Mit der Auswertung und Veröffentlichung der PISA-Studie im Jahr 2000 entfachte in Deutschland eine intensive Diskussion. Das unterdurchschnittliche Abschneiden der deutschen Schüler/innen der Sekundarstufen alarmierte die Öffentlichkeit und stellte das bisher vorherrschende Bildungssystem Deutschlands in Frage. Nicht nur die wenig ausgeprägten Kompetenzen wurde durch die PISA-Studie enthüllt, sondern auch, dass in Deutschland ein signifikanter Zusammenhang von sozialer Herkunft und Leistungsniveau besteht.
Als Grund für das schlechte Abschneiden der Sekundärschüler/ innen rückte das deutsche Schulsystem immer mehr in den Fokus der Debatten. Fast ein Jahrhundert galt die Halbtagsschule als hegemoniale Schulstruktur des Bildungssystems. Doch nun folgte, ausgelöst durch die kontroversen Diskurse über Lösungsmöglichkeiten, ein massiver Ausbau von Ganztagsschulen (vgl. Coelen/ Stecher 2014, S.5).
Die strukturellen Gegebenheiten ermöglichten es der Ganztagsschule zwei pädagogische Einrichtungen, Schule und Hort, zu vereinen und somit unterschiedliche politische und gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. So sollte es zumindest theoretisch möglich sein, das Leistungsniveau der Schülerschaft zu verbessern, berufstätige und alleinerziehende Eltern zu entlastet und vor allem die Chancen - und Bildungsgleichheit in Deutschland zu fördern (Stecher/Allemann-Ghionda/Helsper/Klieme 2009, S.8 f.).
Von den großen und vielen Hoffnungen die man in die Ganztagsschule setzt, werde ich mich in meiner Arbeit mit der Untersuchungen der Hausaufgaben aber vor allem mit der Hausaufgabenbetreuung befassen. Ich versuche einen bildhaften Vergleich von Anspruch und Wirklichkeit der Ganztagsschulen herauszuarbeiten.
Hierzu werde ich zunächst in meinem zweiten Kapiteln - „Historische Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland“ - sowohl die Entwicklung als auch das Konstrukt Ganztagsschule, in seinen verschiedenen Formen, darstellen. Um den begrifflichen Rahmen meiner Arbeit abzustecken, beleuchte ich in Kapitel drei die „Institution“ Hausaufgaben. Hierbei stelle ich diverse Definitionen vor und untersuche diese auf ihre Funktion für Lehrer, Schüler und Eltern. In meinem vierten Abschnitt - „Lassen sich Anspruch von Ganztagsbildungskonzept und Hausaufgaben/ -betreuung vereinen?“ - komme ich zu meinem Kern der Arbeit. Es sei vorweggenommen, dass ich mich bei meiner Hausarbeit vor allem auf die Ausführungen von Thomas Coelen, Ludwig Stecher und Hans-Uwe Otto beziehe.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland
2.1 Formen der Ganztagsschulen
2.1.1 Offenes Ganztagsmodell
2.1.2 Gebundenes Ganztagsmodell
3 Hausaufgaben als Form individueller / selbständiger Lernleistung außerhalb durch Lehrkräfte strukturierten Unterricht
3.1Was sind Hausaufgaben?
3.2Welche Funktion haben Hausaufgaben?
3.3 Arten von Hausaufgabenerledigungen in der Ganztagsschule
4 Lassen sich Anspruch von Ganztagsbildungskonzept und Hausaufgaben/ -betreuung vereinen?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem theoretischen Anspruch der Ganztagsschule – insbesondere im Hinblick auf die Hausaufgabenbetreuung – und der tatsächlichen Umsetzung in der Praxis, mit dem Ziel, die Effektivität verschiedener Betreuungsmodelle kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung der deutschen Ganztagsschule
- Differenzierung zwischen offenem und gebundenem Ganztagsmodell
- Definition und pädagogische Funktion von Hausaufgaben
- Additive versus integrative Hausaufgabenbetreuung
- Kritische Analyse von Erwartungshaltungen und empirischer Realität
Auszug aus dem Buch
3.2 Welche Funktion haben Hausaufgaben?
Über die Funktionen von Hausaufgaben nachzudenken, impliziert grundsätzlich auch, dass sie auch wertvoll sind oder zumindest wertvolle Elemente aufweisen.
