Griechische Päderastie und moderne Homosexualität. Ein Kulturvergleich


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Päderastie im antiken Griechenland
2.1 Die dorische Knabenliebe
2.2 Die klassische Knabenliebe

3. Homosexualität

4. Ein Kulturvergleich

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Schwulsein bedeutet, daß diese Entscheidung das ganze Leben durchdringt, das bedeutet auch, vorgeformte Lebensweisen abzulehnen, das bedeutet, aus seiner sexuellen Wahl den Motor für eine Veränderung seiner ganzen Existenz zu machen.“[1] Ausgehend von diesem Zitat von Michel Foucault möchte ich das Thema dieser Seminararbeit vorstellen. Es wird die griechische Päderastie im antiken Griechenland der im vorangegangenen Zitat „modernen“ Auffassung von Homosexualität gegenübergestellt. Desweiteren wird erfragt, ob die Griechen in Bezug auf die Päderastie sich auch mit solch vorgeformten Lebensweisen auseinander setzen mussten.

Anfangs wird dargestellt, was genau unter „Knabenliebe“ zu verstehen ist, wie diese aussah, und welche Formen es gab. Überdies wird die Stellung und Bedeutung in der Gesellschaft geklärt. Anschließend werden die zwei Formen der Päderastie genauer beschrieben. Im dritten Gliederungspunkt ist die Homosexualität die zentrale Thematik. Hier wird ein kurzer Abriss der Geschichte der Homosexuellen gegeben und es wird verdeutlicht, wie diese in der heutigen Gesellschaft gesehen werden. Den Begriff „moderne Homosexualität“ möchte ich dabei auf die Gegenwart in Bundesrepublik Deutschland beschränken. Vorrangig geht es um männliche, als um weibliche Homosexuelle. Zum Abschluss wird die griechische Knabenliebe der Homosexualität gegenüber gestellt und ein Fazit mit Hinblick auf den aktuellen Forschungsstand gegeben.

Grundlegende Literatur für das Thema der Päderastie war „Die griechische Knabenliebe“ von Harald Patzer, sowie das Werk „Homosexualität in der griechischen Antike“ von Kenneth J. Dover. Außerdem gab der Aufsatz „Päderastie und Pädagogik im antiken Griechenland“ von Roland Baumgarten aus dem Sammelband „Jugend in der Vormoderne“ Aufschluss über den Forschungsstand. Ferner waren für die Thematik der Homosexualität „Rosa Zeiten für rosa Liebe“ von Helmut Blazek und der Aufsatz „Homosexualität? Die Liebe zum eigenen Geschlecht in der modernen Konstruktion“ von Rüdiger Lautmann in dem Sammelband von Helmut Puff wichtige Literaturgrundlage.

Die Inhalte der Begriffe „Päderastie“ und „Knabenliebe“ basieren auf den Definitionen aus dem neuen Pauly und der Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaften.[2]

Quellenbasis sind verschiedene Motive auf Vasen oder Schalen, sowie das „Symposion“ von Platon, als auch das „Symposion“ von Xenophon.

2. Päderastie im antiken Griechenland

Zunächst ist unter der Päderastie nicht vorrangig eine sexuelle oder homosexuelle Beziehung zu verstehen. Sie ist eher als eine gesellschaftliche und staatliche Institution zu begreifen. Die Päderastie war fest in der Gesellschaft integriert und unterlag strengen Regeln. Das Verhältnis fand immer zwischen einem erwachsenem Mann und einem heranwachsenden Knaben statt.[3] Der Eromenos (Geliebter) begann die Beziehung mit dem Erastes (der ältere Partner) mit ungefähr 12 Jahren, wobei als Zeichen der erste Bartwuchs galt, und es endete als er 18 Jahre alt war. Der Erastes konnte mit erst 20 Jahren selbst noch sehr jung sein (siehe Anhang, Abbildung 1) oder ein älterer ausgewachsener Mann, der meist mit kräftigem Körperbau und Bartwuchs dargestellt wurde (siehe Anhang, Abbildung 2). Die grundlegende Bedingung war die durch das Alter bedingte geistige Ungleichheit der Partner.[4] Die Beziehung zwischen Erastes und Eromenos hatte immer eine Richtung, sie ging stets vom Erastes aus. Er war der aktive Part in der Beziehung, während sich der Eromenos passiv verhielt.[5]

Vordergründig war die seelische Verbundenheit zwischen Erastes und dem Knaben, es ging nicht unbedingt um körperliche, sexuelle Zuneigung.[6] Der ältere Partner musste sich um den Eromenos bemühen. Der umworbene Knabe durfte sich nicht einfach hingeben.[7] Auf der Seite des Eromenos galt, dass er sexuelles Verlangen ausschloss. Dieses ging allein vom Erastes aus, ob und wann der Knabe dann darauf einging, war allein seine Entscheidung. Wenn der Eromenos rein sexuelle Handlungen bezwecken wollte, hätte er unendlich geduldig sein müssen.[8]

Das Bemühen des Älteren um den Knaben zeigte sich zum Beispiel in Form von Geschenken (siehe Anhang, Abbildung 3). Solche Geschenke für den auserwählten Eromenos waren zum einen Tiere wie Hasen, Hähne, Hunde, Pferde, Rinder (meist als Opfer), aber auch Rüstungen oder Trinkgefäße. Der Hahn galt als Zeichen unbändiger Zeugungslust und -kraft.[9] Dennoch war die Wahl der Partner beiderseits freiwillig, sie musste auf Würdigkeit beruhen.[10]

Über die Sexualität zwischen Erastes und Eromenos gibt es wenig schriftliche Quellen. Es fallen lediglich Phrasen wie „zu Willen sein“, „Dienst zu recht erweisen“ oder „auf jegliche Art entgegenkommen“.[11] Mehr Aufschluss bieten die bildlichen Quellen, die Szenen wie beispielsweise den Schenkelverkehr zeigen (siehe Anhang, Abbildung 4) oder andere Zärtlichkeiten zwischen den Partnern (siehe Anhang, Abbildung 5). Wie bereits erwähnt, gingen die sexuellen Praktiken von dem Erastes aus. Der Knabe durfte dabei in nichts einwilligen, was für ihn entwürdigend war.[12] Es gibt keine Darstellungen, in denen der Knabe eine gebückte oder kniende Haltung einnimmt, keine Darstellungen von Oral- oder Analverkehr zwischen Erastes und Eromenos. Dies war nur für Frauen üblich, sie nahmen beim Geschlechtsverkehr die untergeordnete Rolle ein. Neben dem galt auch die Annahme von Bezahlung (zum Beispiel als Geschenk) als unehrenhaft. Die sexuelle Praktik, die geduldet wurde, war der Schenkelverkehr, der nicht entwürdigend oder unehrenhaft empfunden wurde: „Beim Schenkelverkehr steht der eromenos völlig aufrecht, und es ist der erastes, der seinen Kopf und seine Schultern beugt.“[13]

Die Liebe zwischen einem Knaben und einem erwachsenen Mann wurde als eine höhere Liebe angesehen, als die zwischen Eheleuten.[14] Dies lag auch daran, dass die Frau in der Gesellschaft eine schlechtere Stellung als der Mann einnahm. Wenn der Eromenos sein Erwachsenenalter erreicht hatte, wurde das Verhältnis mit dem Erastes meist weiter geführt, aber nicht in Form der Päderastie, denn das galt unerwünscht und wurde verspottet[15], sondern als philia. Diese Freundschaft war aus inniger Liebe entstanden und konnte, im Gegensatz zum päderastischen Verhältnis lebenslang andauern.[16]

Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Arten von Päderastie. Zum einen gibt es die dorische Knabenliebe, welche den älteren Typus darstellt, zum anderen geht man davon aus, dass der jüngere Typus, die klassische Knabenliebe, aus der dorischen hervorging.

2.1 Die dorische Knabenliebe

Die dorische Knabenliebe ist der ältere Entwicklungstypus der Päderastie. Die wichtigsten Orte dieser Art der Knabenliebe waren Sparta und Kreta. Die dorische Knabenliebe war für jeden Vollbürger verbindlich, somit war sie stark institutionalisiert. Vermittelt wurden Tugenden wie Wehrhaftigkeit, Disziplin und vor allem die aretē (kriegerische Tüchtigkeit). Die Eromenoi sollten „vortrefflich“ sein (agathon).[17] Die dorische Knabenliebe zeichnete sich durch bestimmte Rituale aus. Dazu gehörte der symbolisch dargestellte Knabenraub (ähnlich dem Brautraub), die Familienangehörigen des Eromenos entschieden dann über die Annahme des Erastes. Daraufhin folgte die erste Vorstellung des Eromenos im „Männerhaus“, später die Aufnahme in jenes. Danach folgte eine Seklusionsphase, in der der Liebhaber und der Knabe zu zweit in der Einsamkeit lebten, an dieser Stelle wurde der Eromenos beschenkt und Zeus ein Opfer geweiht. Anschließend musste der Knabe entscheiden, ob er die Beziehung annehmen oder abbrechen wollte. Wenn der erste Fall zutraf, war der Knabe von nun an der Kampfgefährte des Erastes.[18]

