Gottfried von Straßburg: Tristan - Eine Analyse zum Auftreten des Erzählers als literarisches Ich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorkenntnisse
2.1. Was wissen wir über Gottfried von Straßburg?
2.2. Autorenschaft im Mittelalter

3. Das literarische Ich – Funktionen und Verhältnis zur Handlungsebene
3.1. Die Erzählsituation im 'Tristan'
3.2. Auftritte des literarischen Ichs und ihre Funktion
a) Quellenberufungen
b) Ankündigungen und rhetorische Überleitungen
c) Rückbezüge und Zusammenfassungen
d) Understatements und Vermutungsformeln
e) Die Betonung der Wahrheit
f ) Erklärungen und Erläuterungen
g) Bezüge zum eigenen Schaffen Gottfrieds
h) Funktion der Symbiose Gottfrieds mit dem Publikum zum "wir"
i ) Erzählerische Funktion der Exkurse
Prolog (V. 1 – 242)
Literaturexkurs (V. 4555 – 5011)
Bußpredigt (V. 12180 – 12361)
3.3. Verhältnis zwischen Auftreten des literarischen Ichs und der Handlungsebene

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gottfrieds von Strassburg Versroman 'Tristan' ist wohl unbestritten eines der bedeutendsten Werke der mittelalterlichen Dichtung. Indirekte Hinweise auf Gottfrieds Vorlage von Thomas, die um 1155 bis ca. 1190 datiert wird, lassen uns den 'Tristan' zwischen 1200 und 1220 einordnen[1].

Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit Gottfrieds Auftreten als literarisches Ich[2] in seinem Versroman beschäftigen. Dabei werde ich untersuchen, welche Funktionen Gottfrieds Erzählerkommentare erfüllen und inwieweit ein Zusammenhang zwischen den größeren Kommentaren als literarisches Ich und dem Handlungsgefüge besteht.

Um die Hausarbeit in einem vernünftigen Rahmen zu halten, werde ich mich bei der Beschäftigung mit dem Originaltext an jene Stellen halten, an denen das literarische Ich auch explizit in Form von "ich" oder auch "mich" bzw. in Abwandlungen von "wir" vorkommt (letztere Stellen sind noch einmal gesondert zu betrachten), wohlwissend, dass zu einer ausführlichen Erzählerbetrachtung auch rhetorische Fragen, Gedankenreferate u.ä. gehören. Ich halte die Stellen, an denen der Erzähler/Autor explizit als "Ich" auftritt für die, die am eindrucksvollsten den Einfluss des Autors auf ein Publikum bezeugen und großen Anteil an der Rezeption des Textes haben, vor allem eingedenk dessen, dass sie "allgemein bei den mittelhochdeutschen Epikern sehr viel häufiger als in ihren altfranzösischen Vorlagen [vorkommen], wie wir auch im Vergleich von Thomas und Gottfried gesehen haben, und in den meisten Fällen ihr Eigentum"[3] sind.

Gottfrieds vielinterpretierte Exkurse im 'Tristan' werde ich im Rahmen des oben genannten Ansatzes behandeln und dabei auch auf ihre Stellung innerhalb des Romans eingehen.

2. Vorkenntnisse

Bevor ich mich mit den Auftritten des literarischen Ichs im 'Tristan' beschäftige, möchte ich zunächst einige Vorkenntnisse über Gottfried und die Autorenschaft im Mittelalter heranziehen, die ich für die Interpretation der Funktion der Erzählerbemerkungen für wichtig erachte.

2.1. Was wissen wir über Gottfried von Strassburg?

Zu dieser Frage gehört eine einfache Antwort: nicht viel. Zumindest wenig, das wirklich gesichert wäre. Alles, was heute über die Person Gottfried bekannt ist, ist lediglich das, "was sich aus dem Werk und seiner Rezeption erschließen läßt"[4]. Angenommen wird eine nichtadelige Herkunft und ein hoher Grad an Bildung, der Voraussetzung war für die Meisterhaftigkeit mit der Gottfried den 'Tristan' komponierte. Sein Auftraggeber, ist wohl ein DIETERICH, wie uns das Akrostichon im Prolog zeigt, doch weder Gottfried noch Dietrich konnten im Umfeld von Strassburg historisch nachgewiesen werden[5].

Was wir wissen ist, dass Gottfrieds meisterhafte Dichtung viel Anklang gefunden hat und wohl vor allem deshalb so reich überliefert wurde (11 vollständige Handschriften, 16 Fragmente[6]), außerdem war er bereits im 13. Jahrhundert "bewundertes Stilvorbild und (…) thematischer Bezugspunkt"[7].

Gerade weil über Gottfried so wenig bekannt ist, sind die Verse im Roman, an denen er bzw. er in seiner Erzählerrolle als "ich" oder "wir" zum Vorschein kommt für die Rezeption und Interpretation besonders bedeutsam.

