Nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwartsliteratur nach 1989

Ausarbeitung zur mündlichen Examensprüfung germanistische Literaturwissenschaft


Zusammenfassung, 2012
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwartsliteratur nach 1989

Primärliteratur:

Kurt Drawert: Spiegelland. Ein deutscher Monolog (1992) Bernhard Schlink: Der Vorleser (1995)

Hans-Ullrich Teichel: Der Verlorene (1998)

Bernhard Schlink: Die Beschneidung. In: Liebesfluchten. (2000) Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders (2003)

Tanja Dückers: Himmelskörper (2003)

Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land (2003) Ulla Hahn: Unscharfe Bilder (2003)

Sekundärliteratur:

Baßler, Moritz (Hg.) (2002): Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München Beck -> Baßler: Probleme des Realismus S. 69-79

Knobloch, Hans-Jörg (2001): Eine ungewöhnliche Variante in der Täter-Opfer-Literatur: Bernhards Schlinks Roman „Der Vorleser“ ͘ In: Gerhard Fischer, David Roberts (Hg.): Schreiben nach der Wende. Ein Jahrzehnt deutscher Literatur 1989-1999. Tübingen: Staufenburg Verlag. S. 89-97 Freund, Wieland; Freund, Winfried (2001): Der deutsche Roman der Gegenwart. München: Fink -> Graf, Guido: was ist Luft unserer Luft?

Gansel, Carsten; Zimniak, Pawel (2010) (Hg͘): Das „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989. Göttingen: V+R Unipress

Köhler, Andrea (Hg.) (1998): Maulhelden und Königskinder : zur Debatte über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Leipzig: Reclam

Ostermann, Michael (2004): porien des Erinnerns͘ Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“͘ Bochum: Dolega

Preusser, Heinz-Peter (2003): „Täter werden Opfer und vice versa“ in: ders͘ (Hg͘): Letzte Welten. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse. Heidelberg: Winter S.268-299

Wehdekind, Volker; Corbin-Schuffels, Anne-Marie (Hg.) (2003): Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990. Interpretationen-Intertextualität-Rezeption. Trier: WVT

