Ein Vergleich der Großen Koalitionen auf Bundesebene. Was erste und zweite Große Koalition für die dritte (nicht) bedeuten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsstand

2 Zum Begriff der „Großen Koalition“

3 Erste Große Koalition (1966-1969)
3.1 Ausgangslage und Entstehung
3.2 Koalitionsverlauf und -ende
3.3 Auswirkungen und Folgen

4 Zweite Große Koalition (2005-2009)
4.1 Ausgangslage und Entstehung
4.2 Koalitionsverlauf und -ende
4.3 Auswirkungen und Folgen

5 Vergleich
5.1 Gemeinsamkeiten
5.2 Unterschiede
5.3 Schlussfolgerungen für die dritte Große Koalition

6 Schlussbetrachtung
6.1 Fazit
6.2 Ausblick

7 Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Kaum einem Ereignis in der jüngeren bundesdeutschen Parteiengeschichte wurde – sowohl von der Öffentlichkeit als auch den Beteiligten selbst – mit solch einer großen (An-)Spannung entgegengefiebert wie der Verkündung des Ergebnisses im bis dato einmaligen SPD-Mitgliederentscheid über den neuerlichen Eintritt in eine Große Koalition mit den Unionsparteien. Am Nachmittag des 14. Dezember vergangenen Jahres war es so weit: Eine von vielen nicht für möglich gehaltene, überraschend klare Mehrheit von 75,96 Prozent aller SPD-Mitglieder votierte mit „Ja“ – bei annähernd 78 Prozent Wahlbeteiligung.[1] Ganze 83 Tage nach der Wahl zum 18. Deutschen Bundestag war der Weg für die Bildung der dritten Regierung Merkel endlich frei, und die Wiederwahl der Kanzlerin nebst Vereidigung ihres Kabinetts am 17. Dezember nur mehr Formsache.

Dass die Bundesrepublik nun zum dritten Mal in ihrer Geschichte von einer Großen Koalition regiert wird, stellt einen willkommenen Anlass dar, um eine vergleichende Rückschau auf die ersten beiden Bündnisse jener Art zu halten, die noch immer als demokratischer Sonder- bzw. Ausnahmefall gelten. Das konkrete Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, mithilfe einer analytischen Betrachtung von Entstehung, Arbeitsweise und Ergebnissen der „historischen“ Großen Koalitionen Schlussfolgerungen für die gegenwärtige zu ziehen. Was bedeuten die erste und zweite Große Koalition also für die dritte – und was bedeuten sie nicht?

1.2 Aufbau

Im Anschluss an die unmittelbar folgende, kurze Darstellung des Forschungsstandes dient Kapitel 2 mit einer Definition und kritischen Würdigung der Begrifflichkeit „Große Koalition“ zunächst der thematischen Annäherung an den Untersuchungsgegenstand.

Das dritte Kapitel geht inhaltlich explizit auf die erste Große Koalition (1966-1969) ein und veranschaulicht in chronologischer Form deren Entwicklung: Angefangen von der Ausgangslage und Genese des Bündnisses über dessen Verlauf und Ende bis hin zu den Folgen werden zahlreiche Aspekte in entsprechenden Unterkapiteln beleuchtet. Gleiches leistet Kapitel 4 analog für die zweite Große Koalition (2005-2009).

Im für die Ausgangsfrage zentralen fünften Kapitel werden sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen erster und zweiter Großer Koalition herausgestellt, um daraus – insbesondere auch im Kontext aktueller Entwicklungen – mögliche Lehren oder Schlüsse für die dritte abzuleiten.

Die abschließende Betrachtung in Kapitel 6 fasst die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal in kompakter Form zusammen und endet mit einem Ausblick auf offene beziehungsweise weiterführende Fragestellungen, die im Rahmen künftiger Abhandlungen aufgegriffen werden könnten.

