Russische Oktoberrevlution bis zur Machtergreifung Hitlers im Urteil Ernst Noltes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

42 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

1. Einleitung: Ernst Nolte und der Bruch eines Tabus

In der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, welche Bedingungen und Ursachen der Historiker Ernst Nolte für die Entstehung und den Erfolg des Nationalsozialismus in der Zeit von der Russischen Oktoberrevolution bis zu der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler herausstellt. In seinem Buch "Der europäische Bürgerkrieg" stellt Nolte "die Beziehung zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten und weithin diejenige zwischen der Sowjetunion und dem Dritten Reich als die für Deutschland, für die Sowjetunion und für die ganze Welt als bedeutendste aller Beziehungen in den Mittelpunkt seiner Interpretation."[1] In der Gliederung dieser Interpretation folgend wird zunächst die Situation in Rußland während und nach der Russischen Oktoberrevolution und in einem späteren Abschnitt zur Zeit der Stalinisierung erläutert. Daraufhin sollen die Folgen der Oktoberrevolution und des Ersten Weltkrieges in Deutschland beleuchtet werden, wobei die Entstehung der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei im Vordergrund stehen. Dabei wird die Argumentation Noltes bezüglich der Parallelen in der Entwicklung und der Ziele der beiden Parteien und insbesondere Hitlers beschrieben. Diese Darstellung endet mit der sogenannten "Machtergreifung" Hitlers und dem Untergang der Weimarer Republik.

Mit seiner Theorie vom "kausalen Nexus" zwischen Bolschewismus und Nationalsozialis-mus hat Nolte laut Furet "im demokratischen Europa für jeden Historiker ein mehr oder weniger tabuisiertes Thema"[2] bearbeitet und dadurch den sogenannten "Historikerstreit" ausgelöst. Seitdem sind zwar schon 14 Jahre vergangen, aber als dem Berliner Historiker am 4. Juni 2000 der Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft verliehen wurde, erfuhr der Streit durch erneute lautstarke Kritik eine Wiederbelebung. So wurde der "Deutschland Stiftung" vorgeworfen, mit der Verleihung des Preises sanktioniere sie Noltes "durchsichtigen Versuch, die deutsche Vergangenheit zu entschulden, die Deutschen gewissermaßen als Täter aus Angstreaktion zu exkulpieren"[3], für einen weiteren Journalisten war "der schale Festakt (...) ein Eigentor. Im Grunde (...) [sei] Noltes Verehrern, die mit ihm den dunklen Herzschlag teilen, eine strategische Panne unterlaufen: Sie haben den Preis (...) zu früh und darum umsonst verteilt."[4] Auf den Historikerstreit und auf die Frage, ob Noltes Ansatz legitim war, soll in der Schlußbetrachtung kurz eingegangen werden.

2. Die Oktoberrevolution und die Machtergreifung der Bolschewiki – "Der Durchbruch des Kommunismus zur staatlichen Macht"

Nachdem im Zuge der russischen Februarrevolution Zar Nikolaus II Alexandrowitsch zur Abdankung gezwungen worden war, hatte in Rußland die "Doppelherrschaft" des "Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten" und der "Provisorischen Regierung" begonnen. Obwohl es dort zunächst zu einer begrenzten Zusammenarbeit kam, ließ sich bald nicht mehr verbergen, daß die Regierung außerstande war, die grundlegenden Probleme des Landes zu lösen. Die Entscheidungen über die Lebensmittelversorgung, die Agrarreform und den Friedensschluß wollte man der Verfassunggebenden Versammlung überlassen, deren Wahl jedoch immer wieder hinausgeschoben wurde.

So kam es im April 1917 zu einer ersten Krise: Durch die Überzeugung des "Sowjet", daß Rußland nur durch die Zusammenarbeit aller linksgerichteten Parteien einschließlich der bürgerlichen Partei der "konstitutionellen Demokraten" gerettet werden könne und durch dessen Selbstauffassung als Provisorisches Parlament der Provisorischen Regierung, in die er von Anfang an Vertreter entsandte, schlug er den Weg der Zusammenarbeit mit dem "Klassenfeind" Bürgertum ein – ein Weg, der auch bei den westeuropäischen Sozialisten heftig umstritten war.[5]