- Die literarische Verarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit setzte nicht erst in den 1990er Jahren ein, sondern hat ihren Anfang in der Trümmerliteratur oder Literatur der Stunde Null; doch die Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem 2. WK erfolgte über die Zeit hinweg seit 1945 aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlicher Gewichtung
- Bezüglich der gesell. nationalsozialistischen Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung sind die Nachkriegszeit und die ersten Gründerjahre der BRD durch ein kollektives Verschweigen der Naziverbrechen gekennzeichnet
- Den Verbrechen an den Juden wurde zunächst keine gesonderte Stellung im gesamten Kriegszusammenhang eingeräumt u. die Vernichtung der Juden wurde als Teil des Kriegsgeschehen angesehen
- Die Juden stellten eine Gruppe von mehreren Opfergruppen des Krieges dar, daneben standen die deutschen Opfer und Heimatvertriebenen -> Kriegsopfer wurden generalisiert
- In den ersten Nachkriegsjahren ging es auf gesell.-politischer Ebene in Anbetracht der vollständigen Niederlage vor allem um die Bildung einer neuen nationalen Identität, die konträr zur Erfahrung des Nationalsozialismus und des Holocausts gebildet werden musste
- Im Bereich der Literatur der Nachkriegsjahre löste Theodor dorno mit seinem Diktum: „Nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ und unmöglich (1951) eine literaturtheoretische Debatte aus
- Die literaturtheoretischen Debatten beschäftigten sich zwar mit der Frage, wie der Holocaust literarisch darzustellen sei, aber Romane und Gedichte, die sich mit dem Massenmord beschäftigten, blieben die Ausnahme; die Trümmerliteratur oder auch die Literatur der Stunde Null beinhaltete v.a. die Erfahrungen der Kriegsheimkehrer, das Leben der deutschen Bevölkerung direkt nach dem Krieg (die Zerstörung der Städte, der Hunger, der absolute Neubeginn und die Neuorientierung nach dem Fall des Hitler-Regimes)
- Kritische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Wertesystem, mit den Verbrechen an den Juden und Regimegegnern, mit den Massenmorden und Fragen nach der Schuld fand bis in die 1950er Jahre kaum statt -> vielmehr herrschte Schweigen, statt Konfrontation  Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zeichnete sich anfänglich durch
Sprachlosigkeit gegenüber dem Erlebten und Geschehenen aus
- Die 60er Jahre bilden einen entscheidenden Wendepunkt im Umgang mit der Holocausterinnerung  Die Aufarbeitung entwickelte sich zu einem moralisierenden und anklagenden Instrument der Schriftsteller den individuellen Zwang zur Erinnerung zu thematisieren u. die gesell. dominante Neigung zum Verschweigen und Vergessen anzuklagen
- Die 2. Generation hat sich ihr eigenes Konzept kollektiver Identität in der kritischen Auseinandersetzung mit der Generation ihrer Väter und Mütter entwickelt, so dass die kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Form der Vergangenheitsbewältigung einsetzte
- Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sollte nicht mehr nur auf politischer Ebene, sondern auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene erfolgen (in der Familie, in den wissenschaftlichen und juristischen Bereichen) -> für die zunehmende verändernde Erinnerungskultur waren eine Reihe von Gerichtsprozessen verantwortlich, die durch die Medien an eine große Öffentlichkeit getragen wurden (z.B. Frankfurter Ausschwitz Prozess, dauerte 2 Jahre) -> die 68er Generation begann konkret nach der Verstrickung der Zeitzeugengeneration und der eigenen Väter und Mütter in das NS-Regime zu fragen; es wird sich mit der Schuldthematik der 1. Generation befasst und zwar nicht nur bezüglich der individuellen, sondern auch der gesamtdeutschen Schuld; zudem wurde mit der bisherig vollzogenen Vergangenheitsbewältigung, das Verschweigen und Tabuisieren, abgerechnet
