Puškins "Eugen Onegin". Die Entwicklung des Protagonisten weg vom Byronschen Helden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Byronscher Held am Beispiel von Childe Harold

3. Byrons Einfluss auf Puškin

4. Eugen Onegin als Byronscher Held

5. Puškins Protagonist – „weg vom Byronismus“
5.1 Autor vs. Protagonist
5.2 „Eugen Onegins“ Entwicklung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts fängt „eine geistes- und stilgeschichtliche Epoche“[1] an – die Romantik. Diese Epoche wird durch bestimmte Denkweisen ausgezeichnet: „die Subjektivierung von Menschenbild und Empfindungen, die Betonung von Fantasie und Gefühl, die Poetisierung der Wirklichkeit, das Interesse an allem Außergewöhnlichen und „Genialischem“, der Bruch mit klassischen Normen, die Sehnsucht nach dem Unendlichen […]“[2]. Die Romantiker führen „die innere Welt und die Erinnerungen an eine verklärte Vergangenheit zum Raum menschlicher Selbstverwirklichung“[3] aus, um den Übergang vom Klassizismus zur Romantik zu schaffen. In England zu Beginn des 19. Jahrhunderts „lebt [Byron] den europäischen Intellektuellen ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit vor“[4]. In seinem Werk „Childe Harolds Pilgerfahrt“ vermischt Byron gezielt die Grenzen zwischen Leben und Werk, Realität und Fiktion, Held und Autor,[5] und damit erreicht er die Darstellung des modernen Helden, der so genannte „Byronsche Held“. Dessen Charakteristiken werden im nächsten Kapitel dieser Arbeit am Beispiel „Childe Harolds Pilgerfahrt“ dargestellt.

Byrons Leben und Werke wurden Weltweit als Vorbild gesehen. Seit 1814 war Byron in Russland bekannt und ab den 1820er Jahren bei der liberalen Jugend, den Schriftstellern, Kritikern und Lesern beliebt.[6] Der byronsche Einfluss kann auch bei Alexander Puškin erkannt werden. Die byronschen Züge sind am meisten in Puškins „Südlichen Poeme“ („Южные поэмы“) zu finden, da er „die Gleichgültigkeit zum Leben und seinen Genüssen darstelle“[7]. In Puškins Hauptwerk „Eugen Onegin“ kann die Ähnlichkeit des Protagonisten zum Byronschen Held gesehen werden. Diese soll im vierten Kapitel der Arbeit mit Textauszügen deutlich gemacht werden.

Im letzten Kapitel der Arbeit wird die Überwindung des Byronismus von Puškin an zwei Aspekten gezeigt. Dabei soll verdeutlicht werden, dass Puškin die Entwicklung als Mittel benutzt, um einen Übergang von der Romantik zum Realismus bzw. um einen Übergang vom romanischen zum „realistischen“ Helden zu präsentieren.

2. Byronscher Held am Beispiel von Childe Harold

Die europäische Romantik kann „als Epoche des Gefühlsüberschwanges, der Melancholie und des Weltschmerzes“[8] erfasst werden. Das Werk „Childe Harolds Pilgerfahrt“ bringt „die Kluft zwischen den romanischen Idealen und der ernüchternden Wirklichkeit der nach-napoleonischen Ära zum Ausdruck“[9]. Es wird deutlich, dass das Geschlecht des Adels für die jüngere Generation keine große Rolle mehr spielt:

Childe Harold hieß er; aber sein Geschlecht

Und Ahnenreihe darf ich euch nicht sagen;

Euch mag genügen, daß vielleicht mit Recht

Sein Haus berühmt war in vergangnen Tagen.

Doch welchen Glanz ein Nam auch einst getragen,

Ein schlechter Sproß verdunkelt all sein Licht;

Kein Wappenschmuck noch Staub in Sarkophagen,

Kein Redeschwulst und honigsüß Gedicht

Adelt die böse Tat und wendet das Gericht. (I, 3)[10].

Der Pessimismus der Zeit, der Zweifel an der Gesellschaft, an der Moral und an der Regierung wird vom Autor bis zum Ende des Textes verfolgt[11] und „Zweifel am Sinn des Lebens“[12] dargestellt:

Vielleicht auch mit Dämonen, die den Sinn

Zum Guten töten und nach Beute jagen

In finstren Herzen, welche vom Beginn

Der Schwermut Keim in ihren Fasern tragen

Und Gram und Nacht aufsuchen mit Behagen

Und Wähnen, daß für sie im Schicksalsbuch

Qual steht, die nicht vergeht wie andre Plagen.

Die Sonn ist Blut, die Erd ein Leichentuch,

Das Grab ist Höll, und selbst die Höll ein schwärzrer Flucht. (IV, 34).