2.2. Autorenschaft im Mittelalter

Damals galt es weit mehr als heute, Vorgegebenes zu erneuern, aufzunehmen und neu zu gestalten. Der bearbeitete Stoff, soll erfreuen (delectare) und nützen (prodesse). Um diese Funktionen zu erfüllen sucht sich der Autor Themen, die dem Publikum bereits in Grundzügen bekannt sind und bearbeitet diese unter neuen Gesichtspunkten. Oft verarbeiten Dichter "diese Prozesse des Suchens und Findens zum Bestandteil ihrer Dichtung selbst, meist von der Handlung gelöst in Prologen, Epilogen oder Exkursen"[8]. Literatur hatte oft auch didaktische Funktion, das Publikum sollte etwas lernen bzw. etwas kennen lernen (bei Gottfried unter anderem das Konzept der edelen Herzen). Eine solche didaktische Funktion kann nur dann erfüllt werden, wenn ein enges Verhältnis zum Publikum besteht. Es wird als Mitspieler geschätzt und benötigt, denn die Dichter sind im späten Mittelalter auf die Gunst von Mäzenen und der Hörerschaft angewiesen[9]. Oft werden deshalb in Prologen, Exkursen und Kommentaren die Zuhörer direkt angesprochen oder der Autor baut fingierte Fragen bzw. Anmerkungen des imaginierten Publikums in sein Werk mit ein. Noch einfacher eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, ist es für den Autor wenn er sich selbst als eigenständige Person konzipiert und darstellt[10]. Bei Gottfried geschieht das dadurch, dass sich zum einen der Erzähler als literarisches Ich mehr oder weniger zu erkennen gibt, und sich zum anderen mit seinem Publikum vereint, indem er die Gemeinschaft mit "wir" oder "uns" bezeichnet.

3. Das literarische Ich – Funktionen und Verhältnis zur Handlungsebene

3.1. Die Erzählsituation im 'Tristan'

Bezieht man sich auf die Erzählertypologie nach Franz Stanzel, so ist die Erzählsituation im 'Tristan' leicht zu erkennen. Natürlich lässt sich die Typologie, die für Erzählungen der neueren Zeit entworfen wurde, nicht eins zu eins auf die mittelalterlichen Epen übertragen und doch im 'Tristan' sehen wir uns einem persönlichen Erzähler gegenüber, der sich gleichsam allwissend einmischt und Kommentare zum Erzählten abgibt. Es herrscht also eine Erzählsituation mit auktorialem Fokus vor.[11]. Exemplarisch möchte ich hier V. 2041ff. zitieren:

Nu daz daz kint getoufet wart,

nâch kristenlichem site bewart,

diu tugentrîche marschalkîn

nam aber ir liebez kindelîn

in ir vil heimelîche pflege:

sie wolde wizzen alle wege

und sehen, ob ime sîn sache

stüende zu gemache.[12]

Ein Merkmal des auktorialen Erzählens ist an dieser Stelle sofort offenkundig: der Vorgang der berichtenden Darstellung[13]. Außerdem kristallisieren sich anhand dieser Textstelle bereits einige Möglichkeiten des Erzählers, sich indirekt einzubringen heraus. Er charakterisiert Personen und hat Einblick in ihre Wünsche und Gedanken: die Marschallin, die tugendreich und vortrefflich ist und deren Wunsch es ist, ihren Pflegesohn von angenehmen Umständen umgeben zu sehen.

Der auktoriale Erzähler ist also immer ein Mittelsmann zwischen dem Gesagten bzw. dem Verhandelten und dem rezipierenden Publikum, zwischen der Wirklichkeit und Vorstellung des Autors und der Leser- bzw. Hörerschaft. Er versucht das Geschehen durch Einschübe, Bemerkungen und Kommentare zugänglicher zu machen. Derartige Versuche werden am offenkundigsten, wenn der Erzähler aus der Metaebene des unpersonalen Erzählens heraustritt und sich als literarisches Ich zu erkennen gibt. Um diese Stellen wollen wir uns im Folgenden kümmern.

[...]


[1] Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begr. von Wolfgang Stammler fortgef. von Karl Langosch. Hg. v. Kurt Ruh zusammen mit Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz – Josef Worstbrock. Bd. 3. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin, New York: De Gruyter 1981. S. 160

[2] Ich verwende diesen Begriff um der Erzähler-Autor-Problematik und der Zuordnung des Ichs zu einem der beiden aus dem Wege zu gehen.

[3] Clausen, Ilse: Der Erzähler in Gottfrieds Tristan. Phil. Diss. masch. Kiel: Dissertationsdruck Schön 1970, S. 204

[4] Huber, Christoph: Gottfried von Strassburg. Tristan. Klassiker Lektüren Bd. 3. 2., verbesserte Auflage. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2001, S. 27

[5] vgl. Huber 2001, S. 28

[6] vgl. Huber 2001, S. 30

[7] vgl. Huber 2001, S. 30

[8] Bein, Thomas: Germanistische Mediävistik. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1998, S. 75

[9] vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Bd. 2. dtv: 1986, S. 706f.

[10] vgl. Clausen 1970, S. 10

[11] vgl. Martinez, Matias und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Auflage. München: C. H. Beck 2002, S. 90ff.

[12] Gottfried von Strassburg: Tristan. Hg. von Karl Marold. Unveränderter vierter Abdruck nach dem dritten und mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin, New York: De Gruyter: 1977, S. 32, V. 2041-2048

[13] Gottfried benutzt zwar in seinem Werk auch oft das Darstellungsmittel des Dialogs oder der Gedankenreferate einzelner Personen, allerdings ist das berichtende Erzählen das vorrangige Mittel, um die Handlung voran zu treiben.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gottfried von Straßburg: Tristan - Eine Analyse zum Auftreten des Erzählers als literarisches Ich
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (INstitut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Tristanstoffe
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V30511
ISBN (eBook)
9783638317610
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Straßburg, Tristan, Eine, Analyse, Auftreten, Erzählers, Tristanstoffe
Arbeit zitieren
Sabine Heinichen (Autor), 2003, Gottfried von Straßburg: Tristan - Eine Analyse zum Auftreten des Erzählers als literarisches Ich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30511

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