Kriegserfahrung und Sprache. Aspekte des Ersten Weltkriegs und ihre lyrische Verarbeitung in Stramms Kriegsgedichten


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Interpretationen
Werttod
Patrouille
Angriff
Granaten
Frage

Fazit

Literaturverzeichnis
Quellen
Sekundärliteratur

Einleitung

August Stramms Kriegsgedichte stechen schon aufgrund ihrer formalen Besonderheit aus dem überwiegenden Teil der Weltkriegslyrik hervor: Einwortzeilen, Reduktion von Worten auf den Wortstamm, Neologismenbildung, Verwendung ungewöhnlicher Komposita, Infinitivreihungen sowie weitestgehender Verzicht auf grammatikalische Korrektheit sind nur einige Merkmale seiner Gedichte. Dabei deutet Stramms biografischer Hintergrund zunächst wenig auf seine „eigenwillige Sprachgestaltung“[1] hin.

August Stramm wurde 1874 im westfälischen Münster geboren und war damit deutlich älter als seine expressionistischen Dichterkollegen. Es war jedoch nicht nur Stramms Alter, das ihn von den anderen Expressionisten unterschied; im Gegensatz zu diesen war er fest im bürgerlichen Leben etabliert. 1893 begann er eine Ausbildung bei der Reichspostverwaltung. Dort machte er Karriere und wurde mehrfach befördert. Die Heirat mit Else Krafft, Journalistin und Unterhaltungsschriftstellerin, brachte Stramm in Kontakt mit dem schriftstellerischen Milieu Berlins jener Zeit. In diesem Zeitraum entstanden seine ersten erhaltenen literarischen Arbeiten.[2]

Etwa parallel zu seinem beruflichen Werdegang verlief August Stramms Aufstieg in der militärischen Reserve. Vom Einjährig-Freiwilligendienst über den Leutnantsgrad stieg er 1913 zum Hauptmann auf, der höchsten Stellung eines Reserveoffiziers. 1914 stellte ein einschneidendes Jahr in Stramms Biografie dar. Im Frühling jenes Jahres machte er Bekanntschaft mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der expressionistischen Kunst- und Kulturzeitschrift „Der Sturm“. Walden erkannte schnell das Neue in Stramms Stil und veröffentlichte bald darauf erste Gedichte von ihm. Zwischen beiden sowie zu Waldens junger schwedischer Frau Nelly entwickelte sich rasch eine herzliche Freundschaft, von der ein reger Briefwechsel zeugt.[3]

Mit Beginn des Krieges wurde Stramm umgehend eingezogen. Er nahm zunächst als Kompanieführer im Elsass an Patrouillenritten und Gefechten teil, ehe ihm ab November 1914 kurzfristig eine ruhigere Zeit als Gerichtsoffizier beschieden war. Im Januar 1915 rückte Stramm als Kompanieführer wieder an die Front, diesmal kämpfte er an der Somme. Von dort wurde er im Frühjahr an die Ostfront versetzt, wo die Oberste Heeresleitung eine Offensive plante. Am 1. September 1915 fiel Stramm bei Kämpfen am Bug bei Horodec im heutigen Weißrussland.[4]

Nachdem Walden bereits einzelne Kriegsgedichte Stramms zwischen Januar und September 1915 im „Sturm“ abgedruckt hatte, erschien die ebenfalls von Walden zusammengestellte Kriegslyriksammlung „Tropfblut“ posthum in Buchform 1919.[5] Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Stramms Lyrik setzte nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein. Die ersten Arbeiten beschäftigten sich überwiegend mit den formalen Besonderheiten seiner Gedichte, weniger mit thematischen Aspekten. Die Kriegslyrik wurde nicht oder lediglich am Rande behandelt. Ein Vorreiter auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit Stramms Kriegsgedichten war Elmar Bozetti, der in seiner Dissertation von 1961 die Kriegsgedichte auf die vorausgehende Lyrik Stramms in das Gesamtwerk des Dichters einordnete. Weitere Arbeiten zum Thema verfassten Hermann Korte, der englische Germanist Jeremy Adler sowie Georg-Philipp Rehage, der sich Stramms Kriegslyrik komparatistisch nähert.[6]

Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema – neben dem Tod Stramms, der mitunter als „fahrlässiger Selbstmord“ gedeutet wird[7] – in der Forschung stellt die Chronologie seiner Gedichte dar. Unsicherheiten bei der Zuordnung ergeben sich aufgrund der Tatsache, dass Walden die Gedichte nicht chronologisch im Sturm veröffentlichte. Nach Stramms Tod war dann ohnehin nicht mehr klar nachvollziehbar, wann er welches Gedicht geschrieben hatte. Jeremy Adler wagt eine Einteilung, aus der hervorgeht, dass Stramm den Großteil seiner Kriegsgedichte (15) während seiner Zeit im Elsass schrieb, neun weitere an der Somme und sieben Gedichte an der Ostfront verfasste.[8] Aufgrund der verschiedenen Einsatzformen (Etappe, Stellungskrieg, Bewegungskrieg) Stramms im Krieg und der damit zusammenhängenden zur Verfügung stehenden Zeit, überhaupt Gedichte schreiben zu können, erscheint diese Aufteilung überzeugend.

In meiner vorliegenden Arbeit werde ich der Frage nachgehen, inwieweit Stramms Kriegserlebnisse sich auf seine Lyrik ausgewirkt haben. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kriegserfahrung und Sprache Stramms? Auf welche thematische Weise nähert sich der Autor dem Krieg? Und welche historischen Hintergründe des Krieges finden sich in seinem Werk wieder?

Diese Fragen möchte ich anhand von fünf repräsentativen Gedichten untersuchen: „Werttod“ (Elsass), „Patrouille“ (Elsass), „Angriff“ (Somme), „Granaten“(Somme) und „Frage“(Ostfront). Mir war es bei meiner Auswahl wichtig, die drei verschiedenen Kriegsschauplätze Stramms exemplarisch abzudecken; zum einen, um zu untersuchen, ob es eine Entwicklung bei Stramms Sichtweise auf den Krieg gibt, zum anderen, um die verschiedenen Aspekte des Kriegsgeschehens und dessen literarische Verarbeitung bei August Stramm zu analysieren.

Bei meiner Arbeit werde ich so vorgehen, dass ich zunächst die einzelnen Gedichte jeweils für sich auf Form und Inhalt interpretiere, um im Fazit einen Vergleich zwischen den ausgesuchten Werken zu ziehen, typische Merkmale in Stramms Werk herauszustellen und seine Gedichte in den Zusammenhang zum Kriegsgeschehen zu setzen.[9]

Interpretationen

Werttod

Fluchen hüllt die Erde
Wehe schellt den Stab
Morde keimen Werde
Liebe klaffen Grab
Niemals bären Ende
Immer zeugen Jetzt.
Wahnsinn wäscht die Hände
Ewig
Unverletzt.

Das Gedicht „Werttod“ stellt eine Besonderheit in Stramms Œuvre dar. Es ist das einzige Reimgedicht des Autors in der Anthologie „Tropfblut“. Kreuzreime, dreihebige Trochäen sowie alternierend männliche und weibliche Kadenzen bilden eine regelmäßige Struktur des Gedichtes, auf die Stramm ansonsten verzichtet. Typisch für Stramms Lyrik sind hingegen die reduzierte Sprache sowie zahlreiche Neologismen, bzw. verkürzte Verformen wie etwa „hüllt“ (V.1) statt umhüllt oder „bären“ (V.5) statt gebären. Diese „Wortamputationen“ wecken Analogieschlüsse zu den durch den Krieg verursachten Verstümmelungen. Stramm eliminiert die Wörter nicht vollständig, deformiert sie aber so weit, dass sich dem Leser nicht sofort erschließt, was gemeint ist.

„Werttod“ beginnt mit einer Beschreibung des im Krieg verursachten Leids. Die Erde ist umhüllt von Fluchen. Hier ist das Fluchen der Soldaten, aber auch das akustische Fluchen (Abschüsse und Einschläge) der Artillerie vorstellbar. Ferner zerbricht der Krieg den Stab; Stramm meint damit vermutlich den (Wert-)Maßstab humanen Handelns. Die Verse 1 und 2 sowie Vers 7 bilden nicht nur inhaltlich eine Zusammengehörigkeit, sondern auch vom Satzbau. Sie sind parallel nach dem Schema Subjekt – Prädikat – Objekt gestaltet – auch dies eher untypisch für Stramms Lyrik – und bilden eine Art „Negativ-Zusammenhang“.[10]

