In der vorliegenden Arbeit werden die "Regula non bullata" von 1221 und die "Regula bullata" von 1223 des Ordens der Minderbrüder miteinander verglichen. Ziel der Arbeit ist es, grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Regeln aufzudecken und in den historischen Kontext des Ordens zu stellen.
Die lateinische Quellenbasis dieser Arbeit bildet die kritische Ausgabe von Heinrich Boehmer, die Analekten zur Geschichte des Franciscus von Assisi (1930), die beide Texte enthält. An einzelnen Stellen – jedoch nicht bei Zitaten – habe ich die deutsche Übertragung der "Regula non bullata" und der" Regula bullata" von P. Laurentius Casutt, die der kritischen Textausgabe von Boehmer folgt, herangezogen.
Gesamtdarstellungen zur Thematik, die als Einführung dienen können, sind das Heribert Holzapfels „Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens“ (1909) sowie die Mono- graphie „A History of the Franciscan Order” (1968) von John Moorman. Im Jahr 2012 ist das Werk von Gert Melville „Die Welt der mittelalterlichen Klöster“ erschienen, das einen Einstieg in die Ordensgeschichte bietet.
Mit der frühen strukturellen Entwicklung des Ordens befasst sich Rosalind Brooke in ihrer Monographie „Early Franciscan Government“ (1959). Als einschlägige Forschungsliteratur zum Gegenstand der "Regula non bullata" ist die Dissertation mit dem Titel „Die Regula non bullata der Minderbrüder“ (1967) von David Flood zu nennen. Kajetan Eßer und Lothar Hardick behandeln neben den beiden Regeln weitere Texte in „Die Schriften des hl. Franziskus von Assisi“ (1951).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Regula non bullata von 1221
2.1 Überlieferte Handschriften der Regula non bullata
2.2 Textgeschichte der Regula non bullata
2.3 Textstrukturelle Analyse der Regula non bullata
3 Die Regula bullata von 1223
3.1 Überlieferten Handschriften der Regula bullata
3.2 Textgeschichte der Regula bullata
3.3 Textstrukturelle Analyse der Regula bullata
4 Vergleich zwischen der Regula non bullata und der Regula bullata
4.1 Gegenüberstellung der Textstrukturen
4.1.1 Sprachliche und formale Gestaltung
4.1.2 Zusammenlegungen
4.1.3 Weglassungen
4.1.4 Neuerungen
4.2 Rückschlüsse auf die Struktur des Ordens
4.3 Ordensregel oder Lebensform?
5 Zusammenfassende Ergebnisse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit vergleicht die Regula non bullata von 1221 mit der Regula bullata von 1223 des Ordens der Minderbrüder, um grundlegende Unterschiede sowie Entwicklungen im Kontext der Ordensgeschichte aufzuzeigen und die Frage zu klären, ob es sich primär um eine Ordensregel oder eine Lebensform handelt.
- Historische Einordnung und Überlieferungsgeschichte der beiden Regeltexte.
- Strukturelle Analyse und inhaltliche Gegenüberstellung beider Regelfassungen.
- Identifikation von Zusammenlegungen, Weglassungen und inhaltlichen Neuerungen.
- Rückschlüsse auf den Wandel der internen Struktur des Ordens.
- Diskussion des Charakters der Texte als Ordensregel versus Lebensform.
Auszug aus dem Buch
4.1.4 Neuerungen
Die Formulierungen der Kapitel erscheinen zunächst als streng festgelegte Bestimmungen, die dann aber durch gewisse Ausnahmen eingeschränkt werden. In der älteren Regel scheint es weniger Ausnahmen oder Lockerungen zu geben.
Am Beispiel der Bestimmung des Fastens wird dies deutlich. In Kapitel 3 der Regula non bullata steht, wann die Brüder fasten sollen, nämlich von den Allerheiligen bis zu Weihnachten und von Epiphanie bis zu Ostern, Freitage ausgenommen. In der bullierten Regel ist es den Brüdern gestattet, die heilige Fastenzeit zu halten.
In Kapitel 4 der neueren Regel wird das Verbot der Geldannahme beschrieben, welches durch die den Zusatz bereichert wird, dass die Minister und Kustoden sich um die Kranken und um die Bekleidung der Brüder kümmern sollen. In der Regel von 1221 steht geschrieben, dass die auch Brüder um Almosen bitten dürfen, wenn Aussätzige in Not sind. Verändert ist auch, dass sich in Kapitel 3 die Gebetsstunden verringern und die Kleriker Breviere haben dürfen. In Kapitel 5 der Regula bullata wird die Arbeit der Brüder als strenge Anweisung beschrieben, während in der älteren Regel das Kapitel 7 mit Evangelienstellen ausgeschmückt ist und der soziale Aspekt der Arbeit betont wird.