1.3 Forschungsstand

Da Regierungskoalitionen als eine aus Verhältniswahlsystemen resultierende Notwendigkeit im Rahmen der politischen Systemforschung naturgemäß ein relativ beliebtes Thema sind, gestaltet sich die Suche nach einschlägiger Literatur zunächst nicht allzu schwierig, wenngleich die zweite Große Koalition bisher nicht annähernd so detailreich aufgearbeitet wurde wie die erste. Neben historischen Darstellungen – wie etwa in Hildebrands „Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“[2] – existieren für jene zahlreiche Publikationen, die sich auch mit Teilsaspekten, zum Beispiel der Rolle des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt[3] oder der Funktion des „Kressbronner Kreises“[4], beschäftigen. Horst Ehmke war sogar „mittendrin“[5] in einer Regierung, die Schmoeckel und Kaiser anno 1991 als „vergessen“ bezeichneten und dennoch „langfristige Wirkungen“ haben sollte.[6]

Die zweite Große Koalition bildet den Gegenstand zweier Sammelbände mit ähnlichen Schwerpunkten. Dabei nehmen Bukow und Seemann als Herausgeber eine Dreiteilung (Regierung, Politik, Parteien) vor[7], während bei Egle und Zohlnhöfer der Hauptfokus trotz gleichzeitiger Thematisierung von Parteien und Strategien auf der policy-bezogenen Bilanz der ersten Regierung Merkel liegt.[8]

Von den Folgen Großer Koalitionen für die Parteiensysteme auf Bundes- und Länderebene handelt eine Studie von Gross.[9] Sie ist damit eine der wenigen Veröffentlichungen, die tatsächlich eine vergleichende Perspektive einnimmt. Zur direkten Gegenüberstellung der Großen Koalitionen von 1966-69 und 2005-2009 kommt es zudem in einem (überschaubaren) „APuZ“-Artikel von Dittberner.[10]

2 Zum Begriff der „Großen Koalition“

Gemäß einer Definition von Andersen und Woyke besteht eine Große Koalition aus den (beiden) stärksten Fraktionen[11] und „widerspricht [somit] dem eigentlichen Sinn eines parlamentarischen Systems, das auf dem Grundsatz von Mehrheitsregierung und starker Opposition beruht“[12]. Deswegen würde sie „eigentlich nur in Krisenzeiten (Krieg, nationaler Notstand, dringend erforderliche Reformen, die nur mit verfassungsändernder Mehrheit möglich sind) gebildet“[13].

Die Bundesrepublik Deutschland nimmt – bezogen auf Große Koalitionen – in zweierlei Hinsicht einen Sonderstatus ein. Zum einen darf wohl behauptet werden, dass keine der bisherigen Großen Koalitionen angesichts einer akuten oder nur annähernd staatsgefährdenden Krise zustande kam bzw. zur Vermeidung selbiger forciert wurde. Andererseits hat Manfred G. Schmidt festgestellt, dass es hierzulande im Grunde auch gar keiner formalen Großen Koalition bedarf, um trotzdem von einer regiert zu werden: Die Politikverflechtungen des föderalen Systems führen im Zusammenspiel mit den oftmals unterschiedlichen Mehrheitsverhältnissen in Bundestag und Bundesrat seit Anfang der 1970er Jahre regelmäßig zu informellen Großen Koalitionen – weshalb auch von einem „grand coalition state“ die Rede ist.[14]

Die öffentliche Wahrnehmung und normative (nicht inhaltliche) Wertung Großer Koalitionen fällt meist sehr unterschiedlich aus. Während Medien, Politiker und auch Wissenschaftler diesbezüglich häufig eine negative Erwartungshaltung artikulieren und auf vermeintliche Gefahren (elektorale Abstrafung der Koalitionäre, steigende Zahl von Nichtwählern, Erstarken der politischen Ränder) hinweisen, erfreuen sie sich bei den Wählern einer nicht von der Hand zu weisenden Beliebtheit.[15] Dies mag dem simplen Umstand geschuldet sein, dass Große Koalitionen naturgemäß eine übergroße Mehrheit der Parteipräferenzen abbilden und somit besonders viele Wähler nicht nur durch das Parlament, sondern eben auch durch die Regierung repräsentiert werden.

