Psychotrauma - EMDR als eine Möglichkeit der Traumabehandlung


Hausarbeit, 2004

27 Seiten, Note: ganz ausgezeichnet


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Trauma

3. Traumafolgen
3.1 Wiederholungszwang
3.2 Trigger
3.3 Trauma und Hirnforschung
3.4 Fragmentierung

4. Zusammenfassung Trauma und Traumafolgen

5. Suizidalität

6. Rituelle Gewalt

7. Traumabehandlung
7.1 Stabilisierungsphase
7.1.1 Stabilisierungs- und Distanzierungstechniken
7.1.2 Weitere Stabilisierungsmöglichkeiten
7.2 Traumabearbeitung
7.2.1 Screentechnik
7.3 Integration und Neuorientierung

8. EMDR als eine Möglichkeit der Traumabehandlung

9. Zusammenfassung EMDR

10. Wirkungsweise

11. Die acht Phasen der EMDR- Behandlung
11.1 1. Phase
11.2 2. Phase
11.3 3. Phase
11.4 4. Phase
11.5 5. Phase
11.6 6. Phase
11.7 7. Phase
11.8 8. Phase

12. Zusammenfassung Traumabehandlung und EMDR- Behandlung

13. Psychotrauma und Soziale Arbeit
13.1 Klientel
13.2 Wissensstand und Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen
13.3 Wissen und Reflexion am Beispiel einer Jugend- Wohngruppe
13.4 Vermeidung weiterer Traumatisierungen
13.5 Sensibilität und Selbstreflexion
13.6 Die innere Haltung dem Klienten gegenüber

14. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

Das Thema „ Psychotrauma “ interessierte mich nicht nur deshalb, weil ich neben dem Studium der Sozialarbeit eine kunsttherapeutische Ausbildung mache. Es hat mich auch deshalb interessiert, weil zur Zeit ein Perspektivwechsel stattfindet. Dabei richtet sich das Augenmerk nicht mehr so sehr auf unbewältigte Konflikte im Sinne der Trieblehre Freuds, sondern auf Realtraumatisierungen.

Erstaunlich fand ich im Rahmen des Psychotraumaseminars anlässlich eines Filmbeitrags, wie wenig die EMDR- Therapiemethode bekannt ist. Eine Kommilitonin fragte, ob es sich dabei um Hypnose handele.

Ich werde im Verlauf dieser Hausarbeit darlegen was Psychotrauma ist, welche Folgeerscheinungen damit verbunden sind und wie die Behandlung traumatisierter Menschen konkret, idealerweise auszusehen hätte.

Danach werde ich die EMDR- Behandlungsmethode vorstellen und im letzten Kapitel

den Bezug zu dem Bereich der Sozialarbeit herstellen.

Ich möchte hier einen Überblick geben über dieses doch sehr umfangreiche Gebiet. Das bedeutet, dass ich mich beschränkt habe auf die mir wichtig erscheinenden Sachverhalte.

Nicht eingehen kann ich auf die Entwicklungspsychologie bei Kindern und auf die vielfältigen Risikofaktoren bei Traumatisierungen. Dies hätte den Rahmen der Hausarbeit gesprengt.

Ich habe, wenn ich von Therapeuten und Sozialarbeitern spreche, die männliche Form gewählt. Ich bitte dies nicht als diskriminierend zu werten.

2. Trauma

Der Begriff Trauma ist nicht neu. Allerdings wird er heute in anderen Zusammenhängen verwendet. Er stammt aus der Fachsprache der Chirurgen und bezeichnet eine Verletzung des Körpers, Verletzung von Körperteilen oder Organen durch Fremdeinwirkung, z. B. nach Unfällen. Wenn wir allgemein von Trauma sprechen, meinen wir jedoch nicht die körperliche Verletzung, sondern die psychische. Deshalb ist hier der Begriff Psychotrauma eigentlich die genauere Bezeichnung. Traumatisierungen finden statt in extremen Belastungssituationen, wie z. B. bei Kriegs- und Katastrophenereignissen, gewalttätigen Angriffen auf die eigene Person, Folter, Vergewaltigung, schweren, lebensbedrohlichen Verkehrsunfällen oder durch jahrelange schwere Misshandlungen in der Kindheit. Als Posttraumatische Belastungsstörung (PTB) wird ein Ereignis, im DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, vierte Fassung) wie folgt bezeichnet:

„1. Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die einen tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhaltete,
2. die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen“ (http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=30293).

