Menschenwürde in der Bioethik. Ein Problem ohne Lösung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Würde des Menschen – Definition
2.1. Philosophische Annäherung von Kant
2.2. Mensch vs. Gesellschaft – Utilitarismusbetrachtung
2.3. Menschenwürde als Prohibition
2.4. Menschenwürde und Grundrechte

3. Bioethik – Ein neues Forschungsfeld?
3.1. Positionen in der bioethischen Diskussion
3.2. Bioethische Grenzbereiche
3.3. Menschenwürde und PID

4. Fazit

5. Literatur- & Quellenverzeichnis
5.1. Quellenverzeichnis
5.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“[1] Dies ist der erste Satz des Grundgesetzes. Dieser wichtigste Satz der 1949 verfassten Grundlage des Zusammenlebens in Deutschlands legt in siebzehn knappen Worten fest, dass das schützenswerteste Merkmal des Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder anderen Merkmalen, seine unantastbare Würde ist. Der Schutz der Menschenwürde tritt jedoch leider immer wieder in den Hintergrund, sobald wir von aktuelleren, drängenderen Problemen bedroht zu sein scheinen. In Zeiten von Terrorismus und dessen Bekämpfung werden die Menschenrechte Einzelner nur all zu leicht den Sicherheitsinteressen Vieler untergeordnet. Aber dies ist nicht der einzige Grund. In zahlreichen Ländern überall auf der Welt wird die Würde des Menschen den Bedürfnissen von Regimen und Machthabern untergeordnet und mit Füßen getreten.

Neben solcherlei offensichtlichen Verstößen wird die Würde des Menschen jedoch auch auf weniger offensichtliche Weise bedroht. Die Möglichkeiten der Medizin in den immer besser erforschten menschlichen Körper und dessen biologische Prozesse einzugreifen, schaffen Grauzonen, innerhalb derer die Menschenwürde und menschenwürdiges Verhalten oft noch nicht definiert sind. Die sich auf diesem Gebiet ergebenden Fragen lassen sich während eines ganzen Lebens immer wieder stellen und beginnen bereits vor der Geburt. Ab wann ist ein Embryo ein Mensch und ist als solcher mit allen Rechten und aller Würde zu schützen? Dürfen Ärzte und Eltern über ein zukünftiges Leben entscheiden? Es beeinflussen? Es verändern? Ist ein Mensch geboren, stellt sich eventuell die Frage nach einer würdigen Behandlung beispielsweise im Falle eines Unfalles erneut. Welche lebensverlängernden Maßnahmen sollen getroffen werden? Sollen Organe transplantiert oder durch technische Mittel ersetzt werden? Was ist im Falle einer irreparablen Schädigung des Gehirns zu tun? Wie wird der Mensch weiterleben? Darf er selbst oder andere in seinem Namen über sein Leben und seinen Tod bestimmen? Diese Frage bringt mich direkt zum Ende eines Lebens und der oft diskutierten Frage, nach der Selbstbestimmung über den eigenen Tod. Darf ein Mensch aktiv einem anderen helfen, seinem Leben in Würde ein Ende zu setzen?

Allein die Vielzahl an Fragen, die sich hierzu stellen lassen und die dennoch nur die grundlegendsten Probleme ansprechen, zeigen, wie problematisch die Thematik ist. Die medizinische, biologische und genetische Forschung, um nur drei Bereiche zu nennen, eilt mit großen Schritten voran. Ethische Fragen bleiben dabei zunächst ungeklärt, da die neuen sich ergebenden Möglichkeiten erst ihren Weg in die öffentliche Diskussion finden müssen. Ist eine Antwort gefunden, sind die Möglichkeiten der Wissenschaft jedoch oft bereits wieder andere, deren ethische Folgen und die Frage nach einer menschenwürdigen Anwendung erst wieder neu geklärt werden müssen. In der folgenden Arbeit setze ich mich mit dem Begriff der Menschenwürde auseinander. Ich werde den Begriff klären, seine Bedeutung und Tragweite abstecken. Anschließend werde ich die Diskussion um die Würde des Menschen exemplarisch an der Frage nach der Würde von Embryonen im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik nachvollziehen. Durch die Verknüpfung dieser theoretischen Fragen um Menschenwürde mit und den ungeklärten Problemen und Streitpunkten in einer nach wie vor brandaktuellen Diskussion zeige ich abschließend die Problematik auf, die sich hierbei auf der Suche nach einer abschließenden Antwort ergibt.

2. Die Würde des Menschen – Definition

Wie bereits erwähnt, ist der Begriff der Menschenwürde womöglich der zentralste Begriff unserer Verfassung. Gleichzeitig ist er jedoch nicht genau definiert. Was also ist unter der Würde des Menschen zu verstehen und was macht diese zu einem „unantastbaren“ Gut?

