Kinder mit frühkindlichem Autismus in Regeleinrichtungen


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vielfalt des Autismus
2.1. Definition Autismus
2.2. Frühkindlicher Autismus als Syndrom des autistischen Kontinuum
2.2.1. Charakteristische Merkmale des frühkindlichen Autismus
2.2.1.1. Auffälligkeiten von wechselseitigen sozialen Interaktionen
2.2.1.2. Auffälligkeiten der Kommunikation
2.2.1.3. Stereotypes und repetitives Verhalten
2.2.1.4. Auffälligkeiten der auditiven und visuellen Wahrnehmung
2.2.2. Verursachungstheorie des frühkindlichen Autismus

3. Förderliche Rahmenbedingungen für Kinder mit frühkindlichen Autismus
3.1. Kinder mit frühkindlichen Autismus in Regelkindergärten
3.1.1. Personelle Rahmenbedingungen
3.1.2. Räumliche Rahmenbedingungen
3.1.3. Pädagogische-didaktische-therapeutische Rahmenbedingungen
3.2. Kinder mit frühkindlichen Autismus in Regelschule
3.2.1. Personelle Rahmenbedingungen
3.2.2. Räumliche Rahmenbedingungen
3.2.3. Pädagogische-didaktische-therapeutische Rahmenbedingungen

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich höre immer alles Ich kkann immer alle Gespräche verfolgen Jeder der spricht muß ich hören Auch wenn durcheinander gesprochen wird Und seehen ist ganz schlimm Ich muß alles sehen Ich kann gut sehen Ich kann aber nicht hintergrfund wegdenlen Ich muß jede kleinigkeit sehen.“ (Wiese 1996, online)

Dieses Zitat von einem autistischen Menschen lässt einen Einblick gewähren, wie das Leben mit Autismus in einer reizvollen Welt ist und das dies täglicher „Kampf“ bedeuten kann. Nimmt man diese beschriebenen Merkmale und betrachtet den Alltag einer Kindertagesstätte bezüglich Lautstärke oder Gruppengröße, so kommt man schnell zum Entschluss, dass diese Bedingungen aus Sicht eines autistischen Kindes nicht förderlich sein können. Richtet man dazu parallel den Blick auf die UN-Konvention, so haben Menschen mit Behinderungen das Recht auf die volle Teilhabe am Leben und auf einen barrierefreien Zugang am allgemeinen Bildungssystem. Außerdem formuliert sie das Ziel, dass die Gesellschaft verpflichtet ist, sich auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzu- stellen (vgl.Schuster 2012, S.23)). Das bedeutet, dass für Kinder mit Autismus, deren Verhalten und Wahrnehmung von der Norm abweicht, besondere Rahmenbedingungen vorhanden sein oder geschaffen werden müssen, die nicht nur allein bauliche Veränder- ungen beinhalten, um einen Besuch in einer Regeleinrichtung zu gewährleisten.

Um einen Einblick für die oben angeschnittene Thematik zu erhalten, beschäftigt sich diese Hausarbeit mit dem Schwerpunkt frühkindlicher Autismus. Dabei geht die Hausarbeit der zentralen Frage nach, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um den Bedürfnissen der Kinder mit frühkindlichen Autismus gerecht zu werden? Dabei soll herausgefunden werden, inwieweit Regeleinrichtungen den Bedürfnissen von Kindern mit Autismus nachkommen können.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird das autistische Kontinuum unter dem Gesichtspunkt frühkindlicher Autismus näher beleuchtet, um aus pädagogischer Sicht eine Aufklärung erfolgen zu lassen. Es folgt hier eine Eingrenzung auf eine Form, da eine Darstellung aller Erscheinungsformen den Rahmen dieser Arbeit ausreizen würden. Folgend setzt sich der zweite Teil der Arbeit mit verschiedenen Rahmenbedingungen von Regelkindergärten und -schulen auseinander, um die Vielfalt darzustellen und zum Schluss auf bedürfnisorientierte Rahmenbedingungen für Kinder mit Autismus einzugehen.

