Die hier vorliegende Untersuchung zu den „Nachtwachen von Bonaventura“ stellt einen Auszug aus der Dissertation „Motive krisenhafter Subjektivität“ dar, die im Jahre 2001 im Verlag Peter Lang veröffentlicht wurde. Diese Dissertation untersucht vergleichend die englische und deutsche Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts vor dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der Entwicklung einer krisenhaften Subjektivität, wie sie sich im poetischen Nihilismus manifestiert.
Die durch das anonyme Erscheinen aufgeworfene Frage nach der Verfasserschaft sollte lange Zeit die Beschäftigung mit den "Nachtwachen" bestimmen. Erst im Verlaufe der letzten Jahrzehnte sind verstärkt Bemühungen um eine Strukturanalyse und Deutung des Werks zu verzeichnen. Dabei rückt eine Frage nach der Funktion bzw. Aussageabsicht des Textes immer wieder in den Mittelpunkt der Interpretationsbemühungen: Handelt es sich bei den "Nachtwachen" um eine Satire, die sich nihilistischer Motive zum Zwecke der Gesellschaftskritik bedient, oder um ein Werk, das zwar mit satirischen Elementen versehen ist, jedoch einen 'wahrhaften' poetischen Nihilismus zum Ausdruck bringt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Frage nach der Funktion und Aussageabsicht
3. Das Ich als Bedrohung
4. Die Ich-Krise als Schauerliteratur
5. Das Motiv der lebendig eingegrabenen Nonne
6. Todesangst und Identitätsverlust
7. Das Paradoxon des Todes
8. Das Puppentheater als Determinismus
9. Die Auflösung im Nihilismus
10. Der Kulminationspunkt des romantischen Nihilismus
Zielsetzung & Themen
Diese Untersuchung analysiert die "Nachtwachen von Bonaventura" unter dem Aspekt der krisenhaften Subjektivität. Ziel ist es zu ergründen, ob das Werk als reine Gesellschaftssatire zu verstehen ist oder einen wahrhaften poetischen Nihilismus ausdrückt, der das Ich in der Reflexion als Bedrohung erfährt.
- Strukturanalyse und Deutung des Werks
- Die Rolle des Nachtwächters Kreuzgang als Satiriker
- Das Spannungsfeld zwischen Nihilismus und Ich-Konstitution
- Vergleich der Motivik mit der englischen Schauerliteratur (The Monk)
- Die Funktion des Lachens als Mittel zur Weltbewältigung
Auszug aus dem Buch
Das Erschaudern vor dem Ich in den „Nachtwachen von Bonaventura“
Der mit Reflexionen ausgestattete Mensch wird sich in den Nachtwachen selbst zur Bedrohung. Im Unterschied zu den Tieren, die ihr Leben ausschöpfen, ohne ihre Existenz problematisieren zu müssen, erschaudert der Mensch angesichts des Todes über das Sein des Ichs: „Kannst du es nimmer lösen, warum alle deine Geschöpfe träumend glücklich sind, und nur der Mensch wachend dasteht und fragend – ohne Antwort zu erhalten? – […] bin ich denn allein?“ (S. 150). Nur das Faktum, daß das Ich selbst als Größe der Bedrohung verstanden werden muss, ermöglicht die hier vorgenommene Einordnung der Nachtwachen als Schauerliteratur. Mit ihrer zugespitzten Darstellung der Ich-Krise erweisen sich die Nachtwachen als Beispiel par excellence für eine romantische Transformation der Schauerliteratur von der externalen Bedrohung zur Internalisierung des Schauerlichen. Nicht eine äußere Bedrohung, kein schurkischer Transgressor, sondern die in Nihilismus mündende Selbstreflexion erweckt hier das erhabene Schaudern. Das Individuum trägt den Widerspruch eines reflektierten Seins und zugleich Nichtseins in sich und erlebt sich hierdurch als Peiniger seiner selbst:
Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, daß ich mich selbst einmal erblicke – es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen. Ihr schüttelt – wie? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete – bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes – könnt ihr mir nicht zu meinem Leibe verhelfen, und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen, wenn ich denke es sind die meinigen? – Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken, und ich mich selbst anschauen will – alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton – nirgends Gegenstand, und ich sehe doch – das ist wohl das Nichts das ich sehe! – Weg vom Ich – tanzt nur wieder fort ihr Larven! (S. 130f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Autorschaft und die Notwendigkeit einer neuen Strukturanalyse der "Nachtwachen".
