Propaganda in "Casablanca". Kürzung der ersten deutschen Fassung des Filmklassikers von 1952


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergründe
2.1. Geschichtliche Hintergründe
2.2.1. Der Zweite Weltkrieg und Amerikas Isolationspolitik
2.2.2. Das französische Kollaborationsregime unter Pétain
2.2. Rolle und Einstellung der amerikanischen Filmindustrie

3. Propaganda und Darstellung des Nationalsozialismus und des Vichy Regimes
3.1 Will this picture help win the war?
3.2. Darstellung des deutschen Nationalsozialismus
3.3. Darstellung des Vichy Regimes

4. Erste deutsche Filmfassung von
4.1. gekürzte Filmlänge
4.2. Verfasser und Beweggründe
4.3. Veränderung der Handlung

5. Weitere deutsche Filmfassungen

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Bibliografie

Internetquellen

Mediografie

1. Einleitung

‚Schau mir in die Augen, Kleines‘ oder ‚ Ich halte meinen Kopf für niemanden hin‘. Diese Filmzitate wurden wohl schon tausende Male wieder aufgegriffen. Beide stammen sie aus dem Klassiker Casablanca (Casablanca, US 1942, Michael Curtiz), bei dem Michael Curtiz 1942 Regie führte und der am 26. November gleichen Jahres Premiere feierte.

1952, sieben Jahre nach Kriegsende kommt er schließlich auch in die noch junge Bundesrepublik Deutschland, jedoch in einer signifikant veränderten Form. Es fehlen rund 23 Minuten Spiellänge und auch die ein oder andere Filmfigur wurde gestrichen. Nun stellen sich die Fragen, aus welchem Grund und in welcher Form wurde eine so drastische Veränderung für das deutsche Publikum vorgenommen? Diese Fragen sollen auf den folgenden Seiten beantwortet werden.

Es wird davon ausgegangen, dass die Ursprungsfassung von Casablanca Produkt einer Propagandaarbeit zur Überzeugung des amerikanischen Kriegseintrittes ist. Für die Erarbeitung des Themas war das Buch ‚Filmfassungen‘ von Joseph Garncarz sehr nützlich, da er die Theorie aufstellt, dass Filmvariationen immer Ergebnis von bewusst vorgenommenen Veränderungen seien. Diese Behauptung erläutert er an einigen Beispielen, wie unter anderem auch Casablanca.

Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit soll sich in drei aufeinander aufbauende Kapitel gliedern. Im zweiten Kapitel sollen dem Leser historische Fakten des zweiten Weltkrieges vermittelt werden, die in Bezug auf die Entstehung und Bedeutung von Casablanca eine Rolle spielen. Weiterhin wird genauer auf die Einstellung der Filmindustrie während des zweiten Weltkrieges eingegangen. In Kapitel drei wird die Inszenierung des deutschen Nationalsozialismus und des Vichy Regimes im Film analysiert. Das Kapitel vier beantwortet schließlich, mit Hilfe des zuvor gewonnenen Hintergrundwissens, die gestellten Leitfragen. Zuletzt wird noch auf weitere deutsche Filmfassungen von Casablanca eingegangen.

2. Hintergründe

2.1. Geschichtliche Hintergründe

Als Casablanca im November 1942 in den amerikanischen Kinos anlief, war der zweite Weltkrieg bereits in vollem Gange. Frankreich wurde von deutschen Nationalsozialisten besetzt und kollaborierte mit diesen. Amerika und England hatten es sich zur Aufgabe gemacht den Nationalsozialismus zu bekämpfen. Dies war aber nicht von Anfang an der Fall, sondern das Resultat eines langen Weges. Dem Weg von der amerikanischen Isolation zur Intervention, der auch in Casablanca thematisiert wird.