2. Die Vielfalt des Autismus

Autismus - eine Beeinträchtigung mit einer Vielfalt an Definitionen, Formen, Symptomen, Ursachen, Diagnosen und Fördermöglichkeiten. Es handelt sich bei Autismus zwar um eine relativ seltene psychische Störung, jedoch treten verschiedene Formen dieses Syndroms auf. Dabei gilt es folgende autistische Störungen voneinander zu unterscheiden: frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger Syndrom. Diese drei Erscheinungsformen werden in der ICD-10 der WHO als tiefgreifende Entwicklungs- störungen definiert und unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Syndrom zusammen- gefasst. Um sich ein verständliches Bild über Autismus zu verschaffen, befasst sich dieses Kapitel einführend mit der Definition. Anschließend wird der frühkindlicher Autismus mit seiner Vielfalt in den Fokus gerückt. Dabei werden die Symptomatik und eine Verursachungstheorie näher beleuchtet, da diese zur Umsetzung der Rahmenbedingungen für pädagogische Einrichtungen von großer Bedeutung sein können.

2.1. Definition von Autismus

Das Wort Autismus lässt sich von dem griechischen Pronomen „autos“ = selbst, sowie „ismos“ = Zustand bzw. Orientierung ableiten und „bezieht sich auf das zunächst augen- fälligste Merkmal autistischer Personen: ihre Selbstbezogenheit.“ (Janetzke 1998, S.8)

Autismus ist in erster Linie eine Störung in der Wahrnehmungsverarbeitung. Das bedeutet, dass das Kind mit intakten Sinnesorganen die Umweltreize nicht richtig einordnen und miteinander verbinden bzw. koordinieren kann. Dadurch ergeben sich Schwierigkeiten, das Verhalten anderer zu verstehen und sich der Umwelt gegenüber verständlich zu machen. Menschen mit Autismus folgen ihren eigenen Impulsen, gehen den eigenen Interessen nach und bleiben von den Anforderungen der Umwelt unbekümmert. (vgl.Remschmidt 2012, S.11) Daraus lässt sich ableiten, das es sich bei Autismus um eine schwer zu versteh-ende und komplexe psychische Störung handelt, welche sich durch vollkommenen Rück-zug in die eigenen Gedanken-, Gefühls- und Ideenwelt, durch das Sich-absondern von der Außenwelt und durch gleichzeitige Kontakthemmung zu anderen Menschen äußert.

Zudem lässt sich in der Literatur ein Definitionsversuch von dem autistischen Autor Dietmar Zöller finden: „Autismus ist eine Behinderung, die zur Folge hat, dass man das, was man denkt oder sich vorstellt, nicht oder nur mit Hilfe durchführen kann. Es ist eine Einschränkung im Handlungsbereich, sofern man infolge gezielter Förderung gelernt hat zu denken, was voraussetzt, dass man die Reize, die auf einen einströmen, sortieren kann.“ (Zöller 1992, S. 65)

2.2. Frühkindlicher Autismus als Syndrom des autistischen Kontinuum

Es ist vorwegzunehmen, dass es den typischen frühkindlichen Autisten gar nicht gibt, da eine Palette von vielfältigen Schweregraden und Kombinationen von Auffälligkeiten vor- liegt, die nicht in jeden Fall immer alle auf ein und dieselbe Person zutreffen müssen. Der frühkindliche Autismus ist laut der ICD-10 der WHO eine tiefgreifende Entwicklungs- störung (F84.0), die sich schon vor dem 3.Lebensjahr manifestiert. Er ist außerdem gekennzeichnet durch charakteristische Verhaltensweisen abnormer Funktionen in den folgenden psychopathologischen Bereichen: in der sozialen Interaktion, der Kommuni- kation und im eingeschränkten stereotyp repetitiven Verhalten. Des Weiteren werden das Nichtbeachten wesentlicher Sinnesreize im visuellen und akustischen Wahrnehmungs- bereich als abnormes Muster des frühkindlichen Autismus beobachtet. Neben diesen spezifischen diagnostischen Merkmalen können häufig eine Vielzahl unspezifischer Probleme, wie Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und (autodestruktive) Aggression auftreten. (vgl.Krollner 2014, online) Kehrer stellt zudem dar, dass es sich beim frühkindlichen Autismus um eine chronische Verhaltensstörung handelt, „bei der die Einschränkung des Kontakts, die Bezogenheit auf sich selbst im Vordergrund steht.“ (Kehrer 1989, S.11)

In der internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD-10) der WHO wurden folgende Auffälligkeiten für diese Form des Autismus aufgestellt:

1. „Qualitative Auffälligkeiten wechselseitiger sozialer Interaktionen
2. Qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation
3. Begrenzte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten“ (Noterdaeme/ Enders 2012, S.22)

Außerhalb der aufgestellten diagnostischen Merkmale der ICD-10 des frühkindlichen Autismus sind Verhaltensmuster, wie extreme Abkapselung gegenüber der Umwelt und ängstliches Festhalten an Gewohnheiten zu beobachten. (vgl.Remschmidt 2012, S.16 )

2.2.1. Charakteristische Merkmale des frühkindlichen Autismus

Beim frühkindlichen Autismus entwickeln sich die typischen Merkmale allmählich während der ersten Lebensjahre und ist im Alter von ca.3 bis 4 Jahren am stärksten ausgeprägt. Zudem ist festzuhalten, dass es im Verlauf der kindlichen Entwicklung mit Autismus immer wieder zu Verbesserungen und Veränderungen der Beeinträchtigung kommen kann. (vgl.Aarons/ Gittens 2012, S.30) Nachfolgend werden vier Kernmerkmale des frühkindlichen Autismus näher betrachtet, um ein Verständnis für die Rahmenbedingungen in Kapitel 3 hervorzurufen.

2.2.1.1. Auffälligkeiten von wechselseitigen sozialen Interaktionen

Das Kernmerkmal des frühkindlichen Autismus ist die Unfähigkeit Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Im Alter von drei bis vier Jahren wird Autismus durch Desinteresse an den Eltern erstmals ersichtlich. Diese Kinder kapseln sich oft ab, wirken unzugänglich und „(...)beschäftigen sich am liebsten allein.“ (Schuster 2012, S.17) So spiegelt sich das Desinteresse auch im Fehlen des Antwortlächeln, des Blickkontaktes, sowie die Unterscheidung zwischen vertrauten und fremden Personen wieder. Allgemein ist eine Beeinträchtigung im Gebrauch von Blickkontakt, Gestik und Mimik zur Steuerung sozialer Interaktionen ein typisches Merkmal des frühkindlichen Autismus. Im Gegensatz dazu setzen diese Kinder sich intensiv mit der sächlichen Umwelt auseinander. Das bedeutet für den Verlauf der kindlichen Entwicklung, dass kooperatives Spielen ausbleibt und „die Unfähigkeit, freundschaftliche Bindungen mit anderen Kindern einzugehen, sowie das nicht vorhandene Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen“ deutlich wird. (Remschmidt 2012, S.17) Das Verstehen von Gefühlen und Hineinver- setzen in andere Menschen, sowie der allgemeine Umgang mit Gefühlen bleibt verwehrt und ist ein weiteres Kernmerkmal des Autismus. Sie sind nicht in der Lage auf Gefühle zu reagieren, Trost zu spenden oder mit Angst umzugehen. Aus diesem Grund wirken sie deshalb auf die Umwelt kalt und emotionslos, wobei sie intensive Gefühle besitzen. (vgl. Schuster 2012, S.17) Sie können aber auch Menschen gegenüber, die sie mögen und die sich ihnen auf richtige Weise nähern, auch mit Freude begegnen. Im späteren Verlauf können autistische Kinder sogar zärtlich und aufgeschlossen innerhalb einer vertrauten Umgebung reagieren, ebenso wie mit Zurückgezogenheit in sich selbst in fremder Umgebung. Die Kinder besitzen einen gewöhnlich ernsten und traurigen Gesichtsaus- druck, sowie einen verwirrten Blick.(vgl. Wing 1973, S.29) Manchmal alltäglich erschei- nen Wutausbrüche, Tränen, Füße stampfen und Treten, die durch Frustration oder ohne erkennbaren Anlass ausgelöst werden. So schnell wie diese Wutausbrüche anfangen, können sie auch wieder verschwinden. Ansonsten sind autistische Kinder in der Phase der Wut, aber schwer zu beruhigen bzw. zu trösten. Genauso wie das plötzliche Auftreten der Wutausbrüche, zeigen sich auch Lachphasen, deren Anlässe ebenso unbegründbar sind. Vielen Kindern fehlt die Furcht vor Gefahren und können diese nicht erkennen. Anderseits fürchten sie sich vor so manchen Harmlosem, wie z.B. dem Baden in der Wanne. (vgl. Wing 1973, S.29f)