Da der neue Außenminister Miljukow in einer Note den russischen Siegeswillen unterstrichen und an die russischen Kriegsziele erinnert hatte, konnte der aus dem Exil in Zürich nach Petersburg zurückgekehrte Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin mit seiner Rede vom 17. April 1917 auf wachsende Zustimmung in der Bevölkerung stoßen. In dieser Rede forderte Lenin mit seinen sogenannten "Aprilthesen" die Bekämpfung der Provisorischen Regierung und die Machtübernahme durch die Sowjets. Die Aufgaben des Proletariats in der Revolution sah er in der Beendigung des Krieges, der Nationalisierung des gesamten Bodens und der Kontrolle über die Produktion und Verteilung durch die Sowjets. Miljukow mußte infolge großer Demonstrationen zurücktreten. Mit Lenins Rückkehr kam zugleich der Wendepunkt in den Aktivitäten der Bolschewistischen Partei:[6] Sozialrevolutionäre, Menschewiki und einige kleinere sozialistische Parteien standen nun auf der einen, Bolschewiki, die sogenannten "internationalistischen Menschewiki" und die kleine Truppe Leo Trotzkis auf der anderen Seite.

Menschewiki und Sozialrevolutionäre stellten zwar die Mehrheit in den Sowjets, erfüllten aber nicht die Forderungen von Arbeitern, Bauern und Soldaten und sahen sich daher mit wachsendem Mißtrauen konfrontiert. Nachdem eine militärische Offensive gegen die Mittelmächte gescheitert war, entlud sich im Juli 1917 in Petrograd die Kritik in Streiks und Demonstrationen, an deren Spitze sich die Bolschewiki mit der Forderung "alle Macht den Sowjets" stellten. Die Demonstrationen wurden von der Regierung gewaltsam aufgelöst, die bolschewistische Partei verboten.

Ende August mußte Ministerpräsident Kerenski die Hilfe der Bolschewiki in Anspruch nehmen, um einen Putsch des Oberbefehlshabers Kornilow niederzuschlagen. Die Massen-bewegungen sahen ihre Interessen in zunehmendem Maße von den Bolschewiki repräsentiert. Diese besaßen nach wenigen Wochen die Mehrheit im Petrograder Sowjet, welcher Leo Trotzki zum Vorsitzenden wählte und ein Militärisches Revolutionskomitee bestimmte, da man einen neuen konterrevolutionären Putsch befürchtete. Infolge der Behinderungsversuche der Regierung ging das Militärische Aktionskomitee am 25. Oktober 1917 zur Offensive über: Arbeiter und Soldaten besetzten alle wichtigen Gebäude in Petrograd und verhafteten die Mitglieder der Regierung. Bei der Eröffnung des neu zusammengetretenen Zweiten Allrussischen Sowjetkongresses wurde bereits verkündet, daß eine neue Provisorische Regierung aus Parteimitgliedern der Bolschewiki unter Vorsitz Lenins gebildet sei, woraufhin die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki unter heftigen Protesten den Saal verließen. Demnach handelte es sich bei der Oktoberrevolution um den "Putsch einer sozialistischen Partei gegen die anderen sozialistischen Parteien und nicht zuletzt gegen die Intentionen des Sowjetkongresses, der zweifellos dem überwältigenden Massenwunsch entsprochen und eine Sowjetregierung aus den sozialistischen Parteien unter Ausschluß der Bürgerlichen gebildet haben würde"[7]. Mit diesem Putsch war der Kommunismus zur staatlichen Macht durchgebrochen.[8] Am nächsten Tag verabschiedete der Sowjetkongreß zwei Gesetze, von denen das eine die Gutsbesitzer enteignete und das andere einen sofortigen Friedensschluß anbot. Weiterhin wurde die Wahl zur Nationalversammlung eingeleitet, in den Rat der Volkskommissare traten neben den Bolschewiki nur die Linken Sozialrevolutionäre. Koalitionsverhandlungen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären scheiterten. Mit der Erklärung, es handele sich hier um eine sozialistische Revolution, setzten sich die Bolschewiki das Ziel, in planmäßiger Entwicklung einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbau vorzunehmen.