2. Die Frage nach der Funktion und Aussageabsicht: Untersuchung der Hypothese, ob es sich um eine Gesellschaftssatire oder einen poetischen Nihilismus handelt.
3. Das Ich als Bedrohung: Analyse der Selbstreflexion als Quelle für die existentielle Gefährdung des Subjekts.
4. Die Ich-Krise als Schauerliteratur: Einordnung der "Nachtwachen" als Transformation von der äußeren zur inneren Bedrohung.
5. Das Motiv der lebendig eingegrabenen Nonne: Vergleich der Motivgestaltung mit Matthew Lewis' "The Monk" hinsichtlich Reflexion und Zynismus.
6. Todesangst und Identitätsverlust: Diskussion der Verschiebung von religiösen Jenseitsvorstellungen hin zur Angst vor dem Nichts.
7. Das Paradoxon des Todes: Betrachtung des Todes als Grenze und gleichzeitige Auflösung der Begrenzung im Kontext des Ewigen Juden.
8. Das Puppentheater als Determinismus: Untersuchung der Marionetten-Metaphorik als Ausdruck fremdbestimmter Existenz.
9. Die Auflösung im Nihilismus: Darstellung des Nichts als Ende des Textes und dessen Unmöglichkeit als permanenter Zustand.
10. Der Kulminationspunkt des romantischen Nihilismus: Resümee über die Stellung der "Nachtwachen" in der deutschen Literaturgeschichte und die Überwindung des Nihilismus.
Schlüsselwörter
Nachtwachen von Bonaventura, Ernst August Klingemann, Romantik, Nihilismus, Schauerliteratur, Subjektivität, Ich-Krise, Selbstreflexion, Satire, Kreuzgang, Todesangst, Marionetten-Metaphorik, Identität, poetischer Nihilismus, Identitätsverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die "Nachtwachen von Bonaventura" als ein zentrales Werk der deutschen Romantik und analysiert, wie darin eine spezifische "krisenhafte Subjektivität" dargestellt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen das Verhältnis von Satire und Nihilismus, die Konstruktion des Ichs sowie die literarische Auseinandersetzung mit Tod und Identitätsverlust.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Ziel ist es, das Werk von der einseitigen Einordnung als bloße Gesellschaftssatire zu lösen und es als radikales Beispiel für einen poetischen Nihilismus zu deuten, der das Ich als ständiges Objekt der Reflexion und Bedrohung begreift.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Untersuchung nutzt textanalytische Verfahren der Strukturanalyse sowie literaturwissenschaftliche Komparatistik, um das Werk in den Kontext der zeitgenössischen Schauerliteratur (insbesondere im Vergleich zu Matthew Lewis) zu setzen.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der zentralen Motive wie der Marionette, dem Motiv der eingegrabenen Nonne sowie der Auseinandersetzung mit dem Tod, um die existenzielle Krise des Protagonisten Kreuzgang nachzuzeichnen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind romantischer Nihilismus, krisenhafte Subjektivität, Selbstreflexion, Identitätsverlust und die Transformation der Schauerliteratur.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Satirischen in den "Nachtwachen"?
Der Autor argumentiert, dass Satire im Werk nicht primär als Mittel zur Gesellschaftskritik dient, sondern als "vorletzte Maskerade" fungiert, die letztlich in die Leere des Nichts führt.
Was schließt die Arbeit aus der Beobachtung des "Nichts" am Textende?
Der Autor schließt, dass das Nichts als literarisches Ende nicht absolut ist, da Reflexion immer ein "Etwas" als Grundlage benötigt; somit trägt der Nihilismus im Werk seine eigene Überwindung bereits in sich.
- Arbeit zitieren
- Dr. Jens Saathoff (Autor:in), 2001, Das Erschaudern vor dem Ich in den „Nachtwachen von Bonaventura“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304024