"Nackt und zerfleischt" von Ruggero Deodato. Medienethik und -skepsis dokumentieren?


Rezension / Literaturbericht, 2012

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

α) Kleines Vorwort

„Der“ Kannibale wird zum Objekt

Ähnlich wie im Dokumentarfilm[1], einem Filmgenre bei dem die Grenzen zwischen Inszenierung, Nachträglichkeit und „reiner“ Speicherung von ablaufender Realität verfließen können, verhält es sich schwer zu sagen, was Deodatos Film ist, welchem Genre er sich demnach zuordnen lässt. Leichter hingegen ist es zu sagen, was er nicht ist: Deodatos berühmtes Werk ist kein Film über Kannibalen bzw. (typischer) Kannibalenfilm, was das Genre betrifft[2]. Er ist aber auch kein Horror oder Splatterfilm (obwohl er in erster Linie wegen der Ausstellung und Darstellung von Gewalt auf dem Index gelandet ist). Genau so wenig ist er ein Dokumentarfilm oder eine ethnologische Studie: Nackt und zerfleischt bzw. Cannibal Holocaust[3] so der Originaltitel ­– ist ein Film über Medialität und damit über die Medien selbst. Besser gesagt, ein kritischer Film über den Umgang mit Medien, die Wirkung dessen, Medienethik und so auch schließlich über die Glaubwürdigkeit der visuellen „Speicherung“ und Dokumentierung. Hierbei bedient er sich aber aus diesen Genres und somit der genretypischen Stilmittel, vor allem die der Dokumentation. Gerade infolgedessen ist es spannend den Film auf seine „Dokumentierung“ und Bemühung um Authentizität zu untersuchen. So wie bei The Blair Witch Project[4] bekommt das Publikum eine fiktive Dokumentation vorgesetzt, was filmwissenschaftlich Mockumentary[5] genannt wird. Keinen glatten und geschnittenen bzw. fertigen Film, sondern das rohe unbearbeitete Material: die Wahrheit. Das Kamerateam ist „verschwunden“ oder besser gesagt verschollen (in beiden Arbeiten). Das Team in Cannibal Holocaust wird gefressen, hingegen beliebt die Gruppe, die Verschollenen, bei The Blair Witch Project am Ende, als Opferung für die Authentizität, abwesend (genau wie die Hexe selbst, jedenfalls legt das kryptische Ende diesen Schluss nahe; Genaueren weiß Niemand).

Die Aufnahmen bekommen eine mediale Funktion und werden dadurch zu Zeugen, genauer gesagt zu Zeitzeugen und geben somit ein Stückchen „objektive“ Realität wieder, und somit die letzten Wochen und Stunden der Verschwunden. Sie verbleiben als einzige Möglichkeit einer Rekonstruktion dessen, was tatsächlich passiert ist bzw. passiert sein könnte. In beiden Fällen ist das Material die einzige verbleibende Spur auf Existenz (wenn man von den Knochen absieht, die Blair-witcher jedenfalls bleiben unauffindbar). Aber ist das auch wirklich so? Handelt es sich um echte, authentische oder manipulierte Bilder? Wurde Vorgefundenes festgehalten oder inszeniert? Schließlich soll man seinen Augen nicht trauen und schon gar nicht den visuellen Medien.

β) Rezension

Das Objekt wird zum kannibalischen Subjekt

Das Kannibalen-(Ur-)Motiv zieht sich von Anfang an durch die literarischen und postalischen Medien. Seinen Höhepunkt aber erreicht es mit Mondo Cannibale[6] von 1972 (auch wenn der Ursprung dieser Exploitationfilme, also Filme, die besonderen Wert auf rohe Gewalt und Ausbeutung legen, schon in den 60er ankert). Doch vielleicht steckt schon allein im dem Begriff „Exploitationfilm“, von to exploit (ausbeuten), ein wichtiger Verweis darauf, um was es wirklich geht: Um Konsum und Ethik bzw. um die Evaluieren von dieser immerhin noch immer konsumierbaren – schließlich wurde und wird sie ja angesehen – „Gewalt“ in gleichzeitiger Selbstreflexivität bzw. mit Verweis auf die eigene Medialität.

Mit Nackt und zerfleischt zeichnet sich allerdings etwas ab – eine Wendepunkt –, das genau unter die Lupe genommen werden kann: Anfang der 80er fängt das Konstrukt des kannibalischen und primitiven Monsters mit dem Knochen im Haar an zu bröckeln und dies hängt bei Deodato nicht nur mit der narrativen Ebene zusammen: Tatsächlich gibt Cannibal Holocaust vor eine Mischform aus Kannibalenfilm und Dokumentation zu sein, da er in zwei Teile geteilt ist. Diese so realistisch anmutenden Bilder sollen bewusst etwas suggerieren: Vorgetäuschte Authentizität – ein Topos der Zeit, und dies tun sie auch noch heute wirkungsvoll[7], doch die Entlarvung geht so weit, dass sich die Bilder ins „eigene Fleisch“ schneiden, sich selbst entlarven. Doch zunächst zum Inhalt.

