Die Reportage. Manipulation oder Information?


Facharbeit (Schule), 2014

25 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Negative Tendenzen der Fernsehreportage

2. Geschichte und Theorie der Reportage
2.1 Geschichtlicher Hintergrund und Entstehung der Reportage
2.1.1 Geschriebene Reportage
2.1.2 New Journalism
2.1.3 Fernsehreportage
2.2 Theorie der Reportage
2.2.1 Merkmale
2.2.2 Funktionalität
2.2.3 Themenfelder

3. Manipulative und informative Elemente der Reportage
3.1 Inszenierung
3.2 Kamera
3.3 Montage
3.4 Interviews mit Betroffenen
3.5 Ton, Musik und Geräusche
3.6 Klischees

4. Manipulation - ein unvermeidliches Begleitphänomen der Reportage?

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis und Quellen
5.1.1 Sekundärliteratur
5.1.2 Reportagen-Verzeichnis
5.1.3 Filmverzeichnis
5.1.4 Interview
5.2 Screenshots (Abbildungen)

1. Negative Tendenzen der Fernsehreportage

Als „Königsform“ ist sie hochgepriesen und in fast allen Sender-Programmen ist sie fest integriert - die Fernsehreportage. Den Zuschauern wird die Wahrheit in authentischen Geschichten präsentiert, weshalb sie heute häufig als eine durchaus attraktive und einfache Form der Informationsbeschaffung genutzt wird. Sie wird dabei zu den informierenden Darstellungsformen gezählt.1

Doch in der heutigen Zeit der Massenmedien stehen besonders die Privat-Sender stark in Konkurrenz zueinander und der Kampf um die höchsten Einschaltquoten ist stärker denn je.2 Der Profit ist wichtiger, als eine gelungene und klassische Reportage zu senden. Stattdessen wird an dem Ereignis lieber noch etwas gefeilt und wohl brisante Details hinzugefügt, um den Zuschauern eine möglichst spannende Story bieten zu können.3 Auch das Streben nach Selbstverwirklichung, das viele Reporter bei der Produktion in den Vordergrund stellen,4 führt dazu, dass die objektiv informierenden Abschnitte immer mehr von den subjektiven Eindrücken des Reporters überschattet werden. Die Information rückt immer mehr in den Hintergrund.5

Das eigentliche Problem ergibt sich allerdings nicht aus dieser Bereitschaft der Reporter, die Wahrheit mit ihrer Subjektivität etwas um zu gestalten, sondern ergibt sich aus den Reaktionen der Zuschauer. Sie akzeptieren die gezeigten Reportagen und fordern immer noch brisantere und faszinierendere Geschichten. Dabei wollen sie nicht erkennen, dass das Gezeigte oftmals nicht der Wahrheit entspricht.6 Ertel beschreibt dieses Problem wie folgt: „Erstaunlicherweise gehört der Eindruck des Wahren, Objektiven oder Authentischen, den dokumentarische Bilder vermitteln, zu den Mythen der Moderne, die wirksam bleiben, obwohl sie längst durchschaut sind“7. Man könnte sogar vermuten, dass die Zuschauer, ohne es zu wissen, durch die eingesetzten filmischen Mittel manipuliert werden.

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, für den Zuschauer zu klären, ob Fernsehreportagen heute mehr manipulieren als sie informieren.

Zunächst wird der geschichtliche Hintergrund und die Entstehung ausgeführt. Anschließend werden die Merkmale, die Funktionalität und die Themenfelder einer Reportage genauer beleuchtet. Hier wird Fachliteratur zur Reportage aber auch zum Dokumentarfilm herangezogen. Zuletzt werden einige Elemente der Reportage bezüglich ihrer manipulativen und informativen Eigenschaften mit Hilfe von Literatur zur Filmanalyse analysiert und anhand von Beispielreportagen bekräftigt.