Abweichend von der oben genannten Begriffsbestimmung existieren auf Landesebene (Sachsen-Anhalt und Thüringen) derzeit zwei als „Große Koalition“ bezeichnete Regierungsbündnisse zwischen Union und SPD, bei denen der kleinere Koalitionspartner (SPD) jeweils nur die drittstärkste Parlamentsfraktion stellt. Insofern scheint der Begriff der Großen Koalition in Deutschland nicht neutral besetzt, sondern synonym für ein Bündnis der traditionellen Volksparteien zu stehen – und zwar unabhängig von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen.

Alle Bundesländer – ausgenommen Hamburg – haben bereits Erfahrungen mit Großen Koalitionen machen können, was dafür spricht, dass derartige Konstellationen (zumindest im „Kleinen“) weitaus unproblematischer sind als vielfach dargestellt. Bundespolitisch sieht das freilich etwas anders aus, wie die nachfolgenden Ausführungen verdeutlichen.

3 Erste Große Koalition (1966-1969)

3.1 Ausgangslage und Entstehung

Es ist sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass „der Entschluss von CDU, CSU und SPD im Herbst 1966 zur Bildung einer gemeinsamen Bundesregierung [...] eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland [markiert]“[16], und dennoch brach die erste Große Koalition nicht aus heiterem Himmel über das Land herein.

Im Grunde stellte die SPD bereits auf ihrem außerordentlichen Parteitag im November 1959 die entscheidenden Weichen auf dem Weg in die politische Mitte und vollzog mit dem „Godesberger Programm“ einen Kurswechsel, der durch das weitgehende Kappen marxistischer Wurzeln sowie das Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft neue Wählerschichten erschließen und die Partei für „die Bereitschaft zur Übernahme der Regierungsverantwortung“[17] qualifizieren sollte. Praktisch machte sich dies unter anderem durch einen neuen, in „bestimmten Fragen [...] kooperativen Oppositionsstil“[18] bemerkbar. Auch wenn bis zur tatsächlichen Regierungsbeteiligung noch einige Jahre vergehen sollten, ließ die Anerkennung der Regierungsfähigkeit der Sozialdemokraten erstaunlicherweise nicht mehr lange auf sich warten. Schon im Jahre 1961 gab es angesichts der als schwierig empfundenen außenpolitischen Lage zwischenzeitlich fraktionsübergreifend Stimmen, die sich für das Bilden einer Allparteienregierung aussprachen.[19]

Dass es letztlich nicht dazu kam, schmälerte die Beteiligungschancen der SPD aber keineswegs, zumal „der [eigentliche] Weg zur Großen Koalition [...] mit der ‚Spiegel-Affäre’ im Herbst 1962 [begann]“[20]. Nachdem sämtliche FDP-Minister der vierten Regierung Adenauer aus Protest über die in jener Causa unrühmliche Rolle von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) zurücktraten, nahmen die Unionsparteien erstmals offizielle Koalitionsverhandlungen mit der SPD auf und attestierten ihr damit sowohl Regierungs- als auch Koalitionsfähigkeit – was nicht nur einer öffentlichen Aufwertung gleichkam, sondern Große Koalitionen als politische Option auf Bundesebene prinzipiell denkbar machte.[21] Kein Geringerer als Konrad Adenauer selbst war – aus politischen wie auch persönlichen Gründen – wenig später einer der größten Befürworter eines solchen Bündnisses, während Herbert Wehner sich auf Seiten der Sozialdemokratie als treibende Kraft und gewiefter Taktierer zeigte.[22] Zunächst jedoch scheiterte die Zusammenarbeit am Widerstand der SPD-Fraktion, welcher sich hauptsächlich gegen die geplante Einführung eines Mehrheitswahlrechts richtete. Doch wurde die SPD nun zur „Koalitionspartei im Wartestand“[23].

