Die Reichsgründung und die Kaiserproklamation 1871 unter dem Aspekt der Erinnerungskultur


Seminararbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Reichsgründung und Kaiserproklamation
1. Historischer Kontext
1.1 Reichsgründung
1.2 Kaiserproklamation
1.3 Reaktionen
2. Erinnerung an die Reichsgründung
2.1 Werke von Anton von Werner
2.2 Die Rolle Bismarcks vor und während der beiden Weltkriege
2.3 Sichtweisen nach 1945

III. Schlussteil

IV. Anhang

V. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Die Reichsgründung von 1870/71 und der damit in unmittelbaren Zusammenhang stehende deutsch-französische Krieg haben in Deutschland in den vergangenen hundert Jahren sehr unterschiedliche Würdigungen gefunden, deren Skala von der höchsten Glorifizierung bis zur entschiedensten Verdammung reicht.“[1] Ausgehend von diesem Zitat möchte ich das Thema der vorliegenden Seminararbeit erläutern. Es behandelt den Gegenstand der Reichsgründung und der Kaiserproklamation 1870/71 aus erinnerungskultureller Sicht.

Dabei werden gegensätzliche Betrachtungsweisen aufgrund der verschiedenen historischen und politischen Umstände der vergangenen Jahre deutlich. Es gilt hier zu untersuchen, wie unterschiedlich die Reichsgründung und damit auch die Figur Bismarcks in der Vergangenheit gesehen wurden bzw. heute gesehen werden. Wie wandelt sich das Bild des „Reichsgründers“? Daneben muss man im Zusammenhang mit der nationalliberalen Bewegung ergründen, wie viel Bismarck wirklich zu verdanken war. Und inwiefern war die Reichsgründung eine „Revolution von oben“?

Zu Beginn wird ein historischer Überblick über die Reichsgründung und die Kaiserproklamation skizziert. Anschließend folgt eine sehr gute zeitgenössische Quelle: Die „Kaiserproklamation in Versailles“ von Anton von Werner, die in mehreren Fassungen existiert.[2] Danach ist der Fokus im Hinblick auf die Erinnerungskultur auf Bismarck gerichtet; ab der Zeit nach seiner Entlassung bis heute. Hierbei liegt der Schwerpunkt in der Zeit vor und während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Etwa ab den 60er Jahren tritt eine entscheidende Wandlung des Bismarckbildes auf, wobei nachfolgend die Modernisierungstheorie und die deutsche Sonderwegsthese kurz thematisiert werden. Abschließend wird auf den neueren Forschungsstand Bezug genommen.

In der verwendeten Literatur treten drei Werke besonders hervor. „Das Bismarckreich. 1871-1890“ von Beate Althammer zeigt Forschungsperspektiven auf und beschreibt detailliert Vorgänge der Epoche aus verschiedenartigen Blickwinkeln. Sehr aufschlussreich für den Kontext der Erinnerungskultur waren die beiden Essays „Bismarck“ von Lothar Machtan und „Versailles“ von Hagen Schulze aus dem Sammelband „Deutsche Erinnerungsorte“.

II. Reichsgründung und Kaiserproklamation

1. Historischer Kontext

1.1 Reichsgründung

Nach der französischen Kriegserklärung vom 19. Juli 1870 stießen die verbündeten deutschen Truppen nach zahlreichen Kämpfen und der entscheidenden Schlacht bei Sedan bis nach Paris vor. Am 2. September 1870 wurde der französische Kaiser Napoléon III. gefangen genommen und Paris belagert. Wenig später musste die französische Armee kapitulieren und in Frankreich wurde die Republik ausgerufen. Die formelle Kapitulation von Paris erfolgte am 28. Januar 1871. Am 26. Februar 1871 kam der so genannte „Vorfriede von Versailles“ zustande, aber offiziell wurde der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich erst durch den Friede von Frankfurt am Main vom 10. Mai 1871 beendet.

Das deutsche Hauptquartier befand sich in Versailles, weit genug weg von Paris, um nicht beschossen zu werden.[3] Noch während des Krieges, im November 1870, wurden dort Verträge über den Beitritt der süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen zum Norddeutschen Bund, bzw. über den Beitritt zur Verfassung des Norddeutschen Bundes geschlossen. Diese so genannten „Novemberverträge“ wurden vom Bundesrat und Reichstag des Norddeutschen Bunds und den süddeutschen Länderparlamenten ratifiziert. Dies ist die eigentliche Gründung des Deutschen Reichs, besser gesagt des Deutschen Bundes, so wie es ursprünglich heißen sollte.[4]

