Hintergründe des Kosovo-Krieges. Die Positionen der politischen Akteure und die Perspektiven der unmittelbar Betroffenen


Hausarbeit, 2013
28 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung ”An vielen Ecken lodern Brande“

2. Historische Vorlaufer Jugoslawien und seine Konflikte

3. Das Bollwerk des Christentums" Jasenovac und der erste unabhangige Staat Kroatien

4. The Butcher of the Balkans“ Die Verantwortlichkeit des Slobodan Milosevic

5. Nie wieder Krieg. Nie wieder Auschwitz.“

6. Fazit

Bibliographie

Anhang: Gesprache

1. Einleitung „An vielen Ecken lodern Brande'

”Ankunft der deutschen Kampfverbande in Prizren bei Nacht. Die Stadt leergefegt, an vielen Ecken lodern Brande und beleuchten gespenstisch die StraRen. ... Die einheimische Bevolkerung hort nur das Rasseln der Panzerketten, weiR nicht, ob es noch die serbischen Soldaten sind. Einige Turen offnen sich vorsichtig. Verangstigte Gesichter schauen um die Ecke. Ein Ruf geht durch die Stadt: ,Es ist die NATO! Die Deutschen, die Deutschen sind da!‘ Die Panzer werden umringt von jubelnden Einwohnern der Stadt.“[1]

So beschreibt die Zeitung der Bundeswehr den Einzug der KFOR in die kosovarische Stadt Prizren. Die hier angewandte Bildsprache der verangstigten Burger, die beim Anblick deutscher Panzer zu jubeln anfangen, entspricht einer in der deutschen Presselandschaft verbreiteten Positionierung gegenuber dem Konflikt in Jugoslawien.

Heute ist die Auseinandersetzung um den Einsatz der NATO zwiegespalten.

Ich mochte mich mit dieser Hausarbeit anhand von historischen Herleitungen, Stimmen aus Presse und Politik sowie Zeitzeugen den Grunden fur die Entwicklung nationalistischer Ressentiments und der Identifizierung mit nationalistischem Terror annahern. Hierbei halte ich es von besonderer Bedeutung, die Identitat der Serben und Kosovo-Albaner in Hinblick auf vorangegangene Konflikte zu beleuchten. Ich gehe davon aus, dass der ungefahre Ablauf der Ereignisse in Jugoslawien allgemein bekannt ist. Ich mochte nicht erklaren, wie sich der Tod Josip Broz’ auswirkte, welcher Frage der Existenznotwendigkeit sich die NATO nach Auseinanderbrechen des Warschauer Pakts stellen musste, welches Bedurfnis zur Reinigung des Begriffes “deutsche Soldaten” Gerhard Schroder und Joschka Fischer gehabt haben mogen Oder was fur grauenvolle Phantasien Rudolf Scharping der Weltoffentlichkeit als Wahrheiten des Krieges prasentierte. Ich mochte versuchen, eine Position zu entwickeln, die sich gegen die Darstellung Milosevics als modernen Hitler durch Madeleine Albright stellt. Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, ich wurde die zur genuge serios belegten Menschenrechtsverletzungen im Kosovo totschweigen wollen. Ich betrachte diese allerdings nicht zwingend als Teil dieser Hausarbeit, da die NATO sich ja auch nicht dieser Fakten bediente, sondern stattdessen auf propagandistisch verwertbare Falschinformationen von Hufeisenplanen und gegrillten Foten setzte, um die Offentlichkeit von der Rechtschaffenheit ihres Vorhabens zu uberzeugen[2]. Diese Hausarbeit dient der Herstellung von Hintergrunden. Dazu mochte ich meine personlichen Kontakte nutzen. Allerdings gilt es, zu beachten, dass diese Kontakte direkt vom Krieg betroffen waren und insofern nicht fur eine objektive Erforschung der Vorgange taugen. Ich glaube aber, dass gerade durch die von Ihnen eingebrachten Standpunkte die Frage beantwortet wird, die ich zu beantworten versuche.

