Depression und Gesellschaft. Eine soziale Krankheit?


Hausarbeit, 2014

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Krankheit Depression
2.1 Begriffseinführung und Symptomatik
2.2 Erklärungsansätze der Depression
2.2.1 Der psychodynamische Erklärungsansatz
2.2.2 Der psychosoziale Erklärungsansatz
2.2.3 Der kognitive Erklärungsansatz

3. Die soziologische Verortung der Depression
3.1 Zusammenhang zwischen Depression und Gesellschaft
3.2 Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft
3.2.1 Identitätsfindung im gesellschaftlichen Kollektiv
3.2.2 Einfluss der Institutionen

4. Depression – Eine Folge der Individualisierung?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Krankheit „Depression“ ist keine Krankheit des 20. Jahrhunderts. In über dreitausend Jahre alten historischen Darstellungen gibt es Beschreibungen von Krankheitssymptomen, die zur damaligen Zeit zwar nicht als Depression bezeichnet wurden, jedoch der gegenwärtigen Definition von Depression entsprechen. Deshalb könnte man meinen, dass Gefühle der Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit, welche sich in Form von Depressionen äußern, zu den grundlegenden seelischen Eigenschaften des Menschen gehören, wie beispielsweise Schmerz und Trauer.[1] Heutzutage haben die meisten Menschen keine genaue Vorstellung vom Wesen der Depressionskrankheit. Noch immer wissen viele von Depressionen betroffene Personen nicht, dass sie unter dieser Krankheit leiden. Oft werden Krankheitssymptome wie Müdigkeit und Motivationslosigkeit fälschlicherweise als ein rein körperliches Befinden interpretiert.[2] Die World Health Organization (WHO) rechnet aufgrund steigender Zahlen damit, dass die Krankheit Depression im Jahr 2020 zur zweithäufigsten Krankheit weltweit zählen wird. Auf der ganzen Welt gibt es ca. 300 Millionen Menschen, die an Depressionen leiden.[3] Depressionen sind in allen Bereichen der Gesellschaft verbreitet und haben sich zu einer Art „Volkskrankheit“ entwickelt. Damit gelten Depressionen inzwischen als die am weitesten verbreiteten psychischen Störungen überhaupt. Für die Betroffenen bedeutet Depression das Empfinden von Leid, da dieser Zustand aufgrund seiner schwerwiegenden Symptomatik zu einer Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität führt. Das Ausmaß ihres Leids zeigt sich zum Beispiel darin, dass Depressionen oft mit einer sehr hohen Selbstmordgefahr einhergehen. Nicht nur die Betroffenen selbst leiden psychisch und körperlich an Depressionen, sondern auch ihr soziales Umfeld, wie beispielsweise Freunde, der eigene Lebenspartner oder Familienmitglieder. So kann es dazu kommen, dass das andauernde Stimmungstief der erkrankten Person andere Personen innerhalb ihres sozialen Umfelds so sehr belasten, dass diese auch depressiv werden. Betrachtet man dies auf einer weiteren Ebene, so leidet neben dem sozialen Umfeld der betroffenen Person auch die gesamte Gesellschaft unter der Krankheit Depression. Dies äußert sich beispielsweise in enormen Kosten für das Gesundheitswesen oder im Rückgang der Wirtschaft durch den Verlust an Arbeitsproduktivität. Wenn eine Person von einer Depression betroffen ist, wird dies in den meisten Fällen aus Angst vor Stigmatisierung nicht in die Öffentlichkeit getragen. Jeder Einzelne kann von einer Depression betroffen werden. Es gibt keine Altersgrenze und auch keine Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Schichten oder dem Geschlecht. Wie kommt es jedoch dazu, dass sich die Depression so schnell verbreitet? Die Gesellschaft ist geprägt von Kultur und der in ihr lebenden Individuen. Nach dem französischen Soziologen Alain Ehrenberg handelt es sich bei der Depression um eine Erkrankung des Individuums aus einer Erschöpfung heraus, an seiner Identität zu arbeiten. Das vorherrschende Gefühl der Minderwertigkeit erschwert der erkrankten Person die Anstrengung, er selbst werden zu müssen.[4] Jedes Individuum formt im Laufe seines Lebens seine Persönlichkeit. Bei diesem Prozess spielen die Gesellschaft, die Kultur, die sozialen und ökonomischen Bedingungen, das Familienleben und vieles mehr eine wichtige Rolle. Wenn einer dieser Bereiche in einer kritischen Lebensphase nicht genug Struktur bietet, besteht das Risiko für das Entstehen einer psychischen Störung. Die vorliegende Seminararbeit handelt von der soziologischen Verortung der Depression. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Krankheit Depression und Gesellschaft zusammenhängen. Zunächst soll eine Einführung in die Begrifflichkeit und Symptomatik der Depression dazu dienen, den Begriff der Depression weitestgehend zu erfassen. Anschließend werden die verschiedenen Erklärungsansätze der Depression aufgezeigt und voneinander abgegrenzt. Danach rückt der Schwerpunkt der Arbeit, die soziologische Verortung der Depression, in den Fokus. Hierbei wird das Verhältnis von Depression und Gesellschaft thematisiert, während zum einen die Vergesellschaftung der Depression und zum anderen das Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft sowie die Identitätsfindung im gesellschaftlichen Kollektiv beleuchtet wird. Hierbei wird auch der Einfluss von Institutionen auf die Biographien bzw. Lebensführungen der Individuen aufgezeigt. Im Anschluss daran wird der Frage nachgegangen, ob die Depression als eine soziale Erkrankung durch unsere Gesellschaft forciert wird. Hierbei wird insbesondere der Erklärungsansatz von Alain Ehrenberg für die Depressionsverbreitung in der individualisierten Gesellschaft herangezogen. Abschließend werden die wichtigsten Inhalte in einem Fazit zusammengetragen.

