Sprachprobleme im Kindesalter. Erhöht eine bilinguale Früherziehung das Risiko einer Sprachretardierung?

Eine Vergleichsstudie an englisch- und deutschsprachigen Vorschulkindern


Hausarbeit, 2015

28 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Spracherwerb im Kleinkindalter
2.1 Dimensionen der Bilingualitat - Ein Definitionsversuch
2.2 Spracherwerbstypen
2.3 Spracherziehungsmethoden im familiaren Kontext

3. Probleme der Sprachentwicklung im Vorschulalter
3.1 Allgemeine Sprachprobleme
3.2 Spezifische Sprachprobleme bilingualer Kinder

4. Methode

5. Der Sprachtest
5.1 Entwicklung und Intention
5.2 Auswertung

6. Durchfuhrung/Vorgehen

7. Ergebnisse

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

10. Abstract

1. Einleitung

Bilingualismus - ein Begriff, der viele Facetten in sich tragt. Ein Begriff, der von unterschiedlichen Definitionsansatzen gepragt ist. Doch was verbirgt sich wirklich dahinter? Ist es wahr, dass zweisprachige Kinder Sprachprobleme besitzen, weil sie mit dem doppelten Spracherwerb schlichtweg uberfordert sind? Die Fragestellung, die den Leitfaden fur die folgende Arbeit liefert, lautet: Erhoht eine bilinguale Fruherziehung das Risiko der Sprachre- tardierung bei Vorschulkindern im Alter von funf bis sechs Jahren?

Um einen Einstieg in das Thema zu finden, soll die erste Halfte der Arbeit eine theoretische Grundlage bilden. Zu Beginn werden bilinguale Spracherwerbstypen sowie Erziehungs- methoden vorgestellt. Im Anschluss erfolgt der konkrete Bezug auf Probleme der Sprachretardierung von Kindern. Sprachprobleme sind besonders im Vorschulalter keine Seltenheit, weswegen fur jene Arbeit nur diejenigen detailliert beschrieben werden, die auch am haufigsten vorkommen. So wird zunachst ein allgemeiner Einblick gewahrleistet, wohingegen die praktische Aufarbeitung sich konkret auf die Fragestellung bezieht und diese uberpruft. Zu diesem Zweck wurden 35 monolignuale deutschsprachige und 33 bilinguale deutsch-englischsprachige Kindern mittels eines eigen entwickelten Sprachtests befragt. Dieser soll sowohl die rezeptiven als auch die produktiven Sprachfahigkeiten der Kinder uberprufen. Der methodische Einblick lasst die Intention hinter den Sprachtests erkennen und bietet einen Uberblick uber die Untersuchungsform sowie die Versuchsplanung. Im nachsten Kapitel wird der Sprachtest im Vordergrund stehen. Es geht darum, nach welchen Vorlagen er entwickelt wurde und nach welchen Kriterien seine Auswertung erfolgte. Weiterhin wird die Durchfuhrung des Tests beschrieben. Von besonderer Wichtigkeit sind dabei raumliche Gege- benheiten, das taktische Vorgehen sowie Probleme, die sich wahrenddessen ergaben. Letzt- endlich werden die Ergebnisse ausgewertet, bevor sie in der Schlussbetrachtung nochmals diskutiert und auf ihre wissenschaftliche Relevanz uberpruft werden.

Die Fragestellung wurde in den letzten Jahren bereits haufig untersucht. Trotzdessen gibt es bis heute keine einheitliche Antwort darauf. Fruhkindliche Zweisprachigkeit ist immer noch durch Mythen belastet. Doch besonders momentan besitzt das Thema eine ausschlaggebende gesellschaftliche Relevanz, weil die Globalisierung aktueller ist als je zuvor. Es gilt als kulturelles Vermogen, sobald eine Person mehrere Sprachen flieBend beherrscht. Mindestens genauso groB ist die Angst, dass das eigene Kind nicht mal den Zugang zu einer Sprache besitzt, zuruckzufuhren auf den Begriff des Semilingualismus. Ist eine bilinguale Erziehung also eher ein Risiko oder doch eine Chance? Da diese Frage bis heute kontrovers diskutiert wird, soll diese Arbeit Klarheit schaffen. Das Ergebnis soil nicht nur den linguistischen Diskurs beleben, es soil auch eine Hilfestellung fur Eltern und Erzieher bieten, die sich mit Bilingualitat beschaftigen.

