Bernhard von Clairvaux präsentiert in seiner an die Tempelritter gerichteten Lobrede auf das neue Rittertum (De Laude Novae Militiae) eine sehr engagierte und rhetorisch geschickte theologische Fundierung und Rechtfertigung des Sterbens und vor allem des Tötens im Namen Christi.
Malcolm Barber bemerkt in dem entsprechenden Kapitel seines Buches über die Templer, dass die Repräsentation des Christentums, vermeintlich eine pazifistische Religion, durch einen militärischen Mönchsorden – zumindest auf den ersten Blick – "anomal" und schwer zu verstehen sei. Wie Barber im weiteren Verlauf seines Textes ausführt, wurde Bernhards Sichtweise (und generell der Orden der Templer) bereits von Zeitgenossen und theologischen Gegnern scharf kritisiert.
Aus diesem Grund untersucht dieses Essay den Rekurs Bernhards auf die Bibel, wobei es ausdrücklich nicht um eine theologische oder gar bibelexegetische Auseinandersetzung geht, sondern um die historisch bzw. kultur- und literaturwissenschaftlich interessante Frage, wie er es rhetorisch und argumentativ angestellt hat, einen Text wie das Neue Testament, das in Fragen der Gewalt in seinen Aussagen eindeutig ist und wenig Spielraum für kreative Interpretationen lässt, in einen Kontext zu stellen und zu instrumentalisieren, in dem das Töten nicht nur befürwortet, sondern sogar nachdrücklich glorifiziert und idealisiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die pazifistische Grundhaltung des Neuen Testaments
3. Der Rekurs auf das Neue Testament bei Bernhard von Clairvaux
4. Kritische Analyse der Argumentationsstrategie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Der Essay untersucht die rhetorische und argumentative Strategie, mit der Bernhard von Clairvaux in seiner "Lobrede auf das neue Rittertum" versucht, die im Neuen Testament begründete pazifistische Ethik mit einer expliziten Gewaltlegitimation für Tempelritter in Einklang zu bringen.
- Die Diskrepanz zwischen neutestamentlicher Gewaltablehnung und militärischem Ideal.
- Methoden der Instrumentalisierung biblischer Zitate für eine Kriegstheologie.
- Bernhards Umgang mit dem Neuen Testament im Vergleich zum Alten Testament.
- Die Umdeutung des Märtyrerbegriffs im Kontext des christlichen Rittertums.
Auszug aus dem Buch
Perversion des Christentums: Der Rekurs auf die Bibel bei Bernhard von Clairvaux
Bernhard von Clairvaux präsentiert in seiner an die Tempelritter gerichteten Lobrede auf das neue Rittertum (De Laude Novae Militiae) u.a. eine sehr engagierte und rhetorisch geschickte theologische Fundierung und Rechtfertigung des Sterbens und vor allem des Tötens im Namen Christi. Malcolm Barber bemerkt in dem entsprechenden Kapitel seines Buches über die Templer, dass die Repräsentation des Christentums, vermeintlich eine pazifistische Religion, durch einen militärischen Mönchsorden – zumindest auf den ersten Blick – „anomal“ und schwer zu verstehen sei. Wie Barber im weiteren Verlauf seines Textes ausführt, wurde Bernhards Sichtweise (und generell der Orden der Templer) bereits von Zeitgenossen und theologischen Gegnern scharf kritisiert.
Aus diesem Grund interessiert mich in diesem Essay der Rekurs Bernhards auf die Bibel, wobei es mir nicht um eine theologische oder gar bibelexegetische Auseinandersetzung geht, sondern um die historisch und kultur-/literaturwissenschaftlich interessante Frage, wie er es rhetorisch und argumentativ angestellt hat, einen Text wie das Neue Testament, das in Fragen der Gewalt meines Erachtens in seinen Aussagen eindeutig (und mit Barbers Worten: pazifistisch) ist und wenig Spielraum für kreative Interpretationen lässt (ganz im Gegensatz zum Alten Testament), in einen Kontext zu stellen und zu instrumentalisieren, in dem das Töten nicht nur befürwortet, sondern sogar nachdrücklich glorifiziert und idealisiert wird.