2. Die Krankheit Depression

2.1 Begriffseinführung und Symptomatik

Der Begriff „Depression“ leitet sich etymologisch vom lateinischen Wort „deprimere“ (niederdrücken) ab. Der Depressionsbegriff wird sowohl in der Alltagssprache als auch im klinischen, psychologischen, medizinischen und soziologischen Kontext verwendet, wobei die Erscheinungsformen der Depression sehr unterschiedlich sind. In unserem alltäglichen Sprachgebrauch reicht die Verwendung des Depressionsbegriffs für die Beschreibung von Stimmungstiefs bis hin zu schweren, lebensbedrohlichen Störungen des Menschen. Bereits im 17. Jahrhundert wurde der Begriff der Depression im Zusammenhang mit manisch-depressiven Erkrankungen genannt, bei denen vehemente Stimmungstiefs bei den betroffenen Personen diagnostiziert wurden. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde die Depression als ein Krankheitsbild verstanden, welches die Symptome Niedergeschlagenheit, Bedrücktheit und Interessenverlust aufweist. Demzufolge bezeichnet Depression eine Krankheit, bei der die betroffenen Personen ein Gefühl von tiefer Traurigkeit, Erschöpfung und Lustlosigkeit verspüren.[5]

Im alltäglichen Sprachgebrauch beschreibt der Begriff der Depression oft einen vorübergehenden Zustand, der einige Stunden oder Tage andauern kann und meist eine normale Reaktion auf ein belastendes Ereignis darstellt. Zu solchen Ereignissen gehören beispielsweise Liebeskummer oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Ein belastendes Ereignis kann jedoch durch die Dauer und Intensität der Auswirkungen zu einer Depression ausarten. Weiterhin werden aber auch alltägliche Vorkommnisse als depressiv oder deprimierend beschrieben. So spricht man bei schlechtem Wetter oft davon, dass das Wetter depressive Stimmungen zum Vorschein bringt. Depressionen im klinischen Sinne beschreiben Störungen, die über den Bereich der Stimmung hinausgehen und klar von natürlichen Reaktionsweisen auf belastende Ereignisse abzugrenzen sind. Neben Unsicherheit, Selbstzweifel, Angst und weiteren negativen Gefühlen beinhaltet die Depressionskrankheit erhebliche psychische und physische Symptome, wobei vor allem die Dauer, Intensität und Anzahl der Symptome für die Diagnostizierung der Depression entscheidend sind. Die WHO definiert Depression als eine Empfindung, keine Energie, Lebensfreude und Motivation verspüren zu können. Außerdem wird laut der WHO Antriebslosigkeit zur Bewältigung des alltäglichen Lebens ebenfalls als ein ausschlaggebendes Symptom der Depressionskrankheit aufgefasst. Weitere Leitsymptome der Depression definiert die WHO wie folgt: Um von einer Depression sprechen zu können, muss die betroffene Person eine niedergeschlagene und bedrückte Stimmung seit mindestens zwei Wochen aufweisen. Zudem muss ein Verlust von Freude und Interesse an der Außenwelt vorherrschen. Laut der WHO kommt ein weiteres wichtiges Leitsymptom der Depression als eine schnellere Ermüdbarkeit und Erschöpftheit der betroffenen Person zum Vorschein. Auch Konzentrationslosigkeit, eine negative Sichtweise auf die Zukunft, Selbstvorwürfe, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Stoffwechselprobleme und Suizidgedanken sind Anzeichen für eine Depression. Das jeweilige Leid der betroffenen Person ist abhängig von der Intensität der Depression, seiner Lebenssituation und persönlichen Einstellung zum Leben.