Die Knabenliebe fand zumeist in einem öffentlichen Raum statt. Bevorzugt wurden Versammlungsorte wie das Gymnasion oder die Straße. So konnte sich der Eromenos frei bewegen und der Erastes konnte ihn nur begehren, indem er ihm folgte.[19] Andere Orte waren die Palaestren, an denen das weibliche Geschlecht und die Familie ausgeschlossen waren, sowie auch die Symposien.

Was den Sexualakt anbelangt, so musste sich der Knabe für längere Zeit entziehen und sich verpflichten nichts Unehrenhaftes zu tun, sondern nur was den „rechtmäßigen“ Eros betraf.[20]

2.2 Die klassische Knabenliebe

Die jüngere Entwicklung der Päderastie bezieht sich vorwiegend auf das Athen in der klassischen Zeit. Man nimmt an, dass die klassische aus der dorischen Knabenliebe entstanden ist. Im Allgemeinen war diese Form, im Gegensatz zur älteren Form, weniger verbindlich. Die kriegerische Tüchtigkeit stand nicht mehr im Mittelpunkt, denn die militärische Ausbildung war nun für alle Bürger gleich.[21] Es ging mehr um Werte wie Vorzüglichkeit und Schönheit.

[...]


[1] Zit. n. Foucault, Michel, in: Blazek, Helmut: Rosa Zeiten für rosa Liebe. Zur Geschichte der Homosexualität, Frankfurt am Main 1996, S.7.

[2] Siehe: Hartmann, Elke: Art. Päderastie (paiderastia), in: DNP 9 (2000) Sp. 139-141; Kroll, Wilhelm: Art. Knabenliebe, in: RE 21 (1921) Sp. 897-906.

[3] Vgl. Patzer, Harald: Die griechische Knabenliebe, Wiesbaden 1982, S. 67.

[4] Vgl. Reinsberg, Carola: Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland, München 21993, S. 164-167.

[5] Vgl. Patzer: Die griechische Knabenliebe, S. 115-116.

[6] Xen. Symp. 8, 23.

[7] Xen. Symp. 8, 26.

[8] Vgl. Patzer: Die griechische Knabenliebe, S. 120-121.

[9] Vgl. ebd., S. 115-117.

[10] Vgl. ebd., S. 104.

[11] Plat. Symp. 182a, 184d.

[12] Vgl. Blazek: Rosa Zeiten für rosa Liebe, S. 22.

[13] Vgl. Dover, Kenneth J.: Homosexualität in der griechischen Antike, München 1983, S. 95-99; Zit. n. ders., S. 95; Bremmer, Jan: Greek pederasty and modern homosexuality, in: ders. (Hg.): From Sappho to De Sade, London / New York 1991, S. 11.

[14] Plat. Symp. 181b-d.

[15] Reinsberg: Ehe, Hetärentum und Knabenliebe, S. 168.

[16] Vgl. Patzer: Die griechische Knabenliebe, S. 89-90.

[17] Vgl. Patzer: Die griechische Knabenliebe, S. 70, 112.

[18] Vgl. ebd., S. 115.

[19] Vgl. Foucault, Michel: Der Gebrauch der Lüste, Sexualität und Wahrheit Bd. 2, (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. 171), Frankfurt am Main 31993, S. 250-251.

[20] Vgl. Patzer: Die griechische Knabenliebe, S. 114-115.

[21] Vgl. ebd., S. 90, 112.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Griechische Päderastie und moderne Homosexualität. Ein Kulturvergleich
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Einführung in die Alte Geschichte: Die griechische Knabenliebe
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V304313
ISBN (eBook)
9783668026100
ISBN (Buch)
9783668026117
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Griechische Knabenliebe, Päderastie, Homosexualität
Arbeit zitieren
Sophie Thümmrich (Autor:in), 2010, Griechische Päderastie und moderne Homosexualität. Ein Kulturvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304313

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