2.2.1. Der Zweite Weltkrieg und Amerikas Isolationspolitik

Die Vereinigten Staaten waren anfangs des zweiten, genau wie im ersten Weltkrieg, zunächst zurückhaltend und verfolgten die sogenannte Politik des Isolationismus. In ganz Amerika herrschte die Meinung vor, man habe mit den Problemen im weit entfernten Europa nichts zu tun. Man folgte also eher der Politik der Briten, der sogenannten ‚Appeasement Policy‘. Man machte dem Nationalsozialismus gegenüber relativ starke Zugeständnisse und griff beispielsweise nicht ein, als sich Deutschland das Sudetenland einverleibte und auch nicht als Österreich an Deutschland angeschlossen wurde. Als dann 1939 auch England und Frankreich in den Konflikt hineingerieten und sich aktiv am Kriegsgeschehen beteiligten, blieb die USA zunächst weiterhin neutral. Auch als Frankreich 1940 vor Deutschland kapitulierte gab die USA ihren Standpunkt nicht auf.

Erst als Japan am 8.Dezember 1941 den amerikanischen Kriegshafen Pearl Harbour auf Hawaii angriff und Deutschland nun auch Amerika den Krieg erklärte, wandelte sich die Isolationspolitik zunehmend zu einem Interventionismus. Zunächst unterstützte die USA England in Europa. Im November 1942 kämpfen amerikanische Soldaten dann in Nordafrika, im Juni 1943 in Süditalien und im Juli 1944 schließlich in der Normandie gegen den Faschismus.

2.2.2. Das französische Kollaborationsregime unter Pétain

Am 22.Juni 1940 kapitulierte Frankreich vor Deutschland nachdem dieses zwei Drittel des Landes besetzt hatte. Marshall Philippe Pétain erhielt vom Parlament viele Vollmachten und war so in der Lage einen neuen französischen Staat, den ‚Etat Francaise‘, zu gründen. Pétain handelte einen Waffenstillstand mit den Deutschen aus und verlegte den Sitz der Nationalversammlung von Bordeaux in das unbesetzte Vichy.

Frankreich akzeptierte nicht nur die Besetzung durch das Deutsche Reich, sondern trug auch dessen Kosten. Drei Monate später sah Pétain keine andere Möglichkeit die französische Ordnung aufrecht zu erhalten, als mit dem Deutschen Reich zu kollaborieren[1]. Man hoffte darauf, die wirtschaftliche und soziale Lage deutlich verbessern zu können. So kam es am 24.Oktober 1940 zu einem Treffen zwischen Hitler und Pétain in einer Kleinstadt namens Montoire, bei dem die Politik der Kollaboration entstand. Das Vichy Regime und das Dritte Reich arbeiteten von nun an Hand in Hand. Juden wurden aus Frankreich deportiert und die französische Polizei war für die Deutschen eine unersetzbare Unterstützung. Jedoch wurde sich die Regierung in Frankreich bald ihrer Abhängigkeit zur Besatzungsmacht bewusst, da diese umfassende Kontrollrechte besaß.

Parallel dazu entwickelten sich natürlich auch Widerstandsbewegungen (‚Free France‘) vor allem durch Hilfe von Charles de Gaulle, der später sogar den sogenannten ‚Nationalrat des Widerstandes‘ ins Leben rief.

2.2. Rolle und Einstellung der amerikanischen Filmindustrie

1941 beendete die Kriegsökonomie die Wirtschaftskrise der Vorjahre endgültig und der Boom setzte sich in Amerika nahtlos fort. Genauso wie die amerikanische Außenpolitik hielt sich auch die Filmindustrie politisch sehr zurück. Man verstand sich als wirtschaftliche Unternehmen, denen es hauptsächlich darum ging Absatzmärkte zu sichern. Die Priorität wurde auf die finanziellen Ziele gelegt, da Deutschland nach Großbritannien in den 20er bzw. 30er Jahren den größten Absatzmarkt für amerikanische Filme darstellte. Außerdem erwies sich der Krieg als sehr lukrativ und die Zahlen der wöchentlichen Kinobesucher stiegen an, bis 1946 schließlich das absolute Spitzenjahr erreicht wurde.

Zahlreiche Emigranten aus Europa wurden zu der damaligen Zeit in der Filmindustrie beschäftigt. Dies merkt man auch in Casablanca. Die vielen beteiligten, immigrierten Schauspieler erzeugen den unverwechselbaren Akzentmix, der Casablanca als Exil zusätzliche Authentizität verleiht. So stammt beispielsweise Ingrid Bergmann ursprünglich aus Schweden, Conrad Veidt aus Deutschland, Paul Henreid aus Österreich und sogar der Regisseur Michael Curtiz immigrierte aus Ungarn in die USA.

