Die Auswirkungen von Bewegung und Sport auf Lernprozesse und Leistungen in der Schule


Facharbeit (Schule), 2015
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Meine persönlichen Erfahrungen und Motivationen zum Thema Bewegung und Sport

3 Die Bedeutung von Sport für Kinder und Jugendliche (Im Grundschulalter beginnend bis hin zur Vollendung einer weiterführenden Schulstufe)
3.1 Die Bedeutung von Bewegung auf das Handeln eines Kindes im sozialen Umfeld
3.2 Sportliche Institutionen, die Sport für Kinder und Jugendliche zugänglich machen

4 Die aktuelle Schulsituation in Österreich
4.1 Eine mögliche Lösung: „Bewegte Schule“?
4.2 Initiativen in Österreich
4.2.1 Projekt „Bewegte Klasse“ in Niederösterreich
4.2.2 Projekt „Kinder gesund bewegen“
4.2.3 „Tägliche Turnstunde“ an österreichischen Schulen

5 Interview mit dem Fachinspektor für Bewegungserziehung und Sport in Niederösterreich

6 Ergebnisse aus der Hirnforschung
6.1 Kurze Einführung in den Aufbau des menschlichen Gehirns
6.2 Studien, die sich mit der Thematik „ Bewegung und Gehirn auseinandersetzen“
6.2.1 Studie „BrainMove- bewege dich schlau“
6.2.2 „Trois-Rivière-Studie“
6.3 Wie Bewegung die Leistungen des Gehirns beeinflusst
6.3.1 Zerebrale Durchblutungsförderung
6.3.2 Verbesserung der Sinneswahrnehmung
6.3.3 Hypertrophie kortikaler Areale
6.3.4 Bildung von Nervenzellen
6.3.5 Vermehrung von Botenstoffen
6.3.6 Steigerung von Nervenwachstumsstoffen
6.3.7 Gesteigerte Eiweißsynthesekapazität

7 Schluss
7.1 Empfehlungen für Schulen und das Lernen
7.2 Fazit

Literaturverzeichnis
1. Printmedien
2. Online zur Verfügung gestellte Quellen

Darstellungsverzeichnis

Abstract

Seit der Steinzeit ist Bewegung ein Grundbedürfnis der Menschen, egal ob zur Nahrungsbeschaffung oder einfach nur aus reiner Freude an der körperlichen Betätigung. Dieses natürliche Bedürfnis veränderte sich im Laufe der Zeit eigentlich nicht, jedoch hat der Mensch mit der zunehmenden Modernisierung seines Lebensraumes selbst begonnen, es zu verdrängen und teilweise ganz in den Hintergrund zu rücken.

Kinder haben von klein auf an das Bedürfnis sich zu bewegen und mit anderen zu spielen. Durch unsere modernisierte Gesellschaft hat sich auch ihr Verhalten verändert. Das Leben unserer jungen Bevölkerungsschicht ist wie das eines erwachsenen Menschen in Teilbereiche gegliedert. Dadurch verlieren Kinder und Jugendliche immer mehr das Bedürfnis unbeschwert herumzutoben. Durch den Mangel an Bewegung kommt es immer häufiger schon im Volksschulalter zu Mangelerscheinungen der motorischen Grundeigenschaften. Diese fehlenden Kompetenzen führen in weiterer Folge zu einem deutlichen Leistungsnachlass in der Schule.

Dieser Leistungsabfall könnte vermieden werden, wenn man SchülerInnen schon im Kindergarten über die Wichtigkeit von Bewegung und Sport aufmerksam machen würde. Eine halbe Stunde Sport täglich durchblutet das Gehirn besser, versorgt es mit Sauerstoff, bildet neue Nervenzellen, regt die Bildung von Botenstoffen an und trägt allgemein zu einer Steigerung der zerebralen Leistungsfähigkeit, Lernfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit bei.

1 Einleitung

„ Sport ist Voraussetzung f ü r geistige Beweglichkeit.
Wenn du wissen willst, wie fit dein Gehirn ist, dann f ü hle deine Beinmuskulatur. “

Johannes Holler

Das vorangestellte Zitat von Johannes Holler, einem bekannten Hirnforscher und Buchautor hat mich sehr beeindruckt und hat mich auch beeinflusst, mich näher mit der Frage zu beschäftigen, ob Sport die schulischen und geistigen Fähigkeiten von SchülerInnen beeinflussen kann. In weiterer Folge soll in meiner Arbeit dargelegt werden, welche Auswirkungen Sport und Bewegung auf die Lernprozesse und Leistungen von SchülerInnen haben. Meine Erkenntnisse stützen sich unter anderem auf Literaturstudien, aber auch auf empirische Studien[1], die meine Thesen unterstützen sollen.

Mit der Frage, was Kinder schlau und glücklich macht, haben sich zuletzt die beiden Autoren Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann und Prof. Dr. Peter Axt beschäftigt. In ihrem 2010 erschienen Ratgeber geben sie wertvolle Tipps und leicht verständliche Informationen über die erfolgreiche Erziehung eines Kindes. (Axt-Gadermann, Axt 2010) Dieses Nachschlagewerk war mir bei meinen Recherchen eine große Hilfe, weil es konkrete Vorschläge zur bestmöglichen Erziehung eines Kindes gibt.

Rita Stelli hat 2007 im Rahmen ihrer Diplomarbeit wichtige Begründungsversuche für den Ausbau schulischer Bewegungserziehung dargelegt. Dieses Buch schildert sehr anschaulich den positiven Aspekt der Bewegungsförderung in der Schule auf die Lernleistungen von Grundschülern und Schülern weiterführender Schulen. (Stelli 2007)

Ein Standardwerk zum Thema Gehirn und Bewegung ist nach wie vor das Buch von Dr. Carla Hannaford, in dem die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung und die Bewegungsgrundlagen für das Lernen erläutert werden. In dieser Neuausgabe findet man elementare Kenntnisse über wesentliche Zusammenhänge zwischen Bewegung und Lernen und welche Rolle das Gehirn dabei übernimmt. (Hannaford 2004)

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich allgemein erläutern, welche Vorteile Sport und Bewegung auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Darauf aufbauend möchte ich die Schulsituation in Österreich kritisch analysieren und hinterfragen. Ein Interview mit dem Landesschulinspektor für Sport& Bewegung in Niederösterreich soll einen weiteren kritischen Standpunkt aufzeigen. Durch Studien und Ergebnisse aus der Hirnforschung soll meine Arbeit die positiven Effekte von Bewegung und Sport auf Kinder und Jugendliche bestätigen. Zum Schluss möchte ich mit den Ergebnissen meiner Recherchen Empfehlungen für Schulen und das Lernen abgeben, gefolgt von einer persönlichen Stellungnahme.

2 Meine persönlichen Erfahrungen und Motivationen zum Thema Bewegung und Sport

Blicke ich auf mein bisheriges Leben zurück, so wird mir erst jetzt wirklich bewusst, dass Sport nicht immer eine derart zentrale Rolle in meinem Leben gespielt hat. Mit sechs Jahren bekam ich mein erstes eigenes Pony, jedoch wusste ich zu diesem Zeitpunkt dieses einmalige Geschenk nicht zu schätzen und betrieb den Reitsport zwar mit Freude, aber nicht der nötigen Motivation, mehr aus meinem Talent zu machen. Nachdem mein Pony aufgrund einer chronischen Erkrankung nicht mehr reitbar war, bekam ich ein Pferd, namens Shahiba, anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit ihr, doch als mein Pony wegen seiner Schmerzen eingeschläfert werden musste, entschloss ich mich dazu, es doch noch einmal mit Shahiba zu probieren. Seitdem habe ich wieder die Lust am Reiten zurückgewonnen und nehme auch erfolgreich an Distanzturnieren teil. Meine Leidenschaft für den Reitsport ist mittlerweile so groß wie nie zuvor und mein größter Traum ist es einmal, bei den Weltreiterspielen teilzunehmen. Ob sich dieser Traum einmal erfüllt, weiß ich nicht, jedoch weiß ich eines ganz genau: Das Reiten weckt in mir so viel Ehrgeiz, wie kein anderer Sport auf dieser Welt. Um meine persönliche Fitness für die Distanzrennen zu verbessern, gehe ich neben dem Reiten auch regelmäßig laufen und nehme auch hier bei Wettkämpfen teil. Jeder neue Pokal und jede Schleife auf meinem Regal, erinnert mich daran, was ich schon alles erreicht habe, und was ich noch erreichen möchte. Es gibt so vieles, was ich noch erreichen möchte, und was mir immer wieder neue Motivation gibt weiterzumachen, aber mein größter Ansporn ist der Sport, besonders der Reitsport; dieses Gefühl mit einem Pferd stundenlang durch die Natur zu reiten, gibt mir immer wieder den nötigen Energieschub, um auch in der Schule mein Bestes zu geben.

Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich selbst gerne wissen möchte, ob und in welchem Ausmaß Bewegung und Sport die schulischen Leistungen positiv beeinflussen können. Mich interessiert dieser mögliche Zusammenhang aus persönlicher Erfahrung, denn seitdem ich aktiv Sport treibe, haben sich meine Noten deutlich verbessert und ich gehe mit größerer Motivation an schulische Projekte heran. Ich erhoffe mir von dieser Arbeit mehr über die Bedeutung von Bewegung bei Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen zu erfahren.

Aber auch aktuelle Themen gaben mir genügend Anlass eine Arbeit über die Auswirkungen von Bewegung und Sport auf die Leistungen in der Schule zu schreiben. Durchblättert man kurz die Tageszeitungen in Österreich, so liest man überall Schlagzeilen über das „Desaster“ der österreichischen SchülerInnen bei der Pisa-Studie einerseits, aber auch von einer immer dicker werdenden Bevölkerung und von Kindern mit Haltungsschäden andererseits. Deshalb ist es mir ein Anliegen in dieser Arbeit aufzuklären, ob sportlichere Kinder gegenüber Kindern, die sich wenig bis gar nicht bewegen, Vorteile beim Lernen haben.

3 Die Bedeutung von Sport für Kinder und Jugendliche (Im Grundschulalter beginnend bis hin zur Vollendung einer weiterführenden Schulstufe)

Sport ist für Kinder und Jugendliche der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Im Sport können sie sich austoben und Neues erleben. Auch der spielerische Aspekt, ein Tun, das ohne bewussten Zweck aus Freude an der Bewegung und dem Spiel ausgeübt wird, zählt zu den elementaren Erlebnissen in diesem Alter. Die Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Erwachsenwerdens durch Bewegung und Sport macht, sind essentiell und können eine Person bis ins hohe Alter prägen.[2]

Für Kinder und Jugendliche sollte Sport nicht etwas Erzwungenes sein, das man macht, um den Erwartungen der Eltern oder Lehrer zu entsprechen, sondern laut Scherer sollen Kinder im Sport Erfahrungen sammeln. Dadurch werden diese Erfahrungen zu ihren eigenen gemacht, um im nächsten Schritt verinnerlicht zu werden. Im letzten Schritt schaffen diese Erfahrungen Selbstentwürfe, die das Kind dazu veranlassen Neues auszuprobieren. Durch Erfahrungen lernt ein Kind seine Stärken kennen, aber auch das Kennenlernen seiner eigenen Schwächen kann dem Kind weiterhelfen, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln.[3]

Die körperlichen Fähigkeiten sind besonders im Kindesalter für die Selbstwahrnehmung von großer Bedeutung, weil die Kinder durch ihre Bewegungserfahrungen eher Strategien zur Problemlösung entwickeln lernen als jene Kinder, die keine grundlegenden Erfahrungen mit Bewegung gemacht haben. Durch die in Bewegung und den Sport erfahrenen Erfolgserlebnisse werden die Kinder ermutigt weiterzumachen und ihre sportlichen Aktivitäten auszubauen.[4]

Diese Erfolgserlebnisse helfen dem Kind beim Sport ein positives Gefühl für seinen eigenen Körper zu entwickeln. Sport kann so das Selbstbild eines Heranwachsenden auf positive Weise verstärken und damit auch als Prävention für Depressionen und Selbstzweifel agieren. Vor allem in der Pubertät kann Bewegung und Sport viel Positives leisten, denn Pubertierende haben oft Probleme mit ihrem sich verändernden Körper einerseits und Selbstvertrauen andererseits und fühlen sich oft missverstanden und orientierungslos. Im Sport lernt man, seinen eigenen Körper zu spüren und Unsicherheit und Zweifel können in positivere Gedanken umgepolt und auch als sanfte Therapieform genutzt werden.[5]

Bewegungsentzug kann bei Kindern zu Einschränkungen in der Wahrnehmungsfähigkeit und zu Entwicklungsstörungen führen[6]. Kinder, die weniger als zweimal pro Woche Sport machen, schnitten im Gegensatz zu Kindern, die mindestens dreimal pro Woche Sport machen, schlechter bei Tests der aeroben Ausdauer[7], Schnellkraft, Kraftausdauer, Aktionsschnelligkeit und Beweglichkeit ab.

3.1 Die Bedeutung von Bewegung auf das Handeln eines Kindes im sozialen Umfeld

Für Kinder ist die Bewegung nach entwicklungstheoretischen Aussagen die „kindliche Auseinandersetzung mit der sozialen und materiellen Welt“.[8]

Durch das Spielen in einer Gruppe wird den Kindern schon von klein auf ein Bewusstsein für Regeln und ihre Konsequenzen gelehrt, dadurch ist es für sie leichter sich einmal erfolgreich in der Erwachsenenwelt zurechtzufinden. Im Sport lernen Kinder und Jugendliche untereinander Akzeptanz zu zeigen, deshalb wird Sport auch oft zur Bewältigung von Aggressionen benutzt, weil man zum Beispiel im Mannschaftsport seine sozialen Kompetenzen einsetzen muss, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Ist dieses Ziel geschafft, vermittelt das Erfolgserlebnis der ganzen Gruppe ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das nötige Selbstvertrauen, um weitere, größere Herausforderungen zu bestreiten. In vielen Gefängnissen dürfen die Insassen Basketball oder andere Mannschaftssportarten spielen, um ihre Gewaltbereitschaft in den Griff zu bekommen.[9]

Heutzutage leben unsere Kinder in einer verinselten Lebenswelt. Das bedeutet, dass das spontane Handeln der Kinder erschwert wird und sie auf die Erwachsenen angewiesen sind, um von einer „Insel“ zur nächsten zu gelangen.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Verinselung der Lebenswelt

Die Kinder gehen nach der Schule nicht mehr auf die Wiese oder den Spielplatz, wie es noch vor 20 Jahren der Fall war, heutzutage werden Kinder und Jugendliche von einer „Insel“ zur nächsten gebracht. Angefangen von Klavierstunden im Musikverein bis hin zu Leistungssportarten im Leichtathletikzentrum, das ganze Leben dieser Kinder spielt sich auf „Inseln“ ab, die keine Möglichkeit zur Selbstentfaltung bieten. Diese sogenannten „Inseln“ gibt es vor allem in Ballungsräumen, wo Kindern die Möglichkeit sich frei zu bewegen verwehrt bleibt. Während sich Kinder und Jugendliche in der ländlichen Umgebung alleine mit dem Fahrrad bewegen können, ist das für Stadtkinder oftmals aufgrund des enormen Verkehrs undenkbar und viel zu gefährlich.

„ Zwischenr ä ume [k ö nnen] aufgrund der wachsenden Distanzen zwischen den Teilr ä umen nicht mehr erlebt werden, sondern [werden] durch technische Medien wie Telefon und Fernsehen zeitlos ü berbr ü ckt. Spontanes Handeln [ist] in einem verinselten Lebensraum erschwert ( … ). [Das] Netzwerk von Terminen [wird] komplexer und der Tagesablauf [enth ä lt] mehr feststehende Partialisierungen. Die Ausbildung stabiler sozialer Beziehungen [wird] erschwert, die Unverbindlichkeit der sozialen Bez ü ge gef ö rdert “ [11]

Aber auch die „Neuen Medien“ tragen maßgeblich zur Bewegungsverarmung unserer Kinder bei. Der Fernseher dient heutzutage nicht alleine der schnellen Unterhaltung, sondern auch als Freundesersatz oder Babysitter. Schon von klein auf an werden Kinder von ihren Eltern vor den Fernseher gesetzt, anstatt mit Gleichaltrigen Verstecken zu spielen und herumzutoben. Somit verlernen Kinder sich selbst zu beschäftigen.[12]

3.2 Sportliche Institutionen, die Sport für Kinder und Jugendliche zugänglich machen

Die wichtigste sportliche Institution für Kinder ist die Schule. Im Schulsport können sich die Kinder und Jugendlichen mit Gleichaltrigen austoben und Erfolge haben, die sie dazu motivieren Sport auch in der Freizeit zu betreiben. Darüber hinaus ist jeder dazu verpflichtet am Turnunterricht in der Schule teilzunehmen.[13]

Aber nicht nur die Schule sollte für Kinder eine Anlaufstelle für Bewegung sein, sondern auch die lokalen Vereine. Vor allem im urbanen Bereich gibt es ein beinahe unerschöpfliches Angebot an Bewegungsmöglichkeiten für Kinder, angefangen vom Schwimmen im Babyalter bis hin zu fernöstlichen Kampfsportarten, für jeden ist etwas dabei. Leider fehlt den Kindern und Jugendlichen oft die Motivation einem solchen Verein beizutreten. Aber nicht nur die Antriebslosigkeit der Kinder ist schuld an der Bewegungsarmut, sondern auch die schlechte Vorbildfunktion der Eltern, denn viele Eltern müssen tagsüber arbeiten und sind am Abend zu müde, um selbst Sport zu treiben. Bis zum 10. Lebensalter nehmen die Eltern die größte Vorbildfunktion für ihre Kinder ein und das ist der Grund, weshalb viele Kinder mit keiner Sportart Bekanntschaft machen, weil ihre Eltern das auch nicht tun. Dabei wäre es wünschenswert, wenn die Familie zumindest zweimal pro Woche eine gemeinsame „Familiensportart“ betreibt, um dem Kind die Wichtigkeit von Sport zu vermitteln.[14]

Vor allem Bewegungsmangel und Übergewicht haben einen erheblichen Anteil als Ursachen für die beinahe „epidemieartige Zunahme an chronischen Krankheiten“, die heutzutage auch als Zivilisationskrankheiten bezeichnet werden. Während noch vor 30 Jahren der Anteil der übergewichtigen Bevölkerung in europäischen Ländern rund 10% betrug, hat sich der Anteil seither verdoppelt bis verdreifacht. Bereits im Kindesalter gibt es besorgniserregend viele Übergewichtige, wobei die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter übergewichtig zu bleiben, sehr hoch ist.[15]

4 Die aktuelle Schulsituation in Österreich

An Österreichs Schulen herrscht ein akuter Bewegungsmangel. Die Kinder sitzen viele Stunden lang auf ihren Stühlen und sollen dem Unterricht folgen und auch in den Pausen bleibt lediglich Zeit, um kurz auf die Toilette zu gehen oder etwas zu trinken. Ausgedehntes Spielen oder Herumtoben kommen viel zu kurz, obwohl für Kinder die spielerische und bewegte Pause äußerst hilfreich wäre, um das Gehirn kurz zu entlasten und wieder Kraft zu tanken.

Nach der Pause geht der Unterricht wie gewohnt im Sitzen weiter. Dabei gäbe es zahlreiche Möglichkeiten etwas Bewegung in den Unterricht zu bringen[16]: Man könnte Diktate machen, bei denen sich die Kinder von einem Platz zum anderen begeben müssen oder man macht kleine Konzentrationsübungen oder kinesiologische Übungen während des Unterrichts.[17]

Die fehlende Bewegung im Unterricht hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Konzentration, sondern auch auf die physische Verfassung von Kindern. In einer repräsentativ angelegten Studie finden Bös, Oper, Woll bei 40 bis 70 % aller befragten Grundschüler psychosomatische Störungen, die sich mit dem Alter immer weiter verschlimmern.[18]

Eine weitere Studie, die im Rahmen einer Dissertation mit den 11-bis 14jährigen Schülerinnen und Schülern Österreichs durchgeführt wurde, zeigt noch einmal wie sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen verschlechtert hat. Die Studie KLUG& FIT wurde im Rahmen einer Dissertation von Dr. Andreas Sandmayr 2002 veröffentlicht und am Institut für Sportwissenschaften an der Universität Salzburg ausgewertet, beschrieben und interpretiert.

Die Studie Klug&Fit des BMUK überprüfte die Leistungsfähigkeit in den Bereichen Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit bei den 11- bis 14jährigen Schülerinnen und Schülern (65.000 Kinder und Jugendliche) in Österreich. Die Studie hat ergeben, dass das körperliche Leistungsvermögen der Testpersonen im höchsten Maße besorgniserregend ist. Beeinträchtigt ist vor allem die Rumpfmuskelkraft, deren Fehlen dieser Kraft zu Haltungsschäden und Wirbelsäulenerkrankungen führen kann, auch die koordinativen Fähigkeiten (Gefahr der Beeinträchtigung der Alltagsmotorik bei Anforderungen an das motorische Gleichgewicht), die Reaktionsschnelligkeit und die motorische Grundlagenausdauer (Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sind besorgniserregend schlecht. All diese Faktoren könnten durch mehr Sport im Kindesalter vermieden werden.[19]

4.1 Eine mögliche Lösung: „Bewegte Schule“?

Um dieser dramatischen Entwicklung entgegenzusteuern, wurde in Österreich die „Bewegte Schule“ 2010 erstmals als ein Versuchsprojekt in Oberösterreich gestartet. Analoge Beispiele gibt es auch in den Bundesländern Niederösterreich, Tirol und der Steiermark. Oberösterreich probierte dieses Modell erstmals an 16 Pilotschulen (13 HS, 3 AHS) aus mit dem Ziel den Schulraum gleichzeitig in einen Bewegungsraum zu verwandeln. Ursprünglich geht die „Bewegte Schule“ auf den Schweizer Urs Illi zurück, der 1980 mehr Bewegung in den Unterricht bringen wollte. Es gibt drei wichtige Begründungsmuster für die Bewegte Schule[20]:

1. „ Entwicklungs- und lerntheoretische Begr ü ndungsmuster:

Man geht grunds ä tzlich davon aus, dass Bewegung ein Grund- bed ü rfnis des Menschen ist, deshalb ist es sehr widerspr ü chlich, wenn man den Unterricht ohne Bewegung gestaltet.

2. Medizinisch-gesundheitswissenschaftliche Begr ü ndungsmuster:

Ein wichtiger Gedanke der Bewegten Schule will die typischen Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit und etwaige Schmerzen der Extremit ä ten vermeiden und die motorischen F ä higkeiten der Sch ü lerinnen und Sch ü ler steigern.

3.Schulprogrammatische Begr ü ndungsmuster:

Viele P ä dagogen sind der Meinung, dass die Schule nicht nur ein Ort des Lernens sein sollte, sondern auch ein Ort des Sammelns von Erfahrungen. “ [21]

„Die Bewegte Schule entstand im Wesentlichen aus der Kritik an den starren Strukturen der Schule“.[22]

Unter dem Begriff „Bewegte Schule“ stellt man sich automatisch eine Schule vor, die viel Bewegung und Sport anbietet, jedoch birgt das Konzept der Bewegten Schule noch viele weitere Aspekte, die diese Form des Lernens einzigartig machen.

Bei diesem Modell wird der Unterricht nicht nach starren Lehrplänen und 50 Minuten Einheiten geführt, sondern an die Bedürfnisse von SchülerInnen und LehrerInnen angepasst. Die Pausen werden nicht im Sitzen verbracht, sondern mit Übungen zur Konzentrations- und Koordinationsförderung ausgefüllt.

