Der historische Rüdiger von Bechelaren und die 37. Aventiure


Seminararbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der historische Rüdiger
a. Die Mark Rüdigers
b. 631/632: Awaren gegen Bulgaren
c. Rüdiger als bairischer dux
d. Rüdiger als bairischer dux?

3. Die 37. Aventiure
a. Rüdiger als Lehnsmann von Etzel
b. Rüdigers Dilemma
c. Rüdigers Schildgabe
d. Rüdiger als höfischer Ritter
e. Rüdigers Tod

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im zweiten Teil des Nibelungenliedes tritt Rüdiger von Bechelaren als Gefolgsmann Etzels, des Königs des Hunnenlandes, zum ersten Mal auf und reist nach Burgund, um dort für seinen Herrn um Kriemhild, die Witwe Siegfrieds, zu werben. Nach standesgemäßem Auftreten, dem geglücktem Auftrag und einem damit verbundenen verhängnisvollen Treueschwur an Kriemhild, ihr bis zu seinem Tod zu dienen, begleitet er die Braut ins Hunnenland. Als einige Jahre später Kriemhild zur Vollstreckung ihres Racheplans ihre Verwandten zu einem Besuch einlädt, ist es Rüdiger, der die Nibelungen als großzügiger Gastgeber empfängt und sie zu ihrem Abschied nach vier Tagen mit vielen Geschenken und der Verlobung seiner Tochter mit Giselher wieder entlässt. Nach wenigen Tagen beginnt Kriemhild, ihren Rachefeldzug in die Tat umzusetzen und bittet letztendlich Rüdiger, seinen Treueschwur in die Tat umzusetzen. Ihr Mann Etzel bittet ihn gleichermaßen, seine Lehnspflicht an ihm zu erfüllen. Rüdiger wägt ab zwischen seiner Pflicht, Etzel zu dienen und Kriemhilds Schwur zu erfüllen und seiner neugewonnenen Freundschaft zu den Burgunden, seiner Gastfreundschaftspflicht und der Verlobung seiner Tochter mit einem von ihnen. Schlussendlich kämpft er gegen die Burgunden, nicht aber ohne vorher noch eine letzte Freundschaftsbekundung an Hagen zu leisten. Er stirbt gleichzeitig mit Gernot im Kampf.

Rüdiger von Bechelaren spielt eine immens wichtige Rolle im zweiten Teil des Nibelungenliedes: als Brautwerber, Gastgeber and Ritter; gefangen in einem moralischen Dilemma zwischen seiner Lehnstreue zu Etzel und seiner Freundschaft zu den Burgundenkönigen wurden ihm drei Aventiuren gewidmet: die 20. Aventiure handelt von der Brautwerbung, die 27. Aventiure erzählt von seiner Gastfreundschaft in Bechelaren, die 37. Aventiure von seinem Dilemma und seinem Tod.

Seine Rolle im Nibelungenlied wurde in mehreren Aufsätzen und Büchern untersucht, seinen Entscheidungen und Vorstellungen die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Er gilt als am stärksten individualisierte Nebenperson, als mythenhaft oder sagenhafter Held, die Reflektion seines inneren Konfliktes gilt im Gesamtzusammenhang als überaus ‚modern’, sein Verhalten und Auftreten als Musterbeispiel eines höfischen Ritters.[1]

Diese Hausarbeit beschäftigt sich nun zuerst mit Rüdigers historischem Vorbild und wird dann die 37. Aventiure, die seinen Gewissenskonflikt, die Schildgabe und seinen Tod näher betrachtet, untersuchen. Diese Einschränkung, obgleich sie einem auch nur annähernden Gesamtüberblick natürlich entgegenwirkt, war nötig, um einen sehr wichtigen Aspekt seiner Rolle vollständig untersuchen zu können. Der Forschungsschwerpunkt in den Untersuchungen um Rüdigers Figur liegt außerdem in diesem – äußerst interessanten und kontroversen – Kapitel, der 37. Aventiure.

2. Der historische Rüdiger

a) Die Mark Rüdigers

Um die historische Gestalt, die Rüdiger von Bechelaren als Vorbild diente, wenigstens ungefähr bestimmen zu können, muss man zuerst das Land Rüdigers, seine Mark, bestimmen. Im Nibelungenlied wird die Ankunft der Burgunden in Rüdigers Gebiet recht ungenau beschrieben. Der Dichter schrieb nur unde si dem lande nâher kâmen[2], nicht dass sie sich einer Grenze oder einem bestimmten Land nähern. Dieses lant bezeichnet laut Kunstmann „das Land ob oder unter der Enns“[3], was die Route der Burgunden gut beschreibt, da sie sich zu diesem Zeitpunkt hinter Passau, aber noch westlich von Bechelaren befinden. Die Grenze, welche die Burgunden durch die Episode mit dem schlafenden Ritter festlegen, ist also die alte bairisch-pannonische Ennsgrenze. Westlich von dieser Grenze aus liegt das „Land ob der Enns“[4], östlich davon liegt Pannonien, welches im Frühmittelalter auch oft Avarien (Avaria) genannt wurde. Die Awaren wurden im Mittelalter manchmal auch als „Hunnen“ bezeichnet.[5] Die Enns stellte auf jeden Fall im 7., vielleicht auch noch im 8. Jahrhundert nach Christus „eine frühmittelalterliche, „natürliche“ Grenze, ein limes certus“[6] dar und somit waren die geographischen Angaben des Nibelungenliedes nur im Frühmittelalter gültig, genauer gesagt im 8., vielleicht noch im 9. Jahrhundert. An der Ennsgrenze trafen also Awaren-, bzw. Hunnenland und bairisches Stammesherzogtum aneinander und Rüdigers Mark kann somit als „frühmittelalterliche bairische Grenzgrafschaft“[7] identifiziert werden, auch wenn sie zur Zeit des Nibelungendichters nicht mehr bairisch war. Diese Grenzgrafschaft wurde im Nibelungenlied nach Osten verschoben, und zwar an einen Ort, an dem das Publikum des 12./ 13. Jahrhunderts Zusammenhänge mit den Hunnen nachvollziehen und verstehen konnte.

b) 631/632: Awaren gegen Bulgaren

Die historische Gestalt des Rüdigers kann von der heutigen Quellenlage her nicht an namentlich bekannten Personen festgemacht werden.[8] Es scheint ertragreicher und wichtiger, statt dessen die historischen Hintergründe, aus denen sich die Rüdigerfigur entwickelt haben könnte, zu beachten und zu untersuchen. Im Jahr 631 oder 632 kam es zwischen den Awaren und einem anderen, nicht weiter bekannten, protobulgarischen Stamm zu einer kriegerischen Auseinandersetzung. Die Bulgaren, die den Streit verloren, flohen zur bairischen Ostgrenze an die Enns. Dort baten sie den Frankenkönig Dagobert I. um Asyl und Aufnahme in das fränkische Reich. Dagobert nun entsprach ihrer Bitte, wahrscheinlich aber nur, um sie später in eine Falle zu locken. Aus dem Bericht Fredegars kann man erkennen, dass die Baiern von dem Frankenkönig Befehle entgegenzunehmen hatten, dass sie wahrscheinlich in einem Lehnsverhältnis zu den Franken standen: „Dagobert gab den Bayern den Befehl, sie (die Bulgaren) den Winter über bei sich aufzunehmen, während er inzwischen mit den Franken beraten wollte, was weiter geschehen sollte.“[9] Die Baiern als Vasallen der Franken waren also gezwungen, die Befehle Dagoberts auszuführen, und somit mussten sie die Bulgaren, die sie als Gäste aufgenommen haben, ermorden. Fredegars Bericht dazu lautet wie folgt: „Als sie nun zum Überwintern auf die einzelnen Häuser der Bayern verteilt waren, befahl Dagobert nach dem Rat der Franken den Bayern, jeder von ihnen solle in einer (bestimmten) Nacht in seinem Haus die Bulgaren mit Frauen und Kindern töten.“[10] Die Tatsache, dass somit die Baiern die Bulgaren erst als Gäste aufnehmen mussten, um sie dann zu ermorden, kann transformiert recht gut in dem Gewissenskonflikt Rüdigers im Nibelungenlied wiedergefunden werden. Kunstmann erläutert weiter, dass es bei den Baiern einen Höhergestellten geben musste, der die Befehle Dagoberts organisatorisch in die Tat umsetzte, auch wenn kein expliziter Name bei Fredegar genannt wird.[11] Dieser Höhergestellte muss wohl ein Grenz- oder Markgraf (comes confinii) oder ein Grenzfürst (dux confinii) gewesen sein. Wahrscheinlich handelte es sich bei dieser Person eher um einen Fürsten als um einen Grafen, da die Inhalte des dux älter sind als das Amt des comes, welches auch erst um 750/60 eine endgültig feste Form bekam.[12] „In der Merowingerzeit konnte ein dux militärischer Befehlshaber, Kommandant eines Truppenteils oder eines größeren Bezirkes von mehreren Grafschaften, allerdings auch Gebieter über einen tributpflichtigen Stamm wie zum Beispiel den der Schwaben oder eben der Baiern sein.“[13]

