Inzest im „Gregorius“ von Hartmann von Aue


Seminararbeit, 2010
12 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff „Inzest“

3. Der Geschwisterinzest und der Mutter-Sohn-Inzest im Vergleich
Der Geschwisterinzest
Der Mutter-Sohn-Inzest

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

Hartmanns von Aue guoter sündære „Gregorius“ zeichnet sich durch die Sünde seiner Eltern, die an ihm begangen worden ist und die Sünde, die er selbst begeht, aus. Die Inzestproblematik ist im Werk handlungstragend. Wie es zu jenen Ereignissen kam und welche Bedeutung dieser doppelte Inzest trägt, sollen zentrale Fragestellungen dieser Arbeit sein.

Zunächst wird der Begriff „Inzest“ klar definiert. Anschließend werde ich den doppelten Inzest im „Gregorius“ thematisieren. Dabei werden die Besonderheiten des Geschwisterinzests und des Inzests zwischen Mutter und Sohn gegenübergestellt. Wie unterscheiden sich die Figurenkonstellationen und die Motive für den jeweiligen Inzest? Zum Abschluss sollen die gewonnenen Ergebnisse in der Schlussbetrachtung aufgezeigt und zusammengefasst werden.

Forschungsgeschichtlich steht die Inzestfrage eng im Zusammenhang mit der viel diskutierten Frage der Schuld im „Gregorius“. Vor allem in den 60er und 70er Jahren erschienen eine Menge Publikationen, die sich der Schuldproblematik befassen. In Thomas Manns „Der Erwählte“ von 1951 wird die Inzestthematik neu rezipiet. Aber auch neuere Literatur beleuchtet andere Aspekte in Bezug auf die Gregoriuserzählung, zum Beispiel nimmt der Aufsatz von Ingrid Kasten von 1993 zur Rolle der Frau im Werk Stellung.

Für die vorliegende Arbeit ist der mittelhochdeutsche Text „Gregorius, der gute Sünder“ nach der Ausgabe von Friedrich Neumann Grundlage. Zur Definition des Inzestbegriffs habe ich den Eintrag in der Enzyklopädie des Märchens genutzt. „Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung“ von Christoph Cormeau und Wilhelm Störmer, sowie Jürgen Wolfs „Einführung in das Werk Hartmanns von Aue“ eigneten sich besonders zur Einführung in die Thematik. Susanne Hafners „Maskulinität in der höfischen Erzählliteratur“ und der Aufsatz „Inzest-Heiligkeit“ von Peter Strohschneider war die wichtigste Literaturbasis für die vorliegende Arbeit, denn sie setzt sich speziell mit dem Inzestproblem auseinander.

2. Zum Begriff „Inzest“

Im heutigen Sprachgebrauch bedeutet „Inzest“ eine Ehe oder Geschlechtsverkehr zwischen Verwandten. Mehrere Wissenschaften definieren dabei den Begriff unterschiedlich. Beispielsweise beschreibt die Biologie Inzest als eine (sexuelle) Beziehung zwischen einem Elternteil und einem Kind und zwischen Geschwistern, wobei das Strafrecht den Inzestbegriff weiter interpretiert. Auch in den Religionen wird Inzest verschieden ausgelegt. Im Alten Testament ist der geschlechtliche Kontakt auch außerhalb der Kernfamilie, das heißt mit Stiefmüttern oder -vätern, Tanten, Onkeln, Halbgeschwistern oder auch Schwägerinnen untersagt.[1]

Man nimmt an, dass der Mensch früher generell inzestuös gelebt habe. Erst durch das Inszesttabu vollzog sich der Schritt von der Natur zur Kultur. Dieses Tabu galt allerdings längst nicht für alle Kulturen: Geschwisterehen der Herrschenden in Ägypten, erlaubter Inzest im Iran und dynastischer Inzest in vielen Religionen bilden die Ausnahmen.[2] Strohschneider beschreibt das Inzesttabu als ein Gesetz, welches eine Ordnung herstellt. Blutsverwandtschaft ist dabei eine besondere Relation, die sich von anderen unterscheidet. Das Inzesttabu bestimmt demnach eine Unterscheidung zwischen Verwandten und Nicht-Verwandten.[3]

Das Motiv des Inzests ist in zahlreichen Erscheinungsformen überliefert. In der Mythologie ist der Götterinzest keine Seltenheit. Oft sind die Nachkommen, die aus einem Inzest hervorgehen, schöne Männer. Der wohl bekannteste Inzest einer Volkserzählung ist die Ödipusgeschichte. Im Mittelalter nehmen einige Erzählungen darauf Bezug, wie auch der „Gregorius“. Der Mutter-Sohn-Inzest und der Inzest zwischen Geschwistern sind die am häufigsten vertretenden Formen der Inzestbeziehung. Weniger bekannt sind Erzählungen, in denen ein Cousin-Cousinen-Inzest oder ein Verhältnis zwischen Großvater und Enkel vorkommt. Ein Vater-Tochter-Inzest wird häufig gewaltsam dargestellt. Der homosexuelle Inzest wird in Volkserzählungen nicht thematisiert.[4]