2. Geschichte und Theorie der Reportage

2.1 Geschichtlicher Hintergrund und Entstehung der Reportage

2.1.1 Geschriebene Reportage

"Der Erzähler war ausgezogen von zuhause, hatte jenseits der Grenzen in der Fremde Dinge entdeckt, sie aufgenommen und mitgebracht - und jetzt bereitet er sie vor den Augen und Ohren der Daheimgebliebenen vor."8 Dieses Grundprinzip der heutigen geschriebenen Reportage aber auch der Fernsehreportage entstand bereits vor über 2450 Jahren in Form von Reiseberichten. In der damaligen Zeit erzählten Reisende, als sie wieder zurück kamen, Geschichten über die fremden und ungewöhnlichen Orte und Völker, die sie besuchten. Um die neugierigen Zuhörer am Erlebten teilhaben zu lassen und ihnen für kurze Zeit das Gefühl zu geben, auch bei der Reise in das unbekannte Land dabei gewesen zu sein, wurden die Beobachtungen sehr detailliert mit einer unmittelbaren Sprache dargestellt.

Ab den Beginn der Expedition der Europäer um 1500 nach Afrika und Westindien wurden die Reiseerzählungen immer mehr zu sachlichen Abenteuergeschichten. Die Augenzeugen führten Berichte über ihre Errungenschaften in den neuen Ländern an.9

Aufgrund eines immer größer werdenden Wissensdrangs der Menschen, entstanden im 17. Jahrhundert die ersten Zeitungen und mit ihr allmählich die Grundideen einer Reportage. Johann Gottfried Seume formulierte den wohl wichtigsten Anspruch an eine Reportage: Authentizit ä t. Aber auch die Subjektivität und die Sichtweise des Reporters bildeten sich als wichtige Grundaspekte heraus.

Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und die damit einhergehende Ausweitung der Massenpresse entstand die journalistische Form der Reportage und es wurden auch Alltagssituationen, gesellschaftliche und politische Angelegenheiten thematisiert. Doch in der Realismus-Debatte stand die Form der Reportage stark in der Kritik. Man sah in ihr kein gelungenes Abbild der Wirklichkeit aufgrund der Subjektivität, und den Reportern wurde reine Profit Gier vorgeworfen.10 Befürworter wie Egon Erwin Kisch hingegen wollten mit der Reportage die Realität tiefsinniger interpretieren, sie wollten also Realismus mit Subjektivität vereinen.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus, in der Journalismus rein Propagandazwecken diente, wurde Ende der 40er Jahre zunächst die Trennung von Information und Meinung stark verlangt. Die `Renaissance` der Reportage begann dann in den 60er Jahren. Die Reportage wurde immer mehr als eine hochwertige Möglichkeit angesehen, Sachverhalte aus einer anderen Sicht zu sehen. Man sah plötzlich sogar die Notwendigkeit, bestimmte Themen mit einer Einheit aus Subjektivität und Objektivität zu betrachten. Seitdem hat sich das Genre immer mehr in Zeitungen etabliert, wird gefördert und ist bis heute noch stark vertreten.11

2.1.2 New Journalism

In den 60er Jahren fand durch den Wandel der Ansichten der New Journalism, ein neuer Reportage-Stil, in den USA seinen Ursprung. Die Journalisten wollten besonders aktuelle politische und gesellschaftliche Themen nicht mehr rein objektiv schildern, sondern zusammen mit den Emotionen der Menschen und ihren eigenen Empfindungen betrachten. Journalistische Themen wurden also mit narrativen, literarischen Techniken wie innere Monologe oder fiktive Charaktere nach einem festgelegten Plan behandelt.12

Hannes Haas stellte vier grundlegende Kriterien des New Journalism auf. Man kann diese auch als Merkmale einer Reportage anführen, da der New Journalism seinen Ursprung in der Reportage fand und später noch oft in Reportagen zu beobachten war.13 Diese Kriterien werden im Punkt 2.2.1 als Merkmale der Reportage mit eingebunden.

