Sprechen, Schreiben – Schweigen? Eine biographische (Neu-)Interpretation von Tucholskys „Treppe“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau
1.3 Quellenlage

2 Was zeigt die Treppe? – Interpretation ohne Kontext

3 Lebensabschnitte in biographischen Darstellungen

4 Phasen des Sprechens, Schreibens, Schweigens
4.1 Sprechen
4.2 Schreiben
4.3 Schweigen
4.4 Schweigen?

5 Schlussbetrachtung
5.1 Fazit: „Eine Treppe“ im Kontext
5.2 Ausblick

6 Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

„Eine Treppe“ – ausgerechnet dieses hochfaszinierende und in seiner scheinbaren Klarheit zugleich erschütternde Zeugnis einer Selbstreflexion des heute wohl bekanntesten linksintellektuellen Publizisten der Weimarer Republik wählte Gerhard Zwerenz anno 1979 als methodischen Rahmen für seine Kurt Tucholsky-Biographie – natürlich nicht ohne den Anspruch, dies sachlich zu begründen: Für sein Werk bildeten „die drei Stufen ‚Sprechen – Schreiben – Schweigen’ [...] die Grundmuster“[1], weil sich, „sieht man von unwichtigen Einzelheiten ab, [...] Tucholskys Lebensperioden tatsächlich zu den benannten drei Stufen [ordnen]“[2] ließen. Konkret: „Das suchende Sprechen gehört dem jungen K.T., das feststellende Schreiben dem heranreifenden und gereiften Manne. Seine letzten vier Lebensjahre schwieg er“[3].

Doch ist es wirklich so „einfach“? Mit seinen inhaltlichen Ausführungen blieb Zwerenz in dieser Hinsicht erstaunlich vage und lässt den interessierten Leser eher fragend zurück. Dennoch symbolisiert die „Treppe“ auch für viele andere Tucholskys Lebensweg und fehlt – wenigstens in Form einer Abbildung – in kaum einer biographischen Darstellung. Und genau an dieser Stelle soll die vorliegende Arbeit anknüpfen: Lässt sich die „Treppe“ als eine Art Schablone über Tucholskys Leben legen? Bildet sie also ein einmaliges oder vielleicht doch ein wiederkehrendes Schema? Gab es tatsächlich Lebensabschnitte, die sich mehr oder weniger trennscharf voneinander unterscheiden lassen? Die „Treppe“ bietet nach Ansicht des Autors noch einigen Raum für Deutungen, die hier im Wesentlichen auf der Grundlage ausgewählter Tucholsky-Biographien erfolgen sollen.

1.2 Aufbau

Im Anschluss an die kurze Darlegung der Quellenlage bzw. Einführung in die verwendete Literatur widmet sich Kapitel 2 zunächst der „Treppe“ ansich. Dabei werden bewusst ausschließlich künstlerische Aspekte betrachtet, um eine erste Interpretation ohne Rücksicht auf Tucholskys Vita und deren Kontextfaktoren bzw. die Entstehungsgeschichte der Skizze vorzunehmen. Ziel ist das Herausarbeiten objektivierter Lesarten, die bei der späteren Analyse zum Tragen kommen.

Kapitel 3 dient der Vorstellung von zum Teil unterschiedlich gewählten Lebensabschnittseinteilungen, wie sie in biographischen Arbeiten über Kurt Tucholsky zu finden sind, und liefert damit bereits Anhaltspunkte für eine wie auch immer geartete Passung oder Nichtpassung der „Treppe“.

Anschließend (Kapitel 4) werden auf Grundlage dieser Darstellungen explizit jene Phasen in Tucholskys Leben herausgestellt, denen die Attribute „Sprechen“, „Schreiben“ und „Schweigen“ zugeordnet werden können.

Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse der Untersuchung noch einmal in kompakter Form zusammen, stellt die „Treppe“ schließlich in den Kontext und endet mit einem Ausblick auf offene beziehungsweise weiterführende Fragestellungen, die im Rahmen künftiger Abhandlungen aufgegriffen werden könnten.

1.3 Quellenlage

Es ist kein Geheimnis, dass sich in Tucholskys Schriften zahlreiche Selbstzeugnisse finden. Von entscheidender Bedeutung für die Beantwortung der Ausgangsfrage sind jedoch vielmehr die biographischen oder biographisch geprägten Abhandlungen Dritter, die sich – zugegebenermaßen – nur allzu oft auf eben diese beziehen.

