Hermann Heller - ein intellektueller Vordenker aktueller Leitkulturkonzepte


Hausarbeit, 2004

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Leitkultur und Gesellschaft
2.1 Der Begriff Leitkultur
2.2 Gesellschaft und Nationalstaat
2.3 Das Konzept der Leitkultur
2.4 Die europäische Aufklärung als Grundlage einheitlicher Werte
2.5 Leitkultur in Deutschland

3. Hermann Heller und die Integration durch Kultur
3.1 Integration durch Dialog
3.2 Die nationale Kulturgemeinschaft: notweniges Mittel zur Integration

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Grundtugenden Fleiß, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein“1 antwortete der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Horst Köhler, in einem Interview des Berliner Tagesspiegels auf die Frage, was denn noch typisch deutsch sei. Über die Frage ob es überhaupt etwas typisch Deutsches gibt, eine spezifisch „deutsche Kultur“ nämlich, wurde in den letzten Jahren verstärkt diskutiert. Dabei stand meist die Integration von ausländischen Migranten in die deutsche Gesellschaft im Mittelpunkt. Der Höhepunkt dieser Diskussionen wurde nach Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Friedrich Merz im Oktober 2000 zum Zuwanderungsgesetz erreicht. Merz sprach in der Zeitung „die Welt“ von einer Orientierung an einer „deutschen Leitkultur“ und löste eine Lawine von Empörung aber auch von Zustimmung aus.

Die vorliegende Arbeit möchte zeigen, dass die Idee, Kultur als einen zentralen Aspekt zur Integration in eine Gesellschaft zu verstehen, durchaus nicht neu ist. Bereits in den Zwanziger Jahren griff der Staatsrechtler Hermann Heller diese Idee auf und formulierte sie in seinen Schriften. Selbstverständlich waren in der Weimarer Republik andere Themen zunächst wichtiger und drängender als die Integration von Ausländern, trotzdem lassen sich Prallelen ziehen. Insbesondere betrifft dies die Integration der Arbeiterschaft in die junge Republik, die für den Sozialisten Heller ein wesentlicher Punkt seiner Bemühungen war. Die These die dieser Arbeit zu Grunde liegt lautet also: Hermann Heller hat in seinen Werken bereits die Bedeutung von Kultur als Integrationsmittel erkannt und kann daher als ein Vordenker von aktuellen Leitkulturkonzepten gelten.

Bevor jedoch gezeigt wird, worin bei Heller die Bedeutung der Kultur für eine Gesellschaft besteht, soll im ersten Schritt veranschaulicht werden, was heute unter dem Konzept der Leitkultur summiert werden kann. Dabei wird versucht aus den vielen unterschiedlichen, jedoch im Kern ähnlichen, Gedanken die wesentlichen Gesichtspunkte herauszufiltern, um so ein klares Bild von Leitkultur zu bekommen. Auf die Gegenkonzepte zur Integration durch eine Leitkultur wie etwa Verfassungspatriotismus und Multikulturalismus wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter eingegangen. Sie hätten in Abgrenzung zur Leitkultur ausführlich dargestellt und erklärt werden müssen, was der Umfang dieser Arbeit nicht erlaubt hätte. Für die Fragestellung und den Vergleich von Hermann Heller mit aktuellen Leitkulturkonzepten ist dies auch nicht notwendig.

Im zweiten Schritt wird dann Hellers Begriff von Nation, Kultur und deren Integrationskraft dargelegt und mit dem vorgestellten Leitkulturkonzept verglichen.

2 Leitkultur und Gesellschaft

Um erläutern zu können, ob Hermann Heller bereits in den zwanziger Jahren in seinen Gedanken über den Staat, die Gesellschaft und deren Wechselwirkung ähnliche Vorstellungen von Integration, der Funktion von „Leitkultur“, hatte wie sie heute vorgestellt und diskutiert werden, muss in einem ersten Schritt geklärt werden, was unter den beiden zentralen Begriffen „Leitkultur“ und „Gesellschaft“ in der aktuellen Diskussion zu verstehen ist.

Im Folgenden wird dargestellt, was das Konzept der Leitkultur für eine Gesellschaft bedeutet und welche Forderungen und Folgerungen daraus entstehen, sowohl für die Gesellschaft als auch für die Einwanderer.

