"Mir ist geschehen als einem kindelîne" Heinrichs von Morungen: Ein sagenumwobenes Lied oder: Das entglorifizierte ´Narzisslied´


Hausarbeit, 2015

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung... 2

2. Hauptteil... 3

2.1 Inhaltsangabe und Einführung in das Lied "Mir ist geschehen als einem kindelîne" Heinrichs von Morungen... 3

2.2 Verschiedene Interpretationsansätze der Forschung... 4

2.2.1 Andreas Krass: „Der zerbrochene Spiegel“... 5

2.2.2 David Pister: „Schmerzen im Spiegel“... 9

2.2.3 Hans-Herbert Räkel: „Das Lied von Spiegel, Traum und Quell des Heinrich von Morungen (MF 145.1)“... 12

2.2.4 Gyde Callesen: „Zum Narzißmus gezwungen“... 15

2.3 Auswertung der dargestellten Interpretationsansätze... 17

2.4 Eigener Interpretationsvorschlag – Oder: Eine Synthese der nicht-eigenen Erkenntnisse + x... 20

3. Fazit... 23

4. Literaturangaben... 25

1. Einleitung

In dieser Arbeit stehen die Interpretationsmöglichkeiten eines der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Lieder Heinrichs von Morungen im Zentrum: die facettenreichen Auslegungen der Strophen von "Mir ist geschehen als einem kindelîne"[1].

Es soll in erster Linie um die Frage gehen, ob das bei diesem Lied oft fokussierte Thema des Narzissmus berechtigterweise einen solch hohen Stellenwert einnimmt oder ob es vielleicht sogar besser ohne eine solche Vorentscheidung behandelt werden sollte, indem die Verse nackt und bloß realisiert und ohne etwaiges wahres Vorwissen interpretiert werden.

Um das Ziel meiner Analyse detaillierter zu formulieren, stelle ich vorab folgende Fragen in den Raum: Gibt es genügend wortwörtliche Beweise dafür, dass es sich um den antiken Sagenstoff des selbstverliebten Jünglings – des Narziss – handelt? Oder geht es doch um einen Minnesänger, der seine nicht vorhandene Perfektion in seiner geliebten Minnedame gespiegelt sieht? Existiert überhaupt ein Phänomen der Spiegelung? Wird die Perfektion oder eher das Negative verherrlicht und in den Fokus gerückt? Die letzte von mir beleuchtete – für diese Arbeit immens wichtige – Frage ist, ob dieses Lied im Laufe der Zeit zum Untertan des Narzissmus wurde, indem sich dieser kontinuierlich in die verschiedenen Interpretationen eingeschlichen hat oder ob das Lied die narzisstische Eigenschaft von sich aus mitbringt. Diese Fragen werde ich am Ende der Ausarbeitung als eine Art Synthese der erlangten Erkenntnisse zu beantworten versuchen. Mehr als von einem Versuch kann hier nicht die Rede sein, da alle Interpretationen – also auch meine – nur eine Möglichkeit, einen Versuch der Liedanalyse von vielen darstellen.

Nach einer kurzen Einführung und der Inhaltsangabe des zu besprechenden Liedes werden vorerst vier Interpretationsansätze dargestellt und anschließend diskutiert bzw. kritisch hinterfragt werden. Den Hauptteil dieser Arbeit abschließen wird eine abschließende eigene Einschätzung des Liedes. So wird also zuerst eine gewisse Vorarbeit geleistet und dann mit diesem Vorwissen gezielt auf meinen eigenen Interpretationsansatz eingegangen werden. Eine hermeneutische Konstruktion wird auf diese Art und Weise wie von alleine entstehen, welche man als solche mit einem fortwährenden Erkenntnisinteresse weiterentwickeln oder auch modifizieren kann.

Mein Ansatz ist dadurch charakterisiert, dass ich erst die Teile, die Strophen einzeln und im Detail untersuchen werde, um sie in einem weiteren Schritt zu einem Ganzen zusammenzuführen. Auf diese Weise gehe ich zusammenfassend in meiner Arbeit – sowohl im Generellen, die gesamte Arbeit betreffend als auch im Speziellen, meine persönliche Auslegung des Liedes betreffend – den Weg der Methodik wissenschaftlicher Hermeneutik.

Das Lied übt eine hohe Faszinationskraft aus, da es viele unterschiedliche und auf den ersten Blick einleuchtende Lektüremöglichkeiten anbietet und man dabei den Eindruck hat, dass sich die Kernaussage (so es sie gibt) in einem unklaren und milchigen Zustand befindet und wohl immer in diesem verweilen wird – gleich den durchgehend verzerrten Motiven des Liedes selbst.

Sowohl die Themen des Inhaltlichen als auch des Formalen wurden nun eckpunktartig angerissen, sodass im Folgenden mit dem Hauptteil der Arbeit – den Interpretationsmöglichkeiten des Liedes – begonnen werden kann.

