Lese-Rechtschreib-Schwäche in der Grundschule. Eine Analyse der LRS aus Elternsicht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

11 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. LRS: Diagnostik und Förderung (anhand eines Elterninterviews)
2.1 Symptomatik und Unterscheidung LRS - Legasthenie
2.2 Folgen für Schule und Familie
2.3 Ausgangssituation und Diagnostik der LRS bei Amelie Müller
2.4 Fördermaßnahmen

3. Fazit und Ausblick

1. Einleitung

„Wenn wir uns den Stellenwert des Lesens und Schreibens heute ansehen, so wird zunächst einmal klar, dass nach Umfrageergebnissen und detaillierten Fallstudien, Erwachsene heute im Durchschnitt täglich etwa 2 ½ Stunden mit dem Lesen bzw. Durchschauen von schriftlichem Material zubringen, den Großteil dieser Zeit im Rahmen des Berufs. In den industrialisierten Ländern wird davon ausgegangen, dass derzeit 90% aller Arbeitsplätze den Umgang mit schriftlichem Material verlangen.“ (Klicpera 1995, S. 5)

Das Erlernen des Lesens und Schreibens gehört sowohl zu den elementarsten als auch wichtigsten Kulturtechniken in unserer Gesellschaft. Abgesehen von seiner überragenden Bedeutung in Schule, Universität, Arbeits- und Berufsleben ist die Beherrschung von Schrift die Grundlage für die Teilnahme am gesellschaftlichen und alltäglichen Leben. Dementsprechend wichtig sind der frühe Beginn des Schriftspracherwerbs, das intensive und regelmäßige Üben sowie das rechtzeitige Erkennen von Lese- und Rechtschreibstörungen jeglicher Art.

Das Erlernen der Schriftsprache ist ein mühevoller Vorgang und erfordert gezielte Instruktionen, da der Schriftspracherwerb anders als die Aneignung der mündlichen Sprache eine große Herausforderung für Kinder bedeutet (Gasteiger-Klicpera 2013, S. 23). Dabei ist es grundsätzlich wichtig, das Kind dort abzuholen wo es beim Schuleintritt steht, da die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Lese- und Rechtschreibkenntnissen eingeschult werden und unterschiedliche Entwicklungsstände aufweisen. Hier sind vor allem Lehrkräfte und Eltern in die Pflicht zu nehmen. Die Möglichkeit eine Lese- Rechtschreibschwäche zu vermuten, sowie eine Elternberatung zu initiieren, fällt in die Zuständigkeit des entsprechend geschulten Lehrers (Naegele 2014, S. 201). Dann können geeignete schulische und/oder außerschulische Maßnahmen ergriffen werden. Die anschließende Förderung muss von den Eltern gewissenhaft unterstützt werden, und ihnen obliegt die Hauptverantwortung des gemeinsamen Übens mit ihren Kindern.

Folglich ist der Einbezug der Eltern bei einer LRS entscheidend. Zu diesem Zweck führte ich nach Absprache mit einer Lehrerin in meiner Heimatgrundschule Eckersmühlen ein Interview mit der Mutter einer Viertklässlerin durch, bei der eine LRS diagnostiziert wurde. Ich werde die Diagnostik in dieser Sache erläutern und mich anschließend dem speziellen Fall von Amelie widmen. Schließlich werde ich im Hauptteil der Arbeit auf allgemeine Fördermaßnahmen eingehen, und auf solche, die von der Familie in Anspruch genommen wurden. Am Ende stehen ein Fazit der Fördermaßnahmen und ein Ausblick.

2. LRS: Diagnostik und Förderung (anhand eines Elterninterviews)

2.1 Symptomatik und Unterscheidung LRS - Legasthenie

Eine LRS kennzeichnet sich durch Lese- und Schreibschwächen. Hierbei zeigen sich Leseschwierigkeiten, z.B. Auslassen oder Verdrehen von Wortteilen, verlangsamte Lesegeschwindigkeit, stockendes Lesen von Wort zu Wort und Unfähigkeit Gelesenes wiederzugeben, bzw. aus dem Gelesenen Schlüsse oder Zusammenhänge zu ziehen. Rechtschreibschwächen äußern sich z.B. durch Verdrehungen von Buchstaben im Wort (b-d, p-q, u-n), Umstellungen von Buchstaben im Wort (die-dei), Auslassungen von Buchstaben (ach statt auch), Einfügungen falscher Buchstaben (Artzt statt Arzt), Dehnungsfehler (Zan statt Zahn), Verwechslung (d-t, g-k, v-f) und Fehler in der Groß- und Kleinschreibung (Warnke 2004, S. 9f).

