Die osteuropäische Geschichtswissenschaft als ideologischer Partner im Kalten Krieg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wiederetablierung der Osteuropaforschung nach 1945
2.1 Wiederetablierung des Faches in Westdeutschland
2.2 Verwendung des Osteuropabegriffes
2.3 Historische Rahmenbedingungen für das Fach in Westdeutschland
2.4 Paradigmenwechsel in der Osteuropawissenschaft in Westdeutschland
2.5 Exkurs: Historische Rahmenbedingungen für das Fach in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)

3 Klaus Mehnert
3.1 Interesse an der Person
3.2 Geleitgedanken
3.3 Antikommunismus
3.4 „Ein Jahr später“
3.5 Chancen und Gefahren
3.6 Politischer Kurswechsel
3.7 Nationalsozialismus

4 Schlussbetrachtung

1 Einleitung

Der Titel der vorliegenden Arbeit unterstellt dem Fach der osteuropäischen Geschichte bereits eine verstärkte Funktionalisierung durch die Politik. Bei der intensiveren Recherche zu der Genese des Fachs fragte ich mich jedoch erstmals, wem das Fach als ideologischer Partner im Kalten Krieg dienlich sein sollte. Dem Ost- oder Westblock? Wozu wurde osteuropäische Geschichtswissenschaft betrieben? Um jedoch fassen zu können, wie es zu einer möglichen Funktionalisierung kommen konnte, müssen zumindest zu Beginn holzschnittartig die historischen Rahmenbedingungen der Wiederetablierung des Faches nach 1945 angeschnitten werden, soweit dies der Rahmen meiner Seminararbeit zulässt.

Ursprünglich war es meine Intention, die Genese der osteuropäischen Geschichtswissenschaft während des Kalten Krieges zu beleuchten. Jedoch kam ich während meiner Arbeit zu dem Schluss, dass die Disziplinen der Osteuropawissenschaft in so engem Verhältnis zueinander stehen, dass eine strenge Differenzierung der einzelnen kaum möglich ist. Arnold Buchholz nimmt dabei eine Einteilung der Osteuropaforschung in drei Bereiche vor. Erstens „die fachwissenschaftliche Forschung“, zweitens „die interdisziplinäre Zusammenarbeit“ und drittens „die Beziehung zur Politik“.[1] Gerade weil jedoch die Osteuropaforschung bei ihrer Wiederetablierung nach 1945 vor allem zur Lösung gegenwärtiger politischer und gesellschaftlicher Probleme beitragen sollte, würde die ausschließliche Konzentration auf die osteuropäische Geschichtswissenschaft nicht genügen. Meine Ausführungen werden sich demnach nicht nur auf die Genese der Fachwissenschaft der Osteuropäischen Geschichte beschränken, sondern die Osteuropaforschung interdisziplinär betrachten. Dabei sollen meine Ausführungen keinen vollständigen Abriss aller Disziplinen leisten. Sie sollen vielmehr wichtige Akzentsetzungen nachzeichnen.

Wie war es möglich, dass die Osteuropaforschung bereits so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wiederetabliert werden konnte, trotz dass sie durch die „Ostforschung“ im Nationalsozialismus schuldhaft vorbelastet war. Warum wurde die Osteuropawissenschaft trotz der personellen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus von der breiten Öffentlichkeit angenommen und sogar unterstützt? Welche Intention steckte dabei dahinter? Des Weiteren möchte ich meine Arbeit um die Frage bereichern, ob die Osteuropaforschung des Kalten Krieges in ihrer Funktion einen Paradigmenwechsel durchlief, der das politische Kräftemessen der beiden sich gegenüberstehenden Mächte abzeichnete. Ich stelle hierbei die These auf, dass es während des Kalten Krieges eine Verschiebung der Politischen Intention und Funktion des Faches gab.

Speziell wird sich meine Arbeit auf die Genese des Faches in Westdeutschland nach 1945, kulminierend im Kalten Krieg konzentrieren. Bedingt durch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grenzte sich die Forschung in beiden deutschen Staaten stark gegeneinander ab. Wie stark die Osteuropaforschung im Kalten Krieg zum politischen Spielball der Mächte wurde, gilt es dann zu beleuchten.

