Die Kolonialisierung im Diskurs der Aufklärung. Thomas Jefferson, Adam Smith und die Beurteilung transatlantischer Kolonien


Bachelorarbeit, 2013
36 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1. Einführung

2. Die Aufklärung als Motor zunehmender Kolonialismuskritik
2.1 Aufklärerische Ideenkomplexe und Kolonialherrschaft – Ein Widerspruch?
2.2 Beispiele aufkommender Kolonialismuskritik

3. Die politischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Britisch-Nordamerika als Kontroverse des 18. Jahrhunderts
3.1 Kolonialpolitik zwischen Fremdherrschaft und Unabhängigkeitsbestreben – Ein schwelender Konflikt
3.2 Zwischen Aufklärung und kolonialpolitischer Krise – Einflussfaktoren einer argumentatorischen Positionierung

4. Thomas Jefferson – Die eigene Unabhängigkeit als logische Konsequenz einer nationalen Überzeugung

5. Adam Smith – Kolonialismuskritik auf Grund wirtschaftlicher Notwendigkeit

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

Danksagung

Zunächst möchte ich mich an dieser Stelle bei all denjenigen Personen bedanken, die mich während der Anfertigung dieser Arbeit auf verschiedenste Art und Weise unterstützt und motiviert haben.

Ganz besonders gilt mein Dank hierbei Frau Alix Winter, die mich von der ersten Idee eines möglichen Themas bis hin zur Abgabe des vorliegenden Werkes betreut hat und stets hilfreich zur Seite stand. Ohne Ihre Kenntnis relevanter Literatur und Quellen wäre mir womöglich in Bezug auf einzelne Aspekte der Ausgangsfragestellung eine tiefgreifende Erkenntnis verwehrt geblieben. Vielen Dank für all Ihre Unterstützung.

Ebenso bedanken möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Iwan-Michelangelo D’Aprile für die Übernahme der Zweitkorrektur und der damit verbundenen Mühen sich mit meinen niedergeschriebenen Gedanken auseinanderzusetzen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen.

Einen besonderen Dank möchte ich meinen Eltern und meiner Familie aussprechen, die mich nicht nur während der Ausarbeitung der Bachelorarbeit sondern während meiner gesamten Studienzeit in den letzten Jahren tatkräftig unterstützt und mir auch in den schweren Momenten beigestanden haben. Ihnen habe ich letztlich überhaupt die Möglichkeit zu verdanken meinen Lebensweg nach eigenen Wünschen gestalten und dieses Studium wahrzunehmen zu können. Vielen Dank.

Schließlich möchte ich in dieser Danksagung auch meine engsten Freunde nicht vergessen, welche wohl am stärksten von meiner konzentrierten Arbeitsstimmung und den kleineren und größeren Krisen in den letzten Wochen betroffen waren. Vielen Dank für eure Geduld und Nachsicht.

1. Einführung

Woher kommt [...] dieses Unbehagen, dem jeder empfindsame Mensch in den europäischen Kolonien ausgesetzt ist? Das rührt daher, da[ss] die Idee der Kolonie selbst eine unmoralische ist, diese Idee eines Landes [...], in welchem [...] die Aufklärung sich nur bis zu einem bestimmten Punkt ausbreiten [darf].

Alexander von Humbold, 1803[1]