Dabei kommt dem Aspekt der Hilflosigkeit eine große Bedeutung zu. Grundsätzlich ist das menschliche Gehirn in der Lage mit erheblichen Belastungen zurechtzukommen. In den beschriebenen Situationen werden physiologisch gesehen verschiedene Hormone ausgeschüttet, um so den akuten Gefahrensituationen durch Kampf oder Flucht besser begegnen zu können. Die natürliche Reaktion des Organismus nannte der amerikanische Forscher Walter Cannon 1914 bereits „fight-or-flight-Reaktion“ (vgl. Huber, 2003,T1,41,ff.). Diese Reaktion beinhaltet, vor dem Hintergrund der beschriebenen Hormonausschüttung des Organismus, ein reflexartiges Reagieren des Individuums in der Gefahrensituation. Das Prinzip von Fliehen oder Angreifen ist eine natürliche Reaktionsweise die nicht nur den Tieren sondern auch dem Menschen eigen ist. Durch das reflexartige Agieren wird entweder der Aggressor in die Flucht geschlagen, oder es findet eine Flucht vor dem Aggressor statt. Wenn dies nicht möglich ist, es kein Entrinnen aus der bedrohlichen Situation gibt, findet die sogenannte „freeze-Reaktion“ statt. „Freeze“ bedeutet wörtlich übersetzt „Einfrieren“. Der Körper bekämpft die Todesangst durch körpereigene Opiate und Endorphine. Es findet eine Art Lähmungssituation statt, eine innere Erstarrung, ein Entfremden vom Geschehen (vgl. Huber, 2003,T1,43). Des weiteren erfolgt eine Fragmentierung des Ereignisses.

„Die Erfahrung wird zersplittert, und diese Splitter werden so „weggedrückt“, dass das äußere Ereignis nicht mehr (jedenfalls nicht ohne spätere gezielte Anstrengungen) zusammenhängend wahrgenommen und erinnert werden kann“ (Huber, a.a.O.).

Der beschriebene Vorgang ist die einzige Reaktionsweise, die der menschlichen Psyche ein Überleben ermöglicht.

3. Traumafolgen

Die Folgen schwerer seelischer Belastungen wie sie in der Traumatologie benannt werden, können ein sehr unterschiedliches Ausmaß annehmen. Es wird die akute Belastungsreaktion von der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterschieden, Während erstere unmittelbare Reaktionen wie Angst, Fluchttendenz, Unruhe, vegetative Symptome wie Herzjagen, einhergehend mit einer allgemeinen Schockreaktion nach sich zieht, wobei die Symptomatik nach Stunden oder Tagen abklingt, kommt es bei der posttraumatischen Belastungsstörung zu langanhaltenden Reaktionen der Psyche und des Organismus in Form von psychischen und psychosomatischen Störungen. Die posttraumatische Belastungsstörung ist gekennzeichnet von langanhaltenden Reaktionen. Neben Vermeidungsverhalten diagnostizieren die Ärzte eine allgemeine Übererregung (Hyperarousals), verbunden mit erhöhter Schreckhaftigkeit, Angstzuständen, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, und Amnesien. Es können sich dem Patienten Erinnerungsfetzen bezogen auf das traumatische Ereignis in Tag- oder Alpträumen immer wieder aufdrängen (sogenannte flashbacks). Die Bandbreite der Symptome die auftreten können, ist groß. Es ist für die Ärzte nicht immer leicht, eine entsprechende Diagnose zu stellen, weil oftmals der Zusammenhang zu dem traumatischen Ereignis nicht ohne weiteres herstellbar ist. Die Belastungsreaktionen sind dann, z. B. durch Amnesie, völlig abgekoppelt von dem eigentlichen Auslöseereignis. Das Ausmaß der Symptomatik ist abhängig von der Verwundbarkeit (Vulnerabilität) der betroffenen Person zum Zeitpunkt der Traumatisierung. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die abhängig sind von der Struktur der Persönlichkeit des Betroffenen mit seiner individuellen Vorgeschichte, seinem Alter und seiner sozialen Einbettung einerseits, und andererseits natürlich von dem Ausmaß der Traumatisierung. Es ist leicht einzusehen, dass ein kleines Kind, welches in seiner Ich-Struktur noch besonders verletzlich ist, im Falle eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs Schäden katastrophalen Ausmaßes entwickeln kann. Das psychische Überleben des Kindes geschieht durch Dissoziation, das bedeutet, dass das traumatische Ereignis für die Psyche des Kindes so zerstörerisch und bedrohlich ist, dass ein inneres Entkommen aus der Situation durch Identitätsspaltung stattfindet (Dissoziative Identitätsspaltung, DIS). Es werden verschiedene Innenpersonen gebildet, die auch nach dem Trauma, oftmals ein ganzes Leben lang, bestehen bleiben (Multiple Persönlichkeiten). Die sogenannte Alltagspersönlichkeit (Host), kann im weiteren Verlauf der Störung nicht über die innere Zerrissenheit des heranwachsenden Kindes hinwegtäuschen.