c) Rüdiger als bairischer dux

Die literarische Figur Rüdiger von Bechelaren kann also als bairischer dux verstanden werden. Kunstmann führt hierzu einige Beweise an: Etzels[14] Angebot an Rüdiger: du solt ein künec gewaltec beneben Etzelen sîn[15] zeigt, dass Rüdiger ein historischer dux oder Unterkönig gewesen sein kann. Seine Pflichten als dux werden in folgender Zeile zum Ausdruck gebracht: wer wîset nu die recken sô manege hervart[16], da es zu den wichtigsten Aufgaben eines dux gehörte, den Heerbann aufzubieten. Die hohe Stellung Rüdigers nun kann man in der Bemerkung Hagens über Rüdigers Tochter erkennen: ez ist sô hôher mâge der marcgrâvinne lîp.[17] Vor allem aber der Pflichtenkonflikt Rüdigers in der 37. Aventiure kann seine Herkunft als dux baiuvariorum beweisen: seine vasallitische Bindung an seinen Lehnsherren Etzel und seine triuwe - Bindung an Kriemhild steht im Gegensatz zu seinen Verpflichtungen den Gästen gegenüber. Der Gewissenskonflikt, der aus einem „Zusammenprall von Untertanentreue und Menschlichkeit“[18] entstanden ist, beschreibt auch die Lage des bairischen dux, der zwischen seinem Lehnsherren Dagobert und seinen Gästen, den Bulgaren, steht. Die symbolische Schildgabe Rüdigers an Hagen lässt sowohl die Burgunden als auch den Leser verstehen, dass Rüdiger keinen Verrat an ihnen begangen hat – und in eben jenem Verdacht muss auch der bairische dux gestanden haben. Die 37. Aventiure kann als literarische Rechtfertigung Rüdigers und des bairischen dux verstanden werden, welche beide, wie wir aus Fredegars Berichten und dem Nibelungenlied selbst erfahren, nichts von den Absichten ihrer Lehnsherren wussten.

[...]


[1] Vgl. Schulze: Das Nibelungenlied, S. 162.

[2] Alle Zitatangaben aus dem Nibelungenlied beziehen sich auf die Ausgabe von Barsch/de Boor und werden als Strophen angegeben. Vgl. Barsch/ de Boor 1631.

[3] Kunstmann, S. 235.

[4] Ebd. S. 235.

[5] Vgl. ebd., S. 235.

[6] Ebd., S. 236.

[7] Ebd., S. 237.

[8] Vgl. ebd., S. 238-240.

[9] Ebd., S. 240. Neuhochdeutsche Übersetzung von A. Kusternig, Originaltext: „Dagobertus iobit eos iaemandum Badowarius recipere, dummodo petractabat cum Francis, quid exinde fierit.“.

[10] Ebd., S. 241. Neuhochdeutsche Übersetzung von A. Kusternig, Originaltext: „Cumque dispersi per domus Baioariorum ad hyemandum fuissent, consilium Francorum Dagobertus Baioariis iobet, ut Bulgarus illus cum uxoris et liberis unusquisque in domum suam una nocte Baiuariae interficerint.“.

[11] Vgl. ebd., S. 242.

[12] Vgl. ebd., S. 242.

[13] Ebd. (nach Klebel), S. 243.

[14] Wenn Rüdiger ein dux war, muss sein Lehnsherr Etzel „logischerweise“ als Dagobert verstanden werden. Das Vorbild Etzels wird jedoch in der Nibelungenforschung allgemein als Attila gesehen. Kunstmann verweist deswegen auf zwei Charakterzüge Etzels, die Dagobert entsprechen: seine Eigenschaft als „untätiger“ Großherr, der nicht persönlich mitkämpft, und seine Beschreibung als gutmütig, großzügig und christentolerant. Kunstmann vermutet, dass die Transformation der Figur Etzels sehr weit gegangen sein muss. Vgl. dazu Kunstmann, S. 247-249.

[15] Vgl. Barsch/ de Boor 2158.

[16] Vgl. ebd. 2260.

[17] Vgl. Kunstmann, S. 243.

[18] Ebd., S. 244.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der historische Rüdiger von Bechelaren und die 37. Aventiure
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
PS III Nibelungenlied
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V30471
ISBN (eBook)
9783638317269
ISBN (Buch)
9783638760898
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sprachlich hochgelobte und quellenkritische Arbeit zu Rüdiger von Bechelaren, einer Nebenfigur des Nibelungenliedes
Schlagworte
Rüdiger, Bechelaren, Aventiure, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Franziska Irsigler (Autor), 2004, Der historische Rüdiger von Bechelaren und die 37. Aventiure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30471

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