In dieser Tagebuchnotiz des berühmten deutschen Naturforschers spiegelt sich die Grundlage der vorliegenden Arbeit, eine kritische Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Form außereuropäischer Kolonien und die Frage nach einer generellen Legitimität einer solchen kolonialen Machtausübung wider, wie sie im 18. Jahrhundert im Kreise einflussreicher Gelehrter verstärkt zum Ausdruck kam. Eine solche, vielfach formulierte und auf unterschiedlichsten theoretischen Ansätzen basierende Kolonialismuskritik wurde insbesondere im Zuge der Aufklärung wiederholt Thema moralphilosophischer Veröffentlichungen und Gegenstand intellektueller Diskurse. Nahezu alle großen Philosophen jener Zeit widmeten ihre Aufmerksamkeit in unterschiedlichem Ausmaß und aus moralischen, ökonomischen aber auch rationalen Motiven[2] dem Versuch, die außereuropäische koloniale Welt zu beurteilen und letztlich mit dem Aufbau und der Funktionsweise des europäischen Staatensystems in Verbindung zu bringen. Da Großbritannien zu jener Zeit die führende Rolle innerhalb dieses Staatensystems einnahm und sich als Britisches Weltreich (engl.: British Empire) Mitte des Jahrhunderts als größte Kolonialmacht in Amerika etablierte, bieten insbesondere britische Philosophen und Gelehrte die Möglichkeit einer Untersuchung aufgeklärter Kolonialismuskritik vor dem Hintergrund einer möglichen nationalen Prägung und entsprechenden Weltanschauung. Aus diesem Grund wurde für die vorliegende Untersuchung der schottische Moralphilosoph und Nationalökonom Adam Smith gewählt, um an Hand seiner Schriften eine aufgeklärte Position zur Praxis der Kolonialisierung fremder Erdteile herauszustellen und einem weiteren bedeutenden Aufklärer gegenüberzustellen. Hierzu soll der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson als Vergleich dienen. Die Auswahl dieser beiden Persönlichkeiten dient dem zentralen Zweck der vorliegenden Arbeit. Um die Frage zu beantworten inwieweit der vorherrschende Konflikt zwischen Mutterland Großbritannien und den Kolonialgebieten, den entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika, einen philosophischen Diskurs beeinflusste, soll an Hand dieser beiden Persönlichkeiten aufgezeigt werden, wie sich Denkweisen und Ansichten, auch wenn sie im Kern das selbe Ziel, nämlich die Loslösung der Kolonien von der Vormundschaft einer europäischen Großmacht, haben, in ihrer ideellen Ausgestaltung und Argumentationsgrundlage auf Grund der gegensätzlichen nationalen Blickwinkel unterscheiden.

Eine solche detaillierte Analyse zweier Standpunkte vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitalters, einer Epoche, welche „allen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Prozessen eine neuartige Dynamik verliehen [hat]“ (Hardtwig, 7), kann nicht erfolgen, ohne sich zunächst mit dem historischen Kontext und den Auswirkungen der neuen Geistesströmung auf die Kolonialismusfrage zu befassen. Aus diesem Grund soll im ersten Teil der Arbeit ein theoretischer Überblick über allgemeine Merkmale und zentrale Argumente der zunehmenden missbilligenden Beurteilung der existierenden europäischen Kolonialherrschaften gegeben werden, um herauszustellen welche Rolle die Aufklärung in diesem Erkenntnisgewinn spielt und inwiefern jegliche kritische Auseinandersetzung mit vorherrschenden herrschaftlichen Strukturen im in- und außereuropäischen Raum jenem kollektiven Bewusstseinswandel ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entspringt.

Darauf aufbauend wird im weiteren Verlauf das eigentliche historische Spannungsfeld aufgezeigt, in welchem sich Thomas Jefferson als Verfechter der amerikanischen Unabhängigkeit und Bürger einer ehemaligen Kolonie[3] und Adam Smith als Brite[4] und Staatsangehöriger der entgegengesetzten Kolonialmacht zwangsläufig wiederfanden. Hierbei geht es in erster Linie darum, das Dilemma zwischen amerikanischem Emanzipationsbestreben und britischem Machtanspruch zu verdeutlichen, in welchem die beiden Theoretiker ihre Auffassungen zum Thema entwickelten und festigten. Darüber hinaus soll in diesem Teil der Arbeit die Bedeutung jener politischen Entwicklungen als Gegenstand intellektueller Auseinandersetzungen verdeutlicht werden, um die Standpunkte Jeffersons und Smiths in den entsprechenden wissenschaftlichen Gesamtdiskurs jener Zeit einordnen und kontrastieren zu können.

Vor diesem theoretischen Hintergrund kann schließlich die eigentliche Untersuchung an Hand der beiden Personen und ihrer Schriften erfolgen. Zunächst fokussiert sich die Analyse hierbei auf die Thesen Thomas Jeffersons, welcher sich zwar innerhalb seiner Veröffentlichungen nicht explizit zur Frage des Kolonialismus als abstrakten Herrschaftsbegriff und machtpolitische Struktur äußerte, jedoch mit seinen Schriften grundlegende Überzeugungen zur Freiheit des Menschen und zur entsprechenden Idealkonstitution eines Staates und dessen Regierung zum Ausdruck brachte. Daher müssen Erkenntnisse, welche für die Ausgangsfrage und den Vergleich zu Smith eine faktische Relevanz besitzen, letztlich aus seiner politischer Grundüberzeugung und den entsprechenden Schriften abgeleitet werden. Eine zentrale Bedeutung kommt hierbei zweifellos der „Declaration of Independence“ (1776) zu, da diese Jeffersons politische Vorstellungen in Bezug auf die Frage nach der Legitimität kolonialer Fremdherrschaft mit dessen moralphilosophischen Ansätzen in einem nationalen Gesetzestext vereint und somit auch zu Teilen ein Spiegelbild der amerikanischen Grundhaltung zum Thema Kolonialismus darstellt. Insbesondere Allen Jaynes 1998 erschienene Studie „Jefferson’s Declaration of Independence. Origins, Philosophy & Theology“ verbindet jene bedeutende politische Schrift mit den Prinzipien der Aufklärung und stellt die Unabhängigkeitserklärung als Zeugnis einer aufgeklärten kolonialkritischen Denkweise dar, weshalb sie für vorliegende Untersuchung als wesentliche Referenz zu betrachten ist. Darüber hinaus verfasste Jefferson eine Vielzahl weiterer Aufsätze, verstärkt in den 1780er Jahren, weshalb zusätzlich die von Edward Dumbauld veröffentlichte Schriftensammlung „ The Political Writings of Thomas Jefferson. Representative Selections“ (1955) Erkenntnisgrundlage dieser Arbeit ist.

Eine gegenüberstellende Darstellung erfolgt daraufhin mit Hilfe der Person und der Werke Adam Smiths, welcher sich in seinem berühmten Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“[5] (1776) intensiv mit dem Für und Wider eines britischen Kolonialbesitzes in Übersee auseinandersetzt. Da die dort stattfindende Beurteilung in erster Linie auf Basis ökonomischer Erkenntnisse und wirtschaftspolitischer Fragestellungen erfolgt, ist es darüber hinaus unabdingbar Smith zusätzlich aus moralphilosophischer Sicht zu betrachten, da seine Tätigkeit als Moralphilosoph, nicht zuletzt ab 1752 als Inhaber des entsprechenden Lehrstuhls an der Universität von Glasgow[6], seine späteren ökonomischen Theorien grundlegend prägte und diese beiden Arbeitsfelder der Ideengeschichte daher nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Aus diesem Grund basiert die in jenem Abschnitt vollzogene Auseinandersetzung zusätzlich auf Smiths 1759 veröffentlichtem Werk „Theory of Moral Sentiments“[7], da dieses einen Einblick in dessen Verständnis der Natur des Menschen gibt und im Menschen, als zentralen Motor wirtschaftlichen Handelns, letztlich die moralphilosophische Grundlage einer nationalökonomisch begründeten Kolonialismuskritik präsentiert.

So soll schließlich an Hand dieser beiden ausgewählten Beispiele zweier theoretischer Konzepte eine abschließende Aussage über den Zusammenhang zwischen persönlichen, nicht zuletzt ortsabhängigen Lebensumständen in einer Zeit politischer Konflikte und geistigen Wandels und dem Ursprung und der Beschaffenheit einer Kritik an vorherrschenden machtpolitischen Strukturen ermöglicht werden. Thomas Jefferson und Adam Smith dienen somit als Ansatz einer Generalisierung, inwiefern epochenspezifische historische Prozesse die Geisteshaltung einzelner Beteiligter über zentrale Themen eines öffentlichen Diskurses beeinflussen und umgestalten können.

2. Die Aufklärung als Motor zunehmender Kolonialismuskritik

2.1 Aufklärerische Ideenkomplexe und Kolonialherrschaft – Ein Widerspruch?

Um zu verstehen wie die Aufklärung im Verständnis einer geistigen und moralischen aber auch einer religiösen, gesellschaftlichen und politischen Reformbewegung[8] einen Einfluss auf das theoretische Konzept des Kolonialismus’ ausüben konnte und wieso die Ideen und Prinzipien jener neuen Geistesströmung, welche Europa im 18. Jahrhundert erfasste, zwangsläufig eine kritische Beurteilung der Herrschaft europäischer Großmächte über, in diesem Fall nordamerikanische Kollektive[9], nach sich ziehen musste, muss zunächst in notwendiger Kürze die Frage beantwortet werden, was die Aufklärung über den abstrakten Epochenbegriff hinaus war und welche neuen, letztlich wegweisenden Ansichten ihr zu Grunde lagen.

Wie also lässt sich die Aufklärung hinsichtlich unseres Untersuchungsschwerpunktes definieren? Bis heute ist Immanuel Kants Antwort auf diese Frage aus dem Jahre 1784 für das Verständnis des Aufklärungszeitalters prägend[10]. Mit der Formulierung „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant, 1) liefert der Philosoph das Grundprinzip jener Geisteshaltung und die grundsätzliche Prämisse des neuen Weltverständnisses. Basierend auf dem Ziel, jene Unmündigkeit abzulegen, richtet sich die Aufklärung nach zentralen Prinzipien, welche Grundlage des menschlichen Handels sein müssen. Werner Schneiders spricht in diesem Zusammenhang von der Tatsache, dass auf „Wahrheit durch Klarheit, aber auch auf Freiheit und Selbstständigkeit [gezielt wird]“ (1997, 7), was eine verstärkt auftretende Kritik an gängigen Strukturen und ein intensiveres Hinterfragen der persönlichen individuellen Lebenssituation, aber auch der gesellschaftlichen Ordnung zur Folge haben muss. Gleichzeitig entwickelte sich ein „Glauben an die (Selbst-)Verbesserungsmöglichkeiten des Menschen“ (Hardtwig, 12), der jene kritische Vernunfttätigkeit umso stärker in den Vordergrund rückte und als den einzigen Weg erscheinen ließ, die von Kant angeführte „selbstverschuldete Unmündigkeit“ abzulegen. Der Ursprung dieses neuen Bestrebens liegt Schneider zu Folge historisch betrachtet in der, im 16. und 17. Jahrhundert durch die Spaltung der Kirche und die gleichzeitige Herausbildung zentral regierter, jedoch zunehmend national bestimmter Großstaaten entstandenen „geistige[n] und gesellschaftliche[n] Problemlage“ (Schneiders 1997, 8). Durch einen immensen Bedeutungszuwachs einer „tendenziell theologie- und philosophiefreien Wissenschaft“ (ebd.), welche als ein Resultat der aufklärerischen Maxime des Selbstdenkens und des selbstbestimmten Handelns betrachtet werden kann, entstand die allgemeine „Forderung der Aufklärung nach Vernunft, Freiheit und Tugend“ (ebd.), welche unweigerlich zu einem Drang nach Neuordnung geistiger und gesellschaftlicher Verhältnisse führen musste, weshalb die Aufklärung letztlich als Reformbewegung zu definieren ist, die sich nicht zuletzt auch die Umstrukturierung der bestehenden Staatenordnung auf Grundlage aufgeklärter Vorstellungen zur Aufgabe gemacht hatte.[11] Betrachten wir jene Vorstellungen genauer, wird deutlich, inwiefern die Idee der Ausübung kolonialer Fremdherrschaft einen mit dem aufklärerischen Streben nach Tugend, Vernunft, Selbstdenken, aber insbesondere auch nach Freiheit und Selbstbestimmung unvereinbaren Standpunkt darstellt und somit zwangsläufig eine kritische Resonanz von Seiten der Aufklärer erfahren muss. Hans-Jürgen Lüsebrink stellt hierbei die Frage, wie das „Phänomen des Kolonialismus, das Eroberung, Gewalt und Unterwerfung impliziert, mit dem Prozess der Aufklärung, der Freiheit, Emanzipation, Wissen und Erkenntnis meint“ (9) überhaupt in Einklang zu bringen sein könne. Insbesondere im emanzipatorischen Verständnisses des Aufklärungsbegriffs[12], wonach sich die Aufklärung nicht nur dem klaren, freien und selbstbestimmten Denken widmet, sondern sich auch gleichzeitig „gegen die durch machthabende Autoritäten verhängten [...] Denkverbote“ (Schneiders 1995, 11) und die damit einhergehenden Einschränkungen der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung positioniert, ist die Idee des Kolonialismus nahezu untragbar.

Vor dem Hintergrund dieses neu entdeckten „Bürgerglaubens “ (Darnton, 3) an den eigenen Geist und an die Individualität des Einzelnen kann die Aufklärung als „Bruch mit Traditionen“ (Schneiders 1997, 11) verstanden werden, welcher über nationale bzw. innereuropäische Problemstellungen bezüglich Religion, Politik oder dem sozialen Gefüge hinaus, einen Wandel der politischen, aber insbesondere auch der intellektuellen und damit einhergehend kulturellen Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, also zwischen Europa und der kolonialen Welt, nach sich ziehen musste.[13] Dieser Wandel, welcher historisch an Ereignissen wie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 und dem Unabhängigkeitskrieg bis 1783 sowie der Haitischen Revolution 1791 deutlich wird, ist das Resultat eines neuen Weltverständnisses, welches neben oben angeführten aufklärerischen Grundprinzipien vor allem von einem nie dagewesenen kulturellen und intellektuellen Wissensdrang lebte.[14] Dieser richtete sich, nicht zuletzt auch aus einer exotischen Neugier heraus, verstärkt nach „Formen des Wissens und der Erkenntnis über die koloniale Welt, ihre Bewohner, ihre Gesellschaften und Kulturen, ihre Tier- und Pflanzenwelt, aber auch ihre Geschichte, ihre Sprachen und Literaturen“ (Lüsebrink, 10). Den eigentlichen Anstoß für die kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus lieferten demnach neben dem, mit der Aufklärung Einzug gehaltenen, neuen Credo der Freiheit und Selbstbestimmung, eine bewusste Intensivierung des transatlantischen Wissenstransfers, welcher zu einem interkulturellen Dialog und somit in kultureller und intellektueller Hinsicht gemeinhin zu einem neuen Weltverständnis führte.

2.2 Beispiele aufkommender Kolonialismuskritik

Als Ergebnis dieser Entwicklung entstanden im 18. Jahrhundert erste Untersuchungen kolonialer Strukturen und wurden in nahezu allen europäischen Ländern erstmals auch kritische Stimmen zu jener unausgeglichenen Beziehung zwischen Mutterland und Kolonie laut. So wurden zwar nachweislich „die Grundlagen neuer Formen der wissenschaftlichen Erforschung der außereuropäischen Welt und ihrer Bewohner“ (Lüsebrink, 16) gelegt, jedoch muss festgehalten werden, dass entsprechende Zeugnisse jenes Diskurses, sei es Voltaires „Essai sur les Moeurs et l’esprit des nations“ (1756) oder Raynals „Histoire des deux Indes“ (1770), von einer stark eurozentrischen Sichtweise[15] und dem damit einhergehenden Glauben an die Dominanz und Überlegenheit politischer, religiöser, kultureller und sozialer Strukturen Europas geprägt war. Jürgen Osterhammel geht in seinem Aufsatz „Welten des Kolonialismus im Zeitalter der Aufklärung“[16] explizit auf diese Problematik ein und sieht das Problem in erster Linie in einem fehlenden Verständnis für die „Sicht der Anderen“ und der von Hans-Jürgen Lüsebrink formulierten Tatsache, dass „Wissen über die koloniale Welt [...] im 18. Jahrhundert immer auch Herrschaftswissen [war]“ (16) und demnach eine entsprechende kritische Auseinandersetzung oft nicht ohne die unterschwellige Erfüllung des Zweckes einer ökonomischen beziehungsweise politischen Legitimierung einer europäischen Vormachtstellung auskam.[17]

Untersuchen wir diese These an Hand des Beispiels Raynals und seiner Darstellung der europäischen Kolonisierung in seinem Hauptwerk aus dem Jahre 1770, welchem Wolfgang Reinhard unterstellt, letztlich lediglich die „Geschichte des Ermordeten [...] zum Lehrstück für die Besserung des Mörders“ (260) nutzen zu wollen, so lässt sich die europäische Dimension seiner Ausführungen nicht von der Hand weisen. So beantwortet er die grundlegende Frage nach der Rechtmäßigkeit europäischer Kolonien mit „Vernunft und Billigkeit erlauben Kolonien; aber sie schreiben auch die Grundsätze vor, von welchen man sich bei ihrer Stiftung nicht entfernen sollte“ (111). Diese Antwort zeigt somit das eigentliche Problem bezüglich einiger erster kritischer Ausführungen der Aufklärungsbewegungen zum Thema Kolonialismus auf: sie kritisieren in erster Linie das „Wie“, also die Art und Weise der Umsetzung der europäischen Kolonialansprüche in der neuen Welt, anstatt nach dem „Was“, also der moralischen Grundlage einer solchen Ausübung von Fremdherrschaft, zu fragen. Es wird demnach von der Existenz eines natürlichen Rechtes der europäischen Ausbreitung auf fremden Kontinenten ausgegangen. Darüber hinaus erfolgt die Charakterisierung der amerikanischen Einwohner, allen neuen aufklärerischen Prinzipien der Vernunft zum Trotz, mittels „Wertungskriterien, die der Kultur des europäischen Betrachters entnommen sind“ (Bitterli, 75). Was Osterhammel also als fehlenden Einbezug der „Sicht der Anderen“ anführt,[18] kann demnach auch bei Raynal nachgewiesen werden und Katrin Rudolphi kommt in ihrem Werk „Nord-Amerika bei Raynal. Zur Konstruktion eines Diskurses“ zu der Schlussfolgerung, dass seine Ausführungen zur kolonialen Welt als Anschauungsmerkmal für Frankreich dienen, die Probleme im eigenen Land aufzeigen und die Notwendigkeit eines reformerischen Wandels zum Ausdruck bringen sollen.[19] So boten für Raynal „Absolutismus in Frankreich und europäische Kolonialherrschaft in Übersee mithin ein vergleichbares Bild [und] würde die Kritik das Potential eines Appells besitzen.“ (Stuchtey, 64). Unabhängig davon ist Raynals „Die Geschichte beider Indien“ als Beispiel für die Folgen der Aufklärung auf die Wahrnehmung der europäischen Kolonisationsbemühungen zu betrachten, sodass erstmals, auf Basis der neuen aufklärerischen Wert- und Moralvorstellungen, eine Kritik an der bereits 300 Jahre alten Praxis[20] aufkommt, auch wenn jenem Werk, wie auch weiteren jener Zeit, der Makel des offensichtlichen und verzerrenden Eurozentrismus’ anhaftete.

Neben den Schriften Raynals, Prévosts[21] oder Voltaires, welche von jener angesprochenen eurozentrischen Perspektive gekennzeichnet waren, entwickelten sich im Zuge der Aufklärung fraglos auch wesentlich radikalere Positionen, geprägt von einer grundlegenden Infragestellung des Kolonialismus heraus. Als Beispiele sind hier vor allem Johann Gottfried Herder oder, der an „Die Geschichte beider Indien“ beteiligte, Denis Diderot anzuführen. Die beiden Aufklärer stehen exemplarisch für einen Standpunkt innerhalb des aufkommenden philosophischen Diskurses, welcher einen verstärkten „interkulturellen Austausch [sowie] eine neue Sensibilität für die Alterität und Gleichwertigkeit außereuropäischen Kulturen“ (Lüsebrink, 17) zu vertreten suchte. Insbesondere Herder betonte in seinen diversen Veröffentlichungen die Notwendigkeit, nationale kulturelle Besonderheiten anzuerkennen und trotz dieser Verschiedenartigkeit einzelner Gesellschaften die Gesamtheit aller als Gemeinschaft beziehungsweise „Brüderlichkeit“ zu betrachten.[22] Auf Grundlage eines transkulturellen Verständnisses von „Humanität“, also dem angeborenen Ziel einen Zustand herzustellen, in dem „jeder, unbefehdet vom andern, seine Kräfte üben und einen schönen, freieren Genuß des Lebens sich erwerben könnte“ (Herder, 3. Bd, 15. Buch, 1) und der Pflicht die kulturelle Vielfalt fremder Völker zu respektieren, mussten vorherrschende kolonialherrschaftliche Strukturen zwangsläufig eine kritische Ablehnung erfahren. Herder dient uns somit für die vorliegende Betrachtung als Beispiel einer fundamentalen antikolonialen Haltung, losgelöst von nationalistischer Befangenheit und einem verzerrenden Eurozentrismus und zeigt gleichzeitig, wie sehr die Ideen der Aufklärung zu einer Verschärfung einer moralphilosophischen Kolonialismuskritik führen konnten, sofern an die Stelle einzelner Völker und deren Interessen ein, der Humanität verpflichteter, Menschheitsbegriff[23] tritt.