Eine Verurteilung einer der Kriegsparteien ist dabei nicht beabsichtigt. Fur die zynischen Hinweise auf die Scheinheiligkeit der bekannten deutschen Positionen bitte ich um Verzeihung, sie dienen dem Fazit.

”In the old Yugoslavia national oppression by the great-Serb capitalists meant exploitation of the oppressed peoples." [3]

Historische Vorlaufer Jugoslawien und seine Konflikte

Jugoslawien in seinem Zustand von 1991, bevor Slowenien und Kroatien, gefolgt von Mazedonien (und spater Bosnien und Herzegowina), ihre Unabhangigkeit proklamierten, bestand bereits seit 1918 in Folge des Ersten Weltkriegs als ein Vielvolkerstaat unter Herrschaft des serbischen Konigs Alexander. Die ersten Konflikte, die bis heute zwischen den Ethnien vorkommen, traten allerdings zuvor schon auf: Infolge der Unabhangigkeit Albaniens von dem Osmanischen Reich nach dem ersten Balkankrieg wurde die mehrheitlich von Albanern bewohnte Region des Kosovo von den Vermittlungsmachten

Frankreich und und England zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt. In Folge kam es zu gewaltsamen Ubergriffen der neuen Herrscher auf Albaner und zu Vertreibungen.[4] Aufgrund der ehemaligen Zugehdrigkeit der verschiedenen Provinzen zur Habsburgermonarchie beziehungsweise zum bereits seit 1882 bestehenden Konigreich Serbien ergab sich im Konigreich Jugoslawien eine unterschiedliche Qualitat in der wirtschaftlichen Produktivitat der Regionen. Zudem zeichnete sich Jugoslawien durch seine konfessionelle Vielfalt aus: Kroaten und Slowenen waren fast ausschlieRlich romisch-katholisch, Serben und Montenegriner hingegen orthodox; die Bosniaken und die im damals noch serbischen Kosovo lebenden Albaner waren als Erben der osmanischen Regentschaft mehrheitlich Muslime.

Wahrend der konstitutionellen Monarchie musste die albanische Bevolkerung des Kosovo eine radikale Unterdruckung ihrer Kultur erleiden. Die Schulbildung - abgesehen von christlich-orthodoxer Religionsschule - wurde verweigert[5]. Albanische Widerstandler organisierten sich als Kagaks, die - ahnlich ihrem historischen Nachfolger in den 1990er Jahren - einen Guerillakrieg aus den Bergen heraus fuhrten, um die Serben aus dem Kosovo zu vertreiben. Diese Kagaks wurden aus dem benachbarten Konigreich Albanien verdeckt geleitet und unterstutzt.[6]

Jugoslawien erlebte unterdessen standige Regierungswechsel, die 1926 in der Ausschaltung des Parlaments durch Konig Alexander gipfelte. Es folgte eine Neugestaltung der Verwaltung des Landes durch mehrere, von serbischen Bevolkerungsteilen dominierte Banschaften. Hiergegen forderten Kroaten, Slowenen und Bosniaken die Aufteilung des Landes in die Teilstaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Vojvodina, Montenegro und Mazedonien. Diese Gliederung sollte Jahre spater unterTito mit Hinzufugen des Kosovo als autonomer Provinz verwirklicht werden.[7]

Nach den Balkankriegen begann sich in Jugoslawien das abzuzeichnen, was sich im spaten zwanzigsten Jahrhundert in der deutschen Presse als Ursache des Jugoslawienkriegs wiederfand: Die panslawistisch beeinflusste Geheimorganisation “Schwarze Hand” erlangte weltweite Aufmerksamkeit durch ihre Beteiligung an dem Attentat auf den osterreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand in Sarajewo. Die Organisation, die sich hauptsachlich aus serbischen Offizieren rekrutierte, trat fur das Ziel eines GroRserbien ein. Dadurch wurde der serbische Nationalismus zu dem vorgeschobenen Ausloserfur den Ersten Weltkrieg.

