Handlungs- und Regelutilitarismus im Vergleich anhand von J.J. C. Smart und R. B. Brandt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Utilitarismus allgemein

Der Handlungs- und Regelutilitarismus im Vergleich
Der Handlungsutilitarismus nach J. J. C. Smart
Der Regelutilitarismus nach R. B. Brandt
Diskussion der beiden Formen des Utilitarismus

Das Problem des moralischen Sollens

Literaturverzeichnis

Der Utilitarismus allgemein

Im Bereich der Ethik kursieren seit langer Zeit eine große Anzahl verschiedener Theorien. Selbst innerhalb der Problematik des moralisch Gesollten ist die Quantität der vorhandenen Werke nahezu nicht zu überblicken. Der Utilitarismus ist eine Form der normativen Ethik aus dem 17. Jahrhundert findet sich in seinen klassischen Theorien bei J. Bentham, J. S. Mill und H. Sidgwick wieder. Diese Art beschäftigt sich mit der Frage, was der Mensch tun sollte um moralisch zu handeln[1]. Eine bekannte Zusammenfassung der Theorie liegt darin, dass das Ziel das größte Glück der größten Zahl ist[2].

Der Handlungs- und Regelutilitarismus im Vergleich

Beim Betrachten und anschließenden (moralischen) Bewerten der Konsequenzen von Handlungen gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen ist es möglich die individuelle Handlung an sich anzusehen (Handlungsutilitarismus), zum anderen kann die Handlung als in einer Klasse dargestellt werden (Regelutilitarismus.)[3]. Im Folgenden sollen die Unterschiede beider Formen dargestellt und anschließend Kritikpunkte und mögliche Vorteile diskutiert und in Zusammenhang mit dem Problem des moralischen Sollens gebracht werden.

Der Handlungsutilitarismus nach J. J. C. Smart

John Jamieson Carswell Smart (1920 – 2012) vertritt eine modernisierte Form des Utilitarismus, basierend auf den Theorien der klassischen Vertretern J. S. Mill, J. Bentham und H. Sidgwick[4]. Ihm wird nachgesagt, eine universalistische und hedonistische Position eingenommen zu haben[5]. Er ist demnach ein Befürworter einer konsequentialistischen, eudaimonischen und direkten Form des Utilitarismus[6]. Der Handlungsutilitarismus - ehemals von Smart als extremer Utilitarismus bezeichnet - betrifft nur die einzelnen, individuellen Handlungen an sich. Das Universalitätsprinzip einschließend, hat er hier die Form eines kausalen Prinzips und bezieht sich daher auf die tatsächlichen, eventuell negativen Einflüssen auf die moralische Beurteilung der Handlung[7]. Nach Smart ist der Nicht-Handlungsutilitarist getrübt durch die Tradition, den Aberglaube, sowie falschen philosophischen Argumenten[8], was dem gewöhnlichen Moralbewusstsein gleichkommt[9]. Das oberste Moralprinzip des Handlungsutilitarismus ist eine Methode zum Erkennen, welche Handlung zur Maximierung des allgemeinen Nutzens beiträgt und dadurch so viele Menschen wie möglich möglichst glücklich machen - sowohl in der Gegenwart, als auch in der Zukunft[10]. Smart definiert Glück als Balance zwischen dem Fehlen unbefriedigter und dem Vorhandensein befriedigter Bedürfnisse[11]. Für Smart ist eine Handlung „rational“, wenn sie eine Empfehlung einer Handlung ist, welche am ehesten beste Folgen hat und damit den wahrscheinlichen zu erwartenden Erfolg einer moralischen Handlung misst. „Richtig“ hingegen ist die Empfehlung einer Handlung, aus welcher tatsächlich die besten Folgen resultieren. Erfolg wird hier im Verständnis des erfolgreichen Maximierens des allgemeinen Nutzens verwendet[12]. Ein gut Handelnder wiederrum ist jemand, der am ehesten in allgemein optimierender Weise handelt als der Durchschnitt; bestenfalls mit einem guten Motiv, das meist nützliche oder gute Handlungen hervorruft[13]. Im Falle zweier gleich richtigen Handlungen sind beide gleichwertig[14]. Diese Theorie muss den Nutzen verschiedener Arten mit der Gerechtigkeit, der Wahrscheinlichkeit des Nutzens selbst, und auch mit den Bedürfnissen in Einklang bringen[15]. Die Durchführung folgt nach dem allgemeinen Prinzip des Nutzenmaximierens, anhand dessen die moralischen Gefühle getestet und beurteilt werden[16]. Der Gesamtnutzen wird dabei zuerst mithilfe der Konsequenzen berechnet, womit anschließend die Handlung selbst moralisch bewertet wird[17]. In der Praxis wird im Falle von Zeitdruck oder Befangenheit die Common-sense-Moralität angewendet[18], in welcher die übliche, verbreitete und bewährte Moralvorstellung gilt[19]. Dabei gelten diese Regeln nur als Faustregeln, gegen welche jederzeit mit guten moralischen Gründen verstoßen werden darf und soll[20]. Diese sind meist optimal und mit dem Handlungsutilitarismus vereinbar und bilden daher eine – begrenzt – gute Alternative, rechtfertigen jedoch nie eine Handlung[21]. Smart legt Wert auf eine genaue Unterscheidung vom Nutzen des Lobens einer Handlung, sowie dem Nutzen der Handlung an sich. Dies hat zur Ursache, dass, sobald eine Handlung zur Klasse allgemein richtiger Handlungen gehört und das Motiv gut war, es automatisch zu loben ist; unabhängig davon, ob die Handlung letztendlich gut oder schlecht ist. Diese Methode des Lobens darf jedoch nicht öffentlich sein, da sonst nur die Frage nach der Gerechtigkeit des Lobes oder Tadels entsteht, statt sich dem eigentlichen Zweck dessen zu widmen[22]. Auch die Bestrafung einer unmoralischen Handlung erfolgt nach dem Prinzip der Nützlichkeit, selbst in ihrer Wahl der zu Bestrafenden[23].