Im Gegensatz zur restlichen amerikanischen Filmindustrie vertrat das Studio Warner Bros, welches auch Casablanca produzierte, schon vor der amerikanischen Kriegserklärung die kontroverse Einstellung, dass das amerikanische Volk von der Bedrohung des Nationalsozialismus für die ganze Welt überzeugt werden musste. So setzten die Warner Brüder vieles aufs Spiel und produzierten eine Reihe von antifaschistischen Filmen um die Öffentlichkeit von der präsenten Bedrohung zu überzeugen. Das Studio wurde für dieses Vorgehen und die Forderung nach Aufgabe des Isolationismus, von vielen Seiten angegriffen. Nicht nur von den deutschen und italienischen Faschisten, welche Warner Filme boykottierten, sondern auch von vielen Filmkritikern. Trotzdem hielt das Studio hartnäckig an seinen Themen und dem Vorhaben das amerikanische Volk zu mobilisieren fest.

Nachdem Roosevelt im Dezember 1941 schließlich die Kriegserklärung erteilt hatte und der Isolationismus nicht mehr praktikabel war, unterstützte auch das restliche Hollywood den amerikanischen Kriegseintritt. Eine Serie von Propagandafilmen mit dem Titel ‚Why we fight‘ wurde von staatlichen Instanzen in Auftrag gegeben und produziert[2].Außerdem produzierten auch zahlreiche privat organisierte Filmgesellschaften Propagandafilme. Ziel war es auch die letzten Zweifler von der neuen amerikanischen Außenpolitik, dem Interventionismus, zu überzeugen. Casablanca ist und bleibt allerdings einer der wenigen Filme, der die „lang hinausgezögerte Entscheidung der Vereinigten Staaten in der Frage der Intervention“(Birdwell, 2000, S.238)[3] thematisiert.

3. Propaganda und Darstellung des Nationalsozialismus und des Vichy Regimes

3.1 Will this picture help win the war?

Filme waren schon immer eine Möglichkeit ideologische Ziele zu verfolgen. So waren sie auch im zweiten Weltkrieg eine willkommene Art politische Meinung zu verbreiten und Bürger in ihrem Denken zu beeinflussen. Auch Casablanca ist Produkt dieser Methode, da es unter der Aufsicht des sogenannten United States Office of War Information (OWI) produziert wurde. Zum OWI gehörte auch das Bureau of Motion Pictures (BMP), welches für die Kontrolle und Überwachung der Dreharbeiten zuständig war. So wurde jeder Produzent vom BMP vor der Produktion gefragt: „Will this picture help win the war?“(Robert, 2010, S.139) und der Film im Nachhinein nochmals beurteilt. Das politische Ziel dieser Kontrolle besteht nach Elk von Lyck[4] darin, „Menschen aufzuhetzen und für den Krieg zu begeistern.“ und auch Robert Randy schreibt (2010,S.134)[5]: „From the first day of production, Casablanca was consciously designed to aid America’s war effort.“.

Die Beurteilung des BMP zu Casablanca lautete wie folgt:

„From the standpoint of the war information program, Casablanca is a very good picture about the enemy, those whose lives the enemy has wrecked and those underground agents who fight him unremittingly on his own ground”[6]

Weiterhin wurden sieben Punkte genannt, die vom Bureau of Motion Picture für sehr gelungen gehalten wurden. Diese lauten:

(1)The film presents an excellent picture of the spirit of the underground movement.
(2)Some of the chaos an misery which fascism and the war has brought are graphically illustrated.
(3)It is shown that the personal desire must be subordinated to the task of defeating fascism.
(4)It is brought out that many French are by no means cooperating wholeheartedly with ne Nazis.
(5) America is shown as the haven of oppressed people.
(6)Some of the scope of our present conflict is brought out.
(7)The film presents a good portrayal of the typical Nazi.”[7]

Die sieben genannten Punkte zeigen nochmal besonders deutlich auf, welche Absichten mit Filmproduktionen wie Casablanca verfolgt wurden und was sie dem Zuschauer nahebringen sollten.

