Sprachwandel und Öffentlichkeit am Beispiel der Atomdiskussion in Deutschland


Hausarbeit, 2001

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Chronologie der Kernenergiediskussion... 5

II. Sprachwandel und Öffentlichkeit... 7

A. Kommunikative und juristische Dimensionen der Debatte... 13

B. Modell des politischen Macht- und Informationskreislaufs... 15

1. Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft... 15

2. Elemente... 16

3. Problemverarbeitung... 17

4. Massenmedien und Medienmacht... 18

III. Zusammenfassung... 20

Literatur... 21

Einführung

Die zurückliegende wie gegenwärtige Diskussion um die Atomenergie in Deutschland präsentiert in geradezu beispielhafter Weise den Zusammenhang von Sprache und Öffentlichkeit. Sie zeigt in anschaulicher Weise, dass Vernunft über den Weg der kommunikativen Vernetzung handlungswirksam werden kann. Die zunehmende Rationalität bildet in der Auseinandersetzung um die Wahrheit eine Art Schnittmenge. Die Sprache wird – im Sinne von Habermas – eine „primäre Quelle soziale[r] Integration“ (ebd., S. 34), durch die Konsens, aber auch Dissens zwischen den Diskurspartnern lokalisiert werden können. Die Atomdebatte erstreckt sich inzwischen über viele – insbesondere rechtliche – Bereiche der Zivilgesellschaft. Diese war zu keinem Zeitpunkt bedroht, doch der Einfluß auf das Denken ihrer Mitglieder ist unübersehbar. Eine allmähliche Umkehr in der Durchsetzung der Interessenlagen der vermeintlich Stärkeren (Regierung, „Atomlobby“) zugunsten außerparlamentarischer Gruppen war die Folge. Als Grund kann die verstärkte Mobilisierung der politischen Öffentlichkeit angenommen werden.

Die vorliegende Arbeit versucht abrissartig das eben diagnostizierte Problem der Kernenergiedebatte in der BRD aus kommunikationstheoretischer wie diskursethischer Sicht zu beleuchten. Einer Längsschnittbetrachtung (Kap. 2), die vor allem die Chronologie der Diskussion nachvollziehen will, folgt eine Erörterung des Zusammenhangs von Sprachwandel und Öffentlichkeit in der Atomenergiedebatte (Kap. 3). In Kap. 4. soll schließlich der Versuch unternommen werden, das Modell des idealen bzw. gestörten Machtkreislaufs (Habermas 1997) auf die Atomdiskussion anzuwenden.

Quellen für diese Arbeit waren die 1994 veröffentlichte Dissertation von Jung, die sich insbesondere mit Öffentlichkeit und Sprachwandel in der Kernenergiedebatte beschäftigte, sowie die Überlegungen zur Rolle von Zivilgesellschaft und politischer Öffentlichkeit von Jürgen Habermas. Statistische Angaben sind vor allem dem Datenreport 1999 für die BRD entnommen. Weiterhin wurden das „Linguistische Lexikon“ von Lewandowski sowie das dtv-Lexikon für die Begriffsklärung benutzt. Darüber hinaus ist das Internet eine unschätzbare Quelle gewesen. [1]

I. Chronologie der Kernenergiediskussion

Um einen chronologischen Abriss der Atomdebatte zu erstellen, muss viel weiter in die Vergangenheit geschaut werden, als die Debatte selbst aktuell ist. Natürlich kann dieser chronologische Abriss keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Erwähnt sind hier die von Jung für wichtig erachteten Ereignisse sowie aktuelles Zeitgeschehen. In Anlehnung an Jung soll auch diese Chronologie mit der Entdeckung der Radioaktivität beginnen.

Im Jahre 1896 entdeckte Henri Becquerel die Strahlung, die vom Uran ausgeht. Zwei Jahre später, also 1898, wies das Ehepaar Pierre und Marie Curie eben diese Strahlung auch bei anderen Elementen nach. Sie waren es, die den Begriff „Radioaktivität“ prägten. Abgeleitet wurde dieser vom lateinischen „radius“ (Strahl).

Bereits 1903 wies Pierre Curie die Wärmeentwicklung in der Radioaktivität nach und gab so den Anstoß zur Diskussion um einen energieliefernden Prozess.

35 Jahre später, im Jahre 1938, ließen Otto Hahn und Fritz Strassmann Atom-kerne unter Neutronenbeschuss, wie sie es nannten, „zerplatzen“. 1939 wurde dieser Vorgang von O.R. Frisch als „Kernspaltung“ bezeichnet.

1945 war das „erste schwarze“ Jahr für die Atomenergie. Zwei Atombomben wurden am 06.08.1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Damit verbundene Sofort- und Langzeitschäden in der Region sind hinlänglich bekannt.

1959 wurde im Grundgesetz der BRD ein Passus über die friedliche Nutzung der Kernenergie verankert (GG 74, 11a).

Zwischen 1970 und 1975 nahm nicht nur die Zahl der Atomkraftprojekte deutlich zu, sondern auch die Zahl der Einsprüche dagegen. Die ersten sogenannten KKW-Nein-Gruppen formierten sich 1976.

1977 kam es zu den ersten ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei in Brokdorf und Grohnde, an denen übrigens auch die Politiker Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesinnenminister Otto Schily beteiligt waren. Für die Zeit zwischen 1977 und 1979 können wir insgesamt von der ersten heißen Phase der nuklearen Kontroverse sprechen.

