"New Deal" in "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
19 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der „New Deal“ Franklin D. Roosevelts

3. Joseph der Ernährer – Wirtschaftspolitik in Ägypten
3.1. Ökonomische Lehrjahre
3.2. Die Ökonomie Ägyptens
3.3. Josephs Aufstieg in den Staatsdienst
3.4. Probleme Ägyptenlands
3.5. Josephs Lösungsweg
3.6. Josephs „New Deal“

4. Fazit

Literatur- & Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Am 4. März 1933 übernahm Franklin Delano Roosevelt das Amt des 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit ihm endete die Präsidentschaft Hoovers und begann eine Ära wirtschafts- und sozialpolitischer Veränderungen in den USA. Wenige Wochen vor Roosevelt wurde in Deutschland Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Auch in Deutschland folgten in den kommenden Jahren Veränderungen, wenn auch von ganz anderer Natur. Dennoch hatten diese Veränderungen einen wechselseitigen Einfluss aufeinander. Ein Aspekt dieses wechselseitigen Einflusses waren die Flüchtlinge aus Deutschland und Europa, die in den USA Zuflucht suchten. „Während die amerikanische Öffentlichkeit den Flüchtlingen weitgehend skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, sahen weiterblickende Intellektuelle 1933 die Chancen, die die deutschen refugee intellectuals boten. Dank der traditionellen Wertschätzung des deutschen Bildungssystems […]suchten sie im Unterschied zu anderen Ländern diese geistigen Potentiale gezielt für die USA zu gewinnen.[1] "Hitler is my best friend. He shakes the tree and I collect the apples".sagte Walter William Spencer Cook an der New York University[2] und einer dieser Äpfel war Thomas Mann. Nach dessen Exil in der Schweiz emigrierte er schließlich 1938 in die USA. Dort beendete er die bereits 1926 begonnene Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“, in der er sich augenscheinlich der Familiengeschichte des biblischen Jakob und dessen Lieblingssohn Joseph[3] auseinandersetzt. Unter dem Einfluss zwei turbulenter Jahrzehnte der Weltgeschichte, die vier Bände entstanden zwischen 1926 und 1943, verarbeitete Thomas Mann jedoch auch zahlreiche persönliche Eindrücke, Meinungen und Ideen in seinem Werk. In dieser Arbeit werde ich die im vierten Buch „Joseph, der Ernährer“ eingearbeiteten Anleihen zu Roosevelts „New Deal“ herausarbeiten und Parallelen zwischen der Situation der beiden Länder, Ökonomien und Führer aufzeigen. Die Ähnlichkeiten, die sich ergeben, zeichne ich möglichst eng am Romantext nach und grenze die glückliche Ära unter Joseph/Roosevelt von den Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden, und die Thomas Mann dem Leser durch die Brille des Romans vor Augen führt, ab.

2. Der „New Deal“ Franklin D. Roosevelts

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war die amerikanische Wirtschaft von einem nahezu unerschütterlichen Vertrauen in sich selbst geprägt. Steigende Aktienkurse, Löhne, Preise und schnelle Gewinne schufen ein Investitionsklima, das durch eine, oft durch günstige Kredite finanzierte, Konsumfreude noch gesteigert wurde. Das Sozialprodukt der USA stieg zwischen 1919 und 1929 real um rund 40% an. Der Reallohn und Preisniveau der Arbeiterschaft stieg im gleichen Zeitraum jedoch nur um rund 11%. Die Folge war eine unverhältnismäßige Steigerung von Mieteinnahmen, Einkommen der Unternehmen und der an der Börse ausgeschütteten Dividenden. Dies führte letztendlich zu einer überproportional hohen Investitionsrate in das produzierende Gewerbe.[4] Eine ähnliche Überproduktionskapazität, wie in der Industrie entstand, war durch die während des Ersten Weltkrieges massiv ausgebaute Landwirtschaft auf diesem primären Wirtschaftssektor bereits vorhanden. 1929, am 24. Oktober kam der unvermeidliche Kollaps. Von diesem als „Schwarzer Donnerstag“ bekannten Datum an, schrumpfte die amerikanische Wirtschaft drei Jahre lang. Kurse an der Börse waren im freien Fall, tausende Unternehmen mussten Konkurs anmelden. Die Überakkumulation von Kapital im Industriesektor, der Verfall der Preise, die zu geringe Lohnsteigerung und Überproduktion führten zu einer Krise, die sich in alle großen Industriestaaten fortsetzte.[5] Die sozialen Folgen waren verheerend. Millionen, die Zahl schwankt zwischen 13 und 15 Millionen, verloren ihre Arbeit und Hunderttausende hungerten, während die Farmer ihre Überschüsse an Nahrungsmitteln nicht verkaufen konnten. Viele konnten ihre Miete nicht bezahlen, die Raten ihrer Kredite nicht mehr bedienen, und verloren Haus und Möbel.

