Medialer Umgang mit den Zivilcourage-Fällen Tugce und Joey. Opfer zweiter Klasse?


Hausarbeit, 2015

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition Zivilcourage

3 Erklärung des Vorwurfs „Opfer zweiter Klasse in den Medien“

4 Darstellung der Fallbeispiele
4.1 Fall Tugce A
4.2 Fall Joey K
4.3 Tabellarischer Vergleich der Fälle

5 Prüfung der Synchronisierbarkeit der beiden Fälle

6 Präsenz in Print- und Onlinemedien
6.1 Printmedien
6.2 Onlinemedien

7 Gründe für unterschiedliches Aufsehen

8 Auswirkung der medialen Berichterstattung

9 Schlussbetrachtung des Vorwurfs „Opfer zweiter Klasse in den Medien

10 Reflexion zur Hausarbeit

11 Quellenverzeichnis

12 Anhang

Fußnote 51 : Prominente äußern sich über Facebook

Fußnote 52: Prominente äußern sich über Twitter

1 Einleitung

Zwei tote junge Menschen – Zwei Täter – Zwei trauernde Familien – Zwei Opfer durch Zivilcourage – Zwei unterschiedliche Haltungen der Bürger – Zwei Gewichtungen der Aufmerksamkeit von Medien und Politikern Tugce A. und Joey K., zwei junge Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben und als Folge ums Leben kamen.

Im Zeitraum vom 15. November bis zum 4. Dezember 2014 vergehen nur 19 Tage und doch sterben zwei junge Menschen durch den selben Einsatz – Zivilcourage.[1] [2] Die Intensität der Aufmerksamkeit der Medien und Menschen ist jedoch eine ganz unterschiedliche. Diese Gewichtung wird in der folgenden Hausarbeit untersucht und analysiert.

In Tugces Fall erfährt man sehr viel über Tugces Leben, die Geschehnisse in der Unfallnacht und den Trauerprozess der Familie. Bei Joey K. hingegen konzentrieren sich die Medien primär auf den Täter. Über das Opfer wird nur wenig bekannt gegeben.

Auf den ersten Blick erscheinen die Fälle vergleichbar, aber sind Sie es auch? Kann man von einem „Opfer zweiter Klasse in den Medien“ in Joeys Fall sprechen oder sind beide Fälle so unterschiedlich, dass die mediale Präsenz Tugces gerechtfertigt ist?

Ich habe mich für das Thema entschieden, da ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe und mir die unterschiedliche Berichterstattung der Medien, durch diese beiden Fälle, bewusst geworden ist. Obwohl die Ereignisse für mich vergleichbar sind, wurde in den Medien differenziert darüber berichtet.

Des Weiteren ist mir bei Gesprächen in meinem Umfeld aufgefallen, dass dadurch Tugces Fall sehr viel präsenter war und dass über Joeys Schicksal kaum jemand informiert war.

In einigen Foren habe ich den Vorwurf der „Opfer zweiter Klasse in den Medien“ gelesen, welcher mich zum Thema meiner Hausarbeit inspirierte und auf welchen ich im Folgenden eingehen möchte.

In der Hausarbeit werde ich mich aus forschungsökonomischen Gründen primär auf die Onlinemedien und Online-Printmedien konzentrieren, da diese in Deutschland eine sehr hohe Reichweite haben und dadurch eine große Menge an Menschen erreichen können.

Im Bereich der Printmedien werde ich die Onlineberichte der drei größten überregionalen Tageszeitungen Bild, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine, sowie die größte Niedersachsen regionale Zeitung, die Hannoversche Allgemeine Zeitung untersuchen.[3]

Im Internet werde ich mich auf Kommentare und Diskussionen aus Foren und aus sozialen Netzwerken, wie zum Beispiel Facebook und Twitter konzentrieren.

Auch wenn das Radio und das Fernsehen viel genutzte Medien in Deutschland sind, habe mich dazu entschieden, sie als Informationsquelle auszulassen, da Tagessendungen selten aufgezeichnet werden und es somit nicht möglich ist, die Informationen und die Berichterstattung präzise nachzuweisen.

2 Definition Zivilcourage

Das Wort Zivilcourage besteht aus den Wörtern zivil und courage. ‚Zivil’ kommt von dem lateinischen Wort ‚civis’ und steht für bürgerlich oder anständig, annehmbar. ‚Courage’ kommt aus dem französischen und steht für Mut. Auch im Brockhaus wird Zivilcourage mit der Definition von Mut gleichgesetzt.[4]

Mut wird wie folgt definiert: „Mut [ahd. muot <<Gemüt(szutand)>>, <<Leidenschaft>>, <<Entschlossenheit>>, <<Mut>>], über der Norm liegender Einsatz zur Überwindung drohender Gefahr, kann sich in aktivem oder defensivem Verhalten äußern. à Tapferkeit dagegen bezeichnet eher die Unerschrockenheit und Stärke im Bestehen von Gefahren. Sowohl M. als auch Tapferkeit erfordern oft eine Überwindung von Angst oder Furcht. Der M. erwächst auf dem Grund natürl. Selbstvertrauens, Kraft- und Wertgefühls, auch Machtgefühls oder Geltungsbedürfnisses, aber auch einer Notsituation (M. der Verzweiflung). Nach der Art der zu bestehenden Gefahr unterscheidet man den M., der Leben oder ernstl. Verletzung wagt, von dem, der im Dienst von Überzeugungen und Idealen eigene wirtschaftl. oder gesellschaftl. Nachteile riskiert. (Zivilcourage).“[5]