2. Hauptteil

2.1 Inhaltsangabe und Einführung in das Lied "Mir ist geschehen als einem kindelîne" Heinrichs von Morungen

Das in dieser Arbeit von mir sowohl mit einem Einfluss von außen mittels Literaturrecherche als auch mit eigener intensiver Reflexion behandelte Lied "Mir ist geschehen als einem kindelîne" stellt für jedermann – so er diese denn annimmt – eine große interpretatorische Herausforderung dar. Dieses Lied eröffnet dem Hörer beziehungsweise dem Leser und Interpreten eine große Anzahl von Verständnis- und Interpretationsmöglichkeiten – ja, es wird uns hier eine große Fülle von Ansatzperspektiven präsentiert. Dazu scheint das Lied mehrere Ebenen oder besser: mehrere Untersuchungs- und Interpretationsniveaus nahezulegen. Es gilt, jede Ebene gedanklich chronologisch zu durchlaufen und mit ihr zu arbeiten, um anschließend von den bildlich gesehen oberen, äußeren Ebenen zur untersten, zur tiefsten zu gelangen. So fungiert jede Ebene als eine Art Steigbügel, der dem Interpreten den Einstieg in eine tiefere Schicht gewährt und erleichtert; es entsteht eine imaginäre Zwiebel mit vielen Schalen.

Beginnen wir nun unsere Betrachtung mit der äußersten Zwiebelschale: einer kurzen Inhaltsangabe der einzelnen Strophen des zu behandelnden Liedes.

In der ersten Strophe geht es um einen Vergleich zwischen dem Ich und einem Kinde, welches sein schoenez bilde (Strophe 1,Vers 2) in einem Spiegel ansieht, dieses dann aber zerstört, indem es solange nach dem Spiegel greift, bis dieser völlig zersplittert. Dies löst in ihm unendliches Leid aus. Der Sänger sieht sich in derselben Situation: er reflektiert darüber, dass er – gleich dem Kinde, das sein Spiegelbild anschaut – immer in diesen Momenten, in denen er seine geliebte Herrin ansieht, glaubt, froh zu sein. Die zweite Strophe, welche in der folgenden Deutung eine Schlüsselstellung innehat, handelt vom ersten Kontakt zwischen dem Sänger und seiner geliebten und angebeteten Dame. Bei diesem geht es um das Erblicken der Herrin, die dem Ich in troumes wîs (2,2) zugeführt wird. Dies geschieht von ganz alleine – es ereignet sich nämlich durch das Handeln der Liebe selbst. Der Sänger liegt zu dieser Zeit in einem seligen und wonneerfüllten Schlafe. Nun erblickt er die ihm zugeführte tugendhafte, erhabene und strahlend vollkommene Herrin. Diese Vollkommenheit wird allerdings mit dem letzten Halbsatz der zweiten Strophe etwas abgeschwächt: es wird beschrieben, dass ihr herrlich beglückendes rôtez mündelîn (2,8) ein wenig versehrt sei. In der vorletzten Strophe geht es dann wieder um das zuvor erwähnte verletzte Mündchen der Gebieterin. Die Angst des Sängers, dass dieser Mund verblassen könnte, bringt ihn dazu eine neue Klage zu erheben. Durch den qualvollen Anblick des Mundes mit der Angst, er könnte einmal erbleichen, muss sein Herz starke Schmerzen erdulden. Darauf folgt – wie in Strophe eins – ein Vergleich zwischen dem Sänger und einem Kind. Bei diesem beschreibt das Ich seine Gefühlslage dahingehend, dass es ihm genauso ergehe wie einem Kinde, welches sein Spiegelbild einst in einem Brunnen entdeckte und dieses nun bis an sînen tôt (3,8) lieben müsse. In der vierten und letzten Strophe widmet sich das Ich sich selbst. Der Sänger beschreibt hier, wie besonders seine Herrin ist und dass er sie zu seinem Selbstschutz meiden sollte; dieses für ihn jedoch nicht möglich erscheint. Er stellt außerdem fest, dass seine Gebieterin die vollkommenste aller Frauen ist. Das Lied endet damit, dass das Ich sein Ziel – ihre wunnenclîchen werden minne (4,6) – nicht erreicht hat und wieder am Anfang steht. Seine wunne (4,8) und auch sein gerender wân (4,8) ´begehrendes Hoffen´ sind letztlich also dahingeschwunden.

Die Erkenntnisse dieses Abschnittes können uns jetzt auf eine höhere Ebene führen: auf die Ebene der Interpretation oder besser: auf die vielen sich unterscheidenden Interpretationsansätze dieses viel behandelten, umstrittenen und geradezu sagenumwobenen Liedes. Diese Ansätze werden in den folgenden Kapiteln eingehend dargestellt und untersucht werden.


[1] Zitiert nach: Heinrich von Morungen: ´Mir ist geschehen als einem kindelîne´, in: Ders.: Lieder. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Text, Übersetzung, Kommentar von Helmut Tervooren, 3. Aufl. Stuttgart 2003 (RUB 9797), S. 130-133. Im Folgenden zitiert nach dieser Ausgabe.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
"Mir ist geschehen als einem kindelîne" Heinrichs von Morungen: Ein sagenumwobenes Lied oder: Das entglorifizierte ´Narzisslied´
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Proseminar II Mediävistik: Heinrich von Morungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V304071
ISBN (eBook)
9783668023673
ISBN (Buch)
9783668023680
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich von Morungen, Mir ist geschehen als einem kindelîne, Narzisslied
Arbeit zitieren
Tanja Schill (Autor), 2015, "Mir ist geschehen als einem kindelîne" Heinrichs von Morungen: Ein sagenumwobenes Lied oder: Das entglorifizierte ´Narzisslied´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304071

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