Bei Diskussionen mit den eigenen Eltern wird man feststellen, dass es bezüglich Wertevorstellungen und Bewertung dieser, wie bspw. zu politischer Partizipation, Selbstentfaltung oder finanzieller Sicherheit, sich nicht unerhebliche Divergenzen innerhalb dieser 2 Generationen auftun – insbesondere dann, wenn beide Generationen, in völlig gegensätzlichen politischen Systemen aufgewachsen sind.
Dass es durch den Fall der Mauer 1989 und dem darauffolgenden völkerrechtlichen Beitritt der DDR zur BRD im Jahre 1990 – als Resultat eines massiven Transformationsprozesses – zu einem normativen Wertewandel unter den ehemaligen DDR-Bürgern kam, lässt sich kaum von der Hand weisen. Infolge dessen stellt sich die Leitfrage, inwiefern sich ein Wertewandel innerhalb der Gesellschaft der DDR bzw. während des Bestehens dieses Staates vollzogen haben könnte. Explizit der Wert der Selbstentfaltung wird hierzu herangezogen, untersucht und anhand der »Wertewandel- Theorie« Ingleharts diskutiert. Schon für die Klassiker der Sozialwissenschaften wie u.a. für Durkheim oder Weber, stand
die Frage nach der Wertorientierung menschlichen Handelns, im Zentrum ihrer Theoriebildung.
In den 1970er Jahren, wurde durch Ronald Ingleharts »Theorie des Wertewandels«,
welche auf handlungstheoretischen Erklärungsansätzen und subjektiv ausgerichteten Forschungsmodellen
basiert, die Wertewandelforschung der darauffolgenden Jahre maßgeblich
geprägt – entfachte aber auch vielfältige Kritik.
Im ersten Teil dieser Arbeit wird ein theoretisches Grundgerüst konstruiert, indem der Terminus
»Wert« per definitionem dargestellt und eine mögliche Rangordnung – inklusive einer
Problematisierung dieser Ordnung – vorgestellt wird. Zur Schaffung eines permanenten
Bezugsrahmens für die spätere Diskussion, wird sodann im zweiten Teil, Inglehart's »Theorie
des Wertewandels« erläutert. Im Anschluss wird anhand der zuvor gewonnenen Erkenntnis
diskutiert, ob sich ein Wertewandel – insb. auf den Wert Selbstentfaltung bezogen
– in der DDR-Gesellschaft vollzogen hat, um damit die voran gestellte Leitfrage zu beantworten.
Hierzu wird die jugendliche Subkultur der Punks aus dem Raum Thüringen – um
einen regionalen Bezug herzustellen – als Beispiel dienen. Abschließend werden mögliche
Einflussfaktoren für einen Wertewandel in der DDR aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten und theoretische Grundlagen
2.1 Was sind Werte? Soziologische Deutungen des Wertbegriffs
2.2 Inglehart's Wertewandel-Theorie
2.3 Kritik an Inglehart's Wertewandel-Theorie
3. Wertewandel innerhalb der DDR-Bevölkerung?
3.1 Divergierende Meinungen in der Wertewandelforschung
3.2 Punks – Wertewandel innerhalb eines Teils der Kohorte der DDR- Jugendlichen
3.3 Mögliche Ursachen eines Wertewandels in Teilen der DDR-Bevölkerung
4. Fazit
5. Quellenverzeichnis
5.1 Literatur
5.2 Internetquellen
6. Abkürzungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die Theorie des Wertewandels von Ronald Inglehart, die primär auf westliche Gesellschaften zugeschnitten ist, auf die Gesellschaft der DDR übertragen werden kann. Dabei wird insbesondere die Frage nach einem Wandel hin zum Wert der Selbstentfaltung in den 1970er und 1980er Jahren analysiert, wobei die jugendliche Subkultur der „Punks“ als zentrales Fallbeispiel dient.
- Grundlagen der soziologischen Werttheorie und Ingleharts Wertewandel-Modell
- Kritik an der Übertragbarkeit westlicher Wertewandel-Theorien auf sozialistische Systeme
- Analyse des Wertebewusstseins innerhalb der DDR-Gesellschaft
- Die Rolle der Punk-Subkultur als Träger postmaterialistischer Wertvorstellungen
- Einflussfaktoren für Wertewandel, wie mediale Vermittlung westlicher Werte und Generationsunterschiede
Auszug aus dem Buch
3.2 Punks – Wertewandel innerhalb eines Teils der Kohorte der DDR - Jugendlichen
Um Gensickes Hypothese eines Wertewandels von Pflichtwerten zu mehr Selbstentfaltung und demzufolge von materialistischen zu postmaterialistischen Werten innerhalb der Kohorte der DDR-Jugendlichen zu untermauern, wurde bewusst dass Bsp. »Punk« gewählt, da Einstellungen und Verhalten dieser Subkultur – gegen jegliche staatliche Vorgaben zu sein – Selbstentfaltung impliziert. Die Datenlage zu einem möglicherweise stattgefundenen Wertewandel in der DDR ist eher dürftig. Zudem ist davon auszugehen, dass auch die Meinungsforschung von der SED kontrolliert wurde, weshalb empirische Untersuchungsergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind. Dennoch meine ich, anhand der Subkultur der »Punks« nachweisen zu können, dass auch in der DDR ein Wertewandel in Teilen der Kohorte der DDR-Jugendlichen Anfang der 80er Jahren stattfand.
Die jugendliche Subkultur »Punk«, entstand ca. Mitte der 70er Jahre in London und New York und richtete sich insb. gegen das politische Establishment und verachtete die Bürgerwelt sowie die – materialistisch orientierte, da auf finanzielles Profitstreben fixierte – Musikindustrie. Wesentliches Merkmal dieser Subkultur ist der von ihnen gelebte Nonkonformismus, also Einstellungen und Verhalten/Auftreten, welche stark von sozialen Normen abweichen. In der DDR wurden »Punks« systematisch von Polizei und Staatssicherheit verfolgt. Dennoch nahmen sie sich Freiheiten – explizit den postmaterialistischen Wert Selbstentfaltung betreffend – die bis dahin undenkbar schienen. Sie trugen bunte Irokesen-Frisuren, zerrissene Jeans, Lederjacken mit Nieten und Aufnähern oder eine Sicherheitsnadel im Ohr oder gar in der Wange. Ihre Unangepasstheit und ihr öffentliches Auftreten war Provokation pur.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung des Wertewandels im Kontext der DDR ein und formuliert die Leitfrage bezüglich der Übertragbarkeit von Ingleharts Theorie, insbesondere im Hinblick auf den Wert der Selbstentfaltung.
2. Begrifflichkeiten und theoretische Grundlagen: Das Kapitel definiert den soziologischen Wertbegriff, stellt die Theorie des Wertewandels von Inglehart vor und beleuchtet die daran geübte fachwissenschaftliche Kritik.
3. Wertewandel innerhalb der DDR-Bevölkerung?: Dieses Kapitel untersucht die Möglichkeit eines Wertewandels im sozialistischen System, wobei unterschiedliche Forschungspositionen und der Einfluss der Punks-Subkultur sowie generationsspezifische Unterschiede analysiert werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und bestätigt, dass trotz der repressiven Bedingungen der DDR Anzeichen für einen Wertewandel hin zur Selbstentfaltung in bestimmten Bevölkerungsgruppen erkennbar waren.
5. Quellenverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Arbeit herangezogene Literatur sowie Internetquellen aufgelistet.
6. Abkürzungsverzeichnis: Dieses Kapitel erläutert die in der Arbeit verwendeten Abkürzungen.
Schlüsselwörter
Wertewandel, Inglehart, DDR, Selbstentfaltung, Postmaterialismus, Sozialistische Persönlichkeit, Punk-Subkultur, Jugendgeneration, Wertetheorie, SED, Politische Soziologie, Generationenmodell, Nonkonformismus, Transformation, DDR-Gesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob die in der politischen Soziologie etablierte Theorie des Wertewandels nach Ronald Inglehart auf die ehemalige DDR anwendbar ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen der soziologische Wertbegriff, Ingleharts Modell des Übergangs von materialistischen zu postmaterialistischen Werten sowie die gesellschaftliche Realität der DDR.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu klären, ob sich innerhalb der DDR-Gesellschaft – trotz staatlicher Ideologie und Kontrolle – ein Wertewandel in Richtung des postmaterialistischen Wertes der Selbstentfaltung vollzogen hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse und diskutiert empirische Fallbeispiele, insbesondere die jugendliche Subkultur der „Punks“, um soziologische Hypothesen zu stützen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil diskutiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse der DDR-spezifischen Wertediskurse sowie eine exemplarische Untersuchung des Wandels anhand von Jugendgenerationen und der Punk-Szene.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wertewandel, Selbstentfaltung, Postmaterialismus, DDR, Sozialisationshypothese und Mangelhypothese.
Inwiefern beeinflusste die SED den Wertewandel in der DDR?
Der Autor diskutiert, dass die SED durch „Wertepolitik“ und Repression versuchte, individuelle Freiräume zu ersticken, was jedoch gleichzeitig zu einer Nischenbildung und einem zweischichtigen Wertesystem führte.
Warum spielt die Punk-Subkultur eine so wichtige Rolle in der Argumentation?
Die Punks dienen als exemplarischer Nachweis dafür, dass sich Jugendliche bewusst gegen staatliche Vorgaben stellten und durch ihren Nonkonformismus einen Raum für persönliche Selbstentfaltung erzwangen.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff „Selbstentfaltung“ in dieser Arbeit zu?
Selbstentfaltung wird als zentraler postmaterialistischer Wert definiert, der nach Inglehart erst in Gesellschaften mit relativer Sicherheit an Bedeutung gewinnt und als Gegenentwurf zum sozialistischen Menschenbild fungiert.
- Arbeit zitieren
- Ronny Hellesch (Autor:in), 2013, Lässt sich Ingleharts Theorie des Wertewandels auf die Gesellschaft der DDR übertragen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303656