Der Einsatz von Zivilcourage ist unabhängig von der Beziehung zwischen zwei Menschen. Es ist das selbstlose Handeln für eine Person. Zivilcourage ist freiwillig und je nach Definition selten. Für die einen fängt Zivilcourage bei der Verteidigung fremder Personen in unangenehmen Situationen an, bei anderen beginnt Zivilcourage mit der Verteidigung von unbekannten Menschen in ernsthaft bedrohlichen Momenten. Abschließend zu dieser Definition lässt sich sagen: „Zivilcourage ist ein notwendiger Bestandteil freiheitlich-demokratischer Gesellschaften“[6]

3 Erklärung des Vorwurfs „Opfer zweiter Klasse in den Medien“

Der Vorwurf von „Opfer zweiter Klasse in den Medien“ wurde öfter von Usern im Internet laut. Gemeint ist die unterschiedliche Gewichtung der Berichterstattung der Medien zu verschiedenen Opfern, oft in Verbindung mit Zivilcourage. Es wird als Ungerechtigkeit empfunden, dass manchen Opfern sehr viel öffentliche Beachtung geschenkt wird und andere kaum erwähnt werden. Die User meinen, dass es keine „Opfer zweiter Klasse“ geben darf, da jedes Menschenleben gleich viel wert ist und keines als minderwertig behandelt werden darf. Gemeint ist also, dass die Medien keine Unterschiede zwischen den Opfern in Form von Aufmerksamkeit machen sollten und es keine „Opfer zweiter Klasse in den Medien“ geben darf. Es zählt einzig und alleine die gute Tat der Zivilcourage, der Grund oder andere Umstände sind nicht von Bedeutetung.

4 Darstellung der Fallbeispiele

Die Fälle wirken scheinbar gleich. Beide sind in einem engen Zeitfenster geschehen und werden mit Zivilcourage in Verbindung gebracht.

4.1 Fall Tugce A.

Tugce Albayrak wurde am 28. November 1991 in Bad Soden-Salmünster geboren. Die Deutsche mit türkischer Abstammung studierte Deutsch und Ethik auf Lehramt an der Justus-Liebig Universität Gießen.[7]

Am 15. November 2014 in den frühen Morgenstunden wurde Tugce in Offenbach auf dem Parkplatz vor einem Schnellrestaurant von Sanel M., einem 18 jährigen Mann niedergeschlagen.[8] Nach dem Schlag fiel die 22 Jährige zu Boden und stürzte mit dem Kopf auf das Straßenpflaster, erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und fiel ins Koma. Noch ist unklar, ob Tugce durch den Schlag von Sanel M., oder durch den Aufprall auf den Asphalt tödlich verletzt wurde.[9] [10] Zu der Ausschreitung auf dem Parkplatz kam es, weil Tugce zuvor zwei 13 jährige Mädchen beschützt haben soll, die vorher auf der Toilette des Schnellrestaurants von Sanel M. scheinbar belästigt wurden.

Am 28. November 2014, Tugces 23. Geburtstag, ließen die Eltern der Hirntoten die lebenserhaltenden Maschinen abstellen. Tugce war Organspenderin.[11]

4.2 Fall Joey K.

Joey K. war ein 21 jähriger junger Mann aus Fürstenwalde an der Spree und absolvierte eine Ausbildung zum Hotelfachmann im Dormero-Hotel in Hannover.[12]

Am 4. Dezember 2014 um 21 Uhr betrat er einen Supermarkt in Stöcken bei Hannover, als ein Täter die Kassiererin des Supermarktes mit einer Waffe bedrohte. Joey K. bemerkte, dass die Frau in Gefahr war, er wollte sie vermutlich beschützen und stellte sich zwischen Täter und Opfer. Nach einer Auseinandersetzung zwischen Joey und dem Täter löste sich vermeintlich ein Schuss, der Joey K. in den Kopf traf. Er starb noch an der Unfallstelle.[13] Der Täter flüchtete mit einem Fahrrad.[14]

4.3 Tabellarischer Vergleich der Fälle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5 Prüfung der Synchronisierbarkeit der beiden Fälle

Auf den ersten Blick wirken die beiden Fälle sehr ähnlich, welches eine ausgeglichenere mediale Berichterstattung und die Aufmerksamkeit gerechtfertigt hätte.

Von Synchronisierbarkeit ist alllerdings nicht zu sprechen, da die Übereinstimmungen der Fälle bei genauer Untersuchung verfallen, wie im Folgenden aufgezeigt wird.

