Emotionsbeschreibungen im Nibelungenlied. Das Gefühlschaos der Brünhild


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

13 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung

2.Emotionsgeschichte

3.Die Emotionen der Brünhild
3.1 Trauer und Tränen
3.2 Freude und Lachen
3.3 Freundschaft und Liebe
3.4 Zorn und Schmerz

4.Fazit

5.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Emotionen wurden im Mittelalter meist anders aufgefasst oder dargestellt als heute. Weinende und klagende Männer waren keine Seltenheit, dafür wurde das Lachen meist als höhnisch oder herablassend empfunden. Emotionen unterliegen aber nicht nur einem historischen, sondern auch einem kulturellen Wandel. Unter diesem Gesichtspunkt ist es besonders interessant, sich mit mittelalterlicher Literatur zu befassen, um Unterschiede und mögliche Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erforschen. Wichtig ist jedoch, zwischen der privaten und der öffentlichen Kommunikation zu unterscheiden. Emotionen hatten damals eine bestimmte Zeichenfunktion, die eingesetzt wurde, um Aussagen zu verdeutlichen und das Gesagte zu bekräftigen. Im Verlauf dieser Arbeit werden einige Beispiele für dieses Vorgehen genannt und erklärt.

Des Weiteren wird sich mit der Geschichte der Emotionen auseinandergesetzt und sich ihren verschiedenen Aufgaben in mittelalterlicher Literatur gewidmet. Anhand des Primärtextes „Das Nibelungenlied“ werden praktische Beispiele aufgezeigt, in denen Emotionen eine bestimmte Funktion für den Text haben und eine Folgehandlung hervorrufen. Der Fokus der vorliegenden Emotionsforschung liegt auf der Figur Brünhild, die eine weite Bandbreite an Gefühlen aufweist. Mithilfe ausgewählter Zitate aus der Primärquelle werden die Emotionen, die sich in die Unterpunkte Trauer, Freude, Liebe und Zorn aufteilen, vertieft und beleuchtet. Unterstützend wirkt sich die dazu gehörige Sekundärliteratur aus, die weitere Hintergrundinformationen und Beispiele liefert. Abschließend kommt es im Fazit zu einer Zusammenfassung, um die Ergebnisse und die Information noch einmal komprimiert darzustellen.

2.Emotionsgeschichte

Mit der Erforschung der Emotionen und deren Geschichte beschäftigen sich vor allem die Psychologie und die Philosophie. Doch auch die Soziologie, die Geschichtswissenschaften und viele weitere Disziplinen setzten sich mit diesen Empfindungen auseinander.[1] Einer der wichtigsten Forscher für die historische Literaturwissenschaft ist Rüdiger Schnell. Er erläutert in seiner Studie, dass man eine dreifache Abgrenzung von Gefühlen vornehmen muss. Zum einen die Alltagswelt und die damit verknüpften Emotionen einer Person, zum anderen die körpersprachlichen Zeichen von verbalen Äußerungen oder Handlungen wie Tränen oder Schreien, und schlussendlich die Darstellung des Gefühls in Text oder Bild.[2] Schnell stellt jedoch klar, dass dies nicht unbedingt der Weg sei, um die Psyche von Romanfiguren zu verstehen, da man anhand literarischer Texte nur mutmaßliche Emotionen ablesen könne.[3] Problematisch ist, dass die historische Emotionsforschung keine klare Meinung besitzt, sondern sich in zwei verschiedene Grundpositionen aufteilt. Auf der einen Seite stehen Forscher, die der Meinung sind, dass die Gefühle der Menschen seit Jahrtausenden gleichgeblieben sind und sich lediglich in ihrer Ausdrucksweise geändert haben, und auf der anderen Seite diejenigen, die jeder Emotion eine Geschichte zuweisen und diese somit einem historischen Wandel unterliegt. Laut Schnell ist keine der beiden Positionen richtig, da er von der Erkenntnis der nicht endgültigen „Aussage über die ausgedrückten Emotionen“[4] ausgeht. Sein Vorschlag für die Codierung von Emotionen ist die Unterscheidung zwischen „expression of emotions“ und der „representation of emotions“, also von spontanen (non)verbalen Ausdrücken (Lachen, zitternde Hände) und der funktionalen Darstellung bzw. der öffentlichen Inszenierung.[5] Wichtig ist, in der mittelalterlichen Literatur strikt zwischen der öffentlichen Kommunikation und den privaten, vertraulichen Umgangsformen zu unterscheiden.[6] Während es im häuslichen Zusammenleben zu intuitiven und unbewussten Handlungen kommt, wird in Gesellschaft darauf geachtet, wie man sich (emotional) verhält. Dort haben Emotionen eine Zeichenfunktion, die an bestimmten Stellen eingesetzt werden, um dem Gesagten noch mehr Ausdruck und somit einen größeren Wahrheitsgehalt zu verleihen.[7]