3.1 Wiederholungszwang

Diese innere Zerrissenheit kann einerseits zu Somatisierung, Selbstbezichtigung oder Betäubung durch Süchte führen, andererseits aber auch zu sadistisch-quälenden Persönlichkeitsanteilen, die entweder gegen sich selbst (selbstverletzendes Verhalten) oder gegen andere gerichtet werden. In der psychoanalytischen Terminologie würde man hier von Wiederholungszwang sprechen. Denn es ist allgemein bekannt, dass Sexualstraftäter, die Kinder missbrauchen, oftmals in ihrer Kindheit auch sexuellen Übergriffen ausgeliefert waren.

Selbstverletzendes Verhalten, bei missbrauchten Mädchen oder jungen Frauen, die sich z. B. die Arme aufritzen, kann entweder verstanden werden als Wiederholung im Sinne von Selbstbestrafung durch internalisierte Täteranteile, andererseits auch als Stressbewältigungsmechanismus, wenn „Gefühlsqualitäten des Grauens“ das ICH zu überschwemmen drohen (vgl. Sachsse, 1996,51). Daneben gibt es noch einige andere Gründe, die ich hier nicht erörtern möchte.

3.2 Trigger

Traumatisierte Menschen, die eine PTBS oder DIS entwickelt haben, sind, wenn die Störung nicht psychotherapeutisch behandelt wurde, immer wieder in Gefahr durch sogenannte „Trigger“ an die einst traumatische Situation erinnert zu werden. Trigger sind Auslösereize für traumatische Reaktionen. So kann beispielsweise der Überlebende eines Flugzeugsabsturzes auch viele Jahre nach dem Ereignis durch das bloße Wahrnehmen von Kerosingeruch in den gleichen psychischen Zustand geraten wie kurz nach der Katastrophe. Denn in der beschriebenen, akuten, traumatisierenden Situation scheint das Trauma gewissermaßen für immer im menschlichen Gehirn „ eingefroren“ zu werden, selbst dann, wenn der Betroffene sich durch Amnesie an den eigentlichen Unfall gar nicht erinnern kann.

3.3. Trauma und Hirnforschung

Bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass eine Traumatisierung und deren Folgen eine psychisch-funktionale Störung sei. Mittlerweile konnte die neurologisch-biologische Entsprechung nachgewiesen werden. Denn neueste Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass Traumatisierung direkt das menschliche Gehirn in speziellen Bereichen schädigt. So konnte die Biologin Anna Katharina Braun, am Institut für Biologie der Universität Magdeburg, nachweisen, dass frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Lebewesens sein ganzes Leben lang beeinflussen können. In Tierversuchen wies sie nach, dass Stresshormone, die über das Blut in das Gehirn gelangen, das Wachstum von Nervenzellen und synaptischen Kontakten beeinflussen. Diese dauerhaften Veränderungen finden in einem Bereich des Gehirns statt, der für Emotionen und Lernen zuständig ist. Die Übertragbarkeit auf den Menschen zeigte sie durch kernspinntomographische Aufnahmen von Kindergehirnen. Bei vernachlässigten Kindern sind in den entsprechenden lymbischen Gehirnregionen Stoffwechselunterfunktionen erkennbar (vgl. hierzu:http:// www.3sat.de/nano/cstuecke/45386/).

