärmung und ihrer fatalen Auswirkungen. Diese kann selbst durch wirkungsvolle Schritte heute nicht mehr rückgängig gemacht und ohne Gegenmaßnahmen auch nicht mehr aufgehalten werden. Ambitionierte Reduktionsziele beim Kohlendioxid-Ausstoß können demnach die Klimaveränderungen nur längerfristig einbremsen. Seit 1980 sind die Temperaturen weltweit um 0,5° C gestiegen, dieser Anstieg kann nur durch menschlichen Einfluss - insbesondere den Kohlendioxid-Ausstoß - erklärt werden. Außerdem kann ein starker Rückgang der Gebirgsgletscher beobachtet werden, zu dem in den letzten Jahren ein beschleunigtes Abschmelzen des grönländischen Eisschildes hinzukommt: Zurzeit geht hier im Jahr mehr Eis verloren, als es in den Alpen insgesamt noch gibt. Auch bei den Niederschlägen gibt es Veränderungen, die aber nicht einheitlich sind. In manchen Regionen gibt es dazu die Tendenz, dass die Gesamtniederschläge zwar nicht unbedingt zunehmen, diese aber durch heftigere Einzelereignisse und längere Trockenphasen dazwischen zustande kommen (vgl. Foelsche 2011: 29f.).

„Nicht nur Tiere und Pflanzen vertragen schnelle Umweltveränderungen schlecht - auch wir Menschen sind von den Umweltbedingungen stärker abhängig, als uns oft bewusst ist. Die letzten 12.000 Jahre waren - verglichen mit den Jahrhunderttausenden davor - eine Zeit besonders stabilen Klimas. Und genau in dieser Zeit haben sich unsere Zivilisation und unsere Landwirtschaft entwickelt. Wir leben dort und wir bauen dort die landwirtschaftlichen Produkte an, wo die derzeit herrschenden klimatischen Bedingungen passend sind“ (Foelsche 2011: 27). Die schädlichen Konsequenzen des Klimawandels werden wir später spüren als in vielen anderen Regionen, aber in einer globalisierten Welt werden wir auch von den Schäden in anderen Regionen betroffen sein. Diese in einem erträglichen Rahmen zu halten, muss daher ein gemeinsames Ziel der Weltgemeinschaft sein. Daher müssen die Treibhausgas-Emissionen deutlich reduziert werden und wir müssen uns gleichzeitig an den Teil des Klimawandels anpassen, den wir nicht mehr aufhalten können (vgl. ebd.: 30).

Die Weltentwicklungskommission machte im Brundtland-Bericht von 19872 als erste internationale Institution explizit auf den Zusammenhang von Umweltzerstörung und Konflikt aufmerksam. Seitdem haben zahlreiche internationale Organisationen und nationale Regierungen dieses Thema in vielfältiger Weise aufgegriffen, unter anderem im Rahmen der North Antlantic Treaty Organization (NATO), der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sowie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) (vgl. Carius/Lietzmann 1998: 1).

Die wichtigsten internationalen Verhandlungen zum Thema Klimawandel finden auf Grundlage der 1992 verabschiedeten Klimarahmenkonvention3 der Vereinten Nationen statt: „Das Endziel dieses Übereinkommens und aller damit zusammenhängenden Rechtsinstrumente, welche die Konferenz der Vertragsparteien beschließt, ist es, in Übereinstimmung mit den einschlägigen Bestimmungen des Übereinkommens die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird. Ein solches Niveau sollte innerhalb eines Zeitraums erreicht werden, der ausreicht, damit sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können, die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird und die wirtschaftliche Entwicklung auf nachhaltige Weise fortgeführt werden kann“ (WCED Artikel 2).