Derweil versuchten Union und FDP es noch einmal gemeinsam. Allerdings funktionierten die Regierungen Adenauer V sowie Erhard I und II mehr schlecht als recht, wobei letztere sich als besonders instabil erweisen sollte. Durch inoffizielle Kontakte, die seit den ersten gemeinsamen Gesprächen nicht mehr abrissen, war die SPD-Führung auch über koalitionsinterne Entwicklungen detailliert im Bilde und konnte strategisch agieren.[24]

Direkt nach der Bundestagswahl 1965, bei der die Union immerhin „das zweitbeste Wahlergebnis seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland erzielt“[25] hatte und wie gewohnt die Liberalen mit ins Boot holte, deutete indes noch nichts auf die schwere Regierungskrise hin, die das Land im Folgejahr erschüttern sollte. Die parteipolitische Zusammensetzung des 5. Deutschen Bundestages (CDU/CSU 202/49, SPD 217, FDP 50 Sitze)[26] eröffnete – wie übrigens auch schon in der vorangegangenen Legislaturperiode – die theoretische Möglichkeit, dass jede Partei mit jeder anderen eine Zweierkoalition mit Regierungsmehrheit bilden konnte.

Dem unvermittelten Ende der zweiten Regierung Erhard wird eine Vielzahl von Ursachen zugeschrieben. So gab es „unter der scheinbar so glänzenden Decke der politischen und wirtschaftlichen Situation der Bundesrepublik Deutschland [...] für den aufmerksamen Beobachter so manche Anzeichen von Mängeln, bedenklichen Entwicklungen und inneren und äußeren Bedrohungen für das noch labile Gleichgewicht des neuen deutschen Staates“[27]. Außenpolitisch brachten Erhard, der erst 1963 zum Nachfolger Konrad Adenauers als Bundeskanzler gewählt wurde, die globale Strategie der USA (Stabilisierung des europäischen Status Quo und somit Stagnation der Ostpolitik), der NATO-Austritt Frankreichs sowie dessen ablehnende Haltung zum EWG-Beitrittsgesuch Großbritanniens in die Bredouille; innenpolitisch wirkte die „Spiegel-Affäre“ lange Zeit nach, hinzu kamen die Bundeswehrkrise und Debatten um die Verjährungsfristen von Mord bzw. Völkermord.[28] Sicherlich wäre jedes einzelne dieser Probleme für sich genommen lösbar gewesen, doch kam es gewissermaßen durch „Problem-Kumulation“ im Herbst 1966 zur Zuspitzung der Lage, die angesichts der nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs heraufziehenden Rezession umso bedrohlicher wirken musste. Erhards Kritiker in den eigenen Reihen erhielten spürbaren Rückenwind aus der Bevölkerung, denn mittlerweile herrschte eine „allgemeine Stimmung des Unbehagens und der Verdrossenheit an der politischen Führung des Landes“[29]. Immer mehr kristallisierte sich die Einsicht heraus, dass der eher zurückhaltende, mal unentschlossen, mal glücklos agierende Erhard für das Amt des Bundeskanzlers nicht (mehr) geeignet war.[30]

Der Bruch des schwarz-gelben Regierungsbündnisses deutete sich in einer Koalitionssitzung in der ersten Oktoberhälfte 1966 an, vorrangig weil die Union zur Entlastung des Bundeshaushalts Steuererhöhungen ins Auge fasste und die FDP dies kategorisch ablehnte.[31] Insgeheim suchte letztere jedoch schon länger den Absprung und brauchte dringend einen Befreiungsschlag, um das eigene Profil zu schärfen.[32] Diese Chance schien sich am 24. Oktober aufzutun, als in einer neuerlichen Gesprächsrunde „über den Haushaltsausgleich hinaus [...] mit einem Mal alle Bereiche der Regierungspolitik [...] zur Debatte“[33] standen. Die kompromisslose Haltung der Verhandlungsführer sorgte schließlich dafür, dass die vier liberalen Minister nur drei Tage später durch gemeinsame Demissionierung das vorzeitige Ende der Koalition besiegelten. Als unmittelbare Reaktion darauf schlug die SPD-Fraktion zunächst Neuwahlen vor, fand dafür jedoch ebenso wenig eine parlamentarische Mehrheit wie für das Stellen eines Misstrauensvotums gegen den noch amtierenden Bundeskanzler.[34] Einen unkonventionellen Ausweg sah sie in der Aufforderung an Erhard, dass dieser von sich aus die Vertrauensfrage stellen möge. Der Entschluss der FDP, zusammen mit der SPD für den entsprechenden Antrag zu stimmen, unterstrich unmissverständlich die Distanzierung gegenüber dem früheren Partner und machte deutlich, dass die Union dringend einen neuen, überzeugenden Kanzlerkandidaten brauchte.[35]

