Minimal Techno


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 1,5


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Minimal Music
2.1 La Monte Young
2.2 Terry Riley
2.3 Steve Reich
2.4 Philip Glass

3 Minimal Techno

4 Analyse

4.1 Plastikman - Spastic

5 ResUmee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit bemiiht sich in angemessener Ktirze das Phano- men „Minimal Music“ in Beziehung zu „Minimal Techno“ zu setzen und gipfelt schlieBlich in einer Analyse eines ausgewahlten Stuckes.

„Minimal Music“ und „Minimal Techno“ haben auf den zweiten Blick weit weniger miteinander zu tun, als man zunachst vermuten mag: auch wenn Johannes Ullmaier in der Neue Zeitschrift fur Musik richtig bemerkt, daB „die Minimal Music [...] seit jeher unter Pop-, und die Popmusik seit jeher unter Minimal-Verdacht [stand, B.S.]“1, werden trotz aufzeigbarer Uber- schneidungen in den musikalischen Intentionen auch deren augenscheinliche Unterschiede bei naherem Hinsehen recht schnell deutlich. Man wird sowohl in der Gestaltung der Stucke als auch vor allem durch die z.T. auBerst dif- ferenten Kunstlerpersonlichkeiten ohne Umschweife zur Einsicht gelangen, daB hier zwei Welten aufeinanderprallen, wobei jedoch bemerkenswert blei- ben muB, daB trotz aller Unterschiede Werke des Techno und der ,,Minimal Music“ immerhin durchaus vergleichbar sind.

Um ein fundiertes Urteil in der Analyse gewaahrleisten zu koannen, wird zunachst in einem ersten groBeren Abschnitt die ,,Minimal Music“ allge- mein dargstellt, um hiernach vier wichtige amerikanische Vertreter naaher zu beleuchten. Methodisch ahnlich, wenn auch weniger umfassend, wird im Ka- pitel iiber ,,Minimal Techno“ vorgegangen; es liegt in der Natur der Sache, daB iiber den musikwissenschaftlich weniger beachteten Teil des ,,Minimal Techno“ nur liickenhafter berichtet werden kann. SchlieBlich folgt darauf die (Hor)analyse des im Inhaltsverzeichnis genannten Stiickes.

2 Minimal Music

Begriff

,,Minimal Music“ ist ein far eine bestimmte Musik inzwischen gelaufiger Begriff, der nichtsdestotrotz nach wie vor in die Irre zu leiten vermag. Die Gattungsbezeichnung, die von den Komponisten dieses Stils haaufig abge- lehnt wurde2 und z.T. noch wird, hat in der Tat einige Schwachen und fuhrt zu einem verzerrten, wenn nicht gar falschen Bild.

Fabian R. Lovisa zeigt in seinem Buch ,,minimal music“3 einleitend die Schwachen des Begriffs auf und kommt zu dem SchluB, daB ,,Minimal Music“ zuallerst durch die Denk- und Herangehensweise der Komponisten definiert scheint, wodurch auch ein groBer Teil indischer und fast samtlicher afri- kanischer Musik zur „Minimal Music“ gerechnet werden musse4. Dennoch entschliefit er sich zu der Verwendung des Begriffs, „da er inzwischen einen hohen Gebrauchswert besitzt“5 bzw. wie man noch hinzufugen kOnnte: da es sich inzwischen um einen historisch gewachsenen Begriff handelt, der in allererster Linie mit den noch zu besprechenden vier amerikanischen Vertre- tern in Verbindung gebracht wird.