- Dieser Holocaust-Diskurs setzte sich vor allem auch auf literarischer Ebene durch (bis in die 1980er Jahre hinein) -> es ist die Literatur der Abrechnung mit den Vätern -> dieser Typus der Erinnerungsliteratur wird auch „Väterliteratur“ genannt: steht im Zeichen der brechnung und der Konfrontation mit dem Vater, d.h. mit den Tätern, und der moralischen Kritik am Verhalten der Eltern während des Hilter-Regimes sowie an der Art und Weise der Vergangenheitsaufarbeitung; in der Väterliteratur kommt auch die Identitäts-Verunsicherung der Täter-Kinder zum Ausdruck  Die Opferperspektive verschiebt sich: der Blick verlagert sich auf die Opfer der Deutschen und die Deutschen selbst werden v.a. als Täter gesehen; weniger die Verbrechen an den Opfern des Regimes stehen im Mittelpunkt, als vielmehr die Anklage der Täter und deren Verhalten (Verdrängen, Verschweigen)
- Diese Auseinandersetzung gipfelte letztlich in der Studentenrevolte von 1968 -> es kam zu einem Bruch mit der Kriegsgeneration; führte auch zu einer Veränderung der Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit auf gesell. Ebene
- Zunehmende moralisch kritische Auseinandersetzung setzte sich auch auf lit. Ebene durch: es entstehen erstmalig Dramen und Dokumentarstücke, die nationalsozialistische Täter auch namentlich angreifen (Rolf Hochhuths Drama: Der Stellvertreter; Peter Weiss Dokumentarstück: „Die Ermittlung“; Kipphardts „Bruder Eichmann“)
- Es lassen sich zunehmend Werke ausmachen, die sich mit der Schuldthematik der „ersten Generation“ befassen (Martin Walsers ufsatz: Unser uschwitz -> Auschwitz-Prozesse waren Anlass, behandelt die Schuld der gesamten deutschen Bevölkerung; Christa Wolfs Roman: Kindheitsmuster -> thematisiert die Schuldfrage und die Notwendigkeit der historischen Erinnerung)
- Ab den 1990er Jahren setzt eine neue Erinnerungskultur ein -> herrschte zuvor eine Trennung zw. privater und öffentlicher Erinnerung, so ist diese nun aufgelöst
- Nun wurden und werden die privaten und persönlichen Erinnerungen an den Holocaust und die Zeit des nationalsozialistischen Regimes thematisiert, wobei hier nicht eigene, direkt gemachte Erfahrungen gemeint sind, sondern das eigene Erinnern und Wissen bzw. nicht Wissen, die Verstrickung der eigenen Familie, der eigenen Person in die nationalsozialistische Zeit und den Krieg
- Als Ursache hierfür ist die Tatsache anzusehen, dass 50 Jahre nach dem Kriegsende die Zeitzeugen dieser Zeit allmählich abtreten und -> Erinnerungsflut (Mahnmale, Ausstellungen, Literatur) stellen Versuche dar, wie zukünftig die Erinnerung an diese deutsche Vergangenheit aufrechterhalten und für die weiteren Generationen dokumentiert werden kann
- An der Form der Erinnerungsliteratur ab den 1990er Jahren ist die Fokussierung auf die eigene Familiengeschichte auffallend -> ihre Texte stellen einen Zusammenhang zw. den jeweiligen Generationen der Familie her und beleuchten das Verhältnis dieser zueinander -> man spricht auch von Familien- o. auch Generationsroman
- Hierbei wird die Suche nach der eigenen Vergangenheit mit der Geschichte der Eltern und Großeltern verknüpft; es wird ein neuer Wissensdrang der dritten Generation, der Enkelgeneration, spürbar; die wieder fragt, inwieweit die eigenen Verwandten in die Verbrechen der Nazizeit, in den Krieg verstrickt war, inwieweit Vergangenheitsbewältigung erfolgt ist u. in welchem Verhältnis die Familienangehörigen zu jener Zeit stehen; diese Suche nach der Familiengeschichte ist dabei oft mit fundiertem Geschichtswissen verwoben -> die Vergangenheit ist sehr präsent und Historisches wird oft Folie zum Verständnis der Gegenwart