Byron präsentiert 1812 nicht nur die Melancholie der Zeit und den Konflikt zwischen Realität und idealer Welt[13], sondern stellt auch zum ersten Mal den Helden dar, der nicht für die Moral und edlen Ziele kämpft. Den Byronschen Held charakterisiert die Zerrissenheit „zwischen Melancholie und Tatendrang, zwischen Misanthropie und Weltbejahung“[14]:

Und nun war Harolds Seele Grames voll;

Die Zecher mied es und die Buhlerinnen;

Man sagt, daß manchmal seine Träne quoll,

Stolz aber ließ den Tau zu Eis gerinnen.

Er schloß sich ab in freudlos düstrem Sinnen,

Und endlich war zu flüchten seine Wahl,

Aufs Meer, in heiße Zonen - nur von hinnen!

Von Lust vergiftet, lechzt’ er fast nach Qual;

Verändrung sucht’ er, wär es auch im Schattental. (I, 6).

Childe Harold „bestätigt nicht die Normen der Gesellschaft“[15], sondern „verletzt sie, indem er unbeirrt seinem inneren Gesetz folgt“[16] ([…] Verändrung sucht’ er […] (I, 6); Er zog hinweg aus seiner Väter Hallen […] (I, 7). Die Wichtigkeit des Inneren wird bei der jüngeren Generation zum Mittelpunkt des Lebens, was durch einen klassischen Helden nicht präsentiert wird. Aber dieser überwiegende Individualismus steht nicht mehr quer zur Zeit, weil in der Gesellschaft die „bürgerliche Respektabilität“[17] abgestreift wird. Das Publikum ist begeistert von der Darstellung des Byronschen Protagonisten und genießt das Verbotene und Exotische.[18] Childe Harold findet keinen Ausweg zwischen Phantasie und Durchführung, zwischen Ideal und Realität[19]. Dies kann man daran erkennen, wie Harold mit den Frauen umgeht. Er hat eine Ehefrau, aber sie ist ihm zu langweilig: […] und nie hätt ihn die Zeit / Gewöhnt an den Genuß der stillen Häuslichkeit. (I, 5). Die Liebe sucht und findet er bei anderen Frauen:

Denn durch der Sünde langes Labyrinth

War er gewandert, aller Reue bar;

Geseufzt um viele hatt er, doch geminnt

Die eine nur, die ihm verloren war.

Wohl ihr, daß sie entronnen der Gefahr![…] (I, 5).

Byron beschreibt Harolds Verhältnisse zu Frauen als Verbrechen an den Gesellschaftsnormen und gibt dabei eine negative Bewertung, dass diese Beziehungen zum niedrigsten gehören: […] Er war ein Wicht, der aller Scham entsagte, / Ein Freund unheil’ger Lust und Schwärmerei, / Der nichts nach andern Erdendingen fragte / als lockren Frauen, […] (I, 2). Obwohl der Byronsche Held viele Beziehungen hat, wird er so dargestellt, dass er von Frauen ungeliebt ist:

[…] Sie logen Liebe mit verbuhltem Munde –

Der Weiber Sinn liebt Pomp und Macht allein:

Wo die sind, kommt dem Eros mancher Kunde;

Die Mädchen, wie die Motten, fängt der Schein,

Und wo ein Seraph seufzt, zieht Mammon siegend ein. (I, 9).

Diese Beschreibung kann als Kritik an den Frauen verstanden werden, da sie keine edlen Ziele verfolgen.

Im Werk wird auch die männliche Freundschaft charakterisiert: unehrlich und überflüssig: […] üpp’ger Kumpanei / Und flotter Brüderschaft, wie niedrig sie auch sei. (I, 2); Und niemand liebt’ ihn! – wohl in Hall und Saal / Lud er zu Gast die lust’ge Tafelrunde; / Doch kannt er sie: Schmarotzer beim Pokal, / Herzlose Schmeichler in der Festestunde. […] (I, 9). Aus diesem Grund hat Childe keine „richtigen“ Freunde. Wenn er verfinsternd war, hat er niemandem zum Gespräch gesucht und ist ganz allein und einsam geblieben:

Oft aber, wenn die Lust am tollsten stieg,

Flog seltsam Schmerz hin über seine Brauen,

Wie ein Gedank an tödlich grimmen Krieg

Oder der Leidenschaft enttäuschtes Grauen.

Doch keiner sah er oder mocht es schauen;

Das kindlich offne Herz war niemals sein,

Das seinen Kummer ausströmt in Vertrauen;

Nie sucht’ er Freundes in tiefster Pein;

Den Schmerz, dem er erlag, er trug ihn ganz allein. (I, 8).

In der oberen Strophe wird der Byronsche Held „von der Gesellschaft entfremdet“[20] beschrieben. Er langweilt sich in seinem Land ([…] in Albions Land […] (I, 2)) und beschäftigt sich mit nichts, außer mit Feiern und Vergnügung. Er hat keine Grenzen und kein Schamgefühl für seine Taten. Sein Leben besteht aus voller „Leidenschaften und Verbrechen“[21]:

[…] Dem nicht der Pfad der Ehrbarkeit behagte,

Der seinen Tag verlor mit wüstem Tand,

Der Nächte schläfrig Ohr mit Jubel plagte.