Obwohl alle drei Bundestagsfraktionen jeweils ausführlich und mehrfach miteinander verhandelten gab es aufgrund der beschriebenen Ausgangslage von vornherein eine pragmatisch bzw. rational erklärbare Tendenz zur Großen Koalition, auch wenn bedeutende Teile der SPD einem Bündnis mit den Liberalen emotional näher standen.[36] Ausschlaggebend für die Hinwendung zur Union zeigte sich am Ende unter anderem die knappe – und daher unsichere – rot-gelbe Bundestagsmehrheit. Als Grundlage für die Verhandlungsführung diente der SPD ein „Acht-Punkte-Programm“, welches die außen- wie innenpolitischen Positionen absteckte und später zum gemeinsamen Regierungsprogramm der Großen Koalition umgearbeitet wurde.[37] Zwischen den Vorkämpfern der Großen Koalition „bestand Konsens, daß es viele ungelöste Probleme gab, die nur von den beiden großen Parteien gemeinsam angepackt werden konnten“[38] – eine Auffassung, die sich bald mehrheitlich durchsetzte.

An Kandidaten für die Nachfolge Erhards mangelte es der Union wahrhaft nicht. Eugen Gerstenmaier (langjähriger Bundestagspräsident), Gerhard Schröder (seit vielen Jahren Bundesminister), Rainer Barzel (Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion) und selbst der eigentlich diskreditierte, politisch aber noch immer bedeutende Franz Josef Strauß galten als aussichtsreich – wenngleich sich bei der fraktionsinternen, geheimen Wahl am 10. November im dritten Wahlgang einer durchsetzen konnte, den viele anfangs nicht auf der Rechnung hatten: Kurt Georg Kiesinger[39].

Die folgenden Wochen waren bestimmt von zahllosen inoffiziellen Treffen, vorsichtigem Abtasten und Verhandlungen zwischen allen möglichen Koalitionspartnern, wobei noch etwa 14 Tage offen blieb, wer am Ende tatsächlich die neue Regierung bilden sollte. Allerdings: Während den „beide[n] großen Parteien die Unmöglichkeit einer Koalition mit den Liberalen“[40] – nicht zuletzt aufgrund ihres wankelmütigen Verhaltens und teils konträrer Ansichten – mehr und mehr bewusst wurde, näherten Union und SPD sich zusehends an. Rückblickend benennt Reinhard Schmoeckel den 24. November 1966 als das Datum, „seit dem die Bildung einer Großen Koalition in Bonn im wesentlichen feststand“[41]. Keine Woche später, am 30. November, erklärte der zum „Kanzler auf Abruf“[42] degradierte Ludwig Erhard seinen Rücktritt und machte damit den Weg zur Bildung einer neuen Bundesregierung frei.

3.2 Koalitionsverlauf und -ende

Der 1. Dezember 1966 ging als der Tag in die Geschichte der Bundesrepublik ein, an dem zum ersten Mal eine Große Koalition auf Bundesebene geschlossen wurde. Nachdem Bundestagspräsident Gerstenmaier das Parlament auch offiziell über Erhards Rücktritt informiert und sogleich die Nominierung Kiesingers bekannt gegeben hatte, waren die anwesenden Parlamentarier aufgerufen, ihre Stimme für den Bundeskanzler in spe abzugeben. Dabei sprachen sich 340 Abgeordnete für den Kandidaten der Union aus, womit das notwendige Quorum (249 Stimmen) zwar deutlich übertroffen wurde. Doch zeigten sich angesichts der Tatsache, dass auf CDU/CSU und SPD zusammen 447 Mandate entfielen, auch tiefgreifende innerparteiliche Vorbehalte, die überwiegend bei den Sozialdemokraten zu verorten waren.[43]