Emotionale Befindlichkeiten beziehen sich meistens auf eine Auseinandersetzung außerhalb des eigenen Selbst, indem man mit ihnen auf eine äußere Handlung reagiert. Dieser Vorgang entsteht durch einen Lernprozess, der schon im Säuglingsalter vorhanden ist und sich lebenslang fortsetzt, denn meist werden aktuelle, emotionsbedingte Situationen mit schon bekannten und erlebten Umständen verglichen. Die Handlung erfolgt dann auf den Erfahrungen, die bei der ähnlichen, vorangegangenen Situation zum Erfolg geführt hat. Man kann behaupten, dass Emotionen unser Leben bestimmen, indem sie uns nicht nur eine emotionsbedingte Auffassung der Welt geben, sondern auch unsere Selbsterkenntnis und Selbstreflexion lenken und Auslöser sind, um über eigene Wert- und Zielvorstellungen im Leben nachzudenken.[8]

3.Die Emotionen der Brünhild

Brünhild, die Königin von Island, wird in ihrem ersten Erscheinen im Nibelungenlied als unbeschreiblich schön und unfassbar kraftvoll beschrieben. Nur wer sie in drei Kampfspielen besiegt, gewinnt ihr Herz. Sollte der Anwärter nur in einem einzigen scheitern, muss er mit seinen Leben bezahlen.[9] Brünhild erscheint dem Leser als eine unabhängige und starke junge Frau. Durch ihren Umgang mit Waffen adaptiert sie das mittelalterliche Verhaltensmuster eines Mannes, der als Krieger oder Beschützer so dargestellt wurde.[10] Doch wandelt sich im Laufe des Epos ihre emotionale Gestalt: Tränen, Zorn und Hass bestimmen die weiteren Handlungsabläufe, die sie vollzieht. Wie genau sich diese Emotionen auswirken, wird in den folgenden Unterpunkten analysiert und kommentiert.

