Die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen ist eine viel diskutierte Debatte sowohl in den Medien, wie auch in der Wissenschaft. Elternschaft scheint nicht mehr Teil der Normalbiografie zu sein und somit entscheiden sich viele Frauen dagegen, Nachwuchs zu zeugen.
In dieser Arbeit soll mit Hilfe der Wert-Erwartungstheorie von Esser der Frage nachgegangen werden, warum sich überdurchschnittlich viele Akademikerinnen gegen die Geburt eines Kindes entscheiden. Esser (1999a) hat mit seiner Theorie den Anspruch, Handlungen verstehend erklären zu können und damit Aussagen über die Mikroebene, also die individuellen Handlungen, zu treffen. Er löst damit das Erklärungsproblem, gesellschaftliche Phänomene verstehen zu können, indem die Selektion von Alternativen durch die Akteure untersucht wird.
Im ersten Kapitel wird zunächst das Wannenmodell sozialen Erklärens von Coleman und Esser veranschaulicht. Das Modell dient dazu, die einzelnen Schritte dieser Arbeit nachzuvollziehen. Im Anschluss an die Modellbeschreibung wird die Ausgangssituation des Phänomens der kinderlosen Akademikerinnen beschrieben (siehe Kapitel 3). Durch die Darstellung des Wandels in der Gesellschaft in Bezug auf die Familienstrukturen wird die Makroebene definiert. Das heißt, was kann den Anstieg der Kinderlosigkeit von Hochschulabsolventinnen beeinflusst haben. Ob jedoch überhaupt ein Anstieg zu beobachten ist, wird anhand des vierten Kapitels belegt. In diesem Abschnitt wird der soziale Tatbestand von überdurchschnittlich vielen kinderlosen Akademikerinnen mit aktuellen Daten empirisch überprüft. Ausgehend von dem Erklärungsproblem zwischen den beiden Makroebenen, der Ausgangssituation und dem sozialen Phänomen, wird in Kapitel 5 schrittweise die Logik der Selektion von Hochschulabsolventinnen mit Hilfe der Wert-Erwartungstheorie beschrieben. Im abschließenden Kapitel (siehe Kapitel 6) werden daraufhin noch einmal alle Ergebnisse zusammenfassend dargestellt um dann auf die Fragestellung einzugehen, warum sich überdurchschnittliche viele Akademikerinnen gegen die Geburt eines Kindes entscheiden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Wannenmodell sozialen Erklärens
3. Elternschaft im Wandel der Gesellschaft
4. Kinderlose Akademikerinnen – Aktuelle empirische Befunde
5. Kind oder Karriere? Handlungserklärung nach der WET
5.1 Die Alternativen
5.2 Die Folgen
5.3 Die Bewertungen
5.4 Die Erwartungen
5.5 Die Evaluation der Alternativen
5.6 Die Selektion
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht mit Hilfe der Wert-Erwartungstheorie von Hartmut Esser die soziologische Frage, weshalb sich überdurchschnittlich viele Akademikerinnen gegen die Geburt eines Kindes entscheiden, und analysiert dabei die individuelle Entscheidungslogik auf der Mikroebene.
- Anwendung des Wannenmodells sozialen Erklärens nach Coleman und Esser
- Soziokultureller Wandel von Elternschaft und Geschlechterrollen
- Empirische Analyse der Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen
- Modellierung der Entscheidungssituation "Kind vs. Karriere" mittels rationaler Wahltheorie
Auszug aus dem Buch
5. Kind oder Karriere? Handlungserklärung nach der WET
Die Wert-Erwartungstheorie ist diejenige Erklärung des Handelns, die laut Esser (1999a, 147f.) für das Verstehen der Logik der Selektion am ehesten in Frage kommt. Man geht davon aus, dass „menschliches Handeln sich aus den Wünschen und den Wahrscheinlichkeiten berechnen lässt, mit welchen Akteure ihre Ziele erreichen zu können glauben“ (Rosa et al. 2007, 243). Anders als die Rational-Choice Theorie wird nicht eine vollständige Informiertheit der Akteure unterstellt, aber trotzdem wird von einem Nutzen maximierenden Handeln ausgegangen, da alle Arten von Präferenzen Handeln erklären können. Jedes Handeln ist rational, auch wenn es sich an inadäquaten Informationen und Prognosen orientiert. Die Besonderheit der Wert-Erwartungstheorie liegt darin, dass die Entscheidungsfindung von Handelnden möglichst simpel beschrieben wird, indem man die subjektiven Evaluationen der Ziele mit den subjektiven Kausalhypothesen darüber, wie man diese Ziele erreichen kann, verbindet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen ein und erläutert den theoretischen Rahmen sowie den methodischen Aufbau der Arbeit.