Alle erwahnten Sprachprobleme werden in dieser Studie unvoreingenommen betrachtet und auf ihre Merkmale untersucht. Zudem ist zu sagen, dass die Begriffe Bilingualitat und Zweisprachigkeit als Synonyme verwendet werden. Das gilt auch fur Monolingualitat und Einsprachigkeit. Eine genaue Definition findet sich im nachsten Kapitel.

2. Spracherwerb im Kleinkindalter

Kein Kind ist von Geburt an bilingual. Dies ist in erster Linie eine Entscheidung, die von den Eltern getroffen wird und dementsprechende ErziehungsmaBnahmen mit sich bringt. Um nun zu verstehen, wie Sprachstorungen entstehen, sollen zunachst die Mechanismen des bilingualen Spracherwerbs in den ersten Lebensjahren des Kindes betrachtet werden. Wie eignet sich das Kind zwei Sprachen an? Welche Spracherwerbstypen werden dabei unter- schieden? Welche Spracherziehungsmethoden gibt es und wie konnen diese am erfolgreichsten umgesetzt werden? Diese Fragen gilt es im Folgenden zu beantworten.

2.1 Dimensionen der Bilingualitat - Ein Definitionsversuch

Der Begriff „Bilingualitat“ steht im Mittelpunkt der Untersuchung. Doch bevor explizit damit gearbeitet wird, soll eine kurze Definition erlautern, mit welchem Verstandnis er in dieser Un­tersuchung zum Einsatz kommt. Die Erlauterungen in der Literatur sind diesbezuglich sehr unterschiedlich. Abdelilah-Bauer fuhrt in ihrer Definition Bloomfield an, welcher Zwei­sprachigkeit als „doppelte Sprachkompetenz, bei der Sprecher zwei Sprachen jeweils so gut wie ein Einsprachiger [beherrschen]“\ bezeichnet. Diese Definition bietet vorerst eine Grundlage, lasst allerdings noch einige Fragen unbeantwortet. Ab wann „beherrscht“ man eine Sprache wie ein Einsprachiger und von wem wird dies anerkannt? Immerhin kann auch das Sprachniveau zwischen einsprachigen Kindern stark differenziert sein. So ist es aber haufig der Fall, dass eine Sprache besser entwickelt und somit dominant ist.[1] [2] Cantone verfeinert die Definition, indem sie externe und interne Faktoren hinzufugt. Zu den externen Einflussen zahlen der sozio-politische Status der Sprachen, die Sprechergemeinde, von welcher das Individuum umgeben ist und die Einstellung gegenuber der Mischung beider Sprachen. Interne Faktoren beinhalten die Sprachbeherrschung, die Interaktion zwischen den Sprachen, den Grad der Formalitat und Vertrautheit sowie die jeweilige grammatische Ent- wicklung.[3] Da ein funf- oder sechsjahriges Kind jedoch noch keine vollstandige sprachliche Kompetenz ausgebildet hat gilt es vor allem, die kindliche Bilingualitat mit Schwerpunkt auf den Spracherwerb zu verinnerlichen. Genesee beschreibt den bilingualen Spracherwerb als simultanen Erwerb von zwei Sprachen innerhalb des Zeitraums der grundlegenden Sprachent- wicklung.[4] Bilingualitat soll in dieser Arbeit nicht als ein Erzeugnis im Endzustand betrachtetet werden, vielmehr geht es um die stetige Weiterentwicklung und Aneignung neuer sprachlicher Eigenschaften. Sie ist ein Ergebnis der Erziehung und der alltaglichen Kommunikation des Kindes mit seinen Eltern, Verwandten, Freunden und Erziehern. Ein bilingualer Sprecher muss im Allgemeinen dazu fahig sein, beide Sprachen im Alltag zu verwenden und sich damit zu verstandigen. Weiterhin findet man die Unterscheidung zwischen simultanem (gleichzeitigem) und sukzessivem (nachfolgendem) Bilingualismus.[5]