Eine frühe, mit Zitaten und (Bild-)Dokumenten unterlegte Tucholsky-Biographie lieferte Klaus-Peter Schulz in Form einer Rowohlt-Monographie im Jahre 1959[4], die 1998 von einer klarer strukturierten Neubearbeitung Michael Hepps[5] ersetzt wurde. Ende der 1970er Jahre erschien das bereits erwähnte Buch von Zwerenz.

Während das Leben des bis in die Gegenwart hineinwirkenden Gesellschaftskritikers in den ersten vier Nachkriegsjahrzehnten nur relativ wenige Autoren zu interessieren schien, löste sein hundertster Geburtstag im Jahre 1990 offenbar einen wahren „Tucholsky-Boom“ aus. Zumindest wurden ab etwa 1987 etliche neue Biographien veröffentlicht – darunter die von Richard von Soldenhoff herausgegebene, weitgehend für sich selbst sprechende Zusammenstellung von Bildern, Dokumenten und Artikeln[6], die in ihrer respektvollen Zurückhaltung bemerkenswerten „Biographischen Annäherungen“[7] von Michael Hepp sowie Helga Bemmanns äußerst umfangreiches „Lebensbild“[8].

Abgerundet wird die Literatur über Tucholsky unter anderem durch einen biographischen Essay von Fritz J. Raddatz, der sich in „Tucholsky. Ein Pseudonym“[9] mit dessen unterschiedlichen Persönlichkeiten auseinandersetzt, und Schulz’ Charakterisierungsversuche in „Wer war Tucholsky?“[10]. Des Weiteren existieren biographisch angehauchte Studien, die Tucholskys Wirken als politischer Publizist[11] oder gar Politiker[12] in den Fokus rücken.

2 Was zeigt die Treppe? – Interpretation ohne Kontext

Zweifellos erhält Tucholskys „Treppe“ gerade auch dadurch ihre besondere Brisanz, dass sie auf der letzten Seite im so genannten „Sudelbuch“ steht und somit nur wenige Tage vor dessen vermeintlichem Selbstmord im Dezember 1935 entstanden ist.[13] Infolgedessen kann sie als eine Art bitteres Vermächtnis verstanden werden. Allerdings soll hier, wie bereits angedeutet, zunächst eine Interpretation der – ja: künstlerischen – Darstellung ohne Ansehen des Künstlers, d.h. ohne nähere Betrachtung der Person Tucholsky vorgenommen werden.

Vor jeder Bildinterpretation steht eine möglichst genaue Bildbeschreibung. Was also ist, ganz ordinär gefragt, zu sehen? Es handelt sich um eine schlichte, geradezu minimalistisch anmutende, freihändige Zeichnung bzw. Skizze einer dreistufigen Treppe (vgl. Abb., S. 6), die von links unten nach rechts oben verläuft. Darüber findet sich auf der linken Seite „Eine Treppe“ als Überschrift. Jede einzelne Stufe ist fein säuberlich mit jeweils einem charakterisierenden Wort – „Sprechen“ / „Schreiben“ / „Schweigen“ – beschriftet. Während alle Stufen in etwa gleich lang sind, fällt bei genauem Hinsehen auf, dass die dritte Stufe („Schweigen“) ungefähr anderthalb mal so hoch ist wie die zweite („Schreiben“).

Für die Deutung der „Treppe“ lassen sich nun mehrere, gleichermaßen relevante Aspekte ins Feld führen. Im Alltag bilden Treppen gemeinhin architektonische Lösungen, die dem Zurücklegen von Wegen durch Überwindung von Höhenunterschieden dienen. Bei Tucholsky steht das zweimalige Erreichen einer „höheren“ Ebene, gewissermaßen also ein „Aufstieg“ im Mittelpunkt. Dieser kann sowohl chronologisch (etwa in Form eines Lebensweges) als auch qualitativ (z.B. als individueller Entwicklungspfad, als wiederkehrender Weg der Erkenntnis in unterschiedlichen Situationen oder als Strategie im Umgang mit [inneren] Konflikten) gelesen bzw. ausgelegt werden, wobei „qualitativ hoch“ nicht gleichbedeutend mit „normativ positiv“ sein muss.