3. Der Geschwisterinzest und der Mutter-Sohn-Inzest im Vergleich

Der Doppelinzest im Werk hat den Bruch des Inzesttabus zur Gemeinsamkeit. Es ergibt sich jedoch eine Masse an Unterschieden. Beispielsweise sind Unterschiede in der Figurenkonstellation gegeben. Im ersten Inzest sind Bruder und Schwester die handelnden Personen, wo hingegen im zweiten Inzest Mutter und Sohn beteiligt sind. Bezüglich der Handlungssysteme spielt beim Geschwisterinzest die Minne eine wichtige Rolle, beim Inzest zwischen Mutter und Sohn steht die Aventiure im Vordergrund. Zudem ist das Verhältnis von Gesetz und Wissen unterschiedlich. Beim Bruder-Schwester-Inzest begehen die Beteiligten den Tabubruch in vollem Bewusstsein der Schuld – Mutter und Sohn begehen den Inzest unwissend.[5] Auch am Schreibstil Hartmanns lassen sich die verschiedenen Motive erkennen: Der Inzest zwischen Bruder und Schwester erzählt Hartmann sehr ausführlich, das Mutter-Sohn-Verhältnis wird dagegen in aller Kürze beschrieben.

Im Folgenden möchte ich die Unterschiede ausführlich darstellen.

Der Geschwisterinzest

Angefangen mit der Vorgeschichte der Zwillinge, die ja in ihrem Ausgangspunkt so vorgesehen war, dass das Fortbestehen des herrschenden Geschlechts zu sichern sei, beschreibt Hartmann die besondere Nähe der Geschwister: Diese Nähe und die Minne der Geschwistern zueinander wird von Hartmann als absolut positiv gewertet:[6]

- sie wâren aller sache
- gesellic und gemeine,

si wâren selten eine,

si wonten zallen zîten

einander bî sîten

(daz gezam vil wol in beiden),

si wâren ungescheiden ze tische und ouch anderswâ.

ir bette stuonden alsô nâ

daz si sich mohten undersehen.[7]

Für den Anstoß zum inzestuösen Handeln macht Hartmann allerdings den Teufel verantwortlich:

- an sîner swester minne
- sô riet er [Teufel] im ze verre,
- unz daz der juncherre
- verkêrte sîne triuwe guot
- ûf einen válschèn mout.[8]

Hartmann von Aue schenkt der Motivation des Bruders sehr großes Interesse, indem er seine Gründe, die zum Geschwisterinzest führen, aufzählt und anschließend detailliert das innere Vorgehen im Bruder schildert.[9] Die Gründe sieht Hartmann in der Minne, der Schönheit der Schwester, dem Einmischen des Teufels und der Jugend des Bruders:

daz eine was diu minne

diu im verriet die sinne,

[...]


[1] Vgl. Taloş, Ion: Inzest, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 7, Berlin 1993, Sp. 229-230.

[2] Vgl. ebd., Sp. 231.

[3] Vgl. Strohschneider, Peter: Inzest-Heiligkeit. Krise und Aufhebung der Unterschiede in Hartmanns Gregorius, in: Huber, Christoph / Wachinger, Burghart / Ziegeler, Hans-Joachim (Hrsg.): Geistliches in weltlicher und Weltliches in geistlicher Literatur des Mittelalters, Tübingen 2000, S. 117.

[4] Vgl. Taloş: Inzest, Sp. 230-236.

[5] Vgl. Strohschneider: Inzest-Heiligkeit, S. 119.

[6] Hafner, Susanne: Maskulinität in der höfischen Erzählliteratur, (= Hamburger Beiträge zur Germanistik. 40) Frankfurt am Main 2004, S. 85; 95.

[7] Hartmann von Aue: Gregorius, der gute Sünder. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, nach der Ausgabe von Neumann, Friedrich (Hrsg.), Stuttgart 1963, v. 286-295.

[8] Hartmann von Aue: Gregorius, v. 318-322.

[9] Ebd., v. 228-395.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Inzest im „Gregorius“ von Hartmann von Aue
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar Gregorius
Note
3,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V304304
ISBN (eBook)
9783668026087
ISBN (Buch)
9783668026094
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Gregorius, Inzest
Arbeit zitieren
Sophie Thümmrich (Autor), 2010, Inzest im „Gregorius“ von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304304

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