2.1.3 Fernsehreportage

Seit der Nachkriegszeit in den fünfziger Jahren begannen Sender wie ZDF, Reportage- Serien einzuführen. Diese zeigten den Bundesbürger zunächst neue, friedliche Orte auf der Welt. Doch schon bald wurde die Reportage ein Mittel zur Erklärung von politischen und gesellschaftlichen Themen. Die Reporter brachten auch immer mehr ihre eigenen Gedanken in die Berichterstattung mit ein und es entstanden Diskussionen über bestimmte Themen. In den siebziger Jahren suchten die Menschen wieder nach sachlichen Informationen. Die Reportage war aufgrund der Subjektivität des Reporters nicht mehr so angesehen. Doch schon ab den achtziger Jahren stieg die Popularität wieder und im Laufe der Zeit wurden immer mehr Reportage-Reihen fest in vielen Sender-Programmen etabliert. Heute will man viele möglichst kostengünstige Reportagen produzieren, welche ein breites Publikum ansprechen.14

2.2 Theorie der Reportage

2.2.1 Merkmale

Bis heute gelten bei der Produktion einer Reportage einige Wahrnehmungs- und Darstellungskonventionen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben und auch heute noch als wichtig angesehen werden. Mit Hilfe der Kriterien, die Hannes Haas für den New Journalism aufgestellt hat, werden die wichtigsten Kennzeichen einer Reportage angeführt. Ein Kriterium ist, dass eine Reportage nicht eine gewohnte hierarchische Berichtstruktur besitzt, sondern ein dramaturgisches Gestaltungsprinzip. Deshalb ist sie nicht nach der Wichtigkeit der Fakten aufgebaut, sondern besteht aus verschiedenen Szenen und Spannungskurven. Diese Fakten werden dabei in ihren Zusammenhängen, oftmals anhand von vielen Beispielen erklärt, um das Thema verständlicher zu machen. Es zieht sich immer ein roter Faden durch eine Reportage, um sie spannender und unterhaltender zu gestalten.15 Die „Route seines Erzähl-Fadens“16 bestimmt der Erzähler dabei selbst. Ob, wie lange und wann er einzelne Handlungen zeigt, liegt ganz bei ihm.17

Obwohl die Reportage zu den informierenden Darstellungsformen gehört,18 soll die Subjektivität des Reporters einen großen Stellenwert in der Berichterstattung einnehmen. Anders als bei der reinen Nachricht wird der Ort des Geschehens und die hier zu findende Atmosphäre so dargestellt, wie der Reporter sie wahrgenommen hat.19 Sein persönlicher Eindruck soll auch dem Publikum vermittelt werden. Der Reporter beobachtet also nicht nur, sondern interpretiert das Geschehen.20 Dieses Instrument der Reportage, welches aus dem New Journalism stammt, wird als das Reporter-Ich bezeichnet.21 Hierbei sieht das Publikum das Geschehen durch die Augen des Reporters und identifiziert sich dabei auch mit diesem. Eine Reportage ist also eine Art Augenzeugenbericht. Das Gezeigte kann somit besser nachvollzogen und verstanden werden. Man soll das Gefühl vermittelt bekommen, direkt dabei zu sein und das Geschehen vor Ort mitzuerleben. Der Reporter wertet oder kommentiert der Reporter dabei aber nie.22 Auch soll dessen Standpunkt eindeutig kenntlich gemacht werden, um die Fakten möglichst objektiv zu zeigen. Denn durch das Aufzeigen von nur einer Sichtweise könnte es zu einer Unterdrückung der freien Meinungsbildung kommen. Doch stattdessen sollte der Zuschauer erkennen, dass es sich um die Meinung des Reporters handelt und er diese dann mit seiner eigenen vergleichen kann.23

Ein wichtiger Faktor bei der Produktion einer jeden Reportage sollte die Recherche über das Thema darstellen. Um nicht nur Informationen, sondern auch Bedeutungszusammenhänge verstehen zu können, muss der Reporter sich sehr ausführlich mit der Thematik befassen und fährt meist direkt zum Ort des Geschehens, von wo aus über das Thema dann auch berichtet wird.24 Dort macht er sich bestmöglich mit den Personen, dem Ort und dem Ereignis vertraut. Als teilnehmender Beobachter befragt er die Betroffenen, beobachtet ihr Tun und versucht die gesamte Atmosphäre und Stimmung mitzuerleben.25 Bei einer Reportage wird indiktiv gearbeitet, das heißt ein Einzelschicksal führt zu einem übergeordneten Kontext. Im Gegensatz dazu wird beim Feature das Hauptthema zunächst beleuchtet und erst dann erfolgt der Übergang zu beispielhaften Ereignissen.26

