Seit der postmodernen Zeit erfährt die geisteswissenschaftliche Welt eine Wende in bestehenden Denkmustern: Die linguistische Wende, oder auch linguistic turn genannt, ist einer der Schlüsselbegriffe des endenden 20. Jahrhunderts. Dieser fokussiert die Philosophie auf die Sprache als wirklichkeitstragend und wirklichkeitsgenerierend. Hans Walter Gumbrecht stellt sich in Teilen gegen diese Geistesströmung und bringt einen alten Gedanken voran: Er ist für eine Neuaufnahme des Körperlichen. Die materielle Seite von Sprache und Texten sowie deren Wirkung und Erzeugung von Effekten der Präsenz beschäftigen ihn spätestens seit dem Erscheinen des Sammelbands Materialität der Kommunikation 1988.
Was genau meint er, wenn er von Präsenz spricht? Auf welchen Gegenstandsbereich bezieht sie sich und woher stammt der Begriff? Lässt sich das Konzept der Präsenz auch auf Sprache und Literatur ausweiten? Genau diese Fragen werde ich versuchen zu klären und in einen sinnvollen Zusammenhang bringen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Begriff der Präsenz
2. 1 Präsenz in der philosophischen Tradition
2. 2 Präsenz bei Gumbrecht
3 Das Verhältnis von Präsenz und Sprache
4 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Begriff der Präsenz in der philosophischen Tradition sowie insbesondere in der Theorie von Hans Ulrich Gumbrecht zu untersuchen. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie sich das Konzept der Präsenz auf Sprache und Textualität auswirkt und ob eine Rückkehr zur Körperlichkeit gegenüber dem rein linguistischen Fokus der Postmoderne möglich ist.
- Der Begriff der Präsenz in der Geistesgeschichte und Theologie
- Kritik an der linguistischen Wende durch Hans Ulrich Gumbrecht
- Das Verhältnis von Körperlichkeit, Räumlichkeit und Zeitlichkeit
- Die Amalgamierung von Sprache und Präsenz in verschiedenen Typologien
- Ästhetische Erfahrung als Ort der Präsenz
Auszug aus dem Buch
3 Das Verhältnis von Präsenz und Sprache
Wie wirkt sich das Konzept der Präsenz nach Gumbrecht nun auf die Sprache aus? Kann sie überhaupt körperlich erfasst werden; greifbar gemacht werden? Gumbrecht betrachtet dafür in Unsere breite Gegenwart, welche Rolle die Sprache in Präsenzkulturen spielen kann, bzw. welche Rolle die Sprache in einer aus „präsenzkultureller Sicht betrachteten Welt“ einnimmt. Er entwickelt dafür sechs verschiedene Typen der „Amalgamierung“ von Sprache und Präsenz, die hier analysiert werden sollen.
Der erste Typus meint die gesprochene Sprache als eine physische Realität. „Als physische Realität berührt und beeinflusst die gesprochene Sprache nicht nur unseren akustischen Sinn, sondern unsere Körper in ihrer Gesamtheit.“ Weiterhin schreibt er, dass wir die Sprache ganz „buchstäblich“ als eine leichte Berührung ihres Klangs auf unserer Haut wahrnehmen würden, selbst wenn wir nicht wüssten, was die Bedeutung der gesprochenen Worte sei.
Diese Erklärung scheint plausibel zu sein: Wir können beispielsweise eine neue Sprache lernen und dabei die unbekannten Sätze, Phrasen und Wörter in ihrem Klang körperlich wahrnehmen, ohne dass wir die Bedeutung der Worte bis zu diesem Zeitpunkt kennen. Er beschreibt weiterhin, dass die Sprache somit eine Form hat: [...] daß sie einen Rhythmus hat [...] den wir unabhängig vom Sinn, den die Sprache in sich trägt, fühlen und identifizieren können. Sprache als physische Realität, die eine Form hat, also rhythmische Sprache, erfüllt eine Reihe spezifischer Funktionen. Sie kann die Bewegung einzelner Körper koordinieren; sie kann unsere Gedächtnisleistung unterstützen (denken wir etwa an die Verse, mit denen wir uns Grundregeln der lateinischen Grammatik einzuprägen pflegten); und sie kann, indem sie angeblich das Niveau unserer Wachsamkeit herabsetzt, eine, wie Nietzsche sagte, 'berauschende' Wirkung haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in den „linguistic turn“ ein und stellt die Gegenposition von Hans Ulrich Gumbrecht dar, der eine Rückbesinnung auf die materielle Seite von Sprache und das Körperliche fordert.
2 Der Begriff der Präsenz: Dieses Kapitel beleuchtet den theologischen Ursprung des Präsenzbegriffs und kontrastiert die Sichtweisen von Heidegger und Derrida mit dem Ansatz von Gumbrecht.
3 Das Verhältnis von Präsenz und Sprache: Hier werden sechs Typen der Amalgamierung zwischen Sprache und Präsenz analysiert, wobei die Sprache als physische Realität und Medium ästhetischer Erfahrung hervorgehoben wird.
4 Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse und bekräftigt die Notwendigkeit, das Verständnis von Sprache um eine Dimension der Körperlichkeit und Präsenz zu erweitern.
Schlüsselwörter
Präsenz, linguistische Wende, Hans Ulrich Gumbrecht, Körperlichkeit, Sinnkultur, Präsenzkultur, Sprache, Ästhetik, Dekonstruktion, Philologie, Metaphysik, Wahrnehmung, Hermeneutik, Epiphanie, Materialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem philosophischen Begriff der Präsenz und dem Wesen der Sprache, wobei der Fokus auf der Theorie von Hans Ulrich Gumbrecht liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte des Präsenzbegriffs, die Kritik am linguistischen Paradigma der Postmoderne und die materielle Wirkung von Sprache.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie das Konzept der Präsenz auf Sprache und Literatur angewendet werden kann und inwieweit Sprache über ihre semantische Funktion hinaus als physisch greifbar erfahren werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und geisteswissenschaftliche Arbeit, die Begriffe und Theorien, insbesondere die von Hans Ulrich Gumbrecht, vergleichend analysiert und durch Beispiele exemplifiziert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Präsenzbegriffs in der Tradition und bei Gumbrecht sowie eine detaillierte Analyse der Verbindung von Sprache und Präsenz anhand von sechs verschiedenen Typologien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Präsenz, Körperlichkeit, linguistic turn, Materialität und ästhetische Erfahrung geprägt.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Sinnkultur und Präsenzkultur eine Rolle?
Sie dient dazu, die abendländische Fixierung auf den „körperlosen Beobachter“ von einer Sichtweise abzugrenzen, in der der Mensch sich als Teil einer materiellen Objektwelt begreift.
Wie definiert Gumbrecht die Sprache als physische Realität?
Für Gumbrecht ist Sprache nicht nur ein Bedeutungsträger, sondern besitzt eine rhythmische und sinnlich wahrnehmbare Form, die den Körper des Rezipienten direkt berühren und beeinflussen kann.
- Quote paper
- Sandro Paeplow (Author), 2014, Der Begriff der Präsenz und sein Verhältnis zur Sprache und Textualität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304765