Die Regierung von Präsident Herbert Hoover stand diesen Entwicklungen mehr oder weniger machtlos gegenüber, sodass Ende 1932 sein Nachfolger Roosevelt mit großer Mehrheit gewählt wurde. Roosevelt leitete einen Systemwandel gegenüber seinem Vorgänger ein, der den klassischen Wirtschaftsliberalismus befürwortet und die Wirtschaft mehr oder weniger sich selbst überlassen hatte. Der „New Deal“, die Neuverteilung der Spielkarten von Roosevelt, umfasste letztlich vier Bereiche – Landwirtschaft, Industrie, Finanzen und Sozialgesetzgebung.

„Der „New Deal“ ist ein Versuch, die Wirtschaftsverfassung des Landes neu zu gestalten, ein Neubau mit dem Ziele, nicht nur die gegenwärtige Depression zu überwinden, sondern auch künftige Krisen wenn nicht zu verhindern, so doch abzuschwächen und die soziale Struktur des amerikanischen Volkes, einer neuen sittlichen Auffassung entsprechend, grundlegend zu verändern.“[6]

Da Roosevelt bei seinem Vorgänger bereits gesehen hatte, dass die Selbstregulierung des Marktes in diesem Fall nicht funktionieren würde, um sicherzustellen, dass jedermann in der Lage wäre „einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu verdienen“[7], stütze sich sein „New Deal“ darauf die Regierung „die Funktion wirtschaftlichen Regulierens“[8] übernehmen zu lassen. Als vordringlichste Aufgabe musste zunächst das Vertrauen in die Banken wieder gestärkt werden und so ließ Roosevelt diese praktisch sofort nach seinem Amtsantritt für drei Tage vom 6. Bis zum 9. März schließen. Diese „Bankfeiertage“ wurden mit dem „Emergency Banking Act“, durch den die finanzielle Situation der Bankhäuser überprüft werden sollte beendet.[9] Nun folgten rasch einige staatliche Behörden geschaffen, die fortan eine Aufsicht des Finanzsektors ermöglichten. Zum einen sei hier die Reconstruction Finance Corporation und zum anderen die Federal Deposit Insurance Corporation genannt. Erstere kümmerte sich um die Vergabe von günstigen Krediten. So wurde mit einer Politik des billigen Geldes durch niedrige Geld- und Kapitalmarktzinsen versucht die Konjunktur anzukurbeln, während die FDIF, die sich rasch zum wichtigsten bundesstaatlichen Aufsichtsorgan über das Bankensystem entwickelte, dieses überwachte und deren Rücklagen überprüfte und sicherte.[10] Eine Reihe weiterer Gesetze sollte den Finanzsektor neu ordnen und eine erneute Krise verhindern oder zumindest abschwächen. Das Ziel einer Konjunkturbelebung wurde jedoch nicht in dem von Roosevelt erhofften Umfang erreicht. Allerdings konnte durch die vermehrte Aufsicht über die Banken und die Börse einiges von dem verlorenen Vertrauen wieder hergestellt werden, auch wenn Roosevelt und seine Regierung für diese Eingriffe in den freien Markt stark kritisiert wurden.

Das zweite Sorgenkind der USA stellte deren Landwirtschaft dar. Der massiven Überproduktion und dem damit einhergehenden Preisverfall begegnete die Regierung mit dem Agricultural Adjustment Act. Dieser sollte die amerikanischen Farmer dazu bringen, ihre Anbauflächen zu verkleinern. Als Ausgleich erhielten sie staatliche Zahlungen, die dem Verdienstausfall durch die brachliegende Fläche auf Vorkriegsniveau entsprach. Auch die Preisentwicklung wurde durch staatliche Eingriffe dahin gehend abgeändert, dass das Preisniveau von 1914 wieder erreicht wurde. Als dritte wichtige Hilfe vergab die Farm-Credit Administration billige Kredite an die überschuldeten Farmer und erlaubte diesen so einerseits ihre bestehenden Kredite zu bedienen und andererseits ihre eigene Entschuldung voranzutreiben.[11] Ähnlich wie bei den Eingriffen in den Finanzsektor brachten auch die Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Farmer nicht den erhofften Erfolg. Zunächst konnte eine Erhöhung der Preise und somit eine Sicherung des Einkommens der Farmer erreicht werden, die sich jedoch langfristig nicht durchsetzen. Auch die staatlichen Subventionen konnten die Armut von Kleinbauern und Tagelöhnern in der Landwirtschaft nur in sehr beschränktem Rahmen verbessern, weil sie zumeist bei diesen nicht ankamen. 1936 erklärte der Supreme Court den Agricultural Adjustment Act für verfassungswidrig, sodass dieser von den sogenannten Soil Conservation Bestimmungen abgelöst wurde.