Nach der Beschreibung des Leids widmet sich Stramm in den Versen 3-6 dem Kreislauf des Lebens. Er nähert sich dem Motiv allerdings vom Ende her; in „Werttod“ keimt zunächst der Mord, ehe gezeugt wird. Die Dynamik dieses Prozesses wird durch Oxymora verstärkt. „Morde“ und „Werde“ stehen ebenso wie „Liebe und Grab“ einander antagonistisch gegenüber, desgleichen die Verben „keimen“ und „klaffen“. Hier hat der Autor wohlmöglich an Wunden der Soldaten oder an die Erde, die durch Granateinschläge und das weit verzweigte Grabensystem auseinanderklafft, gedacht. Wie eng Tod und Leben im Krieg beieinander liegen, wird in diesen Zeilen deutlich.

Die Verse 5 und 6 vermitteln einen beinahe optimistischen Eindruck. Trotz des allumfassenden Leids kommt das Gebären nie zum Stillstand, denn gezeugt wird immer. Im Gegensatz zu den vorherigen Versen verstärken die Worte nun einander: „Niemals – Ende“, „Immer – Jetzt“. Die beiden Verben in Mittelstellung, „bären“ und „zeugen“ beschreiben die beiden Elemente des Entstehungsprozesses vom Leben und verweisen auf das weibliche (gebären) und das männliche (zeugen) Zusammenspiel, das neues Leben ermöglicht. In diesem Sinne lassen sich auch die alternierenden Kadenzen interpretieren. Die Vorstellung, dass jeder Tod, selbst der massenhafte im industriellen Krieg, den Keim neuen Lebens in sich trägt, entstehendes Leben aber wiederum dem Grab geweiht ist, kommt hier zum Ausdruck.[11]

Die Kernaussage von „Werttod“ zu benennen, ist schwierig. Eine eindeutige Botschaft gibt es nicht, vielmehr zwei auseinanderstrebende Interpretationslinien: Auf der einen Seite diejenige, die den Wahnsinn des Krieges verantwortlich für den „Werttod“ macht; auf der anderen Seite diejenige, die trotz des allgegenwärtigen Sterbens auf dem Schlachtfeld das gewaltsame Töten im Krieg als Teil des Kreislauf des Lebens anerkennt und nicht verzweifelt, da stets neues Leben gezeugt wird.[12]

Dieser Widerspruch löst sich auch in den Versen 7-9 nicht auf, wird darin vielmehr noch verstärkt. Der ewige Wahnsinn wäscht sich die Hände – in Unschuld, wie Pontius Pilatus[13] –, nichts kann ihm etwas anhaben oder ihm ein Ende bereiten. Dies ist eine mögliche Lesart. Das Ende des Gedichts lässt sich aber auch anders deuten. Das „Ewig[e]“, also das Fortbestehen des Lebens, bleibt trotz des Verlustes aller Werte „Unverletzt“. Der Syntax von „Werttod“ spricht für diese Interpretation: Durch den bewussten Formbruch in den letzten Versen erhält das „Ewig“ durch seine Einzelstellung zusätzliches Gewicht; gleichzeitig rückt Vers 5 semantisch in den Mittelpunkt des Gedichts. Es sind ausgerechnet die Worte, die den deutlichsten Ausdruck des unendlichen Lebenskreislaufs bieten.[14]

Eine Affirmation der bejahenden zugunsten der desillusionierten Haltung ist in „Werttod“ dennoch nicht eindeutig. Die „Circle-of-life-Thematik“ im Gedicht lässt sich sogar noch zynischer lesen. Stramm ist sich des allgegenwärtigen Sterbens bewusst und erkennt in dem neu entstehenden Leben lediglich die Züchtung neuer Rekruten, die die gefallenen Soldaten eines Tages an der Front ersetzen sollen. Dafür spricht auch die Pilatus-Metaphorik: Unschuldiges Leben wird wider besseren Wissens zum Tode verurteilt.