Nach Bernhard ist die Sache des Kämpfenden dann eine gerechte, wenn ihr ein guter Beweggrund und eine rechte Sache zugrunde liegen. Der Tod, den man für Christus verursacht (oder erleidet), trägt keine Schuld, sondern verdient vielmehr höchsten Ruhm. Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen in dem Bewusstsein, damit Christus zu nutzen und ihm Ehre zu verschaffen, der wiederum den Tod des Feindes als Sühneleistung gerne annimmt. Wer einen „Übeltäter“ oder „Ungläubigen“ umbringt, ist kein „Menschenmörder“, sondern ein Mörder der Bosheit und Verteidiger der Christenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Gewaltlegitimation durch Bernhard von Clairvaux und Darstellung der zentralen Fragestellung des Essays.
2. Die pazifistische Grundhaltung des Neuen Testaments: Analyse der friedfertigen Kernbotschaften Jesu und des Neuen Testaments im bewussten Gegensatz zur Gewaltanwendung.
3. Der Rekurs auf das Neue Testament bei Bernhard von Clairvaux: Untersuchung der ausgewählten biblischen Zitate, die Bernhard zur Rechtfertigung des ritterlichen Schwertdienstes heranzieht.
4. Kritische Analyse der Argumentationsstrategie: Bewertung der rhetorischen Instrumentalisierung und der Schwierigkeiten Bernhards, eine gewaltbefürwortende Lehre aus neutestamentlichen Schriften abzuleiten.
5. Fazit: Abschließende Einschätzung, dass sich Bernhard der Widersprüche bewusst war und diese durch geschickte Rhetorik und bewusste Auslegung zu überbrücken suchte.
Schlüsselwörter
Bernhard von Clairvaux, Tempelritter, De Laude Novae Militiae, Gewaltlegitimation, Neues Testament, Pazifismus, Kriegstheologie, Rhetorik, Bibelrezeption, Märtyrer, Ritter Christi, Kreuzzug, Christentum, Mittelalter, Theologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Der Essay befasst sich mit der theologischen Rechtfertigung von Gewalt durch Bernhard von Clairvaux gegenüber den Tempelrittern und dessen Nutzung biblischer Texte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die mittelalterliche Gewaltethik, die rhetorische Interpretation des Neuen Testaments und die Rolle des christlichen Rittertums im Kontext der Kreuzzugsbewegung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Bernhard von Clairvaux das Neue Testament – trotz dessen pazifistischer Grundtendenz – instrumentalisiert, um den ritterlichen Waffendienst religiös zu glorifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kultur- und literaturwissenschaftliche Analyse der Argumentationsweise in Bernhards Text „De Laude Novae Militiae“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konkrete Auswahl der Bibelstellen durch Bernhard und zeigt die Diskrepanz zwischen seinen Thesen und dem eigentlichen Textkorpus auf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Gewaltlegitimation, Bernhard von Clairvaux, Neues Testament, Tempelritter und Rhetorik.
Wie unterscheidet sich die Nutzung des Alten und Neuen Testaments durch Bernhard?
Während das Alte Testament für Bernhard reichlich Belege für Gewalt bietet, musste er für seine Zwecke aus dem Neuen Testament mühsam zwei Stellen auswählen und diese rhetorisch aufbauschen.
Was bedeutet Bernhards Umwertung des Märtyrerbegriffs?
Bernhard wendet den ursprünglich für leidende Zeugen des Glaubens reservierten Begriff des Märtyrers nun auf im Kampf gefallene Ritter an, was einen radikalen Bedeutungswandel darstellt.
Erkennt der Autor Bernhards bewusste Manipulation an?
Ja, der Autor kommt zu dem Schluss, dass Bernhard sich des Widerspruchs seiner Position zum Neuen Testament voll bewusst war und versuchte, diesen durch gezielte Instrumentalisierung und Rhetorik zu kompensieren.
- Quote paper
- Frederik A. Behrens (Author), 2015, Perversion des Christentums. Der Rekurs auf die Bibel bei Bernhard von Clairvaux in seiner Lobrede auf die Tempelritter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305106