Der Regelutilitarismus nach R. B. Brandt

In den Werken Richard Booker Brandts (1910 – 1997) wird die moralische Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung nicht anhand des relativen Nutzens wie im Handlungsutilitarismus gemessen, sondern sie resultiert aus den relevanten moralischen Regeln, welche einer bestimmten Klasse von Handlungen angehören[24]. Unterteilt werden kann diese Form des Regelutilitarismus nochmals in zwei Hauptgruppen. Einerseits besteht die Möglichkeit die Handlungsbewertung mit den in der jeweiligen Gesellschaft geltenden und anerkannten Regeln durchzuführen, wobei die moralischen (Ver-)Pflicht(ung)en nur durch die in der Gesellschaft wesentlich gelten moralischen Regeln, Institutionen und Handlungsweisen bestimmt werden[25]. Vertreter dieser Gruppe sind nach Brandt unter anderem J. O. Urmson, J. Rawls und S. Toulmin, Brandt ist jedoch Befürworter der zweiten Gruppe, da die erste kontraintuitiv sei und in den Handlungsutilitarismus übergehe[26]. Diese zweite Gruppe nennt Brandt die Theorie des idealen Moralkodex[27], in welcher die moralische Beurteilung einer besonderen Handlung durch ideale Regeln durchgeführt wird[28]. Ideal sei eine Regel dann, wenn sie in ihrer Geltung mindestens ebenso gut ist, wie eine andere mögliche Regel[29]. Die Regeln im Moralkodex dürfen hierbei weder im Sinne einer utilitaristischen Regel verstanden werden[30], noch als direkte, spezielle Vorschriften zur Nutzenmaximierung[31]. Zudem soll ausgeschlossen werden, dass es als einziges Konfliktlösungsprinzip im Falle von Konflikten zwischen zweier Regeln gilt, oder den Nutzen als letzte Berufungsinstanz innehabe[32]. Er müsse unter anderem Regeln bezüglich der Gerechtigkeit und Fairness enthalten, so Brandt[33]. Ein Verfechter dieser Theorie des Moralkodex ist verpflichtet, den besten moralischen Regeln im eigenen institutionellen Rahmen zu gehorchen[34]. Was moralisch richtig oder verpflichtend ist, entscheiden die idealen Regeln, welche dem Nutzen maximieren, wenn sie bestimmte allgemeine moralische Regeln darstellen oder bestimmten Klassen von Handlungen angehören und mittels dieser – in ihrer Anzahl und Komplexität der Eigenschaft begrenzte[35] - Klassen wird die Beurteilung bezüglich ihrer Nutzenmaximierung vorgenommen[36]. Generell hat der Moralkodex dann Geltung, wenn mindestens 90% der Erwachsenen einer Gesellschaft aus ihren individuell vorhandenen Einstellungen diesen als richtig anerkennen und als moralisch vertreten[37]. Eine Ausnahme von diesen anerkannten Regeln ist nur möglich, wenn diese selbst zur als moralisch richtig anerkannten Regel aus guten Gründen wird[38]. Richtige Handlungen selbst sind bei Brandt diejenigen, welche eine Tendenz zum Glück besitz[39] und nicht vom Moralkodex verboten wurden[40], wobei Verbote immer auch offiziell als moralisch missbilligende Handlung von den meisten Erwachsenen einer Gesellschaft anerkannt werden müssen[41]. Wichtig ist dabei zu bemerken, dass Verbote im Moralkodex das Fehlverhalten zwar verringern, jedoch nicht verhindern können[42]. Gelobt oder getadelt wird eine Handlung dieser Theorie nach nur, wenn dies im Moralkontext vorgeschrieben wird[43]. Eine falsche Handlung hat eine Tendenz zum Schaden, ist unabhängig vom Einzelfall, sondern wird nach ihrer Klasse beurteilt[44], und selbst im Falle der Geheimhaltung einer falschen Handlung, ist diese falsch, sobald diese allgemein als falsche Handlung von allen befolgt werden würde[45]. Falsch ist die Handlung auch, wenn jede ihr ähnliche Handlung Schaden hervorruft, also eine schlimmere Lage resultiert, als ohne diese Handlung[46]. Im Falle einer zutreffend als falsche eingestufte Handlung folgen vier Anmerkungen von Brandt. Der Handelnde ist motiviert dazu, diese Handlung nicht auszuführen, bei Durchführung hat dieser Schuldgefühle, ein Außenstehender hat mit den Folgen der persönlichen geringeren Wertschätzung zu rechnen und als letztes ist diese moralische Einstellung nur dann gerechtfertigt, wenn sie moralischer Überzeugung entspringt, also ein Widerspruch zum Wille Gottes oder der menschlichen Natur, der Unvereinbarkeit mit dem Wohlergehen der Menschen, oder wenn es keine Gründe gibt[47]. Brandt fügt hinzu, dass der Moralkodex nicht zu kompliziert im Erwerb und Ausführung sein darf[48].