Neben der bildlichen Darstellung einer (Aufwärts-)Bewegung sorgt die – streng genommen unreine – „Sch“-Laut-Alliteration („ Sp rechen“ – „ Sch reiben“ – „ Sch weigen“) für eine sprachliche Dynamik, welche die lebensweltliche Unausweichlichkeit oder Zielgerichtetheit dieser Entwicklung unterstreicht.

Die optische Dreiteilung der Treppe ist inhaltlich nicht vollkommen stringent. Vielmehr bilden die Kategorien „Sprechen“ und „Schreiben“ zwei unterschiedlich akzentuierte Teilbereiche desselben Oberbegriffs, und zwar der Kommunikation. Jeder Mensch lernt erst das Sprechen, dann das Schreiben – so die chronologische Abfolge. Beides ermöglicht Individuen sich mitzuteilen, ersteres eher offensiv und laut, letzteres mehr defensiv und stumm, gegebenenfalls aber mit größerer Reichweite. Insofern kann Schreiben auch als eine spezielle Qualität des Sprechens verstanden werden. Beides ist deutlich vom „Schweigen“ zu unterscheiden, was in deutlichem Gegensatz dazu letztlich für Nicht-Kommunikation steht.

Wie schon erwähnt, ist der Schritt vom „Schreiben“ zum „Schweigen“ höher als der vom „Sprechen“ zum „Schreiben“, fällt somit offenbar weniger leicht. Dennoch ergibt Tucholskys „Treppe“ insgesamt ein stimmiges Gesamtbild, welches einem Dreischritt zur Selbsterkenntnis gleichkommt. Offenbleiben muss bis hierhin jedoch, ob er damit einen verkürzten Lebenslauf oder eine persönliche Universalmethode zur Krisenbewältigung zu Papier brachte. Die folgenden Kapitel werden versuchen dies näher zu beleuchten.

3 Lebensabschnitte in biographischen Darstellungen

Die klassischen Lebensabschnitte eines Menschen reichen für gewöhnlich von seiner Geburt über die Kindheit und Jugend, das junge sowie das gereifte Erwachsenenalter bis hinein in den Ruhestand und schließlich den Lebensabend, dem – wenn die Zeit gekommen ist – der Tod eine endgültige Grenze setzt. Entsprechend orientieren sich oftmals auch Biographien an diesem „natürlichen“ Lauf der Dinge. Etwas anders gestaltet sich die Angelegenheit bei Kurt Tucholsky, der quasi noch sein halbes Leben vor sich hatte, als er wenige Tage vor seinem 46. Geburtstag verstarb. Damit gelangte er tragischerweise nicht über die Reifephase seines Erwachsenendaseins hinaus – was sicherlich auch einen Teil des Mythos um ihn ausmacht.

Biographische Abhandlungen, die Tucholskys Vita zum Gegenstand haben, nehmen ganz unterschiedliche Ein- bzw. Unterteilungen vor, was sich formal und inhaltlich in der jeweiligen Strukturierung der (Ober-)Kapitel widerspiegelt, die in den seltensten Fällen mit den zuvor genannten Lebensphasen korrespondieren und stattdessen oft thematische Schwerpunkte setzen. Dabei reicht deren simple Anzahl (äquivalent verstanden als Anzahl von Lebensabschnitten) von jenen drei bei Zwerenz[14] über neun bei Bemmann[15] oder Scheer[16] bis hin zu 19 beim ansonsten kompakten Büchlein von Schulz[17]. Insgesamt besteht kein systematischer Zusammenhang zwischen dem Umfang der Arbeiten und der Anzahl der Lebensabschnittseinteilungen. Zudem sind – Zwerenz ausgenommen – auf den ersten Blick nirgendwo Korrelationen zur „Treppe“ erkennbar.

Eine recht beliebte und zugleich sinnvoll ordnende Variante der abgrenzenden Darstellung von Tucholskys Lebensstationen besteht in der Möglichkeit, diese vorrangig oder ausschließlich an geografischen Bezugspunkten (also Wohnorten und/oder Wirkungsstätten) festzumachen. Ein gutes Beispiel hierfür bildet die Hepp’sche Monographie, welche insgesamt drei Zeitabschnitte voneinander unterscheidet: Der erste („Berlin – Stettin – Berlin 1890 – 1915“) umfasst die Themen Kindheit, Schulzeit, Studium und erste Publikationen[18] ; der zweite („Kurland – Rumänien – Berlin 1915 – 1924“) rückt die Ambivalenz des Kriegsdienstes, die schriftstellerische Verarbeitung von Krieg und Revolution, Tucholskys politisches Engagement sowie den zwischenzeitlichen Rückzug vom zeitkritischen Journalismus in den Mittelpunkt[19] ; im letzten (und umfassendsten) Teil („Paris – Berlin – Hindås 1924-1935“) geht es schließlich um die Liebe zu und das Leben in Frankreich, die zeitweilige Übernahme der „Weltbühne“-Herausgeberschaft nach dem Tod Siegfried Jacobsohns, die Resignation über und die Kapitulation vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus sowie das Ende im schwedischen Exil.[20]