”Das Bollwerk des Christentums“ Jasenovac und der erste unabhangige Staat Kroatien

Von elementarer Bedeutung fur den Kroatienkrieg 1991-1995 ist die faschistische kroatische Bewegung der Ustascha, die sich unter dem Eindruck des jugoslawischen Konigreichs Ende der 1920er Jahre formierte. Die Ustascha konnte sich dank verschiedener internationaler Unterstutzer durchsetzen und errichtete im Zuge des Balkanfeldzugs der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbundeten nach dem Einzug in Zagreb am 10.4.1941 einen faschistischen Vasallenstaat unter Fuhrung ihres Begrunders Ante Pavelic.

Die Ustascha verfolgte das Ziel, Kroatien zu dem “Bollwerk des Christentums” zu machen, zu welchem es von Papst Leo XIII. auserkoren worden war.[8] Dafur wurde laut dem Pavelic-vertrauten Minister Dr. Mile Budak beschlossen, die neben 5 Mio. katholischen Kroaten und 250.000 Moslems - die im Staat geduldet wurden (“...wir sind ein Staat zweier Religionen, der katholischen und der islamischen.’’ [9] ) - lebenden 1,9 Mio. orthodoxe Serben zum Teil “umfzujbringen, den anderen Teil um[zu]siedeln und die ubrigen zum katholischen Glauben umtaufen und so zu Kroaten [zu] machen.”[10]

Die Ermordung orthodoxer Serben, die mit Hilfe und Leitung Angehoriger des katholischen Klerus realisiert wurde, geschah teils durch umherziehende Ustaschen, die auRerst brutale Methoden bei der Ermordung von Serben jeden Alters anwandten[11], teils in dem Konzentrationslager Jasenovac, dessen zeitweiliger Kommandant Frater Miroslav Filipovic der Kaplan eines Franziskanerklosters bei Banja Luka war. Das Konzentrationslager erfasste neben Serben auch Juden, Roma und politsche Gegner; es hatte eine Kapazitat von 7.000 Haftlingen und nutzte - anders als die bekannteren, von Deutschen betriebenen Lager - nicht etwa Gas, sondern anfangs Feuerwaffen (Zitat Dr. Budak: “Fur Minderheiten wie Serben, Juden und Zigeuner haben wir drei Millionen Kugeln”' [12] ), bald aber vermehrt die auf dem Lande haufig eingesetzten Mordwerkzeuge wie Beile, Axte und haufig die von der deutschen Firma Grevizo gefertigten, sogenannten "Srbosjek” - Serbenschneider, eine Art Schlachtmesser.

Vor dem Hintergrund dieses Volkermords und der Beteiligung des Vatikan erscheint es nicht unverstandlich, dass bei der erneuten Unabhangigkeit Kroatiens im Jahr 1991 der damalige President Serbiens, Slobodan Milosevic, auf dem Selbstbestimmungsrecht der serbischen Minderheit Kroatiens beharrte. Erstaunlich, aber einer historischen Linie folgend, ist das Verhalten des Vatikan und der Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesrepublik erwirkte die volkerrechtlich umstrittene Anerkennung Kroatiens durch die Europaische Gemeinschaft als unabhangigen Staat am 23.12.1991 mit Wirkung zum 15.01.1992.[13] [14] Der Vatikan kam der EG zwei Tage zuvor und beschleunigte bereits seit Monaten “die Sezession mit einem zinslosen Vier-Milliarden-Dollar-Kredit’u Es ist also Fakt, dass die EG und andere Interessenten sich eher darum bemuhten die Unabhangigkeit einzelner Staaten voranzutreiben als dass sie sich fur den Erhalt von Jugoslawien eingesetzt hatten. Es ware spannend die Grunde fur dieses Verhalten herauszufinden, allerdings versuche ich nicht in dieser Hausarbeit die Interessen der europaischen Gemeinschaft zu sortieren.