2.2 Spracherwerbstypen

Im Folgenden sollen die Spracherwerbstypen des kindlichen Bilingualismus naher betrachtet werden. Einige Kinder werden von Geburt an zweisprachig erzogen, andere lernen eine weitere Sprache erst in der Schule oder auch bereits im Kindergarten. Simultaner Bilingualismus (auch bilingualer Erstspracherwerb) beschreibt jene Kinder, die ab ihrer Ge- burt zwei Sprachen gleichzeitig lernen. Um die regelmaBige Sprachverwendung beider Sprachen zu gewahrleisten, gibt es verschiedene Erziehungsmethoden.[6] Hingegen alter Vorurteile sind Sauglinge durch den Input zweier Sprachen nicht uberfordert. Sie besitzen die kognitive Auspragung, um sich diese parallel zueinander anzueignen, sie zu unterscheiden und zu speichern. Im Alter von 8 bis 12 Monaten sind bilinguale Kinder meist in der Lage, ihr erster Wort in beiden Sprachen zu bilden.[7] Sukzessiver Bilingualismus wird durch die Situation beschrieben, wenn ein Kind im Elternhaus eine Sprache lernt und beispielsweise im Kindergarten eine zweite. Der Unterschied zwischen den Erwerbstypen scheint auf den ersten Blick nicht eindeutig, man konnte als Grenze allerdings das Alter bestimmen. Sukzessiver Bi­lingualismus setzt namlich erst ab dem zweiten, typischerweise oftmals ab dem dritten Lebensjahr ein. Ein Beispiel dafur bilden Kinder mit Migrationshintergrund, die erst im Alter von drei Jahren beginnen, Deutsch im Kindergarten zu lernen. Eltern werde oft der Rat erteilt, sukzessiv vorzugehen, damit das Risiko eines Semilingualismus (auch: Halbsprachigkeit) ver- hindert werde.[8] Der spate sukzessive Bilingualismus bei Jugendlichen ist bezuglich der

Fragestellung nicht von Relevanz und wird daher nicht genauer thematisiert. Generell beginnt der Lernprozess meistens wahrend der Pubertat.

Basierend auf diesen Daten konnte man einen Vergleich beider Erwerbstypen anstreben. Semilinguale Kinder beherrschen keine der Sprachen ausreichend. Dieser Zustand mochte von Elternteilen vermieden werden. Ab wann ist es also von Vorteil, seinem Kind eine weitere Sprache beizubringen?

Ein positiver Aspekt des sukzessiven Bilingualismus ist die vorlaufige Gewohnung an nur eine Sprache. Man konnte denken, dass das Kind genug Zeit zur Sprachaneignung hat und die Muster der ersten Sprache auf die zweite ubertragen wird. Abhangig von der Erziehungsmethode bestunde dennoch die Gefahr, dass die Lerneinrichtung keine Grundlage zur kompletten Sprachaneignung bietet, solange das Kind im Elternhaus mit seiner Erstsprache konfrontiert wird. Fur den simultanen Bilingualismus spricht, dass das Kind sich fruh mit beiden Sprachen auseinandersetzt, einen groBen Wortschatz ausbildet und folglich auch eine starke kognitive Differenzierung zwischen ihnen. Ein haufiges Vorurteil gegenuber diesem Erwerbstyp ist, dass man das Kind eventuell uberfordert sieht. Um den Mythos zu erforschen, soll nun die kognitive Aufteilung und Organisation des Sauglings im Vordergrund stehen.