2.2.1.2.Auffälligkeiten der Kommunikation

Kinder mit frühkindlichen Autismus zeichnen sich durch eine verzögerte, rudimentäre aktive Sprache aus, die sich entwickeln oder auch im Laufe der Zeit wieder verlieren kann. Eine der am charakteristischsten auftretenden Sprachstörung bei Autismus ist die Neigung zu Echolalie. Das bedeutet, dass das Kind echoartig gehörte Worte und Laute endlos nach- spricht bzw. wiederholt. Fast alle autistischen Kinder zeigen solch einen stereotypen oder repetitiven Sprachgebrauch und eine Reihe von Wiederholungsphänomenen. So werden auch Fragen nicht beantwortet, sondern nur als Echo wiedergegeben oder stellen selbst stereotyp die selbe Frage, von der sie die Antwort schon wissen. Jedoch kann es vor- kommen, dass manche Kinder mit frühkindlichen Autismus gar nicht erst ins Fragealter kommen und wenn doch, dann sehr spät. (vgl.Remschmidt 2012, S.18) Eine weitere charakteristische Sprachabnormität ist die verzögerte Echolalie, bei dem das Kind Auszüge einer Unterhaltung bzw. von Gehörten mit dem gleichen Tonfall des ursprünglichen Sprechers tagelang wiederholen kann. Eng in Zusammenhang mit der Echolalie entwickelt sich oft eine pronominale Umkehr. Autistische Kinder nennen sich selbst oft „du“ anstatt „ich“ und lernen erst recht spät die Bezeichnung „ich“ auf sich selbst zu beziehen. Eine Ursache der Umkehrung von Pronomen könnte in dem Wiederholen der Frage liegen, mit denen sie angesprochen werden. Im Allgemeinen haben diese Kinder große Schwierig- keiten bestimmte Sprachregeln richtig zu verstehen und anzuwenden. „Manchmal hat man den Eindruck, dass die Kinder überhaupt den eigentlichen Sinn der Sprache als Kommuni- kationsmittel nicht richtig verstanden haben.“ (Kehrer 1989, S.36) Sie sind in der Lage die Sprache eher in mechanischer Weise anzuwenden, jedoch nicht kommunikativ. Dies zeigt sich deutlich in der grammatikalischen Verwendung, da die Sprache oft mit Fehlern dieser gekennzeichnet und zugleich schwer verständlich für andere Menschen sein kann. Autis- tische Kinder weisen große Schwierigkeiten auf, komplizierte Konstruktionen der Sprache zu verstehen, wie z.B. Aufforderungen und kommen dadurch in Bedrängnis. Eine weitere Störung ist der Neologismus, welcher die Neigung zu Wortneubildung beinhaltet. So werden Worte neu erfunden, die eine besondere Bedeutung für das Kind haben und im normalen Sprachgebrauch so nicht vorzufinden sind. Viele Kinder neigen zudem zu einer Konkretheit in der Wortverwendung oder einem Durcheinanderbringen von Gegenständen, die zusammen gehören. Dabei werden lediglich nur die Namen bzw. Bezeichnungen einzelner Gegenstände durcheinander gebracht ggf. verwechselt, aber nicht die Gegen- stände an sich. Ein weiteres Merkmal ist die Konstruktion vertraute sprachliche Sequenzen aus unbekannten Wörtern zu bilden und die Zusammenfassung längerer Sätze auf ein Wort. „Solche Ausdrücke haben für das Kind fast immer eine wörtliche (…) Bedeutung, und es kann sehr ängstlich und sehr enttäuscht sein, wenn es nicht verstanden wird.“ (Wing 1973, S.24) Weiterhin bestehen Auffälligkeiten in der Artikulation, wie z.B. wenig melo-disch, Stimmstärke gleichbleibend oder Sprechrhythmus oft abgehackt. Bei dieser Form von Autismus verwenden Kinder wenig Gestik und Mimik, sondern greifen oft die Hand eines Erwachsenen, um diesen zu einer von ihn gewollten Handlung zu führen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kinder mit frühkindlichem Autismus in Regeleinrichtungen
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V303994
ISBN (eBook)
9783668023475
ISBN (Buch)
9783668023482
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, autismus, regeleinrichtungen
Arbeit zitieren
Cornelia Döring (Autor), 2014, Kinder mit frühkindlichem Autismus in Regeleinrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303994

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinder mit frühkindlichem Autismus in Regeleinrichtungen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden