Im Grunde werden alle Tätigkeiten des Menschen von Körperkräften und -momenten bewirkt oder begleitet. Industrielle Montageprozesse belasten häufig den Körper und führen zu negativen gesundheitlichen Folgeerscheinungen sowie Arbeitsausfällen. Im Rahmen des Ergonomiemanagements helfen konkrete Belastungsbewertungsverfahren dabei, physische Beanspruchungen und (potenzielle) Gesundheitsrisiken zu identifizieren, zu analysieren und aus den Ergebnissen entsprechende ergonomische Gegenmaßnahmen abzuleiten. Beim Umgang mit der Belastungsbewertung hilft der Vergleich der Bewertungsverfahren.
Im Zentrum dieser Arbeit steht daher konkretisierende Vergleich ausgewählter Verfahren zur Belastungsbeurteilung. Mithilfe der ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen – unter Berücksichtigung gesetzlicher Rahmenbedingungen – kann eine frühzeitige körperliche Leistungswandlung und Ermüdung verzögert oder gar gänzlich verhindert werden. Neben dem Humanitätsgedanken menschen- und belastungsgerechte Arbeitssysteme zu schaffen, spielt auch der Leistungsaspekt eine wesentliche Rolle.
Nachweislich besitzen ergonomisch effizient gestaltete Arbeitssysteme in der Fertigung einen höheren Montagewirkungsgrad. Die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wird somit existenziell gesteigert. Während zahlreiche Großunternehmen mit den Vorteilen von ergonomischer Arbeitsplatzbewertung und -gestaltung bereits in Kontakt gekommen sind, muss bei kleinen und mittelständischen Unternehmen diesbezüglich erst noch ein weitreichenderes Verständnis geschaffen werden. Immer genauere Daten bezüglich Bewegungen und Belastungen zu generieren, um Tätigkeiten in ihrer Komplexität realitäsgetreu bewerten zu können, wird ein zukünftiger Trend der „effizienten Ergonomie“ sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ergonomische Belastungsbewertung
2.1 Klassifizierung der Bewertungsverfahren
2.2 Voraussetzungen, Belastungen und Normen
3 Vergleich ausgewählter Bewertungsverfahren
3.1 EAWS / AAWS+
3.2 OCRA-Verfahren
3.3 Leitmerkmalsmethode MAP
3.4 RULA
3.5 NIOSH-Verfahren
3.6 OWAS
4 Praktische Bedeutung für die Industrie
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, einen umfassenden Überblick über gängige Verfahren zur ergonomischen Belastungsbewertung in der industriellen Fertigung zu geben, ihre Anwendbarkeit zu vergleichen und ihre praktische Relevanz, insbesondere im Kontext der Automobilindustrie, zu beleuchten.
- Klassifizierung ergonomischer Bewertungsverfahren nach Detaillierungsgrad.
- Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen und relevanter Normen.
- Detaillierter Vergleich spezifischer Screening- und Expertenverfahren (z.B. EAWS, OCRA, RULA).
- Bewertung des wirtschaftlichen Einflusses ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung auf die Produktivität.
Auszug aus dem Buch
3.1 EAWS / AAWS+
Das Expertenverfahren European Assembly Worksheet (EAWS) wurde zwischen 2006 und 2008 vom Internationalen MTM-Direktorat (IMD) und dem Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt (IAD) entwickelt. Ähnlich wie das Vorgängerverfahren Automotive Assembly Worksheet (AAWS) deckt EAWS die relevantesten Risikofaktoren wie Körperhaltungen und Körperbewegungen mit geringen äußeren Lasten / Kraftaufwand, statische und dynamische Aktionskräfte und zusätzliche Belastungen, Lastenhandhabungen und kurzzyklische repetitive Belastungen der oberen Extremitäten ab – wobei für jede Belastungssituation individuell Punktwerte vergeben werden. Auch findet eine Aufgliederung zwischen Ganzkörper- und Fingerkräften statt. Während im Anschluss daran zunächst die Punktsummen der Belastungsarten Körperhaltung, Aktionskräfte und Lastenhandhabung zu einer integrierten Gesamtbewertung zusammengefasst werden, folgt daraufhin in Anlehnung an EN 614-1 die Zuordnung aller erhobenen Teilbelastungen zu einzelnen Risikobereichen, welche durch die Ampelfarben Grün, Gelb, Rot illustriert werden.
Mittlerweile gibt es bereits eine aktualisierte Form des EAWS, nämlich das Verfahren Automotive Assembly Worksheet Plus (AAWS+), das alle ergonomierelevanten EU-Richtlinien berücksichtigt. Sowohl EAWS als auch AAWS+ erfreuen sich in Branchen wie Automobil-, Automobilzulieferer-, Elektro- und Maschinenbauindustrie deshalb großer Beliebtheit, weil neben der Berücksichtigung der Belastungsintensität auch die Belastungsdauer in die integrierte Gesamtbewertung mit hineinfließt. Beispielweise gilt EAWS seit dem Jahr 2009 als ergonomische Standard-Bewertungsmethode der Volkswagen Gruppe.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Relevanz der Ergonomie im Kontext von Globalisierung, demographischem Wandel und der Vermeidung arbeitsbedingter Muskel-Skelett-Erkrankungen.
2 Ergonomische Belastungsbewertung: Dieses Kapitel klassifiziert verschiedene Bewertungsverfahren nach ihrem Detaillierungsgrad und erläutert die zugrundeliegenden gesetzlichen Normen sowie physische Belastungsarten.
3 Vergleich ausgewählter Bewertungsverfahren: Hier erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung und Analyse der Verfahren EAWS/AAWS+, OCRA, LMM MAP, RULA, NIOSH und OWAS hinsichtlich ihrer Anwendung.
4 Praktische Bedeutung für die Industrie: Dieser Abschnitt analysiert das Einsparungspotenzial und die Steigerung des Montagewirkungsgrades durch ergonomische Gestaltung in der Industrie.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass die Verfahren lediglich Hinweise liefern, während die proaktive Gestaltung in der Verantwortung der Unternehmen liegt.
Schlüsselwörter
Ergonomie, Belastungsbewertung, Industrial Engineering, Arbeitssystemgestaltung, Muskel-Skelett-Erkrankungen, Montage, EAWS, OCRA, Leitmerkmalsmethode, Arbeitsschutz, Prävention, Wirtschaftlichkeit, Arbeitsplatzanalyse, Normen, Produktivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und dem Vergleich verschiedener ergonomischer Bewertungsverfahren, um physische Belastungen am industriellen Arbeitsplatz systematisch zu erfassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind ergonomisches Risikomanagement, gesetzliche Normen zur Belastungsbeurteilung, der Vergleich gängiger Analysetools und deren wirtschaftliche Auswirkungen auf die industrielle Fertigung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, einen Überblick über relevante Ergonomie-Bewertungsverfahren zu geben und deren praktische Relevanz für die Automobilindustrie und den Mittelstand herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturrecherche und einem vergleichenden analytischen Ansatz, der die Spezifikationen und Anwendungsbereiche ausgewählter Screening- und Detailverfahren gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Klassifizierung der Verfahren, der Vorstellung der spezifischen Tools wie EAWS, OCRA und RULA sowie der Untersuchung des Einsparungspotenzials durch ergonomische Maßnahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ergonomie, Belastungsbewertung, Industrial Engineering, Arbeitsschutz, Prozessoptimierung und Arbeitssystemgestaltung.
Warum ist das Verfahren EAWS besonders für Automobilhersteller relevant?
EAWS ist hochgradig auf die Bedürfnisse der Automobilindustrie zugeschnitten, da es Belastungsintensität und -dauer integriert bewertet und bereits in der Planungsphase eingesetzt werden kann.
Welche Limitationen weist das OCRA-Verfahren auf?
Die Belastungsbewertung bei OCRA ist auf die oberen Körperextremitäten beschränkt und es findet keine Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt, was zu einer einseitigen Belastungssituation führen kann.
Wie unterscheidet sich die Leitmerkmalsmethode MAP von komplexeren Verfahren?
MAP ist ein Screening-Verfahren, das eine schnelle erste Einschätzung direkt am Arbeitsplatz ermöglicht, jedoch weniger detaillierte wissenschaftliche Aussagen liefert als Messverfahren wie CUELA.
- Arbeit zitieren
- Dominik Ulrich Hoppe (Autor:in), 2015, Ergonomische Verfahren zur Belastungsbewertung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305088