Von einer Lese- und Rechtschreibstörung bzw. Legasthenie ist dann zu sprechen, wenn die von der WHO definierten Merkmale vorliegen:

„Die mit individuell durchgeführten, standardisierten Tests für Lesegenauigkeit, Lesetempo, Leseverständnis und/oder Rechtschreibfertigkeit gemessenen Leistungen liegen wesentlich unter denen, die auf Grund des Alters, der gemessenen Intelligenz und der altersgemäßen Bildung einer Person zu erwarten wären. Die Lese- und Rechtschreibstörung behindert deutlich die schulische Leistung oder Aktivitäten des täglichen Lebens, bei denen Lese- und Rechtschreibleistungen benötigt werden. Die Lese-Rechtschreibstörung erklärt sich nicht durch eine andere erstrangige psychische Erkrankung oder andere neurologische Erkrankung oder Behinderung, wie z.B. motorische Behinderung, Epilepsie, Höroder Sehbeeinträchtigung. Sie erklärt sich auch nicht durch eine erworbene Hirnerkrankung, die zum Verlust der bereits erlernten Lese-Rechtschreibfertigkeit geführt hat.“

(ICD-10, Dilling, Mombour & Schmidt, 1994; zit. nach Warnke 2004, S. 11f.)

Zusammenfassend formuliert definiert sich eine Legasthenie also als schwerwiegendere, wesentlichere und länger andauernde Störung, wobei die Übergänge zur LRS fließend sind.

2.2 Folgen für Schule und Familie

Schülerinnen und Schüler mit einer LRS verlieren sowohl Motivation als auch Selbstwertgefühl durch den ständigen Misserfolg. Die Lese- und Rechtschreibentwicklung beeinflusst nicht nur die Erfolge im Fach Deutsch, sondern betrifft auch andere Fächer sowie die schulische Leistung insgesamt, da ja in allen Fächern Leistungskontrollen über die Schriftsprache erfolgen. Lehrern hingegen fällt es oft schwer individuelle Maßnahmen zu ergreifen und die schwache Rechtschreibleistung nicht in die Notengebung miteinfließen zu lassen. Innerhalb der Familie kann eine LRS das Konfliktpotential steigern. So machen sich Eltern oftmals Vorwürfe, nicht genug mit ihrem Kind geübt zu haben. Bei den Hausaufgaben und der Vorbereitung für Klassenarbeiten benötigen lese- und rechtschreibschwache Kinder wesentlich länger als ihre Mitschüler. Demzufolge haben sie auch viel weniger Zeit zum Spielen und der Kontakt zu Klassenkameraden außerhalb der Schule nimmt ab. So kann durch soziale Isolation der Leidensdruck der Kinder weiter steigen (Schleider 2009, S. 20).

Die Folgen einer LRS beschränken sich also nicht nur auf die Schule. In großem Maß beeinträchtigen sie auch das Familienleben und die Freizeit der Kinder. Es ist also überaus wichtig, eine LRS frühzeitig zu erkennen und das betroffene Kind gezielt zu fördern.