Der damalige Kanzler des Norddeutschen Bundes, Bismarck, konnte den bayerischen König Ludwig II. bestechen, sodass er dem preußischen König Wilhelm die deutsche Kaiserkrone anbot.[5] So erhielt Ludwigs Onkel Prinz Leopold von Bayern in Versailles ein Schreiben. Darin wurde der preußische König Wilhelm I. im Namen aller deutschen Fürsten und freien Städte aufgefordert, das Präsidium des künftigen Deutschen Reiches unter dem Titel des Deutschen Kaisers wahrzunehmen. Dieser knüpfte an die Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation an, das 1806 untergegangen war. Und auch eine Delegation des Norddeutschen Reichstages trug am 18. Dezember 1870 König Wilhelm im Namen der deutschen Nation die Kaiserwürde an. Der preußische König nahm beide Anträge an und somit waren alle notwendigen Voraussetzungen geschaffen, dass die Verfassung des Deutschen Reiches am 1. Januar 1871 in Kraft treten konnte.[6]

Diese sah vor, dass Deutschland ein Bundesstaat unter dem Vorsitz des preußischen Königs als erblichem Kaiser wurde. Das Deutsche Reich war damit eine konstitutionelle Monarchie, gegründet auf der Hoheit der Fürsten und nicht auf Volkssouveränität. Bismarck wurde Reichskanzler, zugleich preußischer Ministerpräsident und Vorsitzender im Bundesrat, der die Ländervertretung darstellte. Der Reichstag wurde nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählt und besaß als Volksvertretung zusammen mit dem Bundesrat die gesetzgebende Gewalt.[7]

1.2 Kaiserproklamation

Der 18. Januar 1871 gilt als der Reichgründungstag, obwohl die Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles an sich verfassungsrechtlich keine Bedeutung hatte.[8]

Dass der preußische König Wilhelm I. ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, dem wohl heiligsten Ort des Geschichtsbewusstseins Frankreichs, zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde, empfand man als „eine Art politische Vergewaltigung des nationalen Kulturguts“.[9]

Auf deutscher Seite hingegen verspürte man ein nationales Hochgefühl, endlich konnte sich an dem Erzfeind gerächt werden. Die Kaiserproklamation ähnelte einem Treffen der „glorreichen Waffengemeinschaft der deutschen Volksstämme“[10], wo Uniformen und Orden vollständig dominierten. Dem zukünftigen Kaiser selbst, schien die ganze Zeremonie unbehaglich zu sein, denn er glaubte das preußische Königtum damit zu begraben und wollte alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Wilhelm hielt eine kurze Ansprache, danach wurde die Proklamation von Bismarck schlicht verlesen. Man sprach von einer „Wiederherstellung des Reiches“, sodass eine Verbindung zwischen 1806 und 1871 hergestellt wurde.[11] Zudem ging es um den korrekten Titel des Kaisers. Die Fürsten konnten sich nicht einigen, ob er „Deutscher Kaiser“, „Kaiser der Deutschen“ oder „Kaiser von Deutschland“ lauten sollte. Der Großherzog von Baden rief schließlich in die Menge: „Seine kaiserliche und königliche Majestät, Kaiser Wilhelm lebe hoch!“ Dies ersetzte den eigentlichen Akt der Krönung. Begeisterung und Erhabenheit, wie sie bei einer richtigen Kaiserkrönung vorhanden sind, fehlten hier völlig. Deshalb spricht man auch von einer Kaiserproklamation - und nicht unbedingt von einer Kaiserkrönung.[12]

170 Jahre vorher, also am 18. Januar 1701 war der Krönungstag von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg zum ersten preußischen König. Ob dieses Datum zufällig für die Kaiserproklamation gewählt wurde, bleibt offen.[13] Insgesamt dauerte die Proklamationsfestlichkeit nicht länger als eine Stunde.[14]

1.3 Reaktionen

Das neu gegründete Kaiserreich rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Einerseits gab es die Nationalliberalen, die nun endlich an ihr Ziel gelangt waren: Die Gründung eines Nationalstaates war vollbracht. Diese aus ihrer Sicht notwendige Entwicklung ließ den nationalliberalen Historiker Heinrich von Sybel schreiben: „[…] Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben? Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt!“[15] Man darf aber nicht vergessen, dass für die Liberalen die Grundziele Einheit und zugleich Freiheit waren. Letztere wurde mit der Reichsverfassung praktisch nicht umgesetzt.

Konservative hingegen waren von der Reichsgründung weniger begeistert, denn in ihren Augen verstieß die Idee des Nationalstaates gegen das monarchische Prinzip. Die „Revolution von oben“ machte sich die nationalliberale Bewegung zu Nutze, was vielen Konservativen ein Dorn im Auge war. Gerade dadurch wurde Bismarck, der ja eigentlich einer von ihnen war, zum Revolutionär.[16]

[...]