Dass Stramm erschüttert ist von der Aushöhlung aller Werte im Krieg, wird in seinen Briefen an Herbert und Nelly Walden deutlich. Stramm erkennt den „Werttod“ auch an sich selbst. Der Selbstmord eines französischen Angeklagten verschafft Stramm, zu jener Zeit als Gerichtsoffizier im Elsass tätig, unverhofft einen freien Tag. Er kommentiert dies folgendermaßen: „So wird man Egoist. Es lässt alles so kalt, erschreckend kalt! Aber man erschreckt nicht mehr. Rohheit oder Selbstschutz? Beides aus einem in einem! Werttod!“ [15]

Von allen Kriegsgedichten hat man in „Werttod“ am ehesten einen kritischen Unterton hineingedeutet. Jeremy Adler erkennt in dem Werk gar „eine vernichtende Kritik der Kriegsführer“[16], was Vock allerdings anders sieht. Ihrer Meinung nach „scheint die Annahme äußerst abwegig, dass ein Soldat […] bereits im Dezember 1914 zu der Ansicht gekommen sein könnte, ideologische Verblendung und Kriegsgewinnlertum seien die Hauptantriebe für den Krieg.“[17] Dies erscheint mir durchaus plausibel. Enttäuschungen über die Fronterfahrungen und den Verlauf des Krieges bis zum Winter 1914 finden sich in vielen Zeugnissen von Frontsoldaten, doch politische Schlussfolgerungen oder eine Herrschaftskritik bilden zu diesem frühen Zeitpunkt des 1. Weltkriegs noch Ausnahmen.[18]

Patrouille

Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.[19]

[...]


[1] Zitiert: Andreas Kramer, „Alles so widersprüchig“. Kriegserlebnis und Sprache bei August Stramm. In: Burcu Dogramaci; Friederike Weimar (Hrsg.). Sie starben jung! Künstler und Dichter, Ideen und Ideale vor dem Ersten Weltkrieg. Berlin 2014. S. 96.

[2] Vgl. Petra Jenny Vock, „Der Sturm muss brausen in dieser toten Welt“. Herwarth Waldens Sturm und die Lyriker des Sturm -Kreises in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Kunstprogrammatik und Kriegslyrik einer expressionistischen Zeitschrift im Kontext. Trier 2006. S. 197f.

[3] Siehe: August Stramm, Alles ist Gedicht. Briefe Gedichte Bilder Dokumente. Jeremy Adler (Hrsg.). Zürich 1990.

[4] Vgl. Vock, Sturm muss brausen. S. 199-211.

[5] Siehe: Kristina Mandalka, August Stramm – Sprachskepsis und kosmischer Mystizismus im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Herzberg 1992. S. 185.

[6] Vgl. Vock, Sturm muss brausen. S. 207f.

[7] Siehe: Jeremy Adler, „Kämpfen, Wirren, Stürmen“. Bemerkungen zu Stramms Biographie im Kriege und zur Entstehung seiner Werke. In: Lothar Jordan (Hrsg.), August Stramm. Beiträge zu Leben, Werk und Wirkung. Bielefeld 1995. S. 42f.

[8] Siehe: ebd. S. 9-11.

[9] Aus: August Stramm, Tropfblut. Gedichte aus dem Krieg. Berlin 1988. S. 8.

[10] Vgl. Georg Philipp Rehage, „Wo sind Worte für das Erleben“. Die lyrische Darstellung des Ersten Weltkriegs in der französischen und deutschen Avantgarde. Heidelberg 2003. S. 172.

[11] Vgl. Vock, Sturm muss brausen. S. 242.

[12] Vgl. ebd. S. 243.

[13] Siehe: Adler, Kämpfen. S. 26.

[14] Vgl. Kramer, Widersprüchig. S. 100.

[15] Zitiert: Stramm, Alles ist Gedicht. S. 29.

[16] Zitiert: Adler, Kämpfen. S. 27.

[17] Zitiert: Vock, Sturm muss brausen. S. 242.

[18] Meine geschichtswissenschaftlichen Ausführungen beruhen auf eigenen Aufzeichnungen aus der Vorlesung und dem dazugehörigen Seminar ‚Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive‘ bei Herrn Professor Janz im Wintersemester 2012/13.

[19] Aus: Stramm, Tropfblut. S. 23.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kriegserfahrung und Sprache. Aspekte des Ersten Weltkriegs und ihre lyrische Verarbeitung in Stramms Kriegsgedichten
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V305298
ISBN (eBook)
9783668033726
ISBN (Buch)
9783668033733
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriegserfahrung, sprache, aspekte, ersten, weltkriegs, verarbeitung, stramms, kriegsgedichten
Arbeit zitieren
Christian Stielow (Autor), 2015, Kriegserfahrung und Sprache. Aspekte des Ersten Weltkriegs und ihre lyrische Verarbeitung in Stramms Kriegsgedichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305298

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