Die UN-Klimakonferenzen, auf denen die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention versammelt sind, waren 2009 in Kopenhagen sowie ein Jahr später in Cancún erfolglos zu Ende gegangen. Die Staatengemeinschaft konnte sich nicht auf eine Nachfolgeregelung für das 1997 verabschiedete und 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll4 und somit auf konkrete Klimaschutzziele, die von Land zu Land unterschiedlich ausfallen würden, einigen (vgl. Marchl 2011: 7 f.). Es finden sich auch nach Durban 2011 keine Anzeichen dafür, dass die globalen Emissionen sinken werden - von heute 50 Milliarden Tonnen pro Jahr auf 44 Milliarden Tonnen. Erst nach Doha 2012 wird beschlossen, dass das Kyoto-Protokoll fortgesetzt werden soll: das neue Klimaabkommen wird nach einem klaren Fahrplan verhandelt, welcher bis 2015 abgeschlossen sein soll. Die nächste UN- Klimakonferenz wird vom 01. bis 12.Dezember 2014 in Lima stattfinden. 2020 soll schließlich ein verbindlicher Weltklimavertrag für alle Länder vereinbart werden (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit)5. In den kommenden Jahren liegt die Herausforderung in der Ausgestaltung der Anpassungsstrategien an den Klimawandel.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen diskutierte erstmals im April 2007 den Klimawandel als Frage des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit und im Juni 2009 nahm die Vollversammlung schließlich eine Resolution an, in welcher der Generalsekretär aufgefordert wurde, einen Bericht zum Klimawandel und der internationalen Sicherheit vorzulegen (vgl. Brauch 2012: 105). Das Jahr 2007 war somit schließlich der Wendepunkt, mit dem in den Vereinten Nationen, von Seiten der Europäischen Union, der NATO und der OSZE die Versicherheitlichung6 des Klimawandels als Frage der internationalen, der nationalen und der menschlichen Sicherheit einsetzte (vgl. ebd.). Die bislang umfassendste Untersuchung zum Sicherheitsrisiko Klimawandel wurde vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, ebenfalls im Jahr 2007, erstellt: Der Klimawandel wird nun also als eine neue sicherheitspolitische Herausforderung (WBGU 2007: 1) geahndet: ohne entschiedenes Gegensteuern wird dieser bereits in den kommenden Jahrzehnten die Anpassungsfähigkeit vieler Gesellschaften überfordern, woraus Gewalt und Destabilisierung entstehen, welche die nationale und internationale Sicherheit in einem erheblichen Ausmaß bedrohen. Der Klimawandel wird zunehmend Spaltungs- und Konfliktlinien in der internationalen Politik hervorrufen, da er vielfältige Verteilungskonflikte in und zwischen Ländern auslöst: um Wasser, um Land, um die Bewältigung von Flüchtlingsbewegungen oder um Kompensationszahlungen zwischen den wesentlichen Verursachern des Klimawandels und den Ländern, die vor allem von dessen destruktiven Wirkungen betroffen sein werden. Die globale Temperaturerhöhung wird die Existenzgrundlage vieler Menschen insbesondere in den Entwicklungsregionen gefährden, die Anfälligkeit für Armut und soziale Verelendung erhöhen und damit auch die menschliche Sicherheit bedrohen (vgl. WBGU 2007: 1). Vor allem schwache und fragile Staaten mit leistungsschwachen Institutionen und Regierungssystemen werden die Anpassungsfähigkeiten an sich veränderte Umweltbedingungen überfordern und damit wird der bereits bestehende Trend allgemeiner Unsicherheit in vielen Gesellschaften und Regionen verstärkt werden. Auch wenn die reichen Industrienationen vom Klimawandel keinesfalls verschont werden, sind hier die ökonomischen und institutionellen Voraussetzungen für Problembewältigung und Konfliktmanagement deutlich besser. Entwicklungsländer, die stärker von Ökosystem- Dienstleistungen und Landwirtschaft abhängen, sind verwundbarer gegen Klimastress als Industrieländer, welche zudem über mehr Ressourcen verfügen, um sich zu schützen. Je stärker die Folgen des Klimawandels sind und je größer die betroffene Region, desto schwieriger wird es für Gesellschaften, die Konsequenzen zu absorbieren (vgl. Scheffran 2011: 30 f.). Hier wird laut Harald Welzer ein historisch neues, globales Ungerechtigkeitsphänomen erkennbar; die bestehenden globalen Asymmetrien und Ungleichheiten in den Lebenschancen werden durch den Klimawandel vertieft. Diese globale Ungleichverteilung der sozialen und ökonomischen Folgen der Klimaerwärmung und die damit einhergehende Ungerechtigkeit in geographischer und generationeller Hinsicht, birgt mittelfristig gravierende Konfliktpotenziale (vgl. Welzer 2008: 56 f.).