[1] Zit. n. Schlaich, Heinz Wolf, Die Reichsgründung 1870/71 und die deutsch-französischen Beziehungen. Bemerkungen zu einer wichtigen Neuerscheinung, in: Francia 1 (1973), S. 623.

[2] Vgl. Flacke, Monika, Kaiserproklamation (1871). Gründung der Nation, in: Flacke, Monika (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama, München/ Berlin ²2001, S. 121.

[3] Vgl. Schulze, Hagen, Versailles, in: Schulze, Hagen/ François, Etienne (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte Bd.1, München 2001, S. 410; Haupt, Udo, Reaktion und Neuordnung. Der „Deutsch-Französische Krieg“ von 1870/71, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.), Deutsche Geschichte Bd. 9, Gütersloh 1987, S. 348; Siemann, Wolfram, Schluß. Die Reichsgründung – Vollendung und Neubeginn, in: Moraw, Peter/ Press, Volker/ Schieder, Wolfgang (Hrsg.), Neue Deutsche Geschichte Bd. 7. Vom Staatenbund zum Nationalstaat, München 1995, S. 428.

[4] Vgl. Haupt, Udo, Reaktion und Neuordnung. Der „Deutsch-Französische Krieg“ von 1870/71, S. 348f; (ohne Autorenangabe), Die Reichsgründung 1871, in: Lebendiges Museum Online (LEMO), letzte Aktualisierung: unbekannt, URL: <http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/innenpolitik/reichsgruendung/index.html>, Zugriff am: 18.02.2009.

[5] Vgl. (ohne Autorenangabe), Die nationale Einigung Deutschlands, in: virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am Gymnasium, letzte Aktualisierung: unbekannt, URL: <http://www.lsg.musin.de/geschichte/!daten-gesch/19jh/dt-19-2.htm>, Zugriff am: 18.02.2009.

[6] Vgl. Schulze, Hagen, Versailles, S. 410; Althammer, Beate, Das Bismarckreich. 1871-1890, Paderborn/ München/ Wien/ Zürich 2009, S. 23.

[7] Vgl. Haupt, Udo, Reaktion und Neuordnung. Der „Deutsch-Französische Krieg“ von 1870/71, S. 353ff.

[8] Vgl. Schulze, Hagen, Versailles, S. 410.

[9] Zit. n. Bariéty, Jacques, Das Deutsche Reich im französischen Urteil, in: Hildebrand, Klaus (Hrsg.), Das Deutsche Reich im Urteil der großen Mächte und europäischen Nachbarn (1871-1945), München 1995, S. 204.

[10] Zit. n. Müller, Wilhelm, Leitfaden für den Unterricht in der Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der neueren deutschen Geschichte für die mittleren Klassen der Gymnasien, für Realschulen, Höhere Bürgerschulen, Höhere Töchterschulen, Schullehrer-Seminaren und andere Lehranstalten, sowie für Einjährig-Freiwillige, Heilbronn 81873, S. 156.

[11] Vgl. Althammer, Beate, Das Bismarckreich. 1871-1890, S. 26ff.

[12] Vgl. Flacke, Monika, Kaiserproklamation (1871). Gründung der Nation, S. 122.

[13] Vgl. Nolte, Ernst, Die Deutschen und ihre Vergangenheiten. Erinnerung und Vergessen von der Reichsgründung Bismarcks bis heute, Berlin 1995, S. 21.

[14] Vgl. Althammer, Beate, Das Bismarckreich. 1871-1890, S. 26.

[15] Zit. n. Sybel, Heinrich von, in: Heyderdorff, Julius (Hrsg.), Deutscher Liberalismus im Zeitalter Bismarcks. Eine politische Briefsammlung, Die Sturmjahre der preußisch-deutschen Einigung 1859-1870 Bd. 1, Bonn 1925, S. 494.

[16] Vgl. Althammer, Beate, Das Bismarckreich. 1871-1890, S. 28ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Reichsgründung und die Kaiserproklamation 1871 unter dem Aspekt der Erinnerungskultur
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Mittler zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Formen und Medien der Erinnerungskultur in der Moderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V304310
ISBN (eBook)
9783668026360
ISBN (Buch)
9783668026377
Dateigröße
1058 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reichsgründung, 1871
Arbeit zitieren
Sophie Thümmrich (Autor), 2009, Die Reichsgründung und die Kaiserproklamation 1871 unter dem Aspekt der Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304310

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