Die größte Gemeinsamkeit ist, dass es sich in beiden Fällen um Zivilcourage handelt. Sowohl Joey, als auch Tugce haben sich für unbekannte Personen eingesetzt, die sich in scheinbar bedrohlichen Momenten befanden. Nicht nur die 13 jährigen Mädchen in Tugces, sondern auch die Kassiererin in Joeys Fall wirkten vermeidlich schwächer, als die Helfenden und die Täter. Tucge und Joey empfanden die Bedrohten in einer hilfsbedürftigen Situation.

Eine weitere Übereinstimmung ist das Alter der Opfer. Beide waren Anfang 20 und standen noch in ihrer Berufsausbildung.

Des Weiteren geschahen beide Ereignisse in einem eng beieinander liegenden Zeitraum.

Da sich die Gemeinsamkeiten auf diese wenigen, diese recht oberflächlichen Punkte beziehen, überwiegen deutlich die Unterschiede.

Im Gegensatz zu Joey war Tugce eine Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund. Weiterhin ist zu sagen, dass sich die Geschehnisse in sofern unterscheiden, dass bei Tugce die Gefahr nicht offensichtlich war, bei Joey vermutlich schon. Der Täter in Tugces Fall war unbewaffnet und zu dem Zeitpunkt der aktiven Zivilcourage schien auch keine direkte Gefahr für Tugces Leben zu bestehen. Zusätzlich ist anzumerken, dass auch in der Parkplatzsituation nicht von einer lebensbedrohlichen Gefahr für Tugce gesprochen werden kann, auch wenn der Täter aggressiv und angetrunken war.[15] Ihr Tod ist also im Ganzen gesehen eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen. Sie setzte sich für die Opfer ein, riskierte aber nicht bewusst ihr Leben.

Bei Joey war die Gefahr offensichtlicher. Der Täter bedrohte die Kassiererin mit einer Waffe in der Hand. Spätestens zu dem Zeitpunkt des Handgemenges hat er sich also im weiteren Sinne bewusst in Lebensgefahr gebracht und sein Leben riskiert.[16]

Tugce lag fast zwei Wochen lang im Koma, bevor die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet wurden. Joey hingegen starb noch am Unfallort, da er durch einen Kopfschuss getötet wurde.

6 Präsenz in Print- und Onlinemedien

Die Stimmung in den Printmedien ist im Gegensatz zu der Stimmung in den Onlinemedien recht einseitig. In den Artikeln der Zeitungen wird Tucge als Heldin dargestellt, während Joey im Gegensatz dazu kaum beachtet wird.

In den Diskussionen der Onlinemedien gibt es sowohl positive, als auch negative Meinungen über beide Schicksale. Diese Präsenz und Stimmung in den Medien werden im Folgenden an ein paar Beispielen deutlich gemacht.

[...]


[1] Vgl. o.V. Stern TV (2014), Web: Was der Fall Tugce uns sagen muss

[2] Vgl. o.V. Hannoversche Allgemeine (2014), Web: Er wollte nur helfen

[3] Vgl. o.V. Statista (2014), Web: Umfrage: Auflage der überregionalen Tageszeitungen

[4] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie 30, „WETZ-ZZ“, Seite 644

[5] Brockhaus Enzyklopädie 19, „MOSC-NORDD“, Seite 180

[6] Smiljanic, M. (2014) Deutschlandfunk,Web: Stille Helden oder naive Opfer?

[7] Vgl. Crolly, H. (2014), WebCite, Web: Das Leben der mutigen Tugce A.

[8] Vgl. o. V. Augsburger Allgemeine (2014), Web: Widersprüchliche Aussagen: Was geschah genau in Tugces Todesnacht?

[9] Vgl. o.V. Frankfurter Allgemeine (2014), Web: Tugce Albayrak ist tot

[10] Vgl. o.V. RTL (2014), Web: Fall Tugce: Beweis-Video aus der Tatnacht ist aufgetaucht

[11] Vgl. o.V. Spiegel (2014), Web: Reaktionen zum Tod von Tugce Albayrak: „Ein mutiges türkisches Mädchen“

[12] Vgl. o.V. Berliner Kurier (2014), Web: Hannover: So trauern die Menschen um den toten Helfer vom Supermarkt

[13] Vgl Sievering, S. und Wedler, E. , Bild (2014), Web: Wieder ein mutiger Helfer, der tot ist

[14] Vgl. o.V. Neue Presse (2014), Web: Hannover: Das ist der Killer aus dem NP-Markt

[15] o.V. Welt (2014) Web: Schläger Sanel M. hatte offenbar 1,4 Promille im Blut

[16] Sievering, S. und Wedler, E. (2014) Bild, Web: Wieder ein muterig Helfer tot

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Medialer Umgang mit den Zivilcourage-Fällen Tugce und Joey. Opfer zweiter Klasse?
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V303459
ISBN (eBook)
9783668053533
ISBN (Buch)
9783668053540
Dateigröße
2415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medialer, umgang, zivilcourage-fällen, tugce, joey, opfer, klasse
Arbeit zitieren
Julia Jacob (Autor), 2015, Medialer Umgang mit den Zivilcourage-Fällen Tugce und Joey. Opfer zweiter Klasse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303459

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