Bevor jedoch die einzelnen Vertreter hier einer naheren Betrachtung un- terzogen werden, sollen zunachst noch vier Merkmale der „Minimal Music“ angesprochen werden, die im allgemeinen als deren Stilcharakteristika gel- ten, wobei auch hier hinzuzufugen ist, dafi durchaus Vorbehalte existieren, ob diese Charakteristika ,,Minimal Music“ ausmachen. ,,Allen vier Begriffen ist gemein, dafi sie einen Teilaspekt der minimal-music herausgreifen, ihn in den Rang eines ubergeordneten Strukturprinzips erheben und ihm gleichzei- tig namensgebende Funktion zuweisen“6.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obwohl sowohl ,,das Minimale“ als auch ,,das Repetitive“ der „Minimal Music“ sicherlich die gemeinhin auffalligsten Merkmale derselben sind, wird vielen Definitionen der ,,Minimal Music“ zunachst die enorme zeitliche Aus- dehnung der Kompositionen vorangestellt. Im ,,Riemann Musiklexikon“ bei- spielsweise steht gleich zu Beginn des Artikels zu bzw. uber Steve Reich: „[...] vor allem zeitlich lang ausgedehnte Stucke [...]“7. Fabian Lovisa referiert Her­mann Danuser, der als zentrales Moment der ,,Minimal Music“ die Entgren- zung der zeitlichen Komponente durch auf lange Dauer ausgelegte Werke ausmache8. Fraglich dabei ist jedoch vor allem, ob die Stucke tatsachlich lang sind oder lang wirken. Steve Reichs ,,Music for 18 Musicians“ - zugege- benermafien ein Grenzstuck9 der „Minimal Music“ - ist in der bei Nonesuch Records erschienenen Aufnahme 67:42 Minuten lang. Nicht, dafi dies keine stolze LSnge fur ein Konzert wUre: dennoch fur ein konzertantes Musikstuck des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt ein aufiergewohnliches Ausmafi. TatsUchlich ist eher der andere von Danuser angesprochene Aspekt von Be- deutung: die veraunderte zeitliche Wahrnehmung wuahrend der Rezeption der Musik, die entweder als meditativ oder als langatmig und enervierend emp- funden werden kann. Auch der Artikel ,,Minimal music“ im Erganzungs- band des ,Riemann Musiklexikon“ geht auf den meditativen Charakter der ,,Minimal Music“ ein und schreibt: ,,Durch das Vermeiden diskursiver The- mendramturgie zielt diese M.m. auf eine veranderte mus. Zeitwahrnehmung und somit auf eine meditative Rezeption.“10 Wahrend Danuser eine medi­tative Rezeption lediglich fur eine der moglichen halt, erklart das Riemann Musiklexikon damit die meditative Rezeption gleich zum eigentlichen Ziel der Kompositionen. DaB es damit den Kompositionen nicht gerecht wird, braucht nicht weiter vertieft zu werden; es sei nur angemerkt, daB eine wei- tere denkbare Rezeption dieser Musik das aufmerksame und hochsensible Zuhoaren ist, welches ebenfalls ein erklaartes Ziel einiger Komponisten ist und auf das spaater noch genauer eingegangen werden wird.

Zunachst jedoch soll ein anderer Aspekt in den Vordergrung gelangen: „das Vermeiden diskursiver Themendramturgie“11 oder anders ausgedruckt: „das Minimale“ in der „Minimal Music“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das bereits erwahnte „Minimale“ in der „Minimal Music“ ist ebenso um- stritten, wie es auf den ersten Blick einsichtig ist. Sicherlich ist gerade wahrend des Aufkommens der „Minimal Music“ das Wort „minimal“ einst gerechtfertigter gewesen, wenn es auch seine negative Konnotation bis heute hat nicht vollends abstreifen konnen. Die 840 Wiederholungen in „Vexations“ von Eric Satie, der dadurch fur manche zum Urvater der ,,Minimal Music“ wurde, sind schwerlich als komplex im formalen Sinne zu deuten. Und auch Terry Rileys beruhmte Komposition ,,In C“ ist im gleichen Sinne nicht kom­plex, sondern ,,einfach“ zu nennen. Doch schon Steve Reichs Kompositionen ,,Tehilim“, ,,Music for 18 Musicians“ oder Terry Rileys „All night concerts' lassen schnell Zweifel aufkommen, ob das Wort ,,minimal“ in der ,,Minimal Music“ seinen Platz zu Recht hat. Bezuglich des Tonmaterials oder Rhyth- musses sicherlich nicht, denn da waren die eben angefuhrten Kompositionen Reichs als Gegenbeispiele zu nennen; bezuglich der Lange ohnehin nicht, wie man schon allein aus den Kommetaren zum vorhergegangen Abschnitt oder an dem Konzert Rileys ersehen kann und letzlich auch die Anforderungen an den Zuharer rechtfertigen nicht das Wort ,,minimal“ in der ,,Minimal Mu- sic“, da die Musik aufgrund ihrer subtilen Veraanderungen auBerordentlich schwer zu erfassen ist.

Der eigentliche Grund fur die Verwendung des Wortes ,,minimal“ liegt wohl denn auch eher in dem Gestaltungsprinzip der Repetition als in den vor- genannten Grunden, da die ,,Minimal Music“ durch standige Wiederholung eines Motivs im direkten Vergleich zu traditioneller Musik unabwechslungs- reich wirkt - solange man erwartet, daB die Motive sich auf herkommliche Art und Weise entwickelten. Durch eine bezuglich dieser Musik falsche Erwar- tungshaltung wird die eigentliche - subtile - Entwicklung gleichsam uberhart. So ist die Entwicklung in der ,,Minimal Music“ fur Ulrich Dibelius nur ein Vorwand, um die ,,unertragliche“ Repetition zu verschleiern:

,,Immer wieder - und das ist fur die Minimal Music mit ihren von da an schnell wachsenden Ausbreitungstendenzen insgesamt typisch - wird ein erheblicher Aufwand getrieben, um neue Web- muster; sich verjungende oder sanft drehende Schraffuren, sich zunehmend entstellende Spiegelbildreflexe oder kunstvoll ver- schachtelte Ornamente mit wanderndem Rapport zu erfinden, nur zu dem einen Zweck, die Monotonie des dauernd sich selbst umkreisenden Gleichen zu iiberlisten und zu verschleiern, also unkenntlich zu machen. [...] Sogar ein so intelligenter, sich und seine kompositorischen Verfahren dauernd kontrollierender Mu- siker wie Steve Reich scheint die Grundlagen des minimalisti- schen Dogmas weniger in Frage zu stellen als die moglichen Wege seiner praktischen Umsetzung und Anwendung.“12

Nun muB man „Minimal Music“, Repetition oder Monotonie keinesfalls ach- ten oder auch nur annahernd interessant finden - es sei alien zugestanden, andere Musik vorzuziehen. Problematisch wird es allerdings, wenn in einer Musikgeschichte wie der von Dibelius das bzw. ein Kompositionsprinzip der „Minimal Music“ offensichtlich miBverstanden wird: ein Ziel ist die Mono­tonie und nicht deren Uberlistung bzw. Unkenntlichmachung.

DaB bei solchen MiBverstandnissen, denen der Begriff „Minimal Music“ noch Vorschub leistet, Komponisten eine Einordnung ihrer Musik in die „Mini- mal Music“ nicht gelten lassen wollten, erscheint verstandlich; daB er sich trotzdem durchzusetzen vermochte, liegt sicherlich nicht einzig und allein an der pragnanten Wortbezeichnung „Minimal Music“, sondern zugleich auch an der Nahe der „Minimal Music“ zur „Minimal Art“ - eine zeitgleiche Be- wegung in der bildenden Kunst.

Mit durchaus aahnlichen Konzepten, beispielsweise der Reduktion auf das Wesentliche, der klaren Strukturierung und dem Einsatz einfacher Mittel, legt die Bezeichnung die Deutung nahe, daB es sich um ein historisches Phaanomen handele; tatsaachlich wurde dies von dem Autor, der den Be- griff „Minimal Music“ einfuhrte auch derartig gesehen. Vermutlich erstma- lig wurde der Begriff von M. Nyman in einer Rezension 1968 zur genaueren Charakterisierung eines Konzerthappenings herangezogen.

"I also deduced a recipe for the sucessful ’minimal music’ happe­ning from the entertainment presented by Charlotte Moorman and Nam June Paik at the ICA. Simple idea, straightforward structure, intellectual control, theatrical presence and intensity in presentation. “13

[...]


1 Ullmaier, Johannes: Tanzmusik als gradueller Prozess. oder: wie minimal ist minimal techno? in: NZfM, Sept/Okt. 2000, S. 39f.

2 „Bald erhielt Reichs Musik das Etikett ’Minimalismus das er nie mochte “ aus: Schwarz, Robert K.: Music for 18 Musicians, Revisited in: Textbeilage zu Steve Reich, Music for 18 Musicians, Nonesuch Records 1998.

3 Lovisa, Fabian R.: minimal-music. Entwicklung. Komponisten. Werke., Darmstadt 1996.

4 Ebd., S. 15.

5 Ebd., S. 4.

6 Ebd., S. 11.

7 Dahlhaus, Carl und Eggebrecht, Hans Heinrich (Hsrg.): Steve Reich. in: Brockhaus Riemann Musiklexikon, Darmstadt 1995.

8 Lovisa, Fabian R.: minimal-music. Entwicklung. Komponisten. Werke., Darmstadt 1996.

9 Allerdings kein Grenzstuck bezuglich der Lange und daher als Beispiel tauglich.

10 Dahlhaus, Carl und Eggebrecht, Hans Heinrich (Hrsg.): Minimal music. in: Brockhaus Riemann Musiklexikon, Darmstadt 1995.

11 Ebd.

12 Dibelius, Ulrich: Moderne Musik II 1965-1985, Miinchen 1988, S. 380 nach: Lovisa, Fabian R.: minimal-music. Entwicklung. Komponisten. Werke., Darmstadt 1996.

13 Nyman, Michael: The Spectator, 11.10.1968 aus: Misch, Imke: Minimal Music. in: Riethmuller, Albrecht (Hrsg.): Handworterbuch der musikalischen Terminologie., XXX

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Minimal Techno
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V30358
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minimal, Techno
Arbeit zitieren
Björn Schoepke (Autor), 2002, Minimal Techno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30358

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