2. Das Wannenmodell sozialen Erklärens: Dieses Kapitel stellt das theoretische Modell von Coleman und Esser vor, das als methodische Grundlage dient, um soziale Tatbestände durch individuelle Handlungen zu erklären.
3. Elternschaft im Wandel der Gesellschaft: Hier wird der gesellschaftliche Strukturwandel beleuchtet, der dazu geführt hat, dass Elternschaft für Frauen zunehmend weniger als selbstverständlich wahrgenommen wird.
4. Kinderlose Akademikerinnen – Aktuelle empirische Befunde: Das Kapitel präsentiert statistische Daten, die den Zusammenhang zwischen hohem Bildungsabschluss und Kinderlosigkeit in Deutschland belegen.
5. Kind oder Karriere? Handlungserklärung nach der WET: Der Kernabschnitt überträgt die Wert-Erwartungstheorie auf die Entscheidungssituation von Akademikerinnen und definiert die verschiedenen Parameter für Kosten, Nutzen und Erwartungshaltungen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und diskutiert die Ergebnisse vor dem Hintergrund des individuellen Entscheidungshandelns.
Schlüsselwörter
Akademikerinnen, Kinderlosigkeit, Wert-Erwartungstheorie, Wannenmodell, Rational-Choice, Familiensoziologie, Bildungsniveau, Entscheidungstheorie, Opportunitätskosten, Lebensentwurf, soziale Handlungstheorie, Geschlechterrollen, Fertilität, Mikro-Makro-Verknüpfung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologischen Gründe für die vergleichsweise hohe Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen in Deutschland unter Verwendung der Wert-Erwartungstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themen umfassen den Wandel von Geschlechterrollen und Familienbildern, empirische Geburtenstatistiken sowie die Anwendung handlungstheoretischer Modelle zur Erklärung individueller Lebensentscheidungen.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Phänomen der Kinderlosigkeit bei hochgebildeten Frauen durch die Logik der Selektion innerhalb der Rational-Choice-Theorie verständlich zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird das sogenannte Wannenmodell von Coleman und Esser angewandt, um Brücken zwischen der Makro-Ebene (gesellschaftlicher Wandel) und der Mikro-Ebene (individuelle Handlung) zu schlagen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der systematischen Anwendung der sechs Annahmen der Wert-Erwartungstheorie auf die Alternativen "Kind" oder "Karriere" für Akademikerinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Akademikerinnen, Kinderlosigkeit, Wert-Erwartungstheorie, Rational-Choice und Fertilität.
Warum betrachten Akademikerinnen laut dieser Theorie die Karriere oft als rationellere Entscheidung?
Aufgrund der hohen indirekten Kosten und der hohen Opportunitätskosten bei der Kindererziehung überwiegt bei den Akteuren oft die Erwartung auf einen sicheren Nutzen durch beruflichen Erfolg gegenüber dem unsicheren Nutzen durch Mutterschaft.
Inwiefern beeinflusst der Bildungsgrad die Opportunitätskosten?
Je höher der Bildungsgrad, desto größer sind in der Regel die beruflichen Karrieremöglichkeiten, was bei einer Entscheidung für ein Kind zu einem entsprechend höheren Verlust an Einkommen und Status (Opportunitätskosten) führt.
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- Esther Rumohr (Author), 2014, Kind oder Karriere? Handlungserklärung nach der Wert-Erwartungstheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305233