Die Bolschewiki waren zugleich die einzige Partei, die es wagte, in der Öffentlichkeit zu einem Friedensschluß aufzurufen,[9] und so zeigte sich rasch, daß die Partei des Bürgerkrieges auch die Partei des Separatfriedens war: Schon am 22. November 1917 forderte Lenin die Soldaten und Matrosen zu selbständigen Waffenstillstandsverhandlungen mit dem Feind auf. Nachdem die Alliierten den Vorschlag einer allgemeinen Friedenskonferenz abgelehnt hatten, begannen bereits am 9. Dezember 1917 in Brest-Litowsk russisch-deutsche Verhandlungen über einen Sonderfrieden. Obwohl Trotzki die Verhandlungen wegen der hohen deutschen Forderungen zunächst abgebrochen hatte, mußte Rußland der daraufhin einsetzenden Offensive deutscher Truppen schließlich doch nachgeben, und am 3. März 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterschrieben. Doch nicht nur wegen des Drucks durch den Vormarsch des deutschen Ostheeres, sondern besonders wegen Lenins Durchsetzungsvermögens innerhalb der sowjetischen Führungsgruppe war die Wiederaufnahme der Verhandlungen am 1. März und die darauf folgende Vertragsunterzeichnung möglich geworden. Er hatte die Annahme der deutschen Bedingungen gefordert, um "sich des Außendrucks zu entledigen und eine Atempause für die Revolution zu gewinnen; ohnehin stehe auch in Deutschland die Revolution bevor, sie werde den Vertrag hinfällig machen"[10]. Die Hoffnungen auf eine baldige Revolution in Deutschland, artikuliert durch die eindringlichen Appelle an das "deutsche Proletariat", dienten der Rechtfertigung dieses "von den Deutschen diktierten Friedens"[11].

Mit diesem Friedensvertrag hatte sich Lenin "gegen alle anderen Parteien der Linken und sogar gegen einen Großteil seiner eigenen Partei (gestellt), so daß die Lage (...) auch nicht dadurch normaler (wurde), daß nach den Dekreten über das Land und über den Frieden in kurzer Zeit die gesamte Industrie des Landes in Staatsbesitz überführt wurde, so daß Rußland zu einem 'sozialistischen Lande' geworden war"[12]. Doch vor allem durch die unverhüllte Feindseligkeit der Alliierten geriet Lenins Regierung nun in eine wirklich gefährliche Situation. Lenin legte die äußerste Entschlossenheit an den Tag, "die russische Bourgeoisie, den greifbaren Hauptfeind, nicht nur als Klasse zu vernichten, sondern auch die physische Ausrottung zahlreicher einzelner folgen zu lassen"[13].

[...]


[1] Volker Kronenberg, Rückblick auf das tragische Jahrhundert. Furet, Nolte und die Deutung des totalitären Zeitalters, in: Jahrbuch Extremismus und Demokratie, Baden Baden 1998, S. 49-80, S. 66.

[2] Francois Furet und Ernst Nolte, "Feindliche Nähe". Kommunismus und Faschismus im 20. Jahrhundert. Ein Briefwechsel, München 1998, S. 30.

[3] Johannes Willms, Die Fahne hoch. Feier der Unbelehrbarkeit: Konrad-Adenauer-Preis für Ernst Nolte, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 117 vom 22.05.2000, S.15.

[4] Arno Orzessek, Eine Frage der Ehre. Ernst Nolte bekam den Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 128 vom 05.06.2000, S. 17.

[5] Vgl. Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt am Main 1987, S.48.

[6] Vgl. Walter Laqueur, The Fate of the Revolution. Interpretations of Soviet History, London 1967, S.41.

[7] Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg, a. a. O., S.57.

[8] Vgl. Imanuel Geiss, Die Totalitarismen unseres Jahrhunderts. Kommunismus und Nationalsozialismus im historisch-politischen Vergleich, in: Eckhard Jesse (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. erweiterte Aufl., Bonn 1999, S. 160-175, S.166.

[9] Vgl. Walter Laqueur, The Fate of the Revolution, a. a. O., S.42.

[10] Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918. Zweiter Band. Machtstaat vor der Demokratie, München 1992, S.831.

[11] Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Band 9, Darmstadt 1987, S.40.

[12] Ernst Nolte, Marxismus und Industrielle Revolution, Stuttgart 1983, S.523.

[13] Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg, a. a. O., S.62.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Russische Oktoberrevlution bis zur Machtergreifung Hitlers im Urteil Ernst Noltes
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Seminar für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Ideologien im 20. Jahrhundert
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
42
Katalognummer
V3039
ISBN (eBook)
9783638118262
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Nolte, RussischeOktoberrevolution, Machtergreifung Hitlers, Ideologien, Historikerstreit
Arbeit zitieren
Barbara Lier (Autor), 2000, Russische Oktoberrevlution bis zur Machtergreifung Hitlers im Urteil Ernst Noltes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3039

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