Dabei liegt die Vermutung nahe, dass Hepp sich nicht unerheblich von Richard von Soldenhoffs biographisch intendierter Bilder- und Dokumentensammlung inspirieren ließ, nahm jener (was einzelne Zeiträume betrifft) gut eine Dekade früher doch bereits eine identische und teils sogar wortgleiche Einteilung vor – mit dem Unterschied, dass er den (bei Hepp) dritten Lebensabschnitt Tucholskys feiner ausdifferenzierte und für die Zeit zwischen 1924 und 1935 wiederum eine Dreiteilung anlegte: Part Eins („1924-1929 Paris. Berlin. Paris“) handelt, mit einigen Unterbrechungen, vom ansonsten langfristig arrangierten Aufenthalt (u.a. als Korrespondent) in Frankreich[21] ; Part Zwei („1929-1932 Wege. Hindås“) nimmt Bezug auf diverse (Vortrags-)Reisen, das Gefühl Tucholskys, mehr und mehr am Scheideweg zu stehen, sowie die zunehmenden Repressalien gegenüber den „Weltbühne“-Verantwortlichen[22] ; Part Drei („1932-1935 ‚Aufgehörter Dichter’. Hindås“) thematisiert schlussendlich Kurt Tucholskys Abschied aus dem öffentlichen Leben und die letzten, fast ausschließlich aus vielfältigem Briefverkehr rekonstruierbaren Lebensjahre.[23]

Bei Bemmann – die mit rund 570 Seiten vor 20 Jahren eine der umfangreichsten Tucholsky-Biographien vorgelegt hat – erstreckt sich das Leben des „großen humoristischen Dichters“[24] auf neun Ober- und mehrere Dutzend Unterkapitel. Als überschreibende Bezugsrahmenpunkte wurden dabei Tucholskys Kindheit und Jugend, sein Studium und der parallel dazu verlaufende Weg zur Schriftstellerei, der Schipper-Einsatz im Ersten Weltkrieg und die anschließende Übernahme der Chefredaktion des „Ulk“, die Jahre in Berlin, der Wohn- und Schaffensort Paris, die fortgesetzten publizistischen Tätigkeiten, die schwierige Suche nach Sinn und Ziel, die Neuorientierung nach Schweden sowie die finale Heimatlosigkeit gewählt.[25]

Weil über Tucholskys Leben sehr vieles – aber eben nicht jedes Detail – bekannt ist, fallen einfache Kategorisierungen mitunter nicht leicht. So notierte Hepp, für den Tucholsky „der linke Pamphletist, der prophetische Warner, der leidenschaftliche und bissige Kritiker, der moralische Zeigefinger der Weimarer Demokratie, der scharfzüngige Chronist einer Epoche“[26] war, anno 1993 (also ein Jahr vor Bemmann), dass „mehr als eine Annäherung an eine Biographie nicht zu erreichen sei“[27]. Für 13 Kapitel, die tatsächlich nur mit „EINS“ bis „DREIZEHN“ überschrieben sind, inhaltlich aber durchaus den Charakter (vage) abgrenzbarer Lebensabschnitte von der Kindheit bis zum Tod tragen, werden in der zweiten Ebene autobiographisch konnotierte Tucholsky-Zitate als unterstützendes und differenzierendes Stilmittel herangezogen.

Schulz versuchte sich hingegen gar nicht erst an einer (Zer-)Gliederung von Tucholskys Leben. Stattdessen reihte er in 19 Kapiteln – auf Unterkapitel wurde verzichtet – bedeutsame Lebensereignisse und „Mikrophasen“ ganz akkurat und chronologisch aneinander und entzog seiner Tucholsky-Biographie damit jegliche formale Spannung. Dies galt freilich nicht für den Inhalt, charakterisierte Schulz doch einen Mann, „der seine umfassende Begabung in freier Entscheidung der Aufgabe verschrieb, den unerbittlichen Kampf gegen seine Zeit und für eine künftige, neue und bessere zu führen“[28].