Zu Beginn werde ich die gegenwärtigen Forschungsstandpunkte aspektorientiert vorstellen. In einem weiteren Schritt werde ich anhand ausgewählter Werke des Osteuropaexperten Klaus Mehnert die Thesen der gegenwärtigen Forschung prüfen.

Ich selbst habe keinerlei biographische Berührungspunkte mit der Geschichte Osteuropas. Ich bin im Jahre des Mauerfalls 1989, zum Ende des Kalten Krieges, im Westen Deutschlands geboren und aufgewachsen. Durch die jüngsten Entwicklungen um die Krise in der Ukraine und um Russland, gerät die Beschäftigung mit der Geschichte Osteuropas jedoch in mein gegenwärtiges Blickfeld. Es ist nicht möglich die aktuellen Entwicklungen ohne Vorkenntnisse reflektiert zu betrachten, daher ist die Beschäftigung mit der Osteuropaforschung unabdingbar.

2 Wiederetablierung der Osteuropaforschung nach 1945

2.1 Wiederetablierung des Faches in Westdeutschland

Um im Folgenden zu eruieren, weshalb bereits so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Neubelebung und vor allem die Reputation der Osteuropäischen Forschung realisierbar war, möchte ich zu Beginn dieses Kapitels summarisch und komprimiert die aktuellen Forschungsansätze miteinander vergleichen und gegebenenfalls gegeneinander abwägen. Sodass es mir im Anschluss daran möglich sein wird, die Thesen der gegenwärtigen Forschung beispielhaft an ausgewählten Werken des zeitgenössischen Forschers Klaus Mehnert zu messen. Diese Vorgehensweise meinerseits beansprucht nicht die aktuellen Forschungsansätze in Gänze zu erfassen. Sie sollen vielmehr exemplarisch anzeigen, wohin die Tendenz geht. Ich strebe danach, eine eigene Positionierung in dieser komplexen Thematik zu finden und mich für den Umgang mit der Geschichte Osteuropas zu sensibilisieren.

Thekla Kleindienst stellt die These auf, dass die osteuropäische Geschichtswissenschaft in Abhängigkeit zur politischen Großwetterlage stehe. Bedingt durch den Beginn des Kalten Krieges sei es dem Fach möglich gewesen, an Strukturen und Forschung vor 1945 anzuknüpfen.[2] Corinna Unger stimmt mit Kleindiensts These überein, dass die politische Konfliktsituation zwischen den Blöcken die Neuetablierung der osteuropäischen Geschichtswissenschaft begünstigte. Unger geht in ihren Ausführungen sogar noch weiter. Der Beginn des Kalten Krieges begünstigte die Verschleierung der individuellen Mitschuld der an der Ostforschung beteiligten Wissenschaftler während des Zweiten Weltkrieges. Ersatzweise für das Eingeständnis einer Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus, fokussierten sich die Wissenschaftler der Osteuropäischen Forschung auf die Bewältigung der gegenwärtigen politischen Probleme, wie einer möglichen Expansion der Sowjetunion.[3] Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand die Osteuropaforschung erneut vor der großen Herausforderung sich neu zu erfinden. Zusammenhängend mit der Besatzungspolitik im Nachkriegsdeutschland, dem immer weiter verschärfenden Systemwettbewerb von Ost und West, konnte freilich auch die Neuformierung der Osteuropaforschung keine homogene Richtung einschlagen. Die Neubelebung des Faches ging somit unterschiedliche Wege. Die Besatzer im Westen des geteilten Deutschlands als auch die Sowjets im Osten verliehen dem Fach ihre ganz eigene ideologische Prägung. Die Beschäftigung mit der Geschichte Osteuropas wurde durch die Besatzung der Sowjetunion zur Notwendigkeit. Die Geschichte Osteuropas war kein entferntes Betrachtungsobjekt mehr, sondern Teil der Realität.[4] Der Einfluss der Sowjetunion auf die DDR und auch ihre Rolle im Ost-West-Konflikt machen klar, warum Deutschland- und Ostpolitik nur schwer zu trennen sind. Überdies charakterisiert Unger die Osteuropäische Geschichtsforschung nach 1945 als ambivalent. Einerseits beabsichtigte die Osteurpoaforschung, bedingt durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus, sich von einer politischen oder ideologischen Funktionalisierung zu distanzieren. Andererseits jedoch wurde der Osteuropäischen Geschichtswissenschaft eine klare politische Positionierung gegenüber dem Osten abverlangt.[5] Auch Kleindienst weist darauf hin, dass mit der Neuformierung der Forschung keine erneute Politisierung einhergehen sollte.[6]