Die bedeutendste Neuerung findet sich im achten Kapitel der bullierten Regel. Es wurde festgelegt, dass, wenn der Generalminister im Dienst und dem Wohl der Brüder unzureichend sei, abgesetzt werden konnte und auf dem Kapitel ein neuer Minister von den Brüdern gewählt werden konnte. Hier tritt ein demokratisches Element in den Orden.
Veränderungen zur Problematik der Bildung zeichnen sich in Kapitel 3 der Regula non bullata und Kapitel 10 der neuen Regel ab. Zunächst ist es nur Klerikern erlaubt, Bücher zu haben, die zur Erfüllung des Offiziums nötig sind. In der Regel von 1223 steht, dass sich Brüder an ihre Minister wenden können, wenn sie die Regel nicht nach ihrem Geiste halten können. Streben nach wissenschaftlicher Bildung ist nun auch Klerikern gestattet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die beiden franziskanischen Ordensregeln von 1221 und 1223 zu vergleichen und in den historischen Kontext zu setzen.
2 Die Regula non bullata von 1221: Dieses Kapitel behandelt die Handschriften, die Textgeschichte und die inhaltliche Struktur der sogenannten ersten Regel.
3 Die Regula bullata von 1223: Hier werden die Überlieferung und die strukturellen Merkmale der von Papst Honorius III. bestätigten Regula bullata analysiert.
4 Vergleich zwischen der Regula non bullata und der Regula bullata: Dieser Hauptteil vergleicht die Textstrukturen, diskutiert notwendige Änderungen und zieht Rückschlüsse auf die Entwicklung des Ordens.
5 Zusammenfassende Ergebnisse: Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Unterschiede zusammen und reflektiert über den Forschungsstand sowie die Natur der Regel als Lebensform.
Schlüsselwörter
Regula non bullata, Regula bullata, Franziskus von Assisi, Minderbrüder, Ordensregel, Lebensform, Textgeschichte, Evangelium, Armut, Gehorsam, Strukturwandel, Minister, Mittelalter, Franziskanerorden, Kirchengeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die Unterschiede zwischen den beiden zentralen frühen Regeln des Franziskanerordens, der Regula non bullata von 1221 und der Regula bullata von 1223.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die schriftliche Überlieferung, die Textentwicklung, die Anpassung an sich ändernde soziale Bedingungen sowie die interne Organisationsstruktur des Ordens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen inhaltlichen Unterschiede aufzuzeigen und zu analysieren, inwieweit diese Veränderungen Rückschlüsse auf den Wandel des Ordenslebens und dessen Struktur zulassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode (Vergleich) sowie die textstrukturelle Analyse der beiden Primärquellen im Kontext der historischen Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Einzelregeln und eine detaillierte Gegenüberstellung hinsichtlich sprachlicher Gestaltung, Zusammenlegungen, Weglassungen und inhaltlicher Neuerungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Regula non bullata, Regula bullata, Minderbrüder, Franziskus von Assisi, Ordensregel, Lebensform und der soziokulturelle Wandel des 13. Jahrhunderts.
Warum war eine neue Regel im Jahr 1223 überhaupt notwendig?
Die frühere Regel war laut Forschungsmeinung zu unübersichtlich, enthielt zu wenig präzise Normen für die Führung der Provinzen und musste den veränderten Bedingungen der Zeit sowie den juristischen Anforderungen angepasst werden.
Was stellt die bedeutendste Neuerung der Regula bullata dar?
Eine zentrale Neuerung ist das im achten Kapitel verankerte demokratische Element, welches den Brüdern erlaubt, den Generalminister bei mangelnder Diensttauglichkeit abzusetzen und einen neuen zu wählen.
Ist der Franziskus-Orden durch die Regel von 1223 zu einem starren Gesetzeswerk geworden?
Nein, die Autorin kommt zu dem Schluss, dass beide Regeln weniger als starre Gesetzestexte, sondern eher als Ausdruck einer gelebten Lebensform im Sinne des Evangeliums zu verstehen sind.
- Arbeit zitieren
- Sophie Thümmrich (Autor:in), 2013, Regula non bullata. Die Regeln des Ordens der Minderen Brüder von 1221 und 1223 im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304295