[6] Die WHO legt somit die genauen Kriterien für das Vorhandensein einer Depression fest. Einer Depression können mehrere Ursachen zugrunde liegen, die sowohl soziale als auch psychische Komponenten beinhalten. Als Grundbefindlichkeiten lassen sich Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit definieren, die die Lebensdynamik und die positiven Gemütslagen einschränken. Bei den meisten depressiven Menschen ist das Gefühl der Angst im Vordergrund. Die Betroffenen haben Angst davor, zu versagen, die Familie zu belasten, Aufgaben nicht bewältigen zu können, nicht akzeptiert und sich selbst nicht gerecht zu werden. Auch das Denken der Betroffenen ändert sich, sodass oft eine Konzentrationsschwäche und Leere im Kopf vorherrscht. Jegliche Aktivität wird als Kraftaufwand gesehen, zu dem man sich erst überwinden muss. Die Hauptsymptome lassen sich folglich zusammenfassen in Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit, geringe Aktivität und Interessenlosigkeit, Suizidgedanken, Selbstverletzungen und Suizidhandlungen. Depressionen erfassen drei Ebenen des erkrankten Menschen: Zum einen die emotionale Ebene, die die Stimmung, das Denken und Gefühl der depressiven Person tangiert, die motivationale Ebene, die den Antrieb schwächt und zum anderen die somatische Ebene, die das Handeln und die körperliche Befindlichkeit einschränkt.[7] Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ist die Grundvoraussetzung für die Entstehung einer Depression ein emotionaler Zwischenfall. Auch chronischer Stress oder Vulnerabilität, sogenannte leichte seelische Verwundbarkeit, können zu Depressionen führen. Als Folge des emotionalen Zwischenfalls kommt es zu einer unmittelbaren emotionalen Reaktion der betroffenen Person. Durch die entstehende depressive Stimmung kommt es zur Depressionskrankheit. Insbesondere diejenigen Personen sind stark davon betroffen, die biologisch gesehen einen zu hohen Serotoninabbau aufweisen. So kommt es bei solchen Personen schneller zu einer Zunahme von negativen Diskrepanzen. Diese Negativität hat eine dysphorische Stimmung zur Folge, die sich in einer tristen, bedrückenden Gemütslage äußert. Als zentraler Auslöser einer Depression gilt ein persönliches, das Subjekt des Menschen betreffendes negatives Ereignis. Dadurch können Menschen mit einem gestärkten sozialen Umfeld besser mit negativen Ereignissen umgehen als solche, die in einem weniger gefestigten Umfeld leben. Diese Konditionalität des sozialen Umfelds scheint eine Grundvoraussetzung zu sein, die weitere Schritte einer Depression eindämmt oder auslöst.[8] Im Folgenden sollen ausgewählte Erklärungsansätze betrachtet werden, um die Ursachen für das Entstehen der Depressionskrankheit aufzudecken.