2.1 Der Begriff Leitkultur

Geprägt hat den Begriff Leitkultur der Göttinger Professor Bassam Tibi bereits 19962 und seitdem immer wieder als Konzept zu einer friedlichen Integration von islamischen Migranten in Europa und der Bundesrepublik vorgestellt. Bei der von Merz neu angeregten Diskussion zu diesem Begriff ging es vor allem um die Frage, unter welchen Bedingungen Ausländer als „integriert“ angesehen werden und einen deutschen Pass erhalten dürfen.

Betrachtet man Leitkultur zunächst nicht im Kontext von Integration, Werten und Kultur, so ist es lediglich ein Wort, ein Determinativkompositum, das aus einem Nomen (Kultur) und einem, dieses Hauptwort näher bestimmenden zweiten Wort (Leit-), zusammengesetzt ist. Gerade das Wort Kultur erscheint dabei als universell einsetzbar.3 Das Wort Leitkultur für sich genommen, kann also nicht Anlass der Diskussionen seien, die aufgeflammt sind. Die heftigen Reaktionen sind also nur aus dem bestimmten Kontext der Integration und dem Hintergrund einer bestimmten Gesellschaft - hier konkret der deutschen - und ihren Erfahrungen aus der Geschichte erklärbar. Und genau in diesem Sinne hat auch Tibi den Begriff eingeführt. Für ihn gibt es eine spezifische Geschichte der Europäer und genau diese Geschichte und die daraus entwickelten Errungenschaften müssen bei Einbürgerungen beachtet werden. „Leitkultur“ ist in diesem Sinn lediglich ein Prinzip, das universell auf alle Länder übertragbar ist. Bassam Tibi geht es, wenn er den Begriff Leitkultur verwendet, nicht um die Vorherrschaft einer bestimmten Kultur oder Lebensart, sondern um die Integration von islamischen Ausländern in die europäische Gesellschaft.4

Im nächsten Schritt werden nun die Grenzen abgesteckt, innerhalb derer eine Leitkultur gültig ist.

2.2 Gesellschaft und Nationalstaat

Als zweites soll nun der ebenfalls zentrale Begriff der Gesellschaft erläutert und der Frage nachgegangen werden, wie Gesellschaft im Sinne von Integration definiert ist, und welche Grenzen sie determinieren? Kurz: Wohinein soll überhaupt integriert werden?

Eine Gesellschaft ist zunächst einmal ein „Zusammenschluss von Menschen die sich zu einem bestimmten Zweck organisiert haben.“5 Unterschiedliche Merkmale sind dabei ausschlaggebend, wenn sich eine unbestimmte Anzahl von Individuen zu einer Gesellschaft zusammenschließt um einen spezifischen Zweck zu erfüllen. Ein Fußballvereinen findet sich über die gemeinsame Vorliebe des Fußballspielens zusammen, ein Chor über das gemeinsame Singen, Freundeskreise über gemeinsame Interessen. Diese Liste lässt sich sicher unendlich weiterführen. Allen diesen Zusammenschlüssen ist eine Eigenschaft gleich: die Definition über etwas Gemeinsames. In der heutigen Zeit gibt es also eine Vielzahl unterschiedlicher Zusammenschlüssen. Legt man diese Gedanken zugrunde, so kann man Gesellschaft definieren als einen „Zusammenschluss von Menschen mit Gemeinsamkeiten“. Diese Gemeinsamkeiten können auch allgemeiner sein, wie die Lage des Wohnortes oder eine gemeinsam erlebte Geschichte, die gleiche Religion oder eine gemeinsame Sprache. Je nachdem wie weit man den Begriff der Gemeinsamkeiten auslegt, desto größer oder kleiner kann eine Gesellschaft sein. Dies kann vom lokalen Verein bis zur alle Menschen umfassenden Weltgemeinschaft erfolgen. Für die Betrachtung der Frage nach gemeinsamen Werten, und damit verbunden einer „Leitkultur“, ist eine allzu weite Interpretation jedoch nicht angebracht. Daraus ergibt sich, dass Begriffe wie Nation, Gemeinschaft, Zivilisation und eben auch Gesellschaft synonym verwendet werden können. Zum besseren Verständnis bündelt diese Arbeit die genannten Begriffe und setzt sie der heutigen Auffassung von Nationalstaaten gleich.6 Dies entspricht damit einer Auffassung die geographische Gemeinsamkeiten genauso wie erlebte

Geschichte und politisches System zu Grunde legt. Eine ähnliche Definition liefert auch Heller wenn er von Gesellschaften spricht.