Wie allein schon diese kleine Auswahl beispielhaft zeigt, wurden in unterschiedlichen biographischen Darstellungen über Tucholsky zum Teil völlig verschiedene Lebensabschnittseinteilungen gewählt. Dabei fällt auf, dass es ganz offensichtlich in keiner der angesprochenen Abhandlungen zur direkten Einbeziehung des von Zwerenz thematisierten Treppenmotivs als rahmenbildendes Element kommt. Inwiefern die Attribute „Sprechen“, „Schreiben“ und „Schweigen“ dennoch in Tucholskys Leben eingepasst werden können, soll deshalb im folgenden Kapitel erläutert werden.

4 Phasen des Sprechens, Schreibens, Schweigens

4.1 Sprechen

Tatsächlich betraf die Neigung, die Zwerenz wohlüberlegt mit „suchendem Sprechen“ umschrieb, überwiegend – aber keinesfalls ausschließlich – den jüngeren Erwachsenen Tucholsky, der insbesondere in den Anfangsjahren der Weimarer Republik vielfältige Aktivitäten zeigte, die sowohl im eigentlichen wie auch im weiteren Sinne in die Sphäre des „Sprechens“ fallen.

Die öffentlichen Auftritte Tucholskys übten auf nicht wenige Zeitgenossen eine eigentümliche Faszination aus, deren Gehalt der Schriftsteller Arthur Holitscher treffend auf den Punkt brachte: „Wer Tucholsky je, wenn auch nur einmal, auf einer Berliner Tribüne stehen und sprechen hörte, weiß, daß ein Kenner und Liebhaber guter, wirkungsvoller Rede und sicheren Witzes sich schon deswegen in die Versammlung begeben muß, weil auf deren Rednerliste Tucholsky steht... Redner wie er sind spärlich gesät. Er wirkt auf die Massen, weil er ein guter und gerader Mensch ist, weil sein Witz (der die Klassen durchdringt) ein gerad abgeschossener Pfeil ist und nicht aus der neunmal gesiebten Ecke herkommt. Er kennt sein Publikum und schont es nicht“[29].

Begonnen hatte alles in den Revolutionsjahren 1918/19: Kaum war Tucholsky aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, dessen Erleben und Überleben bei ihm trotz den für seine Person passablen Rahmenbedingungen einen „[lebenslangen] Hass gegen den Offiziersgeist und Kadavergehorsam“[30] kultivierte, trat er als Versammlungsredner in Erscheinung und „hielt Antikriegsreden auf Massenkundgebungen, die zu Tumulten führten“[31]. Tucholsky, der zu diesem Zeitpunkt publizistisch bereits relativ erfolgreich war und „sich seit 1911 zu den ethischen Zielen des Sozialismus öffentlich bekannte, mußte es in den Jahren der revolutionären Nachkriegsentwicklung zwangsläufig zu einem erweiterten Radius seiner Wirkungsmöglichkeit drängen. Es schien ihm wichtig, mehr zu tun, als nur zu publizieren“[32] und Ansprachen zu halten.

Als Ausformung des „Sprechens“ im weiteren Sinne ist in diesem Zusammenhang Tucholskys (gesellschafts-)politisches Engagement ab 1920 zu sehen. Egal ob „Schutzverband deutscher Schriftsteller“, „Bund neues Vaterland“, „Friedensbund der Kriegsteilnehmer“ oder „Deutscher Republikanischer Reichsbund“ – in zahlreichen Organisationen suchte er über viele Jahre hinweg nach Betätigungsfeldern, die seinem Wertverständnis gerecht wurden.[33] Ein bestimmendes Motiv war dabei nicht zuletzt die Warnung vor der Gefahr eines neues Krieges. Der „Nie-wieder-Krieg“-Kundgebung, an der sich am 30. Juli 1922 in Berlin rund 100.000 Menschen beteiligten, wohnte Tucholsky deshalb abermals als Redner bei[34]. Zudem schloss er sich bald darauf der „Gruppe 1925“, einer Vereinigung von linksbürgerlichen und kommunistischen Schriftstellern, sowie der von Kurt Hiller gegründeten „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ an[35] und wirkte bis etwa 1926 als „Redner und Funktionär von Friedensorganisationen in Paris und Berlin“[36].