Der Film beginnt mit einem Prolog oder einer Einführung, bestehend aus Reportage Schnipseln, die suggerieren sollen, dass obwohl die Wissenschaft schon „sehr weit“ gekommen ist, es noch immer eine „eigene Fremde“ geben soll, eine unerforschte Fremde auf der „eigenen Welt“, die gerade mal (mit dem Flugzeug) „einen Katzensprung“ entfernt ist. Im ersten, relativ unspektakulären Teil dann, dem eigentlichen Film, sehen wir, wie der Anthropologe (Harold Monroe) sich in den Urwald (Amazonas) aufmacht, um herauszufinden, warum sein Filmteam (Alan Yates, Tina Daniels, Jack und Mark), welches als verschollen gilt, sich nicht meldet.

Wobei es schon fast auf der Hand liegt, was passiert sein könnte: Denn auch ihre Vorgänger sind bei einer ähnlichen Expedition „verschollen“, jedenfalls noch nicht zurückgekehrt – was noch einmal besonders verdeutlicht, wie viel Einsatz und Herzblut, die modernen Filmer bereit sind einzusetzen. Ein erster subtiler Verweis auf Skrupellosigkeit? Denn ebenfalls auf der Hand liegt, dass der eigentliche Auftrag darin besteht, das Filmmaterial zu suchen. Dieses Filmteam wollte ihren Hunger durch einen Dokumentarfilm über einen Kannibalenstamm (Yacumos[8] ) füttern, wurde dabei aber natürlich selbst zum Futter. Der Anthropologe findet aber tatsächlich neben ihren Überresten, auch die Kameraausrüstung, samt Filmmaterial, für diese er einen hohen Preis bezahlt – was schon einmal wichtig zu erwähnen ist, da ich noch darauf zurückkommen werde, denn auch der Wissenschaftler scheint eher anderen Interessen nachzugehen. Er passt sich dem Stamm sogar an und schafft es durch clevere Mittel, das Material, oder besser gesagt die intakte Filmrolle, frei zu kaufen bzw. zu handeln – auch dies ist wichtig zu erwähnen. Hier wird auch neben bei klar, dass es nicht selbst um die Menschen geht, also um die, die die (selbst referenziellen) Bilder produziert haben, sondern um die Bilder selbst, da klar ist, dass sie tot sind und es viel interessanter ist, wie sie zu Tode gekommen sind: Die Dramaturgie besteht nicht in einer Opposition aus rationalem und mystischem/übernatürlichem aufklären einer Identität oder eines Aufenthaltsortes, sondern um die Schau, dem Voyeurismus, dem einseitigen Konsum der Hinterlassenschaft und letztlich um die (ethische) Urteilskraft – soll bzw. muss das Material gezeigt werden oder nicht? Besteht nicht eine gesellschaftliche Pflicht sich diese Bilder anzusehen, egal wie schrecklich sie sein könnten?

[...]


[1] Eine ausführliche Definition zum Genre „Dokumentarfilm“ findet sich im Internetfilmlexikon der Universität Kiel, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=127, (Stand: 19.09.2015).

[2] Wobei ich hier natürlich erwähnen muss, dass Deodato Kannibalismus (metaphorisch als auch wörtlich) thematisiert und es sich um einen Exploitationfilm handelt.

[3] Ruggero Deodato, Cannibal Holocaust, Italien u. Kolumbien, 1980.

[4] Daniel Myrick u. Eduardo Sánchez, The Blair Witch Projekt, USA, 1998.

[5] Eine Mockumentary ist ein „Pseudo-Dokumentarfilm; von engl.: to mock = verhöhnen, vortäuschen, nachahmen.“ Lexikon der Filmbegriffe, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=5125 (Stand: 19.09.2015).

[6] Umberto Lenzi, Il paese del sesso selvaggio, (dt. Titel: Mondo Cannibale), Italien, 1972.

[7] Angeblich landete Deaodato sogar im Gefängnis, da man ihm (unter anderem) vorwarf, tatsächlich gefilmt zu haben, wie Menschen getötet und vergewaltigt werden.

[8] Hier muss Erwähnungen finden, dass es sich um eine Anspielung auf einen tatsächlich existierenden Kannibalenstamm handelt.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
"Nackt und zerfleischt" von Ruggero Deodato. Medienethik und -skepsis dokumentieren?
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Vorlesung: Dokumentarfilm/e
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
7
Katalognummer
V305518
ISBN (eBook)
9783668033849
ISBN (Buch)
9783668033856
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruggero Deodato, Cannibal Holocaust, Nackt und zerfleischt, Kannibalismus, Gore, Splatter, Dokumentarfilm, Mokumentary, Exploitationfilm, Kannibalenfilm, Mediensatire, Medienskepsis, Grünes Inferno, Ausbeutung, Gewalt, Cinema Verite
Arbeit zitieren
Paul Parszyk (Autor), 2012, "Nackt und zerfleischt" von Ruggero Deodato. Medienethik und -skepsis dokumentieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305518

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