Baker trifft die Aussage, dass Sauglinge bestimmte Eigenschaften besitzen, damit der zwei- sprachige Erwerb moglich wird. Sie mussen zwischen den beiden Sprachen differenzieren und sie kognitiv abspeichern konnen. Das gelte fur den Input (verstehen) als auch fur den Output (sprechen).[9] Eine lange Zeit wurde von Linguisten und Neurobiologen angenommen, dass simultan zweisprachige Kinder ein einzelnes Sprachsystem besitzen. Folglich wurde ihre kognitive Pragung sich nicht von der eines einsprachigen Kindes unterscheiden. Volterra und Taeschner (1978) entwickelten im Gegensatz dazu das Drei-Phasen-Modell. In der ersten Phase besaBe das Kind nur einen Speicher, welcher Worter beider Sprachen enthalte. Die zweite Phase sei durch die Differenzierung der Lexika gekennzeichnet, jedoch wende das Kind zu diesem Zeitpunkt noch die gleichen syntaktischen Regeln auf beide Sprachen an. In der letzten Phase spreche das Kind beide Sprachen unter Anwendung der jeweiligen Wort- und Syntaxregeln.[10] Die Hypothese sagt jedoch wahrscheinlich mehr daruber aus, wie sich eine Sprache entwickelt und weniger zur kognitiven Organisation. Auch die Three-Store- Hypothesis von Paradis sollte passend dazu in Betracht gezogen werden. Laut dieser wurden lexikalisch-semantische Komponenten beider Sprachen mit einem konzeptual-bildlichen Speicher im Gehirn verbunden sein.[11] Eine kognitive Einteilung in zwei seperate lexikalisch- semantische Speicher ware moglich. Dementsprechend wurden einsprachige Kinder uber jeweils einen Sprach- sowie einen Konzeptspeicher verfugen.

Sauglinge, die von Geburt an mit zwei Sprachen konfrontiert werden, zeigen wahrend ihrer Lallphase (mit 10-12 Monaten) unterschiedliche Verhaltensweisen bei der Lautproduktion. Sie tendieren eher dazu, in ihrer starken Sprache zu lallen. AuBerdem besitzen beide Sprache spezifische Eigenschaften, wodurch man sie bei der LautauBerung voneinander differenzieren kann. Diese Muster tauchen zumeist sogar schon vor dem ersten Geburtstag des Kindes auf.[12] Wie Sauglinge auf bestimmte Stimmen und Sprachen reagieren, kann mittels der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) sichtbar gemacht werden. Dadurch werden die Durchblutungsaktivitaten des Gehirns angezeigt. Je hoher diese sind, desto aktiver „arbeitet“ das Gehirn. Abdelilah-Bauer hat sich unter anderem mit Untersuchungsergebnissen der fMRT-Methode beschaftigt. Bei der Durchfuhrung mit Erwachsenen fand man heraus, dass eine spat erworbene Zweitsprache nicht in der Broca- und Wernicke-Region der linken Gehirnhalfte angesiedelt ist. Die aktiven Regionen im Gehirn unterschieden sich sogar von Individuum zu Individuum. Erwachsene, die beide Sprachen vor der Vollendung des sechsten Lebensjahres erworben haben, verarbeiten diese anscheinend in demselben Hirnareal.[13] Ob dadurch eine Vermischung der Sprachen stattfindet, wird im Kapitel 3.2 geklart. Die Untersuchungen der Gehirnaktivitaten bei Sauglingen sprechen gegen die nativistische Spracherwerbstheorie, die grundlegend von Chomsky gepragt wurde. Ihre Kernaussage ist, dass es universelle sprachliche Strukturen gibt, die angeboren sind und die im Prozess des Spracherwerbs fur eine konkrete Einzelsprache aktiviert werden.[14] Da nun jedoch Aktivitaten in verschiedenen Arealen des Gehirn festgestellt wurden, konnte man auf den Spracherwerb durch Verhaltensformung im Sinne des Behaviorismus schlieBen.

2.3 Spracherziehungsmethoden im familiaren Kontext

Fur die bilinguale Erziehung im Kindesalter sind trotz jeglicher biologischer Gegebenheiten des Kindes zunachst einmal die Eltern verantwortlich. Sie treffen die Entscheidung einer Erziehung- maBnahme, die das weitere Leben ihres Sauglings maBgebend beeinflussen wird. Verschiedene Methoden der Erziehung werden in diesem Kapitel vorgestellt und miteinander verglichen.