Schnell gründeten sich grüne Verbände, die 1979 „dank“ des Unfalls von Harrisburg hohe Wahlerfolge erzielen konnten. 1983 zog die inzwischen aus diesen Verbänden gegründete Partei Die Grünen in den Bundestag ein.

1986 folgte dann das zweite schwarze Jahr der Atomenergie – mit dem schrecklichen Unfall von Tschernobyl, der seitdem als Synonym für den Super-GAU gilt. Noch heute kämpft auch diese Region genauso wie Hiroshima oder Nagasaki mit den Folgen.

Mehrere Atomskandale, ein Störfall in Cattenom sowie die Bundestagswahl 1987 erhielten die Diskussion bis in die späten achtziger Jahre am Leben.

Bis in die frühen Neunziger konnte die Debatte jedoch nicht hinübergerettet werden. Der politische Umschwung 1989/ 1990 und die damit verbundenen neuen politischen Diskussionsthemen verhinderten dies.

Erst 1998 kehrte die Debatte in die politische Öffentlichkeit zurück – mit der Regierungskoalition von SPD und Grünen.

2000 wurde der sogenannte Atomkonsens erarbeitet. Die Regierungsparteien einigten sich auf eine Restlaufzeit von 30 Jahren für die jetzt vorhandenen Kernkraftwerke. Die endgültige Zustimmung der Industrie steht allerdings noch aus.

Die aktuellsten Ereignisse in der Debatte um die Atomenergie sind zweifellos die Diskussionen um uranbeschichtete Sprengköpfe an Waffen der Bundeswehr im Kosovo sowie die letzten spektakulären Protestaktionen gegen den Castortransport nach Gorleben.

Auch die gerade erfolgten Castortransporte nach Lubmin und La Hague sorgen noch für politischen Gesprächsstoff.

II. Sprachwandel und Öffentlichkeit

1. Für die Analyse notwendige Definitionen

Um die Analyse durchführen zu können, ist es vorab nötig, einige Begriffe, die verwendet werden, zu klären.

Zum ersten wird bereits in der Überschrift von Sprachwandel gesprochen. Da der Sprachwandel selbst aber sehr vielschichtig ist, soll er an dieser Stelle für die folgende Analyse erklärt werden.

Nach Lewandowski [2] handelt es sich beim Sprachwandel um die „Vielfalt der ständig verlaufenden Prozesse der Umgestaltung, des Verlusts und der Neubildung sprachlicher Elemente“, wobei er von lexikalischen, morphologischen, phonologisch-phonetischen und syntaktischen Veränderungen einer Sprache ausgeht. Um einen Sprachwandel herbeizuführen, seien sowohl externe soziolinguistische als auch systeminterne Faktoren systematisch miteinander verschränkt. Sprachwandel vollziehe sich in der Regel langfristig und für den Sprecher/Hörer unbewusst. Als Grund für den Sprachwandel nimmt Lewandowski eine in der Sprache angelegte Variabilität und das Optimierungsbestreben der Sprecher an.

Kurz gesagt bedeutet das, dass Sprachwandel nicht planbar ist, sondern sich von innen heraus entwickelt. Die Sprecher einer Sprache haben immer das Bedürfnis, mit weitergehendem Fortschritt in Technik, Wissenschaft etc. die sie umgebende Umwelt detaillierter zu beschreiben (Optimierungsbestreben). Dafür werden entweder Komposita, also Zusammensetzungen, gebildet, es werden Worte aus anderen Sprachen entlehnt oder aber nicht mehr oder kaum noch benutzte Worte werden – i.d.R. mit einer neuen Bedeutung - wiederbelebt. Diese Möglichkeiten werden unter der in der Sprache angelegten Variabilität zusammengefasst.

Weiterhin wird in der Überschrift die Öffentlichkeit benannt. Auch dieser Begriff muss für die vorliegende Analyse definiert werden, da sonst Missverständnisse auftreten könnten.

Das dtv-Lexikon [3] definiert Öffentlichkeit unter soziologischem Blickwinkel wie folgt: „Die tatsächliche oder vermutete Einstellung, die alle Personen, welche für einen einzelnen bedeutsam sind, über eine allgemeine Angelegenheit hegen à öffentliche Meinung; im wesentlichen identisch mit Gesellschaft.“ [4] Folgt man dem Verweis auf „öffentliche Meinung“, so findet man diese Definition:

[...]


[1] Jung, M.: Öffentlichkeit und Sprachwandel. Zur Geschichte des Diskurses über die Kernenergie. Opladen 1994. Habermas, J.: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt a. Main 5 1997. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2000. Lewandowski, Th.: Linguistisches Wörterbuch; 5. überarb. Auflage. Wiesbaden 1990. dtv Lexikon in 20 Bänden. Mannheim 1992.

[2] Lewandowski: ebd. Bd. 3, S. 1077f.

[3] dtv Lexikon in 20 Bänden. Mannheim 1992.

[4] ebd., Bd. 13, S. 172.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sprachwandel und Öffentlichkeit am Beispiel der Atomdiskussion in Deutschland
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Sprache in Politik und Massenmedien
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V30390
ISBN (eBook)
9783638316576
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text.
Schlagworte
Sprachwandel, Beispiel, Atomdiskussion, Deutschland, Sprache, Politik, Massenmedien
Arbeit zitieren
Juliane Weuffen (Autor), 2001, Sprachwandel und Öffentlichkeit am Beispiel der Atomdiskussion in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30390

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