[...]


[1] Von Humboldt, S. 121.

[2] Vgl. Stuchtey, S. 65 f.

[3] Status als Kolonie: aus amerikanischer Sicht bis zu Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung 1776, bzw. aus britischer Sicht bis zur Anerkennung der amerikanischen Unabhängigkeit 1783.

[4] 1707 wurden Schottland und England mit dem Act of Union zum Königreich Großbritannien vereinigt.

[5] Für vorliegende Arbeit genutzt: Smith, Adam. Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Übers. von Horst Claus Recktenwald (Hrsg.). München 1996.

[6] Vgl. Fricke / Schütt, S. 1.

[7] Für vorliegende Arbeit genutzt: Smith, Adam. Theorie der ethischen Gefühle. Übers. von Walther Eckstein (Hrsg.). Hamburg 1994.

[8] Vgl. Schneiders, S. 11 f.

[9] soziologisch: soziale Gruppe, welche nach unterschiedlichen Merkmalen der einzelnen Mitglieder zusammengefasst werden, z.B. ein Volk, eine Siedlungsgemeinschaft etc.

[10] Vgl. Stollberg-Rilinger, S. 1.

[11] Vgl. Schneiders 1997, S. 8.

[12] Wissenschaftlich wird zwischen dem „ rationalistischen Aufklärungsbegriff“, also der Behebung der eigenen Unwissenheit durch rein rationale Denkprozesse und einen stetigen Wissenserwerb und dem „emanzipatorischen Aufklärungsbegriff“, sprich einer aktiven Befreiung von sämtlichen sozialen, intellektuellen, aber auch politischen Fesseln, die einer Abhängigkeit von fremden Institutionen dienlich sind, unterschieden. (Vgl. hierzu Schneiders 1997, S. 7 sowie Schneiders 1995, S. 11.).

[13] Vgl. Lüsebrink, 9 f.

[14] Vgl. ebd., S. 10.

[15] Der Begriff „Eurozentrismus“ (eurozentrisch) bezeichnet eine Beurteilungssichtweise inner- und außereuropäischer Zivilisationen auf Basis rein europäischer Normen und Werte.

[16] In: Lüsebrink, S. 19-36.

[17] Vgl. Lüsebrink, S. 16.

[18] Vgl. Osterhammel, S. 22 f.

[19] Vgl. Rudolphi, S. 114 f.

[20] Der Beginn der Kolonialzeit wird gemeinhin mit der Übersiedlung Spaniens und Portugals auf den afrikanischen und südamerikanischen Kontinent Ende des 15. Jahrhunderts gleichgesetzt.

[21] Prévost, Antoine-Francois: Histoire Générale des Voyages (1747).

[22] Vgl. Stuchtey, S. 86.

[23] Vgl. Stuchtey, S. 86: Herder prägt im Anschluss an Raynals Histoire des deux Indes den Begriff „Menschheit“ zur Beschreibung einer, den moralischen Richtlinien folgenden brüderlichen Gemeinschaft einzelner Völker.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Kolonialisierung im Diskurs der Aufklärung. Thomas Jefferson, Adam Smith und die Beurteilung transatlantischer Kolonien
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V304386
ISBN (eBook)
9783668029927
ISBN (Buch)
9783668029934
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Jefferson, Adam Smith, Kolonialismus, Kolonialismuskritik, Aufklärung, Amerika, Kolonie, Wohlstand der Nationen, Unabhängigkeitserklärung, Empire, Großbritannien, europäische Expansion, Raynal, Nord-Amerika, Geschichte beider Indien, koloniale Welt, Declaration of Independence, Statute of Virginia for Religious Freedom, Notes on the State of Virginia, amerikanische Revolution, transatlantische Beziehungen
Arbeit zitieren
Robert Witte (Autor), 2013, Die Kolonialisierung im Diskurs der Aufklärung. Thomas Jefferson, Adam Smith und die Beurteilung transatlantischer Kolonien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304386

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