Dieser Balanceakt, ein richtiges Maß zwischen Wissenschaft, Abwehr einer erneuten Politisierung der Disziplin, aber dennoch einer politischen Positionierung zu finden, wurde jedoch auch schon von Zeitgenossen erkannt. Oswald Schneider stellte 1953, inmitten des Kalten Krieges, die Frage, ob die Wissenschaften, insbesondere die Osteuropaforschung zur Lösung des Ost-West Konfliktes beitragen könne. Er hält fest, dass die Neuordnung zwar durch die Politik erfolgen müsse. Jedoch könne die Osteuropaforschung, die eine große Bedeutung für die Neuordnung in Osteuropa habe, nicht länger an einer Beantwortung dieser Frage vorübergehen.[7] Hierbei wird deutlich, dass die Wissenschaftler sich der erneuten Bedeutsamkeit der Osteurpoaforschung innerhalb eines politischen Konflikts um den Kalten Krieg durchaus bewusst waren. Die Frage ist nun, ob sie sie eine erneute Instrumentalisierung zuließen. Zum wiederholten Male musste die Entscheidung gefällt werden, ob die Wissenschaft sich in den Dienst der Politik stellte. Zum wiederholten Male entschied sie sich dafür. Durch den 1947 beginnenden Kalten Krieg ging die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte Osteuropas den Weg der Funktionalisierung der sich gegenüberstehenden Blöcke. Es wurde nach 1945 machtpolitisch und ideologisch seitens beider Systeme, dem demokratischen Westen und dem kommunistischen Osten, überformt, so dass der osteuropäischen Geschichte in beiden deutschen Staaten spezifische Charakteristika verliehen wurden.[8] Auf welche Weise dies explizit geschah, wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit ersichtlich werden.

Durch die engen personellen Beziehungen vieler Osteuropaforscher zum Nationalsozialismus war dieses Streben jedoch utopisch, wenn man Ungers These der Verschleierungstaktik vieler Forscher an einer Mitschuld, die durch den Kalten Krieg gefördert wurde, zustimmen möchte. Ist dieses lobenswerte Vorhaben nicht allein dadurch schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da ein Fokus der Geschichtswissenschaft nach 1945 war, die Rückgewinnung der ehemals deutschen Gebiete im Osten zu erzielen? Dadurch, dass die Osteuropaforschung unmittelbar nach Kriegsende aufgenommen wurde, geht automatisch einher, dass die Osteuropawissenschaft an ältere Forschungen anknüpfen musste. Schließlich konnte eine völlig neue Wissenschaft nicht wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Wie war es jedoch möglich, dass unmittelbar nach der verehrenden Katastrophe des zweiten Weltkrieges osteuropäische Geschichtsforschung, auch gegenwärtig oftmals noch Ostforschung genannt, trotz ihrer Nähe zum Nationalsozialismus und auch personellen Verbindungen wieder aufgenommen und von der Öffentlichkeit anerkannt wurde? Corinna Unger stellt dabei die These auf, dass durch die Anpassungsfähigkeit der Osteuropaforscher an die Nachkriegszeit diese Situation begünstigt wurde. Vor Allem die Auseinandersetzung um die Revidierung der Oder-Neiße Grenze, die als Ostgrenze festgelegt wurde und somit den Verlust der ehemals deutschen Gebiete illustrierte, begünstigte eine rasche Wiederaufnahme der Osteuropaforschung. Dieser Gebietsverlust sei von der Bevölkerung als äußerst erniedrigend empfunden worden. Daraus resultierend schien die Osteuropaforschung als letzte Hoffnung, um den Anspruch auf die verlorenen Gebiete schließlich doch noch geltend machen zu können.[9] Es wurde, hauptsächlich in Westdeutschland, ergo an die Deutschtumsforschung, bedingt durch die derzeitige politische Lage, angeknüpft. Die politische Grundsituation begünstigte somit die Wiederetablierung des Fachs. Dabei wurde auf den Elementen der Ostforschung aufgebaut.