In manchen Sozialreportagen führt dies sogar soweit, dass der Reporter für einige Zeit eine andere Identität annimmt und versucht so zu leben wie die Betroffenen. Ein solches Rollenspiel ist eine Methode der teilnehmenden Beobachtung.27 Dabei fungiert der Reporter auch manchmal als ein persönlicher Erzähler, der direkt im Bild zu sehen ist, um solche Eigenerfahrungen oder Selbsttests mit einzubringen.28

Trotz dieser Notwendigkeit von viel Recherchearbeit sind die Themen entweder fast tagesaktuell oder mittelfristig aktuell.29

Des Weiteren muss der Reportage immer eine Tatsache zu Grunde liegen oder sie besitzt eine Ausgangsthese, die zu bestätigen oder zu widerlegen ist.30 Es sind keine falschen Fakten oder fiktive Realitäten erlaubt. Also besitzt sie im Kern eine Nachricht. Im Gegensatz zur Nachricht oder zum Bericht muss die Reportage nicht alle Aspekte des Geschehens berücksichtigen und das Wichtigste dann daraus ziehen, sondern kann nur einen Teil der Wirklichkeit spot-licht-artig ausleuchten. Deshalb gilt immer: Eine Reportage kann die Nachricht oder den Bericht ergänzen, aber niemals ersetzen. Die Aufgabe des Reporters besteht dabei darin, diese Informationen auf eine dramaturgisch unterhaltende und authentische Art zu zeigen,31 oder anders ausgedrückt, „eine Synthese von subjektivem Erleben und objektiven Fakten herzustellen“32.

[...]


1 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 15.

2 Vgl. Riehl-Heyse, Herbert: Bestellte Wahrheiten, S. 76.

3 Vgl. Neuber, Wolfgang: Verbreitung von Meinungen durch Massenmedien, S. 17.

4 Vgl. Haller, Michael: Die Reportage, S. 73.

5 Vgl. Riehl-Heyse, Herbert: Bestellte Wahrheiten, S. 65f.

6 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 33.

7 Ertel, D.: Strategie der Blicke, S. 12.

8 Haller, M.: Die Reportage, S. 19.

9 Vgl. Haller, Michael: Die Reportage, S. 18-23.

10 Vgl. Witzke, Bodo / Rothaus, Ulli: Die Fernsehreportage, S. 38ff.

11 Vgl. Haller, Michael: Die Reportage, S. 46-57.

12 Vgl. ebd., S. 56.

13 Vgl. Haas, Hannes: Fiktion, Fakt & Fake?, S. 55-61.

14 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 105ff.

15 Vgl. Haas, Hannes: Fiktion, Fakt & Fake?, S. 55-61.

16 Haller, M.: Die Reportage, S. 21.

17 Vgl. ebd., S. 21.

18 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 105f.

19 Vgl. Kerstan, Peter: Der journalistische Film, S. 26.

20 Vgl. Ertel, Dieter: Strategie der Blicke, S. 72.

21 Vgl. Haas, Hannes: Fiktion, Fakt & Fake?, S. 55-61.

22 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 93.

23 Vgl. Kerstan, Peter: Der journalistische Film, S. 27ff.

24 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 93.

25 Vgl. ebd., S. 53.

26 Vgl. Haller, Michael: Die Reportage, S. 86-93.

27 Vgl. ebd., S. 41.

28 Vgl. Berg-Walz, Benedikt: Vom Dokumentarfilm zur Fernsehreportage, S. 94.

29 Vgl. ebd., S. 93-103.

30 Vgl. ebd., S. 30.

31 Vgl. ebd., S. 93.

32 Ebd. S. 94

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Reportage. Manipulation oder Information?
Note
1,0
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V304089
ISBN (eBook)
9783668058026
ISBN (Buch)
9783668058033
Dateigröße
3805 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reportage, manipulation, information
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Die Reportage. Manipulation oder Information?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304089

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