3.4. Fragmentierung

Die Informationsverarbeitungssysteme im menschlichen Gehirn, speziell in der akuten Traumareaktion, sind komplex. Für Nichtmediziner genügt es zu wissen, dass in der traumatisierenden Situation ein Informationsverarbeitungsprozess zwischen verschiedenen Hirnarealen unter Einbeziehung verschiedener Hormonsysteme stattfindet, der in der Folge zur einer fragmentierten Erinnerung führt (vgl. Hofmann 1999, 5 f). Hofmann führt aus:

„summarisch gesehen kommt es bei einer schweren Traumatisierung bei den Opfern zu einer Art Entkopplung wichtiger Funktionsbereiche der beiden Hemisphären des Gehirns “ (Hofmann 1999, 8).

Die beschriebene Entkopplung geht im psychischen Erleben einer betroffenen Person einher mit der Entkopplung vom ursprünglichen Traumageschehen. Hier setzt die sogenannte EMDR-Methode an, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde.

4. Zusammenfassung: Trauma und Traumafolgen

Zusammenfassend lässt sich folgendes über Trauma und Traumafolgen sagen:

„Von allen Menschen müssen zwischen 30 und ca. 60 Prozent in ihrem Leben eine unerträgliche, weil körperlich oder seelisch todesnahe Situation überstehen. Zwei Drittel von ihnen schafft es glücklicherweise, das Ereignis ohne langfristige Schäden zu überleben “(Michaela Huber 2003,T1, 22).

Das bedeutet konkret, dass sich bei einer großen Anzahl Betroffener nach dem Ereignis zwar eine posttraumatische Belastungsreaktion, mit Symptomen wie Angstzuständen, Alpträumen, Gefühlen von Empfindungslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Wahrnehmungsstörungen sowie die Vermeidung aller Reize, die mit dem Trauma zu tun haben einstellt, diese jedoch nach einiger Zeit wieder abklingt. Dies macht einerseits deutlich, über welche enormen Selbstheilungskräfte das menschliche Gehirn verfügt, andererseits gibt es eine Vielzahl in der Literatur beschriebener Risikofaktoren, die dazu beitragen, dass es bei etwa 1/3 aller Menschen zu einer Chronifizierung in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) kommt oder in besonders gravierenden Fällen zu einem Zerfall der Identität führen kann (DIS). Daneben können zahlreiche andere Krankheitsbilder entstehen. Luise Reddeman sagt dazu:

„Heute wissen wir, dass hinter sehr vielen seelischen und psychosomatischen Erkrankungen, insbesondere den Persönlichkeitsstörungen vom Borderlinetyp, aber auch Suchterkrankungen, Ess-Störungen, selbstverletzendem Verhalten und den Somatisierungs- und Angststörungen, traumatische Erfahrungen als Ursache oder Mitursache zu finden sind.“(Luise Reddemann, 2003, 11).

Ich möchte mir hier die Aufzählung der vielfältigen, verschiedenen Risikofaktoren ersparen, welche die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörung erhöhen wie z. B. Arbeitslosigkeit oder Mobbing des Betroffenen im Betrieb und verweise auf die einschlägige Literatur, wie z. B. Fischer/Riedesser: „Lehrbuch der Psychotraumatologie“, 1988.

Die psychosomatischen Folgeerscheinungen von Traumata wie z. B. Magen- und Darmprobleme sowie Kopf- und Kreuzschmerzen werden häufig nicht in Zusammenhang mit der eigentlichen Ursache gebracht. So kommt es, dass viele Patienten eine Odyssee durch das organmedizinische Gesundheitswesen machen müssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Psychotrauma - EMDR als eine Möglichkeit der Traumabehandlung
Hochschule
Hochschule Hannover  (FB Sozialwesen)
Note
ganz ausgezeichnet
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V30373
ISBN (eBook)
9783638316460
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Psychotrauma, Traumafolgen, die Behandlung durch EMDR, der Bezug zur Sozialarbeit
Schlagworte
Psychotrauma, EMDR, Möglichkeit, Traumabehandlung
Arbeit zitieren
Rainer Landeck (Autor:in), 2004, Psychotrauma - EMDR als eine Möglichkeit der Traumabehandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30373

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