Anders als dies bei den bisherigen Koalitionsregierungen üblich war, verzichteten die neuen Partner auf einen förmlichen Koalitionsvertrag. Grundlage für die gemeinsame Regierungsarbeit wurde stattdessen Kiesingers Regierungserklärung vom 13. Dezember 1966, in der unübersehbar vor allem die Programmatik der SPD zum Tragen kam.[44] Durch die Zuteilung von neun der insgesamt 19 Ministerien erlangte die Partei zusätzliches Gewicht und hielt „mit dem Außen-, dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium sowie dem Ministerium für gesamtdeutsche Fragen [...] die Ressorts in ihren Händen, von denen die geplanten Reformen auszugehen hatten“[45]. Nicht nur, aber gerade aus heutiger Perspektive erscheint das damalige Personaltableau äußerst bemerkenswert: Erstens repräsentierte die Große Koalition in Gestalt von Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und Herbert Wehner „drei geschichtsträchtige, ursprünglich ganz und gar gegensätzliche Traditionslinien deutscher Vergangenheit, die nunmehr, auf höchster Ebene gleichsam, zu einer Versöhnung zu finden schienen“[46]. Und zweitens war „in der Regierung und in den beiden Fraktionsführungen [...] eine so große Zahl politisch ‚schwergewichtiger’ Persönlichkeiten [neben den bereits genannten: u.a. Gustav Heinemann, Franz Josef Strauß, Karl Schiller, Helmut Schmidt, Rainer Barzel, Anm. d. Verf.] versammelt wie wohl selten vor- oder nachher“[47] – was einerseits ein Höchstmaß an Professionalität garantierte, andererseits aber auch ein erhebliches Potential für politische Auseinandersetzungen mit sich brachte. Entsprechend ambivalent erschien der sachliche Ertrag der schwarz-roten Bundesregierung.[48]

[...]


[1] Vgl. Spiegel Online (heb/ade): Mitgliederentscheid: Sozialdemokraten stimmen für Große Koalition. Unter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-mitgliederentscheid-sozialdemokraten-stimmen-fuer-grosse-koalition-a-939081.html (abgerufen am 04.03.2014).

[2] Vgl. Hildebrand, Klaus: Von Erhard zur Großen Koalition 1963-1969. Mit einem einleitenden Essay von Karl Dietrich Bracher, Stuttgart 1984.

[3] Vgl. Schneider, Andrea H.: Die Kunst des Kompromisses: Helmut Schmidt und die Große Koalition 1966-1969, Paderborn 1999.

[4] Vgl. Marx, Stefan (Bearb.): Der Kreßbronner Kreis. Die Protokolle des Koalitionsausschusses der ersten Großen Koalition aus CDU, CSU und SPD. Eingeleitet und bearbeitet von Stefan Marx, Düsseldorf 2013.

[5] Vgl. Ehmke, Horst: Mittendrin. Von der Großen Koalition zur Deutschen Einheit, Berlin 1994.

[6] Vgl. Schmoeckel, Reinhard / Kaiser, Bruno: Die vergessene Regierung. Die große Koalition 1966 bis 1969 und ihre langfristigen Wirkungen, Bonn 1991.

[7] Vgl. Bukow, Sebastian / Seemann, Wenke (Hrsg.): Die Große Koalition. Regierung – Politik – Parteien 2005-2009, Wiesbaden 2010.

[8] Vgl. Egle, Christoph / Zohlnhöfer, Reimut (Hrsg.): Die zweite Große Koalition. Eine Bilanz der Regierung Merkel 2005-2009, Wiesbaden 2010.