Er war ein Wicht, der aller Scham entsagte,

Ein Freund unheil’ger Lust und Schwärmerei,[…] (I, 2).

Dieses Leben führt der Byronsche Held nicht lange, denn es wird ihm zu langweilig und zu uninteressant, weil er davon „lebensüberdrüssig und vor der Zeit gealtert“[22] ist. Es liegt daran, dass Childe „das Leben in der Jugend antizipiert hat“[23]. „Er sehnt sich nach Ruhe und Vergessen, und da er ohne seelische oder ethische Bindungen ist, ohne Wurzeln in der Vergangenheit und ohne Hoffnung auf die Zukunft [Die Zukunft färbt sich schwarz wie eine Schlucht […] (III, 70)], zieht er sich in die Natur zurück und genießt narzisstisch seine eigenen Schmerzen.“[24] Die Fremdheit der Gesellschaft liegt daran, dass Childe die Meinungen, die präsent waren, nicht teilen kann, und seine „neuen“ Gedanken keinem aufdrängen will:

Doch sah er bald, er paßte nicht, zu wandern

Mit Menschen welche nichts mit ihm verband;

Er lernte nie sein eignes Denken andern

Aufopfern, wenn es auch wie Flammenbrand

Die Seel erstickt’, eh seine Jugend schwand.

Sein Geist erkannte nie als seine Herrn

Die Geister, wider die er trotzend stand;

Stolz, wenn auch freundlos - er beschied sich gern,

Allein zu sein mit sich, vom Hauch der Menschen fern. (III, 12).

Auch die „richtige“ Liebe zu einer Frau hilft dem Byronschen Held nicht, zurück in die Gesellschaft zu finden. Er möchte sich nicht in die Gesellschaft integrieren und aus diesem Grund „versteckt“ er seine Gefühle (Sie ahnte nicht, daß diese Marmorbrust, Verhüllt in Stolz, vermummt in Schweigsamkeit […] (II, 33)) und sucht wieder den Ausweg in der Natur (Hinweg! […] (II, 36); Die beste Mutter bleibt doch die Natur […] (II, 37)). Childe Harold akzeptiert sein Schicksal und fühlt sich zur dauernden Reise verurteilt[25]: (Des Lebens Wettlauf ist trostlose Flucht […] (III, 70). Im vierten Gesang verschwindet Childe Harold, weil Byron eine Verwechslung zwischen dem Autor und dem Helden vermeiden will:

Nachdem ein Zeitraum von acht Jahren zwischen der Abfassung der ersten und der Letzten Gesänge des „Childe Harold“ verflossen ist, soll jetzt der Schluß des Gedichtes dem Publikum vorgelegt werden. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß ich beim Abschied von einem so alten Freunde […]. Was den Inhalt des letzten Gesanges betrifft, so wird man in ihm von dem Pilger weniger finden als in den vorhergehenden, und dies weniger nur unmerklich, wenn überhaupt, von demjenigen getrennt, was der Dichter in eigner Person sagt. Die Wahrheit ist, ich war es zu müde geworden, eine Trennungslinie zu ziehen, welche nicht zu bemerken jedermann entschlossen schien. […], half es mir nichts, daß ich beteuerte und mir einbildete, einen Unterschied zwischen dem Verfasser und dem Pilger gemacht zu haben. (IV, An John Hobhouse).

[...]


[1] Vgl. Gaede 2008, Bd. 30, S. 1049.

[2] Ebd., S. 1050.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Seeber 1991, S. 248.

[5] Ebd., S. 249.

[6] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 79.

[7] Ebd., S. 80.

[8] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 135.

[9] Vgl. Bernhard 1991, S. 69.

[10] Vgl. Byron 2002. Die Textpassagen aus dem Werk „Childe Harolds Pilgerfahrt“ sind aus der deutschen Übersetzung zitiert (Byron 2002). Die Zitate werden durchgehend in Klammern gekennzeichnet, in denen der Gesang und die Strophe angegeben werden, z. B. (I, 3) – erster Gesang, dritte Strophe.

[11] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 138.

[12] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 138.

[13] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 136.

[14] Vgl. Bernhard 1991, S. 69.

[15] Vgl. Seeber 1991, S. 249.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 24.

[20] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 24.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Hoffmeister 1983, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Puškins "Eugen Onegin". Die Entwicklung des Protagonisten weg vom Byronschen Helden
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Puškins „Eugen Onegin"
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V303554
ISBN (eBook)
9783668020597
ISBN (Buch)
9783668020603
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es wurde in der Originalsprache zitiert.
Schlagworte
Eugen Onegin;, Puškin;, Byronscher Held;, Childe Harolds Pilgerfahrt;, Byron;
Arbeit zitieren
Viktoria Popsuy-Johannsen (Autor), 2012, Puškins "Eugen Onegin". Die Entwicklung des Protagonisten weg vom Byronschen Helden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303554

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