”The Butcher of the Balkans Die Verantwortlichkeit des Slobodan Milosevic

Stattdessen mochte ich die Motive der Serben, vertreten durch das serbische Staatsoberhaupts Slobodan Milosevic und die Interessen aller sich als Serben betrachtenden Jugoslawen und abgesondert davon die der bosnischen Serben, vertreten durch Radovan Karadzic, ergrunden.

Slobodan Milosevic bezog offentlichkeitswirksam Position fur die serbische Minderheit im Kosovo (die seit langerem bereits mit einer hohen Abwanderungsquote zu kampfen hatte, insbesondere nach dem kosovo-albanischen Studentenaufstand von 1981, der sich im ganzen Land ausbreitete, bis der Notstand ausgerufen wurde[15] ) als er am 24. 4.1987 nach einer Versammlung mit serbischen Fuhrungspersdnlichkeiten in Kosovo Polje bezuglich des Konflikts einer serbischen Menschenmenge mit der kosovarischen (und als albanisch besetzt geltenden) Polizei zu der aufgebrachten Menge sinngemaR sagte, niemand solle es wagen, sie zu schlagen.[16]

Durch die Unterstutzung des groRten serbischen Fernsehsenders gelang es, Milosevic zu einem Schutzpatron des serbischen Volkes in alien jugoslawischen Landern zu idealisieren. Zudem verfolgte Milosevic eine strenge Politik gegenuber kosovarischen Nationalisten, weswegen er den Prasidenten des Bundes der Kommunisten, Dragisa Pavlovic, mit dem Vorwurf, zu sanft mit albanischen Radikalen umzugehen, aus dem Amt entfernen lieR. Nachdem weitere Unterstutzer des amtierenden serbischen Prasidenten Ivan Stambolic durch Sympathisanten Milosevics ersetzt worden waren, veranlasste Milosevic Stambolics Rucktritt und wurde an seiner statt President Serbiens.[17]

[...]


[1] Bundeswehr-Feldzeitung Maz & More im Juni 1999

[2] Der Spiegel. Wir kommen unserem Ziel naher. Interview mit Rudolf Scharping. 26.04.1999 Josip Broz Tito. Concerning the National Question and Social Patriotism. Ljubljana 1948

[3] http://www.marxists.org/archive/tito/1948/11/26.htm

[4] Tim Judah. Kosovo: What everybody needs to know. USA 2008. S. 40

[5] Noel Malcolm. Kosovo: A short history. New York. 1999. S. 140

[6] Ebenda S. 264

[7] Miranda Vickers. Between Serb and Albanian. New York. 2001. S. 140

[8] Vladimir Dedijer: Jasenovac - das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan. Freiburg 1993. S. 34

[9] Ebenda S. 76

[10] Ebenda S. 77

[11] Ebenda S. 94 ff.

[12] Ebenda S. 82/3

[13] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Kro atien_node.html

[14] Ketzerbriefe 29, Februar 1992, AHRIMAN-Verlag, bzw. Leipziger Volkszeitung, 11.2.1991

[15] New York Times, 1.11.1987

[16] The Death of Yugoslavia Part 1: Enter Nationalism, 1995, BBC United Kingdom

[17] Carole Rogel. Breakup of Yugolsavia and its aftermath. Greenwood 2004. S. 69

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Hintergründe des Kosovo-Krieges. Die Positionen der politischen Akteure und die Perspektiven der unmittelbar Betroffenen
Hochschule
Universität Leipzig  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Kontrolle und Risiko
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V304439
ISBN (eBook)
9783668029682
ISBN (Buch)
9783668029699
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kosovo Krieg, NATO, Humanitäre Intervention, Angriffskrieg, Jugoslawien, Kosovo, Serbien, Jugoslawienkriege
Arbeit zitieren
Stene Johann Oßenbrügge (Autor), 2013, Hintergründe des Kosovo-Krieges. Die Positionen der politischen Akteure und die Perspektiven der unmittelbar Betroffenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304439

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