Eine der gangigsten Methoden zur simultan-zweisprachigen Erziehung ist das Prinzip une personne/une langue, bei dem die Eltern mit dem Kind von Geburt an in ihrer Muttersprache kommunizieren.[15] Es wird eine funktionale Trennung der Sprachen nach Bezugsperson vorge- nommen. Bezogen auf diese Arbeit konnte man sagen, dass also entweder die Mutter deutsch und der Vater englisch mit den Kindern spricht, oder umgekehrt. Eine Sprache ist dabei dominant, zumeist aufgrund der Wohnsituation der Familie. Lebt sie beispielweise in Deutschland, so fungiert deutsch auch als dominante Sprache. Des Weiteren gilt es den Be- griff Familiensprache zu klaren. Damit gemeint ist die Sprache, die im ganzen Familienkreis bei allgemeinen Gesprachen verwendet wird. Die Umgebungssprache hingegen bezeichnen Kielhofer und Jonekeit als Sprache des Landes, in dem die Kinder aufwachsen. Sie wird im sozialen Kontext in der Schule, in offentlichen Einrichtungen und mit Freunden gesprochen und ist deswegen in den meisten Fallen die starke Sprache.[16] Die une personne/une langue- Methode bietet den Vorteil, dass jede Sprache eine klare Funktion erhalt. Das Kind weiB, wann es mit wem auf welche Art und Weise sprechen muss. Mahlstedt sieht auBerdem die Sprecherkompetenz der Eltern als positiven Aspekt, weil sie in der Lage sind, eine affektive Bindung an ihre Sprache zu vermitteln.[17] [18] Die Methode erfreut sich vorrangig an groBer Beliebtheit, weil viele Eltern eine starke emotionale Bindung zu ihrer Muttersprache besitzen. Allerdings ergeben sich auch Nachteile, beziehungsweise ungeklarte Fragen. Wie agieren die Kinder, wenn sie auf sowohl deutsche als auch englische Freunde ihrer Eltern treffen? Wie verhalten sie sich, wenn die eigenen Freunde zu Besuch kommen, welche jedoch ein Elternteil und dessen Anweisungen und Fragen nicht verstehen? In dieser Situation kann sich eine deutsch-englische Mischsprache18 bilden. Die Sprachverteilungsordnung konnte nicht eingehalten werden. Es ist wichtig, dass die Eltern ihre Erziehung trotz aller Hindernisse konsequent durchsetzen. Das Risiko einer Sprachstorung ist sonst signifikant hoher.

Eine weitere Methode tragt die Bezeichnung Familiensprache versus Umgebungssprache. Sie folgt dem Vorsatz, dass die Eltern mit dem Kind und untereinander die gleiche Sprache sprechen, welche sich allerdings von der Umgebungssprache unterscheidet. Hullmann merkt an, dass dieses Prinzip nicht immer als simultane bilinguale Erziehung gelten muss. Haben die Kinder zum Beispiel bis zum Eintritt in den Kindergarten wenig Kontakt zur Umgebungs­sprache, handle es sich um eine sukzessive Zweisprachigkeit.[19] Ein Vorteil an dieser Variante ist, dass beide Sprachen relativ ausgeglichen gelernt werden. In den ersten Lebensjahren des Kindes fungiert die Familiensprache klar als starke Sprache. Im Kindergarten und in der Schule wird die Umgebungssprache dann auch intensiv genutzt. Nachteilig ist, dass das Kind von Geburt an einen Bezug zur Umgebungssprache benotigt, sonst ist keine Simultanitat des Spracherwerbs moglich und das Erlernen der Umgebungssprache stellt sich als Schwierigkeit dar.