Auf globaler Ebene scheint also zumindest ein Grundkonsens darüber zu bestehen, dass der Klimawandel äußerst negative Folgen haben wird und eine Bedrohung der Stabilität und internationalen Sicherheit darstellen kann. Damit erscheinen sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon zu erschöpfen: Die Unterschiede bestehen hinsichtlich der drei folgenden Standpunkte: a) die etablierten Industriestaaten, die zwar zu Reduktionen bei den Schadstoffemissionen bereit sind, aber aus wirtschaftlichen Interessen weit hinter den Erfordernissen und einer positiven Beispielwirkung zurückbleiben; b) die Schwellenländer, allen voran China und Indien, die zuerst einmal ihre wirtschaftliche Position und Wettbewerbsfähigkeit verbessern wollen, Einschränkungen daher reserviert bis ablehnend gegenüberstehen und primär die Industriestaaten im Zugzwang sehen, sowie c) die Entwicklungsländer, die in hohem Maße zu Leidtragenden der klimatischen Veränderungen werden, aber infolge fehlender Industrie nicht als Verursacher gelten können und daher auf diese große Ungerechtigkeit verweisen (vgl. Feichtinger 2011: 41).

Der bevorstehende Klimawandel drückt sich bereits auch im politischen Bereich aus: Extreme Wetterereignisse und sich wandelnde Wettermuster bewirken zunehmend humanitäre Krisen und Bürgerkriege. Die Vereinten Nationen geben bekannt, dass im Jahr 2007 alle Notrufe zu humanitärer Hilfe bis auf eine Ausnahme, klimatischer Natur gewesen sind. Steigende Meeresspiegel könnten eine der größten Belastungen darstellen: Im Jahr 2007 stellte das IPCC die Prognose, dass der Meeresspiegel im Verlauf dieses Jahrhunderts um durchschnittlich 10 bis 35 Zentimeter ansteigen könnte. Solche Anstiege werden zu massiven Umsiedlungen führen. Die 500.000 Einwohner von Bangladesch7, welche durch die Überflutung der Insel Bhola im Jahr 2005 obdachlos wurden, waren wohl die ersten Klimaflüchtlinge der modernen Zeitrechnung. In Bangladesch werden bis zum Jahr 2050 rund 22 Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben werden, Indien ist bereits dabei, einen militärisch verstärkten Grenzzaun entlang seiner 4.000 km langen Grenze zu Bangladesch zu errichten. Im Bericht der International Migration Organization werden die Umweltflüchtlinge für 2050 auf zwischen 25 Millionen und einer Milliarde Menschen geschätzt, der Schwerpunkt des Aufkommens an Klima-Migranten wird von den ärmsten Ländern der Welt gebildet, welche am wenigsten für den Ausstoß an Treibhausgasen verantwortlich sind (vgl. Parenti 2013: 15 f.).

1.1 Fragestellung

Auch wenn Klimaskeptiker oder Leugner des Klimawandels die Glaubwürdigkeit (Climategate) der Klimaforschung insgesamt in Frage stellen (vgl. Beck 2010), so bilden die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) weiterhin eine robuste, wissenschaftliche Grundlage für die internationale Klimapolitik. Der Bericht von Arbeitsgruppe II des IPCC-Reports kommt zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel Arten und Ökosysteme in allen Teilen der Welt gefährdet (vgl. Brzoska et al. 2011/2012: 7).

In meiner Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Auswirkungen die negativen Folgen des Klimawandels auf das friedliche Zusammenleben der Menschen haben können und in welcher Form (innerstaatlich, zwischenstaatlich oder global) und unter welchen Bedingungen der Klimawandel zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen kann.