2.1. Philosophische Annäherung von Kant

Menschenwürde wird als Axiom, als unantastbare Konstante aufgefasst. Sie ist höchstes Moral- und Rechtsprinzip und entzieht sich gleichzeitig einer eindeutigen philosophischen Definition. Dennoch – zentrale Gedanken bei der Definition von Würde sind auch heute noch die Überlegungen Immanuel Kants aus dem 18. Jahrhundert. Für Kant gründet sich die Würde des Menschen auf „die Autonomie des Menschen als ein vernünftiges Wesen“[2]. Selbstachtung ist für ihn der erste Schritt zur Würde. Die Benutzung des eigenen Verstandes und nicht der blinde Gehorsam gegenüber Autoritäten ist die Grundlage des Menschseins. „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann."[3] Die Verschränkung der hier geforderten Selbstachtung mit der Achtung vor Anderen werden in der zweiten Formel von Kants kategorischem Imperativ vollzogen,[4] wenn er fordert: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“[5] Die vernünftige Natur, also der vernunftbegabte Mensch braucht für Kant keinen weiteren Daseinszweck. Er ist „Zweck an sich selbst.“[6] Kant definiert hier die den Kreis der Lebewesen mit Würde. Da für ihn lediglich der Mensch zur Vernunft und zu tatsächlich freien Entscheidungen fähig ist, definiert er den Menschen als Lebewesen mit (Menschen)Würde. Bei Kants Definition spielt also der Gedanke „der Vernunft […] eine primäre Rolle“, da sie es ist, die sowohl Selbstachtung, als auch Achtung vor anderen, sowie die „fundierte Bestimmung der genuin moralischen Qualität menschlichen Handelns“[7] erst ermöglicht. Nur der Mensch verfügt auf dieser Erde über die „Logosfähigkeit“, der Sprach- und Vernunftbegabung, weshalb ihm zu Recht die Sonderstellung von allen zuerkannt wird. Diese Sonderstellung ist ein Privileg, das man schon mitbringt, und eine Verantwortung, die man noch tragen muss, sprich sie ist Aufgabe und Gabe zugleich.[8]

2.2. Mensch vs. Gesellschaft – Utilitarismusbetrachtung

Beinahe zeitgleich mit Kant entwickelte Jeremy Bentham das „Hedonistische Kalkül“ und damit ein ethisches System, dessen Ziel es ist, „Lust zu steigern bzw. Unlust zu minimieren“[9]. Er bemisst jede Handlung nach der zunächst einfachen Formel, (n-Personen*Freude)-(n-Personen*Leid)=Glück/Unglück. Mit dieser (etwas vereinfacht dargestellten) Formel versuchte Bentham, die Auswirkungen jeder Handlung auf die Gesellschaft zu klassifizieren und sie so in gute, moralisch richtige beziehungsweise schlechte, moralisch falsche Handlungen zu unterteilen. Diese grundsätzliche Form des Utilitarismus hat im Laufe der nach Bentham folgenden Jahrhunderte einige Änderungen und Erweiterungen erfahren, lässt sich im Kern jedoch stets auf diese Überlegungen zur Maximierung des Glücks des Einzelnen und der Gesellschaft zurückführen. Was hat dies nun mit meiner eingangs gestellten Frage nach der Würde des Menschen zu tun? Anders als Kant hat der Utilitarismus weniger das Individuum, sondern vielmehr die gesamte menschliche Gesellschaft als finale Instanz im Blick. „Der [einzelne] Mensch wird reduziert auf ein antithetisch strukturiertes Muster von Empfindungen und Einstellungen.“[10] Er strebt nach der Maximierung der Glücksmenge in der Gesellschaft und nimmt hierfür in letzter Instanz auch das Unglück des Einzelnen oder auch von Minderheitengruppen in Kauf. Dies widerspricht grundlegend der Idee der allen inhärenten Menschenwürde Kants. Ein konsequenter Utilitarist würde die Würde eines Menschen verletzen, wenn dies einen höheren Glücksertrag verspräche, als deren Wahrung. Darf die Würde eines Einzelnen oder einer Gruppe jedoch zu Gunsten Vieler beziehungsweise einer größeren Gruppe verletzt werden? Das Argument, dass das Wohl der Gruppe, des Volkes etc. über dem Einzelnen stünde, ist aus der Geschichte aus ettlichen Beispielen bekannt. Zahlreiche ansonsten gegenläufige Systeme, wie etwa der Kommunismus und Nationalsozialismus, berufen sich unter anderem auf genau dieses Argument. Aber auch auf aktuelle Fragen der Ethik lässt es sich anwenden, wie ich später zeigen werde.

[...]


[1] Artikel 1, Abs. 1. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

[2] Rehbock, Theda: Würde. Argumentationslinien in der Bioethik. Online: http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/33733/wuerde-argumente. Zuletzt geöffnet: 08.07.2015.

[3] Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? 1784. Wörtlicher Abdruck. Potsdam 1845. S.3.

[4] Vgl. Rehbock, Theda. Würde. Argumentationslinien in der Bioethik.

[5] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Riga² 1786. S.66.

[6] Ebd.

[7] Pfeifer, Volker: Ethisch argumentieren. Eine Anleitung anhand von aktuellen Fallanalysen. Paderborn 2009. S.32.

[8] Vgl. Höffe, Ottfried: Medizin ohne Ethik, Frankfurt a. M. 2002. S.49 – 53.

[9] Pfeifer, Volker: Ethisch argumentieren. S.43.

[10] Ebd., S.47.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Menschenwürde in der Bioethik. Ein Problem ohne Lösung?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V304245
ISBN (eBook)
9783668025561
ISBN (Buch)
9783668025578
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bioethik, PID, PND
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Menschenwürde in der Bioethik. Ein Problem ohne Lösung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304245

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