Auch das Ortsprinzip ist eine gangige Variante der Spracherziehung. Es besagt, dass sich die Familiensprache einer der Umgebungssprachen anpasst. Vorausgesetzt wird, dass zwei Umgebungssprachen regelmaBig verfugbar sind.[20] Leider bildet dieser Umstand bereits eine deutliche Schwache des Prinzips, denn ein standiger Ortswechsel ist wohl nur bei den wenigsten Familien moglich. AuBerdem sollten beide Elternteile beide Sprachen gleich gut beherrschen, um sie dementsprechend an ihre Kinder weitergeben zu konnen. Ohne Beruck- sichtigung dieser auBeren Faktoren scheint die Methode sehr vielversprechend. Der positiven Aspekt soll unter Bezugnahme von Paradis erlautert werden, dessen Three-Store-Hypothesis bereits im Kapitel 2.2 erwahnt wurde. Beim Erlernen zweier aquivalenter Worter in deutsch und englisch ist dem Sprecher eventuell nicht bewusst, dass sie zwar auf lexikalischer Ebene kongruent sind, allerdings in den zwei Kulturen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Brot und bread bezeichnen beide ein Geback. Dass im britischen Kulturraum damit eventuell ein WeiBbrot assoziiert wird und in Deutschland vielleicht eher ein dunkles Mischbrot, weiB der Lerner nicht sofort. Die leicht unterschiedlichen Konzepte beider Begriffe werden durch die eigene Erfahrung erst deutlich. Probleme solcher Art konnen durch das Ortsprinzip minimiert werden. Naturlich wissen die Kinder auch, welche Sprache sie wann verwenden mussen. Mischsprachen oder Code-Switching kommen seltener vor.

Letztendlich soll der Sprachmix vorgestellt werden. Die Besonderheit besteht darin, dass die funktionale Trennung der Sprachen, so wie bei den vorherigen Methoden, wegfallt. Das muss nicht unbedingt eine negative Auswirkung auf die Sprachentwicklung des Kindes haben. Werden in der Familie beide Sprache intra-sentential gesmischt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind sie nicht auseinanderhalten kann und so eine familieneigene Mischsprache entsteht.[21] Ein bewusstes Code-Switching hingegen fordert sogar den Wortschatz des Kindes.

Welche Methode am besten geeignet ist, hangt letztendlich von den Eltern und deren Einstellung ab. Das Ortsprinzip hat gezeigt, dass auch externe Faktoren eine entscheidende Rolle fur den bilingualen Spracherwerb spielen. Die Lebensumstande einer Familie sind dies- bezuglich ausschlaggebend und sollten individuell ausgehandelt werden. Eine personliche Praferenz liegt beim une personne/une langue Prinzip. Dort ist die funktionale Trennung beider Sprachen am deutlichsten ausgepragt, eine Sprachretardierung somit unwahrscheinlich.

[...]


[1] Abdelilah-Bauer, B. (2008: 29).

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Genesee (1989:162) nach Cantone, K. F. (2007: 2).

[5] Vgl. Muller/Kupisch et al. (2006:17) nach Hullmann, B. (2010: 19).

[6] Siehe Punkt 2.3

[7] Vgl. Genesee (2003) nach Baker, C. (2011: 95).

[8] Hullmann, B. (2010: 20).

[9] Baker, C. (2011: 95).

[10] Taeschner, T., Volterra, V. (1978: 312) nach Koppe, R. (1997: 61).

[11] Paradis, M. (2004: 197).

[12] Baker, C. (2011: 96).

[13] Abdelilah-Bauer, B. (2008: 40).

[14] GrieBhaber, W. (2010: 15).

[15] Kielhofer, B.; Jonekeit, S. (1983: 25).

[16] Kielhofer, B.; Jonekeit, S. (1983: 22).

[17] Mahlstedt, S. (1996: 60).

[18] Kielhofer, B.; Jonekeit, S. (1983: 37).

[19] Baker, C. (2011: 100).

[20] Hullmann, B. (2010: 92).

[21] Hullmann, B. (2010: 94).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Sprachprobleme im Kindesalter. Erhöht eine bilinguale Früherziehung das Risiko einer Sprachretardierung?
Untertitel
Eine Vergleichsstudie an englisch- und deutschsprachigen Vorschulkindern
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V305453
ISBN (eBook)
9783668095700
ISBN (Buch)
9783668095717
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachprobleme, kindesalter, erhöht, früherziehung, risiko, sprachretardierung, eine, vergleichsstudie, vorschulkindern
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Sprachprobleme im Kindesalter. Erhöht eine bilinguale Früherziehung das Risiko einer Sprachretardierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305453

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