Zur Identifikationsfigur für den Amerikaner wird in Casablanca Richard Blaine, der Barbesitzer, der seinen Kopf für niemanden hinhält[8]. Er verhält sich politisch absolut neutral. Genauso die USA, die eine vom Volk unterstützte Isolationspolitik verfolgte und sich aus dem Kriegsgeschehen in Europa raushielt. Im Laufe des Films aber vollzieht Richard Blaine eine Wandlung. Diese äußert sich vor allem in der Gesangsszene[9].

Die deutschen Soldaten stimmen in Ricks Bar das Lied ‚Die Wacht am Rhein‘ an. Victor Lazlo geht zu den Musikern und bittet sie gleichzeitig ‚La Marseillaise‘ anzustimmen. Diese fangen erst an zu spielen, als Barbesitzer Rick ihnen durch ein Nicken die Erlaubnis dazu erteilt. Durch dieses zunächst harmlos erscheinendes Nicken bezieht Rick allerdings politisch gegen die Deutschen Stellung und macht sein Café Americain zum politischen Schauplatz. Dieser Wandel vom politisch neutralen zum anti- nazistischen kann als „anti- isolationistischer Gestus“(Kreutzer, 1994, S.327) gedeutet werden und enthält so eine Botschaft an das überwiegend kriegsneutrale Amerika.

Auch in der Schlussszene[10] lässt Rick seine Liebe, Ilsa, ziehen und entscheidet sich für „die große antinazistische Sache“(Kreutzer, 1994, S.328)[11].

[...]


[1] 1945 wird Pétain für diese Entscheidung mit lebenslanger Haft bestraft.

[2] Die Serie ‚Why we fight‘ bestand aus insgesamt sieben Propagandafilmen, die von der US Army in Auftrag gegeben wurden. Ursprünglich sollten sie nur den Soldaten vorgeführt werden, aber sie wurden später auch in öffentlichen Kinos gezeigt und machten so Werbung für die neue amerikanische Außenpolitik.

[3] Birdwell, Michael E.: Das andere Hollywood der 30er Jahre. Die Kampagne der Warner Bros. gegen die Nazis. Wien: Europa Verlag GmbH 2000.

[4] Vgl. Elk von Lyck: 2013, 4.Auflage, Die Fischnetz- Theorie, Kapitel 2: Gut und Böse, Abschnitt: Das Casablanca Prinzip. Veröffentlicht wurde der Artikel auf dem Blog des Autors (URL: http://elk-von-lyck.blogspot.de/2013/05/filmkritik-casablanca-der-gefahrlichste.html zuletzt aufgerufen 23.02.2015).

[5] Robert, Randy: „Casablanca as Propaganda. You must remember this: The case of Hal Wallis’ Casablanca”. In: Mintz, Steven und Randy Roberts (Hrsg.): Hollywoods America: Twentieth- Century America Through Film. Chichester [u.a.]: Wiley- Blackwell 2010: 133-141.

[6] PDF von der Beurteilung durch das Bureau of Motion Pictures, URL: http://marb.kennesaw.edu/hollywoodandwar/archive/files/60c262247ece6ec90b69e1c4163e75b9.

[7] Vgl. PDF von der Beurteilung durch das Bureau of Motion Pictures, URL: http://marb.kennesaw.edu/hollywoodandwar/archive/files/60c262247ece6ec90b69e1c4163e75b9.pdf, zuletzt aufgerufen am 23.02.15.

[8] Casablanca, USA 1942, TC(00:21:42).

[9] TC(01:09:10).

[10] TC(01:34:00).

[11] Kreutzer, Gaby: „Das Phänomen Kultfilm: CASABLANCA (1942/43)“. In: Faulstich, Werner und Helmut Körte: Fischer Filmgeschichte Band: Der Film als gesellschaftliche Kraft 1925 -1944. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch- Verl. 1994: S.324-336.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Propaganda in "Casablanca". Kürzung der ersten deutschen Fassung des Filmklassikers von 1952
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Medienwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V303563
ISBN (eBook)
9783668021259
ISBN (Buch)
9783668021266
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
propaganda, casablanca, kürzung, fassung, filmklassikers
Arbeit zitieren
Lena Kötitz (Autor), 2015, Propaganda in "Casablanca". Kürzung der ersten deutschen Fassung des Filmklassikers von 1952, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303563

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