4.2 Initiativen in Österreich

Auch in Österreich wird der Ruf nach einer „Bewegten Schule“ immer lauter, deshalb gehen einige Bundesländer mit gutem Beispiel voran und starten eigene Initiativen um der Sitzschule entgegenzuwirken.[23]

4.2.1 Projekt „Bewegte Klasse“ in Niederösterreich

Das Bundesland Niederösterreich hat das Langzeitprogramm „Bewegte Klasse“ im Rahmen der Initiative „Tut gut“ gestartet.[24]

Das Leitbild dieser Initiative: “Gesundheitsbewusste Kinder von heute - zufriedene Menschen von morgen“

Die "Bewegte Klasse" ist ein Langzeitprogramm der Initiative »Tut gut!«

Das Projekt setzt Impulse für einen prozessorientierten Unterricht, fächerübergreifende Ansätze sowie die Teamentwicklung in der Schule. Darüber hinaus sollen die SchülerInnen ein Bewusstsein und eine Selbstverantwortung für ihre Gesundheit bilden und somit ein ausgewogenes Verhalten zu ihrem Körper und Verhalten entwickeln.

Nachdem das Projekt „Bewegte Klasse“ erstmals zwei Jahre lang getestet wurde, startete das Projekt „Bewegte Klasse NEU“ im Schuljahr 2012/13.

Das Programm der "Bewegten Klasse NEU" beinhaltet:

- „2-jährige Begleitung durch den Bewegte Klasse Betreuer
(10 Unterrichtseinheiten/Schuljahr)
- 4 Nachmittags-Lehrerfortbildungen zu folgenden Themen
- Aktives Lernen
- Bewegung und Sport
- Ernährung und Pause
- Körpererfahrung und Tanz
- 1 Elternabend pro Schuljahr“[25]

[...]


[1] Objektiv belegbare Ergebnisse die eine Theorie belegen oder widerlegen.

[2] vgl. Stelli, 2007, S. 27

[3] vgl. Scherer, 2003, S. 69-82

[4] vgl. Axt-Gaderman, Axt, 2010, S.38

[5] vgl. Stelli, 2007, S.29 ff.

[6] vgl. Axt-Gadermann, Axt, 2010, S. 38

[7] Form des Ausdauersports, bei der der Körper die notwendige Energie zur Aufrechterhaltung der Belastungsintensität durch Sauerstoff bekommt

[8] Stelli, 2007, S. 51

[9] Deutschland Heute- Das Deutschlandmagazin(2014): Sport im Gefängnis. Als Download: http://www.dw.de/sport-im-gef%C3%A4ngnis/av-17898298 [15. November 2014]

[10] vgl. Stelli 2007, S.10

[11] Nissen, 1998, S. 167

[12] vgl. Axt-Gaderman, Axt, 2010, S. 138 f.

[13] vgl. Stelli, 2007, S. 61 ff.

[14] vgl. Axt-Gadermann, Axt, 2010, S. 48-49

[15] vgl. Interview: Kapitel 5. Frage 2

[16] vgl. Clancy 2008, S. 43 ff.

[17] vgl. Clancy 2008, S. 34 ff.

[18] vgl. Stelli 2007, S. 35

[19] vgl. Dr. Andreas Sandmayr: Besorgniserregende Situation des motorischen Leistungsniveaus der österreichischen Schülerinnen und Schüler URL: http://www.vdloe.at/wien/infos/studien/Klugundfit_Kurzfassung.pdf [11.Oktober 2014]

[20] vgl. Stelli 2007, S. 72 ff.

[21] Thiel, Teubert, Kleindienst (2002) S. 329-334

[22] vgl. David Eichinger: Idee URL: http://bewegteschule.at/praxis/portale/bewegte-schule/das-konzept/idee.html [19. Juli 2014]

[23] vgl. BgA "Gesundes Niederösterreich", NÖ Gesundheits- und Sozialfonds URL: http://www.noetutgut.at/ [15. November 2014]

[24] ebenda BgA "Gesundes Niederösterreich", NÖ Gesundheits- und Sozialfonds

[25] ebenda BgA "Gesundes Niederösterreich", NÖ Gesundheits- und Sozialfonds

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen von Bewegung und Sport auf Lernprozesse und Leistungen in der Schule
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V304651
ISBN (eBook)
9783668064997
ISBN (Buch)
9783668065000
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, bewegung, sport, lernprozesse, leistungen, schule
Arbeit zitieren
Lisa Maria Schmid (Autor), 2015, Die Auswirkungen von Bewegung und Sport auf Lernprozesse und Leistungen in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304651

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