Auch parteipolitisch unternahm Tucholsky im übertragenen Sinne mehrere „Sprech“-Versuche – und zwar insgesamt drei[37]: Schon im März 1920 trat er als Konsequenz aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber der zeitgenössischen Sozialdemokratie der USPD bei, arbeitete für deren Blätter und blieb bis zur Auflösung 1922 aktives Mitglied. Die Friedensbewegung, für die Tucholsky sich mannigfaltig engagierte, konnte ihm ebenfalls nur für begrenzte Zeit eine politische Heimat bieten, da sie Ende der 1920er Jahre, unter anderem infolge interner Konflikte, immer mehr an Boden verlor. Was blieb war ein kurzes Anbändeln mit der KPD, doch zeigte Tucholsky sich letztlich – und verständlicherweise – „nicht [dazu] bereit [...], seine Unabhängigkeit auf dem Altar der angeblich revolutionären Parteilinie zu opfern“[38].

[...]


[1] Zwerenz, Gerhard: Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen, München 1979, S. 296.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Schulz, Klaus-Peter: Kurt Tucholsky. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Monographie, Hamburg 1959.

[5] Vgl. Hepp, Michael: Kurt Tucholsky, Rowohlt Monographie, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2004.

[6] Vgl. von Soldenhoff, Richard (Hrsg.): Kurt Tucholsky. 1890-1935 Ein Lebensbild. „Erlebnis und Schreiben waren ja – wie immer – zweierlei“, neu ausgestattete Ausgabe, Weinheim und Basel 1994.

[7] Vgl. Hepp, Michael: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen, Reinbek bei Hamburg 1993.

[8] Vgl. Bemmann, Helga: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild, Frankfurt am Main / Berlin 1994.

[9] Vgl. Raddatz, Fritz J.: Tucholsky. Ein Pseudonym, Reinbek bei Hamburg 1989.

[10] Vgl. Schulz, Klaus-Peter: Wer war Tucholsky? Stuttgart 1996.

[11] Vgl. King, William John: Kurt Tucholsky als politischer Publizist. Eine politische Biographie, Frankfurt am Main 1983.

[12] Vgl. Doerfel, Marianne: Kurt Tucholsky als Politiker (Diss.), Mainz 1971.

[13] Vgl. Tucholsky, Kurt: Sudelbuch, Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main / Wien 1994, letzte Seite (unnummeriert).

[14] Vgl. Zwerenz (1979).

[15] Vgl. Bemmann (1994).

[16] Vgl. Scheer, Regina: Kurt Tucholsky. „Es war ein bisschen laut“, Teetz und Berlin 2008.

[17] Vgl. Schulz (1959).

[18] Vgl. Hepp (2004), S. 7ff.

[19] Vgl. ebd., S. 36ff.

[20] Vgl. ebd., S. 79ff.

[21] Vgl. von Soldenhoff (Hrsg.) (1994), S. 97ff.

[22] Vgl. ebd., S. 159ff.

[23] Vgl. ebd., S. 191ff.

[24] Die literarische Welt (Periodikum), 1930, zitiert nach Bemmann (1994), S. 488.

[25] Vgl. ebd., S. 5ff.

[26] Hepp (1993), S. 11.

[27] Ebd., S. 13.

[28] Schulz (1959), S. 7.

[29] Arthur Holitscher über den Redner Tucholsky, zitiert nach Bemmann (1994), S. 243.

[30] Scheer (2008), S. 28.

[31] Ebd., S. 35.

[32] Bemmann (1994), S. 191.

[33] Vgl. Hepp (2004), S. 56.

[34] Auf dieser Kundgebung wurde u.a. das berühmte Gedicht „Drei Minuten Gehör!“ vorgetragen. Vgl. von Soldenhoff (Hrsg.) (1994), S. 92.

[35] Vgl. ebd., S. 103 u. 115.

[36] Bemmann (1994), S. 349.

[37] Vgl. King (1983), S. 188f.

[38] Ebd., S. 189.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sprechen, Schreiben – Schweigen? Eine biographische (Neu-)Interpretation von Tucholskys „Treppe“
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V304022
ISBN (eBook)
9783668037670
ISBN (Buch)
9783668037687
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprechen, Schreiben, Schweigen, Tucholsky
Arbeit zitieren
Frank Bodenschatz (Autor), 2014, Sprechen, Schreiben – Schweigen? Eine biographische (Neu-)Interpretation von Tucholskys „Treppe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304022

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