Hausaufgaben haben zum Einen die Funktionen den Unterricht zu erweitern, sie stellen eine autonome Auseinandersetzung aller Schüler und Schülerinnen mit den Lehr- bzw. Lerninhalten dar. Sie sollen nicht als individuelle Förderprogramme, wie z.B. Nachhilfeunterricht, verstanden werden, , sondern sie sind lediglich ein diagnostisches Mittel zur Erkennung von Stärken und Schwächen. Diese Informationsfunktion gegenüber den Eltern als auch den Lehrkräften, bietet die Möglichkeit spezifische didaktische und methodische Unterstützungen aufzubauen.
Wenn es den Lehrerinnen und Lehrern gelingt, den Hausaufgaben ihren reproduzierenden Charakter zu entnehmen, könnte dies zu einer Lernentwicklung der Schüler/ innen führen. Allerdings zeigt die momentane Situationen im Umgang mit Hausaufgaben, dass der Fokus auf einem rein zweckorientiertem Lernen liegt. Hierbei wiederholen die Schüler/ innen nur das, was es schon im Unterricht gegeben hat. Um eine Lernverbesserung zu bewirken, sollte es dem Lehrpersonal gelingen eine gesunde Mischung von Mechanisierungsfunktion, Übertragungs- und Kontrollfunktionen, Erweiterungsfunktionen, Erkundungs- und Motivationsfunktion zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert den durch die PISA-Studie ausgelösten bildungspolitischen Diskurs und führt in die Problemstellung des Vergleichs von Anspruch und Wirklichkeit bei der Hausaufgabenbetreuung in Ganztagsschulen ein.
2 Historische Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die chronologische Entwicklung der Ganztagsschule nach und erläutert die verschiedenen institutionellen Ausprägungen, insbesondere das offene und das gebundene Ganztagsmodell.
3 Hausaufgaben als Form individueller / selbständiger Lernleistung außerhalb durch Lehrkräfte strukturierten Unterricht: Hier werden Definitionen sowie Funktionen von Hausaufgaben dargelegt und die beiden zentralen Modelle der Hausaufgabenbetreuung (additiv und integrativ) vorgestellt.
4 Lassen sich Anspruch von Ganztagsbildungskonzept und Hausaufgaben/ -betreuung vereinen?: Dieses Kapitel hinterfragt kritisch die pädagogischen Konzepte und kontrastiert die hohen gesellschaftlichen Erwartungen an die Hausaufgabenbetreuung mit empirischen Forschungsergebnissen.
5 Fazit: Das Fazit resümiert die geringe Effektivität aktueller Modelle und fordert eine Infrastruktur des Lernens, die auf qualifiziertem Personal und neuen institutionellen Rahmenbedingungen basiert.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Hausaufgabenbetreuung, Hausaufgaben, Bildungsgerechtigkeit, PISA-Studie, additive Lösungsform, integrative Lösungsform, Lernkultur, Ganztagsbildung, Schulerfolg, Lehrpersonal, Bildungspolitik, individuelle Förderung, Selbstständigkeit, Schulsystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Diskrepanz zwischen dem bildungspolitischen Anspruch an Ganztagsschulen, soziale Ungleichheit abzubauen, und der tatsächlichen Qualität sowie Effektivität der Hausaufgabenbetreuung in der Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die historische Genese der Ganztagsschule, die begriffliche Definition von Hausaufgaben, die Unterscheidung zwischen additiven und integrativen Betreuungsmodellen sowie die kritische Reflexion der pädagogischen Ergebnisse.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob sich der hohe Anspruch an Ganztagsbildungskonzepte mit der alltäglichen Realität der Hausaufgabenbetreuung tatsächlich vereinen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung bestehender empirischer Studien zum Thema Ganztagsschule und Hausaufgabenpraxis basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Schulmodelle, eine Begriffsklärung der Hausaufgaben samt ihrer Funktionen und eine kritische Auseinandersetzung mit der praktischen Umsetzung der Betreuungsangebote.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ganztagsschule, Hausaufgabenbetreuung, additive bzw. integrative Lösungsform, Chancengleichheit und Lernkultur.
Wie unterscheiden sich das offene und das gebundene Ganztagsmodell?
Beim offenen Modell bleibt das traditionelle Eltern-Kind-Verhältnis weitgehend erhalten und die Teilnahme ist meist freiwillig, während beim gebundenen Modell ein verpflichtender, rhythmisiert gestalteter Schultag für alle Schüler im Vordergrund steht.
Warum schneiden bisherige Hausaufgabenkonzepte in der Analyse eher negativ ab?
Studien belegen, dass sich die Noten der Schüler durch die bloße Teilnahme an Betreuungsangeboten oft nicht signifikant verbessern, was meist an mangelnder konzeptioneller Tiefe und fehlender Qualifikation des Personals liegt.
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- Anonym (Autor:in), 2015, Hausaufgabenbetreuung an Ganztagsschulen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303854