Die Bedingungen dabei sind:

- Ressourcenverknappung

- Umweltdegradation

- Anpassungsfähigkeit in Abhängigkeit von politischen Rahmenbedingungen, von natürlicher Ressourcenausstattung und vom Entwicklungsstand eines Staates

„Die Frage von Krieg und Frieden hängt maßgeblich davon ab, wie Menschen und Gesellschaften auf den Klimawandel reagieren, was von der Anpassungsfähigkeit der institutionellen Strukturen ebenso abhängt wie von der gesellschaftlichen Fragilität und Stabilität. Ist eine Regierung nicht in der Lage, klimabedingte Schäden zu verhindern und wirtschaftliche Folgen zu meistern, kann dies die Unterstützung durch die Bevölkerung und damit die politische Stabilität untergraben“ (Scheffran 2011: 40).

1.2 Methode

Für meine Arbeit wähle ich die Methode der Fallstudie. Eine Fallstudie ist die Untersuchung eines Objektes: eines Landes, eines politischen Systems, einer Institution, einer Organisation oder eines Problems in einem bestimmten Zusammenhang, der Auswahl, Fragestellung und begriffliches Instrumentarium der Fallstudie begründet (vgl. Nohlen 2009: 128). Dies ist außerdem die am weitesten verbreitete Methode der politikwissenschaftlichen Forschung, da sie eine Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen qualitativer Forschung zulassen. Fallstudien können sowohl im Sinne des hermeneutischen Verstehens als auch im Sinne des kausalen Erklärens eingesetzt werden und bilden damit den methodischen Middle Ground politikwissenschaftlicher Arbeitsweisen. Daraus ergeben sich insbesondere zwei Funktionen von Fallstudien: Theorieentwicklung und Theorietest. Fallstudien mit wenigen Fällen sind an einer genauen Beschreibung und Interpretation von sozialen und politischen Phänomenen interessiert. Gesucht wird nach Regelmäßigkeiten, nach

Ähnlichem und Unterschiedlichem, um durch induktiv- qualitatives Vorgehen Kategoriesysteme, Typologien und letztlich Theorien zu entwickeln (vgl. Stykow et al. 2010: 164).

Wichtig ist es für mich, den Untersuchungszeitraum einzugrenzen, um einen strukturierten und fokussierten Vergleich zu erhalten. Das Erkenntnisinteresse liegt dabei voll und ganz auf der Frage, ob der Klimawandel eine menschliche Unsicherheit hervorruft, die menschliche Sicherheit8 sogar gefährdet und gegebenenfalls zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten führt. Ich differenziere nicht zwischen dem Klimawandel und Umweltdegradation, sondern ich gehe davon aus, dass Umweltdegradation aus ebendem entsteht. Illustrieren werde ich dies am Fall Bangladesch und den Untersuchungen von Thomas Homer-Dixon und der Bächler- Gruppe. Der Untersuchungszeitraum liegt dabei in den 1990er Jahren und der gegenwärtigen Entwicklung in Bangladesch. Diese Ergebnisse werde ich anschließend mit einem Fiktiven Konfrontationsszenario, aufgestellt vom WBGU, vergleichen. Außerdem soll die Anpassungsfähigkeit von Bangladesch untersucht werden. Diese ist unter anderem abhängig von politischen Rahmenbedingungen, natürlichen Ressourcen und Entwicklungsstand des Landes. Im Kapitel Fazit und Ausblick werden hauptsächlich Zukunftserwartungen aufgezeigt.

In meiner Arbeit stütze ich mich hauptsächlich auf Sekundärliteratur (Thomas HomarDixon, Günther Bächler, Hans Günter Brauch, Harald Welzer, Jürgen Scheffran und Michael Brzoska) sowie Weltberichte (Intergovernmental Panel on Climate Change, Wissenschaftlicher Beirat globaler Umwelt) und der Organisation NETZ Bangladesch mit Sitz in Wetzlar, Hessen9.

2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand

„Insgesamt lässt sich der bisherige Wissensstand über die Zusammenhänge zwischen massiven Umweltveränderungen und Gewaltkonflikten als unbefriedigend bezeichnen“ (Brzoska 2008: 206).