„So verstanden umfasst der Gesellschaftsbegriff jede durch irgendwelche bewusste oder unbewusste, organisierte oder nichtorganisierte, dauernde oder flüchtige Interesseneinheit zusammengefasste Personenvielheit.“7

2.3 Das Konzept der Leitkultur

Wie bereits geschrieben geht der Begriff der Leitkultur auf Bassam Tibi zurück. Tibi versteht sich selbst als „muslimischen Aufklärer“, als ist ein Fürsprecher weltweiter Verständigung unter den Kulturen.8

„Zivilisationen sind Gruppierungen von Lokalkulturen, die einander normativ und weltanschaulich ähneln bzw. die durch Religion verwandt sind.“9

Damit steht sein Zivilisationsbegriff in unmittelbarer Nähe zu dem geschilderten Nationalstaats- und Gesellschaftsbegriff und kann mit ihnen gleich gesetzt werden. Toleranz ist für Tibi die „wichtigste Brücke zwischen den Zivilisationen“.10 Für den interzivilisatorischen Dialog, ist diese Toleranz also der wichtigste Baustein zum Gelingen und gerade die westlichen, europäischen Demokratien haben während der Epoche der Aufklärung diese Toleranz erlernt.11 Sie stellt einen „Höhepunkt in der Geschichte der Menschheit dar“ und ist Bedingung für gegenseitige Akzeptanz und das Gelingen des Dialoges zwischen den Gesellschaften.12 Gegenseitige Akzeptanz impliziert gleichzeitig, dass man sich selbst akzeptiert. Tibi diagnostiziert heute aber, dass sich Europa in einer Sinn- und Wertkrise befindet und große Schwierigkeiten hat, zu sich selbst zu stehen, ja sogar sich selbst verleugnet. Diese Diagnose trifft auf Europa als Gesamtes und auf die einzelnen Mitgliedsstaaten im Besonderen zu.13 Diese allgemeine, europäische Selbstverleumdung gründet auf einem schlechten Gewissen dem ein Eurozentrismus vom 16. bis ins 19 Jahrhundert zu Grunde liegt.

[...]


1 Interview mit Horst Köhler in: Der Tagesspiegel Nr. 18 418. 14.03.2004. S. 8.

2 Vgl. Konrad Schuller. „Die Leitkultur als Schutz vor Intoleranz“. In: FAZ,16.10.2000. S.16.

3 Vgl. Helmut Berschin. „Ein Wort macht Karriere“. In: Die Politische Meinung Nr.374. Osnabrück 2001. S.20ff.

4 Bassam Tibi. „Europa ohne Identität?! Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“. Goldmann. München 2000.

5 Vgl. Hermann Strasser. „Gesellschaft“. in: Kleines Lexikon der Politik. Dieter Nohlen (Hg.). C.H. Beck. München. 2002. S.162.

6 Vgl. Giesela Rischer. „Nationalstaat“. in: Kleines Lexikon der Politik. Dieter Nohlen (Hg.). C.H. Beck. München. 2002. S.316f.

7 Hermann Heller. „Gesellschaft und Staat“. In: Martin Drath / Otto Stammer / Gerhart Niemeyer / Fritz Borinski (Hg). Hermann Heller Gesammelte Schriften. Bd.1-3. A.W. Sijthoff. Leiden. 1971. Bd.1. S.259.

8 Vgl. Tibi. „Europa ohne Identität?“. a.a.O. S.34ff.

9 Bassam Tibi. “Die Bildung der europäischen Werte und der Dialog zwischen den Kulturen”. In: Forum Classicum. 43. Jg. Bamberg 2000. S.223.

10 Vgl. Tibi. „Europa ohne Identität?“ a.a.O. S. 37ff.

11 Vgl. ebenda. S. 33.

12 Vgl. ebenda. S. 37.

13 Vgl. ebenda. S. 51f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Hermann Heller - ein intellektueller Vordenker aktueller Leitkulturkonzepte
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V30323
ISBN (eBook)
9783638316064
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zieht einen Verglich zwischen den Ideen des Staatsrechtslehrers Hermann Heller und der Diskussion übereine "typisch Deutsche Leitkultur".
Schlagworte
Hermann, Heller, Vordenker, Leitkulturkonzepte
Arbeit zitieren
Martin Eckhardt (Autor:in), 2004, Hermann Heller - ein intellektueller Vordenker aktueller Leitkulturkonzepte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30323

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