2.3 Ausgangssituation und Diagnostik der LRS bei Amelie Müller

Aufgrund einer Anfrage bei einer mir bekannten Lehrerin an der Grundschule Eckersmühlen erfuhr ich von Amelie Müller (Name geändert), einer 10-jährigen Schülerin in der vierten Klasse, bei der eine LRS diagnostiziert wurde. Der Vater ist ganztägig berufstätig und die Mutter arbeitet halbtags als Sekretärin, weshalb sie auch meine Gesprächspartnerin war. Amelie hatte bereits in der ersten Klasse Auffälligkeiten in der Lese- und Rechtschreibleistung gezeigt. So hatte sie lange Schwierigkeiten die gelernten Buchstaben sofort richtig zu benennen, den Buchstaben die entsprechenden Laute zuzuordnen und geläufige Wörter fehlerfrei zu lesen. Eine lautgetreue Schreibung der Wörter war erst gegen Ende der zweiten Klasse möglich, die orthographisch richtige Schreibweise ist für sie nach wie vor problematisch. Auch beim kreativen Schreiben fasst sie sich aus Angst vor Fehlern möglichst kurz. Frau Müller wunderte sich bereits seit längerer Zeit über die Schwierigkeiten, die ihre Tochter beim Schreiben von Wörtern aufzeigt, zumal sie täglich mit ihrer Tochter übt. Die Lehrerin beurteilte ihre Leistung als „nicht so schlecht“. Als sich Frau Müller mit Amelie Mitte/Ende der dritten Klasse dann an eine psychologische Beratungsstelle wand, stellte die Psychologin zu ihrem Erstaunen eine Lese- und Rechtschreibstörung, also eine Legasthenie, fest. Die Note im Jahreszeugnis der dritten Klasse war überraschenderweise „Ausreichend“. Diese Diskrepanz im Urteil der Lehrerin und der Psychologin lässt sich meines Erachtens nur dadurch erklären, dass das Lese- und Rechtschreibniveau der ganzen Klasse nicht sehr hoch ist. Frau Müller erzählte mir, dass in der 3. Klasse nur zwei Diktate und zwei Nachschriften geschrieben wurden, die jeweils mit der Note 6 bewertet wurden. Die Diagnose wurde von einer Kinder- und Jugendpsychologin einer psychologischen Beratungsstelle gestellt. Die Psychologin führte mit Amelie einen Lese-, Rechtschreib- und einen Intelligenztest durch. Die Leseleistung wurde gemessen, indem alltägliche Wörter, zusammengesetzte Wörter, kurze Texte und wortähnliche Wörter laut von Amelie vorgelesen wurden.

Es könnte sich also hierbei um den Salzburger Lesetest handeln, da dieser neben dem lauten Lesen von häufigen Wörtern, zusammengesetzten Wörtern und Texten auch das Lesen von „Pseudowörtern“ vorsieht. Unter Pseudowörtern versteht man Wörter, die nicht als Lautbild erkannt werden, sondern hier Buchstabe für Buchstabe einem Laut zugeordnet werden, z.B. „Natze“ statt „Katze“ (Schulte-Körne 2009, S. 61).

Die Rechtschreibleistung wurde mithilfe eines Lückendiktats überprüft. Amelie wurden also Sätze vorgelesen, wobei sie die Wörter im Lückentext ergänzen musste. Hierbei könnte es sich um den Weingartener Grundwortschatz Rechtschreibtest für 3. und 4. Klassen (WRT 3+) gehandelt haben, einem standardisierten Rechtreibtest für Grundschüler (Schulte-Körne 2009, S. 65).

Im Lese- und Rechtschreibtest schnitt Amelie weit unter Durchschnitt ab. Allerdings wurde ihr beim Intelligenztest ein normaler IQ zugesprochen. Dies entspricht der Lerngeschwindigkeit Amelies beispielsweise in der Mathematik, wo sie, mit Ausnahme von Textaufgaben, durchschnittliche bis gute Leistungen erbringt. Auch im Heimat- und Sachunterricht zeigt sie sich interessiert und schreibt gute Noten. Sie ist sich bei diesen beiden Fächern wahrscheinlich bewusst, dass Leseverständnis und Orthografie nicht an erster Stelle stehen. Die mündlichen Leistungen sind durchwegs gut, wohingegen Verschriftlichen und lautes Vorlesen in Deutsch oder auch Englisch weiterhin Probleme bereiten. Grundlage für die Erkenntnis waren Gespräche zwischen der Mutter, der Psychologin und der Klassenlehrerin, um letztere für das Thema LRS zu sensibilisieren. Hier zeigt sich wieder, dass sehr viele Lehrkräfte eine mögliche LRS bagatellisieren, nach dem Motto: „Er/Sie wird es schon noch lernen“, oder „er/sie ist eben etwas langsamer“. Zudem sind Lehrkräfte nicht entsprechend ausgebildet und sehen oft nicht die Möglichkeit einer Lese- und Rechtschreibschwäche.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Lese-Rechtschreib-Schwäche in der Grundschule. Eine Analyse der LRS aus Elternsicht
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik)
Veranstaltung
Schwierige Bedingungen im Schriftspracherwerb
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V305187
ISBN (eBook)
9783668033146
ISBN (Buch)
9783668033153
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lese-rechtschreib-schwäche, grundschule, eine, analyse, elternsicht
Arbeit zitieren
Jörg Muskat (Autor), 2014, Lese-Rechtschreib-Schwäche in der Grundschule. Eine Analyse der LRS aus Elternsicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305187

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