Nach Jeremy Black unterscheidet sich der Krieg im 21. Jahrhundert in seiner Form (asymmetrisch), durch veränderte Ursachen (innergesellschaftliche Destabilisierung, Staatszerfall) und Ziele (Kampf um knappe Ressourcen) sowie durch die eingesetzten Mittel (vgl. Black 2010: 265). In den Kriegstheorien und auch in historischen sowie empirisch-analytischen Arbeiten zu Kriegen der Neuzeit und zu den Neuen Kriegen seit Ende des Kalten Krieges wurden ökologische Fragen von Wissenschaftlern der Strategischen Studien und der Friedensforschung meist ignoriert. Dagegen wurden sie von Umweltexperten als ökologische Folgen von Kriegen und mit dem Fokus auf Umweltfaktoren als Ursache möglicher Konflikte behandelt (vgl. Brauch 2012: 108).

Der Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Sicherheit wurde seit Ende der 70er Jahre zunächst in Kanada und den USA untersucht. Diese Debatte, welche unter den Schlagworten Umweltsicherheit bzw. ökologische Sicherheit geführt wird, entwickelte sich seit Mitte der 80er Jahre zu einem wichtigen Thema auf der internationalen politischen Agenda. Im Rahmen neuer, nicht-militärischer sicherheitspolitischer Herausforderungen und sich damit verändernder außen- und sicherheitspolitischer Aufgaben entsprechender Institutionen und Akteure, wurde nun diskutiert. Bei der Erschließung dieses Forschungsfeldes, der Umweltkonfliktforschung, haben unterschiedliche Erkenntnisinteressen zusammengewirkt: Der traditionellen Sicherheitsforschung bot die Thematisierung von Umweltkonflikten Gelegenheit, nach dem Abflauen der nuklearen Bedrohung neue Dimensionen nationaler Sicherheit zu entwerfen. Für die Friedensforschung ging es darum, das klassische militärisch ausgerichtete und auf den Einzelstaat bezogene Sicherheitsdenken zu überwinden. Für die Entwicklungsländerforschung lag die Einbeziehung von Umweltfragen deswegen nahe, weil sie einen neuen Ansatz zur Analyse gewaltsamer Auseinandersetzungen in der Dritten Welt versprach und unter Verweis auf Umweltfragen als Konfliktfaktor alte Forderungen nach einer Neuordnung der Weltwirtschaft neu begründet werden konnten (vgl. Brock 1998: 39).

Dennoch wurde der Begriff Umweltsicherheit in der politischen Debatte und im wissenschaftlichen Diskurs zum erweiterten Sicherheitsbegriff benutzt und war erstmal nur auf Staaten bezogen. Erst mit der Einführung des Konzepts menschlicher Sicherheit im UNDP-Report von 1994 wurde auch die Umweltdimension thematisiert (vgl. Brauch 2012: 109). Die Rekonzeptualisierung von Sicherheit brachte nun eine Wende und wirkte sich auch auf bestehende Kriegstheorien aus: Bereits seit Ende des Kalten Krieges wird eine konzeptionelle Erweiterung des Sicherheitsbegriffs diskutiert und in diesem Zusammenhang haben auch mögliche Bedrohungen von Sicherheit durch Umweltveränderungen Einzug in die sicherheitspolitische Debatte gehalten. Gemeinsam ist der wissenschaftlichen und der politischen Diskussion, dass die Perzeption des Klimawandels als Sicherheitsproblem aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erfolgt: nationale Sicherheit, innerstaatliche und zwischenstaatliche Konfliktanfälligkeit, Staatszerfall, erweiterte Sicherheit und menschliche Sicherheit (vgl. Reiber/Zelli 2011: 215).

Festzuhalten bleibt, dass der Begriff der Sicherheit und die Frage, wie dieser zu konzeptionalisieren10 ist, zu den umstrittensten Gegenständen der internationalen Politik gehören. Je nach Interessenlage kann der Begriff von Sicherheitsexperten oder Politikern unterschiedlich interpretiert werden, weitgehend unstrittig ist jedoch die Erklärung von Lothar Brock (2004), wonach Sicherheit die Abwesenheit von Krieg bedeutet, ohne aber mit Frieden gleichgesetzt werden zu können (vgl. WBGU 2007: 19). In der wissenschaftlichen Diskussion zu Zusammenhängen von Klimawandel und Konflikten können vier Ansätze unterschieden werden: 1) politische Diskursanalysen; 2) empirische Kausalanalysen; 3) mögliche Konfliktkonstellationen und 4) Klimaszenarien. Außerdem lassen sich vier Grundpositionen unterscheiden: 1) die Dramatiker, welche Klimakriege vorhersagen; 2) die Skeptiker, welche das weitgehende Fehlen quantitativer Arbeiten bemängeln; 3) die Empiriker, welche eine systematische, multidisziplinäre und vergleichende Forschung fordern und 4) die Leugner, welche keinen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Konflikten sehen (vgl. Brauch 2012: 114).

