Die historisch-kulturelle Wandlung des Todesgedankens im 19. Jahrhundert- Erörtert an Tolstois 'Der Tod des Iwan Iljitsch'


Hausarbeit, 2003

12 Seiten, Note: 2-


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Tod und Sterben im Wandel der Zeit
2.1 Der Tod des Iwan Iljitsch
2.2 Der öffentliche Tod
2.3 Die Lüge und der stumme Tod
2.4 Der lästige Tod
2.5 Das Grauen und der schmutzige Tod
2.6 Die Medizin und der moderne Tod

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Der Tod ist eines der letzten großen Mysterien unserer Welt. Das Verhalten des sozialen Umfeldes während der Überschreitung der Schwelle, des Sterbens, und die Bräuche und Traditionen bei der anschließenden Bestattung haben sich zusammen mit anderen Verhaltensweisen wie z.b. dem Umgang mit der Sexualität im Laufe der letzten Jahrhunderte stark verändert.

Anhand von Leo Tolstois Erzählung 'Der Tod des Iwan Iljitsch'[1] werde ich mit dieser Hausarbeit Walter Benjamins These der historisch-kulturellen Wandlung des Todesgedankens im 19. Jahrhunderts[2] erörtern. Um einen besseren Überblick über die gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen im Umgang mit dem Tod zu vermitteln, werde ich diese Wandlung von der Zeit des Viktorianischen Zeitalters bis zur Jetzt-Zeit verfolgen. Mein Haupt-Augenmerk ist dabei auf die Umwälzungen in den industrialisierten Ländern gerichtet.

Was ist also passiert, was hat zu einer Umkehr und Abkehr der Menschen vom Tod geführt, wieso haben sie ihn aus ihrem Bewusstsein verdrängt, und inwiefern sind Veränderungen in der Einstellung gegenüber dem Tod und den Sterbenden an Tolstois Novelle bereits erkennbar? Dies wird die Fragestellung meiner Arbeit sein.

Exemplifizieren werde ich anhand 'Der Tod des...' die Alltäglichkeit des "öffentlichen" Todes in früheren Zeiten, die Abscheu vor dem "schmutzigen" Tod, den verdrängten "stummen" und "lästigen" Tod und schließlich den "modernen" Tod, die Hospitalisierung Sterbender und die Tabuisierung des Todes in der heutigen Zeit.

2. Tod und Sterben im Wandel der Zeit

2.1 Der Tod des Iwan Iljitsch

Iwan Iljitsch stirbt. Er stirbt langsam, qualvoll und einsam. In seiner Erzählung von 1886 legt Leo Tolstoi erbarmungslos offen den moralischen Zustand der russischen Bourgeoisie des ausgehenden 19. Jahrhunderts dar. Iwan Iljitsch hat als hoch angesehener Staatsanwalt sein Leben "angenehm und anständig"[3] verbracht, sich an alle Konventionen perfekt angepasst, Karriere gemacht, eine Familie gegründet. Gerade als er den letzten Nagel in sein Bild vom perfekten Leben schlagen will, beim Beziehen seines neuen, noch größeren Hauses hat er einen Unfall, stößt sich den Griff eines Fensterflügels in seine linke Bauchgegend.[4] Dieser unscheinbare Vorfall wirft sein geordnetes Leben um, er stirbt schließlich an der Verletzung. Tolstoi beschreibt die allgegenwärtige Scheinheiligkeit und Doppelmoral der höheren russischen Gesellschaftsschicht in welcher seine Hauptfigur verkehrt. Die Kollegen erkennen nach seinem Ableben einzig die Chance auf einen frei gewordenen Posten[5], seine Frau und Tochter sorgen sich nur um die eigene Zukunft.[6] Die einzigen Mitfühlenden scheinen der Bauer Gerassim und Iljitsch's junger Sohn zu sein. Es ist aber die Frage, ob Tolstoi die restlichen Personen als hartherzig darstellen, oder viel mehr die Unfähigkeit zu Trauern aufzeigen wollte, die Tatsache, dass sich diese Gesellschaftsschicht zu weit von der Natur und damit dem Tod, entfernt hatte, um den Tod nicht als widernatürlich und damit tabuisierungswürdig zu erkennen.

2.2 Der öffentliche Tod

Philippe Ariès erklärt in seinem Werk 'Geschichte des Todes', dass dieses Verhalten gegenüber dem Tod ein relativ neues in der Menschheitsgeschichte ist.[7] Er beschreibt auf S. 715 wie noch bis zur Zeit des Ersten Weltkrieges die ganze umgebende Gemeinde an einem Todesfall teilnahm:

Man schloß die Vorhänge im Zimmer des Sterbenden, zündete Kerzen an, sprengte Weihwasser aus; das Haus füllte sich mit Nachbarn, Angehörigen und Freunden [...]. Die Totenglocke erklang in der Kirche, von wo aus sich dann die kleine Prozession mit dem Corpus Christi in Bewegung setzte...[8]

Der Tod war in dieser Zeit ein "öffentlicher". Man trauerte gemeinsam. Für Ariès hörte das althergebrachte Verhalten nicht schlagartig, sondern viel mehr unauffällig durch Urbanisierung und Industialierung auf. In dem Metier der Bourgeoisie, von welcher in Tolstois Buch die Rede ist, offenbar schon etwas früher. Die vielbeschäftigten Menschen der Moderne haben keine Zeit mehr zum Trauern.[9]

[...]


[1] Tolstoi, Leo: Der Tod des Iwan Iljitsch. Stuttgart, 2002.

[2] Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Frankfurt am Main, 1977. S. 449-450.

[3] Vgl. Tolstoi, 2002, S. 17.

[4] Ebd., S. 33-34.

[5] Ebd., S. 4.

[6] Ebd., S. 9.

[7] Ariès, Philippe: Geschichte des Todes. München, 1987.

[8] Ebd., S. 715, Z. 5-10.

[9] Ebd., S. 716.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die historisch-kulturelle Wandlung des Todesgedankens im 19. Jahrhundert- Erörtert an Tolstois 'Der Tod des Iwan Iljitsch'
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Seminar für Deutsche Literatur und Sprache)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft I
Note
2-
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V30364
ISBN (eBook)
9783638316385
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandlung, Todesgedankens, Jahrhundert-, Erörtert, Tolstois, Iwan, Iljitsch, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Ralf Klossek (Autor), 2003, Die historisch-kulturelle Wandlung des Todesgedankens im 19. Jahrhundert- Erörtert an Tolstois 'Der Tod des Iwan Iljitsch', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30364

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