2.2 Erklärungsansätze der Depression

Bei Betrachtung der weiten Verbreitung der Depressionskrankheit, die weiterhin eine steigende Tendenz aufweist, stellt sich selbstverständlich die Frage nach den Ursachen, die das Entstehen dieser folgenreichen psychischen Krankheit bedingen. Um diese Ursachen aufzudecken, wurden bereits in vielen verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen Untersuchungen getätigt. Es wurde festgestellt, dass sich die Krankheit Depression nicht auf monokausale Erklärungsansätze stützen lässt. Vielmehr haben einzelne Wissenschaftsbereiche eigene Erklärungsansätze entwickelt, die selten das gesamte Spektrum der Depressionskrankheit erfassen. Auch gibt es Widersprüche und Gemeinsamkeiten unter den verschiedenen Erklärungsansätzen. Während beispielsweise eine Theorie darauf basiert, dass Depressive nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit bekommen haben, gehen andere Theorien davon aus, dass die Betroffenen zu viel davon bekommen haben. Zudem gibt es sowohl Erklärungsansätze, die die Ereignisse in der frühen Kindheitsphase als auslösend betrachten als auch Ansätze, die belastende Zustände in der Gegenwart als Ursache für das Entstehen einer Depression sehen. Es gibt vielfältige und unterschiedliche Ursachen, die die Entstehung einer Depression herbeiführen können. Wie breits erwähnt, spielen hierbei biologische und psychologische Faktoren eine wesentliche Rolle. Im Folgenden sollen drei ausgewählte Erklärungsansätze aufgezeigt werden. Hierbei wird der psychodynamische, psychosoziale und kognitive Erklärungsansatz für die Entstehung der Depressionskrankheit thematisiert.

2.2.1 Der psychodynamische Erklärungsansatz

Im Jahre 1917 entwickelte Sigmund Freud die Basis für den psychodynamischen Erklärungsansatz. Freud war der Meinung, dass die psychische Verfassung eines Individuums von den nicht bewusst wahr genommenen Konflikten im Inneren der Person abhängt, die zwischen den Trieben („Es“) und den moralischen Konflikten („Über-Ich“) stattfinden. Er macht eine frühe negative Erfahrung in der Kindheitsphase für das Entstehen der Depression verantwortlich. Mit psychodynamisch meint Freud innere Konfilkte und die damit einhergehenden Triebe. Dieser innere Konflikt stammt aus dem „Es“, welches sich vor allem auf die Libido und die Triebe auswirkt, und dem „Über-Ich“, welches die Moral dominiert. Das „Es“ und „Über-Ich“ kollidieren immer dann miteinander, wenn es um Moralische - und Triebbefriedigung geht. Dies ist in Abhängigkeit zur elterlichen Erziehung und der damit verbundenen primären Sozialisation zu sehen. Wie intensiv die inneren Konflikte sind, hängt davon ab, wie stark das „Über-Ich“, also das Gewissen, ausgebildet ist, wobei dies wiederum abhängig ist von der Erziehung durch die Eltern oder andere Bezugspersonen. Erreicht dieser innere Konflikt eine gewisse Intensität, so gelingt es dem „Ich“ nicht, zwischen den beiden rivalisierenden Seiten zu vermitteln. Dadurch kommt es zu Verdrängungen, die als Folge der elterlichen Erziehung zu sehen sind. Viele Eltern erziehen ihre Kinder zum „Funktionieren“ und schaffen somit ein inneres, seelisches Ungleichgewicht und eine Überforderung bei ihren Kindern. Daher werden die Ursachen für eine Depression von den Vertretern Freuds meistens in der Familienstruktur gesucht, da die Erziehung und Eltern-Kind Beziehung ihrer Meinung nach eine entscheidende Rolle beim entstehen innerer Konflikte spielen.[9]

[...]


[1] Vgl. Nuber 1991, S. 12f.

[2] Vgl. Reng 2010, S. 425.

[3] Vgl. Leuzinger-Bohleber 2005, S. 15.

[4] Vgl. Ehrenberg 2008, S. 15.

[5] Vgl. Hell 2008, S. 12 ff.

[6] Vgl. ebenda, S. 15f.

[7] Vgl. Summer 2008, S. 16f.

[8] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2001, S. 45f.

[9] Vgl. Summer 2008, S. 30ff.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Depression und Gesellschaft. Eine soziale Krankheit?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V304074
ISBN (eBook)
9783668047631
ISBN (Buch)
9783668047648
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, Gesellschaft, Spätmoderne, soziologische Verortung, Erklärung, Gründe, Individualisierung, Depression und Gesellschaft
Arbeit zitieren
Yasemin Gökmen (Autor), 2014, Depression und Gesellschaft. Eine soziale Krankheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304074

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