[...]


[1] Vgl. Enzyklopädie Philosophie 2010, S. 2849.

[2] Vgl. Williams 1979.

[3] Vgl. Smart 2007, S. 209.

[4] Vgl. Williams 1997, S. 7f.

[5] Vgl. ebend., S. 11f.

[6] Vgl. ebend., S. 40f.

[7] Vgl. Smart 2007, S. 211.

[8] Vgl. Smart 2008, S. 31.

[9] Vgl. Smart 2007, S.. 211.

[10] Vgl. Smart 2008, S. 32f; S. 42ff.

[11] Vgl. ebend., S. 15.

[12] Vgl. ebend., S. 46f.

[13] Vgl. ebend., S. 48.

[14] Vgl. ebend., S. 45.

[15] Vgl. ebend., S. 34f.

[16] Vgl. ebend., S. 69.

[17] Vgl. ebend., S. 28.

[18] Vgl. Smart 2007, S. 212f.

[19] Vgl. Hübner 2014, S. 253.

[20] Vgl. Smart 2008, S. 42f.

[21] Vgl. Smart 2007, S. 214.

[22] Vgl. Smart 2007, S. 213; S. 217; Smart 2008, S. 53; Williams 1997, S. 88.

[23] Vgl. Smart 2008, S. 54.

[24] Vgl. Brandt 2013, S. 186.

[25] Vgl. ebend., S. 187.

[26] Vgl. ebend., S. 190.

[27] Vgl. ebend., S. 194.

[28] Vgl. ebend., S. 187.

[29] Vgl. ebend., S. 194.

[30] Vgl. ebend., S. 209.

[31] Vgl. ebend., S. 210; S. 217.

[32] Vgl. ebend., S. 210.

[33] Vgl. ebend., S. 213.

[34] Vgl. ebend., S. 212.

[35] Vgl. ebend., S. 218.

[36] Vgl. Brandt 2013, S. 190ff.

[37] Vgl. ebend., S. 195; S. 203.

[38] Vgl. ebend., S. 214.

[39] Vgl. ebend., S. 208.

[40] Vgl. ebend., S. 194; S. 201; Encyclopedia of Philosophy 2006 (Bd. 9), S. 687.

[41] Vgl. Brandt 2013, S. 218.

[42] Vgl. ebend., S. 204.

[43] Vgl. ebend., S. 194.

[44] Vgl. ebend., S. 208f.

[45] Vgl. ebend., S. 219; Encyclopedia of Philosophy 2006 (Bd. 9), S. 687.

[46] Vgl. Brandt 2013, S. 191.

[47] Vgl. ebend., S. 195ff.

[48] Vgl. ebend., S. 203; Encyclopedia of Philosophy 2006 (Bd. 9), S. 687.

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Details

Titel
Handlungs- und Regelutilitarismus im Vergleich anhand von J.J. C. Smart und R. B. Brandt
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Philosophie)
Veranstaltung
Das Problem des moralischen Sollens
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V303321
ISBN (eBook)
9783668016668
ISBN (Buch)
9783668016675
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handlungs-, regelutilitarismus, vergleich, smart, brandt
Arbeit zitieren
Estelle Herr (Autor), 2015, Handlungs- und Regelutilitarismus im Vergleich anhand von J.J. C. Smart und R. B. Brandt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303321

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