Für die Herausbildung einer Konzeption der Klima- oder Umweltsicherheit sind laut Jürgen Scheffran (2011: 31f.) drei Sicherheitskonzepte besonders relevant:

1) Die gemeinsame Sicherheit zielt auf gemeinsame Antworten auf gemeinsame Bedrohungen wie den Klimawandel ab. Sicherheit kann also am besten mit anderen erreicht werden und da die globale Erwärmung grenzüberschreitend ist, bedarf es der internationalen Kooperation.
2) Die ökologische Sicherheit, hier werden die ökologischen Auswirkungen von Gewalt und Krieg thematisiert und Umweltprobleme als Sicherheitsrisiken interpretiert. Der Begriff ökologische Sicherheit ist in der zweiten Hälfte der 80er Jahre entstanden und lief darauf hinaus, den in der westlichen Literatur schon seit längerem diskutierten globalen Problemen größeres politisches Gewicht zu verleihen (vgl. Brock 1998: 40).

[...]


1 The IPCC is a scientific body under the auspices of the United Nations (UN). It reviews and assesses the most recent scientific, technical and socio-economic information produced worldwide relevant to the understanding of climate change. Weitere Informationen dazu finden sich ausführlich unter: http://www.ipcc.ch/organization/organization.shtml.

2 The whole notion of security as traditionally understood - in terms of political and military threats to national sovereignty - must be expanded to include the growing impacts of environmental stress - locally, nationally, regionally, and globally. Even if environmental stress is seldom the only cause of major conflicts within or among nations […] environmental stress can thus be an important part of the web of causality associated with any conflict and can in some cases be catalytic (WCED 1987: 19).

3 Die 1992 im Rahmen der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro ins Leben gerufene Klimarahmenkonvention (UNFCCC) ist ein internationales, multilaterales Klimaschutzabkommen (seit 1994 in Kraft). Im Rahmen dieses Abkommens haben sich die heute 195 Vertragsstaaten dem Ziel verschrieben, sowohl eine Minderung der anthropogenen Einflüsse auf das Klima als auch auf eine Verlangsamung der globalen Erwärmung und eine Milderung der Klimafolgen zu erreichen. Weitere Informationen dazu finden sich ausführlich unter: http://www.bmub.bund.de/themen/klima- energie/klimaschutz/internationale-klimapolitik/klimarahmenkonvention/.

4 Dies ist bislang das einzige völkerrechtlich verbindliche Instrument der Klimaschutzpolitik.

5 Weitere Informationen dazu finden sich ausführlich unter: http://www.bmub.bund.de/themen/klima-energie/klimaschutz/internationale- klimapolitik/klimarahmenkonvention/.

6 Siehe Kapitel 2.2 in dieser Arbeit.

7 Da in der Literatur keine einheitliche Schreibweise existiert, habe ich mich entschlossen, im Folgenden die deutsche Schreibweise Bangladesch zu verwenden und nur in Zitaten entsprechend zu ändern.

9 Diese Organisation ist erreichbar unter: http://www.bangladesch.org/.

10 Die klassischen Schulen (Realismus, Idealismus/Multilateralismus, Interdependenztheorie/Regimeforschung, transnationaler Globalismus) erweisen sich, je konkreter die Untersuchungsgegenstände werden, als nur noch bedingt hilfreich.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Der Klimawandel. Ein Sicherheitsproblem des 21. Jahrhunderts?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
46
Katalognummer
V303155
ISBN (eBook)
9783668015548
ISBN (Buch)
9783668015555
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klimawandel, sicherheitsproblem, jahrhunderts, klimwandel, sicherheit, konflikten
Arbeit zitieren
Jennifer Gregor (Autor), 2014, Der Klimawandel. Ein Sicherheitsproblem des 21. Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303155

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