3.1 Trauer und Tränen

Die Trauer war eines der bedeutendsten darstellenden Emotionen im Mittelalter, denn schon in den frühen Mönchsschriften, beispielsweise bei Hieronymus (347n. Chr.-420 n.Chr.) hieß es: „So lange wir im Tal der Tränen sind, dürfen wir nicht lachen, sondern müssen weinen. Deshalb sagt der Herr: Selig sind die Weinenden, denn sie werden lachen.“[11] Und auch Gregor der Große (540 – 604 n. Chr.), Papst der katholischen Kirche, unterschied zwei Arten des Weinens. Zum einen das niedere Weinen, das aus Furcht entsteht, zum anderen das höhere Weinen dass der Liebe Ausdruck verleiht.[12] Aufgrund der Tatsache, dass das Mittelalter stark vom katholischen Glauben geprägt war, stellten Tränen nicht nur Traurigkeit dar, sondern auch Demut und Gnade. Doch auch die Reue ist im Mittelalter mit Tränen konnotiert. Das berühmteste historische Beispiel ist hierfür sicherlich der Bußgang nach Canossa, den Heinrich der IV. 1077 vollzogen hatte. Erst durch seine bitteren Tränen unterwarf er sich sichtbar der katholischen Kirche, sodass auch Papst Gregor der VII. ihm offiziell verzieh und ihn von seinem Kirchenbann erlöste.[13] Auf das Nibelungenlied bezogen ist die weinende Brünhild oft präsent, etwa während der Doppelhochzeit in Worms, in der sie Gunther ehelicht und sich auch Kriemhild und Siegfried das Ja-Wort geben. „[…] dô sach si Kriemhilde, dône wart (ir) nie sô leit, bî Sîfride sitzen. weinen si began. ir vielen heize trehene uber liehtiu wange dan.“[14] Diese Tränen verweisen auf das Mitgefühl von Brünhild, da sie annimmt, dass Kriemhild einen Mann heiratet, der unter ihrem Stand steht, da sich Siegfried ihr in Island als Gunthers Leibeigenen vorstellte.[15] Dass dieser nun Gunthers Schwester zur Frau bekommt, kann sich Brünhild nur schwer vorstellen. Doch nicht nur Mitleid wird im Epos mit Tränen verdeutlicht, denn auch in der 14. Âventiure fängt sie das Weinen an, als Kriemhild sie in aller Öffentlichkeit demütigt.[16] Der Ring und der Gürtel, die Brünhild als gestohlen vermutet, befinden sich in Kriemhilds Besitz. Siegfried hatte die beiden Gegenstände entwendet, nachdem er Gunther half, Brünhild in der zweiten Hochzeitsnacht zu überwältigen.[17] Ihr öffentliches Ansehen und ihr Stolz sind so beschädigt, dass sie verlauten lässt: „Daz ich ie wart geborn, daz riuwet mich vil sêre, dune beredest, künic, mich der vil grôzen schande.“[18] Siegfried muss nun vor Gunther einen Eid schwören, indem er beteuert, dass er dieses Vergehen nicht begangen hat.[19] Diese Angelegenheit ist nun für die anderen Anwesenden erledigt bis auf Hagen. Er redet Gunther zu: „[…] daz Brünhilde weinen sol im wesen leit .“[20] Die Planung des Mordes an Siegfried nimmt erst durch ihre Tränen Gestalt an. Hier wirken sie sich auf Hagen mitfühlend aus, da er seine Herrin nicht traurig sehen will und sich dafür rächen will, denn sonst werde er „[…]nimmer dar umbe vrôlich gestân.“[21]

[...]


[1] Vgl. Schnell, Rüdiger : Historische Emotionsforschung. Eine mediävistische Standortbestimmung, S. 174

[2] Ebd., S. 179

[3] Ebd., S. 180

[4] Ebd., S. 180

[5] Ebd., S. 177 f.

[6] Althoff, Gerd: Gefühle in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters. In : Benthien, Claudia/ Fleig, Anne/ Kasten, Ingrid (Hrsg.): Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle. Köln, Böhlau Verlag GmbH &Cie, S.82

[7] Ridder, Klaus: Emotion und Reflexion in erzählender Literatur des Mittelalters, S. 206 f.

[8] Vgl Ridder, Klaus: Emotion und Reflexion in erzählender Literatur des Mittelalters, S. 207

[9] Nibelungenlied, Strophe 324 f.

[10] Schul, Susanne: HeldenGeschlechtNarration. Peter Lang Edition, Frankfurt/Main, Kapitel 4.1.2, S.262

[11] Hieronymus, Tract. in Psalmos LXXXIII in : CCL 78, S99, zitiert nach: Biessenbecker, Stefan, Das Lachen im Mittelalter, S. 111

[12] Magnus, Gregorius, DialogiLibri IV de vita et miraculispatrumItalicorum, zitiert nach: Biessenecker, Stefan, Das Lachen im Mittelalter, S 113

[13] Bednarz, Dieter: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-87462410.html Stand 24.01.2015

[14] Nibelungenlied, Strophe 615

[15] Ebd., Strophe 418

[16] Ebd., Strophe 847

[17] Ebd., Strophe 676 f.

[18] Ebd., Strophe 851

[19] Ebd., Strophen 854 - 858

[20] Ebd., Strophe 870

[21] Ebd., Strophe 861

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Emotionsbeschreibungen im Nibelungenlied. Das Gefühlschaos der Brünhild
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V305074
ISBN (eBook)
9783668030244
ISBN (Buch)
9783668030251
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionsbeschreibungen, nibelungenlied, gefühlschaos, brünhild
Arbeit zitieren
Paula Anna Maria Döring (Autor), 2015, Emotionsbeschreibungen im Nibelungenlied. Das Gefühlschaos der Brünhild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305074

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