Die gegenwärtige Forschung stimmt also grundlegend darin überein, dass mit der Wiederetablierung des Faches keineswegs eine grundlegende Innovation und Reform einherging, die sich methodisch und thematisch neuorientierte und erfand. Vielmehr knüpfte man an der Forschung an, sowohl inhaltlich, thematisch und oftmals auch personell. Den zeitlichen Bezugsrahmen bot dabei besonders die Weimarer-Zeit und die Zeit des Nationalsozialismus.[10] Die Neuetablierung der Osteuropaforschung wurde von der Öffentlichkeit angenommen, initiiert jedoch von den Wissenschaftlern selbst. Bereits 1946 trat der Göttinger Arbeitskreis zusammen, um begründete Argumente zu finden, die auf wissenschaftlicher Basis den Erhalt der deutschen Ostgebiete rechtfertigen sollten. Diese Argumente sollten auf der Außenministerkonferenz vorgelegt werden. Nicht nur die Sekundärliteratur der Gegenwart, auch die zeitgenössischen Historiker selbst, wie Klaus Mehnert, verwiesen darauf, dass die Osteuropaforschung beziehungsweise die Ostforschung im Nationalsozialismus durch das Hitlerregime funktionalisiert wurde, indem er erklärte, dass die Osteuropaforschung in eine politische Angelegenheit umfunktioniert worden sei. Viele der Wissenschaftler der Osteuropaforschung seien somit unwissentlich zu Mitarbeitern des Regimes geworden.[11]

[...]


[1] Buchholz, Arnold: Koordination und Ressortbezug in der bundesgeförderten Osteuropaforschung, in: Osteuropa 30 (1980), S. 688. (im Folgenden zitiert als: Buchholz: Koordination)

[2] Kleindienst, Thekla: Zerreißprobe. Entspannungspolitik und Osteurpoaforschung, in: Osteuropa 12 (2005), S. 149.

(im Folgenden zitiert als: Kleindienst: Zerreißprobe)

[3] Unger, Corinna: „Objektiv, aber nicht neutral“. Zur Entwicklung der Ostforschung nach 1945, in: Osteuropa 12 (2005), S. 113. (im Folgenden zitiert als: Unger: Objektiv)

[4] Schlögel, Karl: Den Verhältnissen auf der Spur. Das Jahrhundert deutscher Osteuropaforschung, in: Osteuropa 63 (2013), S. 26.

[5] Unger: Objektiv, S.113.

[6] Kleindienst: Zerreißprobe, S. 151.

[7] Schneider, Oswald: Osteuropa und der Deutsche Osten. Fragen der Osteuropaforschung in der Gegenwart, Bonn 1953, S.8.

[8] Küttler, Wolfgang: Bemerkungen zum Platz der Osteuropäischen Geschichte in der DDR-Historiographie im Rahmen des Ost-West-Konflikts, in: Dahlmann, Dieter (Hg.): Hundert Jahre Osteuropäische Geschichte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa, Stuttgart 2005, S.161-163. (im Folgenden zitiert als: Küttler: Platz)

[9] Vgl. Unger, Corinna: Ostforschung in Westdeutschland. Die Erforschung des europäischen Ostens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1945-1975, Stuttgart 207, S.82. (im Folgenden zitiert als: Unger: Ostforschung)

[10] Beyrau, Dietrich: Angst und Neugier. Die Sowjetunion in der historischen Forschung der Bundesrepublik während des Kalten Krieges, in: Osteuropa 63 (2013), S. 212. (im Folgenden zitiert als: Beyrau: Angst)

[11] Mehnert, Klaus zitiert nach: Vgl. Unger, Corinna: Ostforschung in Westdeutschland. Die Erforschung des europäischen Ostens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1945-1975, Stuttgart 207, S.84.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die osteuropäische Geschichtswissenschaft als ideologischer Partner im Kalten Krieg
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V304413
ISBN (eBook)
9783668042216
ISBN (Buch)
9783668042223
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
osteuropäische Geschichte, Westdeutschland, Ostdeutschland, Kalter Krieg, Osteuropaforschung
Arbeit zitieren
Pia-Sophie Schillings (Autor), 2014, Die osteuropäische Geschichtswissenschaft als ideologischer Partner im Kalten Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304413

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