[9] Vgl. Gross, Martin: Große Koalition, große Folgen? Die Auswirkungen schwarz-roter Regierungsbündnisse auf die Parteiensysteme in Bund und Ländern 1946 bis 2009, Marburg 2011.

[10] Vgl. Dittberner, Jürgen: Große Koalition: 1966 und 2005. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 35-36/2007, 27. August 2007, S. 11-18.

[11] In Deutschland sind dies normalerweise CDU/CSU und SPD.

[12] Andersen, Uwe / Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Opladen 2003, S. 274.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Seemann, Wenke / Bukow, Sebastian: Große Koalitionen in Deutschland. In: Bukow, Sebastian / Seemann, Wenke (Hrsg.): Die Große Koalition. Regierung – Politik – Parteien 2005-2009, Wiesbaden 2010, S. 15.

[15] Vgl. Bytzek, Evelyn: Wer profitiert von Großen Koalitionen? Öffentliche Wahrnehmung und Wirklichkeit. In: Decker, Frank / Jesse Eckhard (Hrsg.): Die deutsche Koalitionsdemokratie vor der Bundestagswahl 2013. Parteiensystem und Regierungsbildung im internationalen Vergleich, Baden-Baden 2013, S. 437.

[16] Marx (Bearb.) (2013), S. VII.

[17] Schneider (1999), S. 24.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Schneider (1999), S. 27.

[20] Marx (2013), S. VII.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Hildebrand (1984), S. 242ff.

[23] Ebd., S. 246.

[24] Vgl. Schneider (1999), S. 28f.

[25] Schmoeckel, / Kaiser (1991), S. 21.

[26] Stand bei der Wahl. Vgl. Der Bundeswahlleiter: Wahl zum 5. Deutschen Bundestag am 19. September 1965. Unter: http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/fruehere_bundestagswahlen/btw1965.html (abgerufen am 04.03.2014).

[27] Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 22.

[28] Vgl. Schneider (1999), S. 19f.

[29] Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 32.

[30] Vgl. ebd., S. 23.

[31] Vgl. Hildebrand (1984), S. 219f.

[32] Vgl. Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 25.

[33] Hildebrand (1984), S. 22.

[34] Vgl. Schneider (1999), S. 21.

[35] Vgl. Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 41.

[36] Der Parteivorsitzende Willy Brandt sympathisierte mit einer sozial-liberalen Koalition, während Herbert Wehner und Helmut Schmidt (stellv. Fraktionsvorsitzender) ein Zusammengehen mit der Union präferierten. Vgl. ebd., S. 46f.

[37] Vgl. Schneider (1999), S. 32f.

[38] Ehmke (1994), S. 43.

[39] Vgl. Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 42ff.

[40] Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 52.

[41] Ebd., S. 51.

[42] So titelte „Der Spiegel“ bereits am 17. Oktober 1966. Vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1966-43.html (abgerufen am 04.03.2014).

[43] Vgl. Hildebrand (1984), S. 258f.

[44] Vgl. Schneider (1999), S. 41.

[45] Ebd., S. 43.

[46] Hildebrand, Klaus: Die Große Koalition 1966-1969: Gefährdung oder Bewährung der parlamentarischen Demokratie? In: Patzelt, Werner u.a. (Hrsg.): Res publica semper reformanda. Wissenschaft und politische Bildung im Dienste des Gemeinwohls. Festschrift für Heinrich Oberreuter zum 65. Geburtstag, Wiesbaden 2007, S. 363.

[47] Schmoeckel / Kaiser (1991), S. 63.

[48] Vgl. Ehmke (1994), S. 55.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich der Großen Koalitionen auf Bundesebene. Was erste und zweite Große Koalition für die dritte (nicht) bedeuten
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V304021
ISBN (eBook)
9783668023536
ISBN (Buch)
9783668023543
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, großen, koalitionen, bundesebene, große, koalition
Arbeit zitieren
Frank Bodenschatz (Autor), 2014, Ein Vergleich der Großen Koalitionen auf Bundesebene. Was erste und zweite Große Koalition für die dritte (nicht) bedeuten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304021

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