Väterliteratur/ Vaterbücher

- Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre
- Unzählige Bücher erschienen, die das Thema Faschismus und Drittes Reich auf die private Ebene ausweiteten
- Identisch ist in allen Erzähltexten der Wunsch, das versäumte Gespräch mit dem Vater nachzuholen
- Dieser Wunsch ist meist als Utopie formuliert: entweder wird die Aussprache mit dem Vater nach dessen Tod imaginiert oder sie wird erfunden, da eine Aussprache mit dem noch lebenden Vater unmöglich erscheint
- Oft stellt der Tod des Vaters den unmittelbaren Auslöser dar, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen -> erst in der Rückschau wird die im Leben gescheiterte, verdrängte oder erfolglose Verständigung möglich
- Es werden die in der Vergangenheit in der Familie gemachten schmerzhaften Erfahrungen erzählt - > sie zeugen vom Spannungsverhältnis zw. der Liebe zum Vater und empfundenen Ablehnung des Vaters
- Viele Autoren haben bereits selbst Kinder und so wird die Auseinandersetzung mit der eigenen Beziehung zu den Eltern als notwendige Vorleistung empfunden, um eine Kommunikationsstörung zu den eigenen Kindern vorzubeugen
- Bei dieser literarischen Annäherung handelt es sich meist um eine negativ geprägte Abrechnung mit den Eltern, die verantwortlich gemacht werden für verhinderte Identität und für verlorenes Glück
- Der Konflikt mit der Elterngeneration wirft dabei die Frage nach der eigenen Identität auf -> von der Suche nach dem wahren Ich des Vaters versprechen Sie sich Klärung für ihre eigenes Leben und ihr Selbstverständnis
- In den Erzählungen, die oft autobiographisch sind, wird teilweise auch auf dokumentarisches Quellenmaterial zurückgegriffen (zur Veranschaulichung der Biografie des Vaters)  Oft sind die Auseinandersetzungen mit den Vätern von den eigenen verletzten Gefühlen beherrscht, so dass sie meist eine Abrechnung mit den Vätern werden  Es werden Schlüsse aus der familiären Sozialisation gezogen
- Zudem verfolgen die Vaterbücher das Ziel, den nationalsozialistischen Hintergrund der Väter aufzuhellen und es wird dabei gefragt, inwieweit die Väter in das Netz der kollektiven Schuld hinein verwoben waren Gegenwärtige Erinnerungliteratur
- Die Erinnerungsliteratur zu Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg ist vor allem seit den 1990er Jahren stark angewachsen
- Ab den 1990er Jahren setzte in der dt. Gegenwartsliteratur ein Trend ein, den man als Besinnung auf die eigenen Wurzeln beschreiben kann
- Ähnlich wie bei der Väterliteratur erscheinen seit Jahren Bücher von Autoren, von Vertretern der 68er Generation und von denen der Enkelgeneration, die ihr Augenmerk auf die Vergangenheit der eigenen Familie richten und zwar auf die nationalsozialistische Vergangenheit  Das Auffallende an dieser neueren Erinnerungskultur ist, dass sie wie ein Indikator Auskunft über die deutsche Mentalität gibt, denn die Sichtweise auf die Problematik des Holocaust und der noch immer brisanten Frage nach der individuellen sowie kollektiven Schuld scheint sich verändert zu haben
- Den Erzählern geht es nicht mehr um eine Abrechnung
- Da die Verurteilung der Täter inzwischen vollzogen worden ist, wenden sie sich einer Grauzone zu, in der die Trennung von Opfern und Tätern nicht mehr eindeutig zu leisten ist -> Unterschied zu den früheren Versuchen der lit. Verarbeitung von Vergangenheit
- Die kollektive große Geschichte wird im Kleinformat von Familiengeschichten erzählt und es werden private Innensichten mit Außensichten verbunden
- Oft wird auf die Form des Familienromans zurückgegriffen, da diese es möglich macht, kollektive Geschichte im Format von exemplarischen Familiengeschichten zu erzählen, wodurch auch die enorme Diskrepanz zwischen offizieller und privaterErinnerung transparent wird
- Oftmals kommt es zur Annäherung an die Familiengeschichte, indem sich in den Werken auf eine (fiktive) Reise in die geheimnisvolle o. ungeklärte Vergangenheit der Großeltern oder Eltern begeben wird
- Oft werden die Protagonisten auch bei ihrer Spurensuche von einer Ahnung oder dem Wissen, dass die Eltern/ Großeltern in nationalsozialistische oder antisemitische Aktionen verwickelt waren

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwartsliteratur nach 1989
Untertitel
Ausarbeitung zur mündlichen Examensprüfung germanistische Literaturwissenschaft
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
mündliche Prüfung 1. Staatsexamen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V303597
ISBN (eBook)
9783668036871
ISBN (Buch)
9783668036888
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturgeschichte, Erinnerungsliteratur, nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung, Gegenwartsliteratur seit 1989, Stunde Null, Trümmerliteratur, Väterliteratur, Generationsroman, Familienroman, Holocaust-Diskurs, Gegenwartsliteratur, Der Vorleser, Bernhard Schlink, Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, Kurt Drawert, Spiegelland, Der Verlorene, Die Beschneidung, Am Beispiel meines Bruders, Uwe Timm, Himmelskörper, Tanja Dückers, Stephan Wackwitz, Ein unsichtbares Land, Hans-Ullrich Teichel, Literatur nach 1945
Arbeit zitieren
Milena Gutsch (Autor), 2012, Nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwartsliteratur nach 1989, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303597

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