Das Kernstück des „New Deal“ sollte der Industrial Recovery Act (NIRA) sein, der alle Industriebranchen anhielt sich selbstverordneten Regeln zu unterwerfen. Diese „Codes“ konnten von Arbeitgebern, unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften und unter staatlicher Aufsicht, an praktisch jedes Unternehmen angepasst werden. Gegen Unternehmen, die nicht nach einem der „Codes“ produzierten wurde zum Boykott aufgerufen – eine Maßnahme, die von der Bevölkerung stark unterstützt wurde. Die wichtigsten Punkte waren im Wesentlichen bei allen „Codes“ ähnlich. Die Arbeitszeit wurde beschränkt, Mindestlöhne eingeführt, Kinderarbeit verboten und das Koalitionsrecht der Arbeiter uneingeschränkt zugelassen werden.[12] Parallel zu den Bemühungen die Industrie wieder zu beleben, wurde mit dem Federal Emergency Relief Act versucht, die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Ein umfassendes Programm öffentlicher Arbeiten wurde in die Wege geleitet. Die Public Work Administration vergab öffentliche Aufträge in Milliardenhöhe auf allen staatlichen Ebenen. Neben ausgedehnten Infrastrukturmaßnahmen gab es auch andere Projekte. Ein freiwilliger Arbeitsdienst für 250000 junge Männer widmete sich zum Beispiel der Wiederaufforstung, dem Erosionsschutz, der Anlage von Nationalparks und ähnlichen eher ökologischen Aufgaben. Insgesamt wurden so, zumindest zeitweilig bis zu vier Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Trotz dieses Erfolges wurde der NIRA 1935 vom Supreme Court ebenfalls für verfassungswidrig erklärt und gekippt. Eine Reihe von Einzelgesetzten trat jedoch rasch an seine Stelle.[13]

[...]


[1] Krohn, Claus-Dieter: Emigration 1933–1945/1950. In: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011. URL:http://www.ieg-ego.eu/krohnc-2011-de [22.07.2015].

[2] Vgl., ebd.

[3] Vgl. Genesis 25-50.

[4] Vgl. Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Vom New Deal bis zur Gegenwart 1930-2002. Bd.3, Frankfurt a.M. 4. Aufl. 2002. S.5-34.

[5] Vgl. Jaeger, Hans: Big Business und New Deal. Die kritische Reaktion der amerikanischen Geschäftswelt auf die Rooseveltschen Reformen in den Jahren 1933-1939. In: Galinsky, Hans (Hrsg.): Amerikastudien. Eine Schriftenreihe. Bd. 40. Stuttgart 1974. S.6-31.

[6] Ermarth, Fritz: Der New Deal. Wirtschaft und Verfassung in den USA. Berlin 1936. S.5f.

[7] Roosevelt über sein sozialpolitisches Programm, 1932. In: Angermann, Erich: Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917. Stuttgart 3. Aufl 1974. S.24.

[8] Ebd., S.25.

[9] Vgl. Jaeger, Hans: Big Business und New Deal. S.26ff.

[10] Vgl. Ermarth, Fritz: Der New Deal. S.20ff.

[11] Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. S.5-34.

[12] Maser, Clifford E.: N.I.R.A. (National Recovery Act). Roosevelts Versuch, die amerikanische Industrie wiederzubeleben. Düsseldorf 1938. S.62-91.

[13] Vgl. Ermarth, Fritz: Der New Deal. S.7ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"New Deal" in "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V304243
ISBN (eBook)
9783668025646
ISBN (Buch)
9783668025653
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deal, joseph, brüder, thomas, mann
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, "New Deal" in "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304243

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