Verlassen, vereinsamt, verstorben. Gahmurets Abschiede von Belakane und Herzeloyde im "Parzival" Wolframs von Eschenbach


Hausarbeit, 2015
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiede zum Perceval von Chrétien de Troyes

3. Die Abschiede des Gahmuret und ihre (fatalen) Folgen
3. 1. Belakane – ein Abschied aus Glaubensgründen?
3.2. Herzeloyde – ein Abschied für die âventiure

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den ersten beiden Büchern des Parzival Wolframs wird dem Rezipienten nicht allein die genealogische Vorgeschichte der späteren Hauptfigur formuliert, vielmehr wird die väterliche Biographie dem Publikum vor Augen geführt. Gahmuret erscheint als mutiger und ebenso sieg- wie ruhmreicher Ritter, aber auch als Mann voller Ambivalenz, welche sich stets im Widerstreit zwischen der Liebe zu seinen Frauen und damit einhergehender Sesshaftigkeit und seiner Rastlosigkeit und Sehnsucht nach neuer âventiure befindet. Letztlich begegnet er als Mann, welcher mehrfach sowohl seine Frauen als auch seine ungeborenen Kinder verlässt, um sich neuen Kämpfen zu stellen, bis er sein Leben auf dem Kampfplatz verliert.

Diese Abschiede von von Belakane und Herzeloyde, waren in den vergangenen Jahrzehnten ein beliebter Forschungsgegenstand1, wobei der Abschied von Belakane einer intensive(re)n Betrachtung unterzogen wurde, häufig in Verbindung mit Fragen nach Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit oder Täuschung, aber auch im Diskurs der zwischen ihr und Gahmuret vorherrschenden Glaubensunterschiede2.

Wenngleich sich der Abschied Gahmurets von Herzeloyde, der Mutter Parzivals, bezüglich seiner Gründe nicht ansatzweise so kompliziert und vielschichtig darstellen mag, erscheint es dennoch ratsam, auch diese Szene des Abschiedes, gerade bezüglich der Darstellung des späteren Todes Gahmurets und der Klage Herzeloydes, einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. 'Abschied' soll in der folgenden Arbeit somit nicht einzig und allein als Trennung bzw. Beendigung des Eheverhältnisses, sondern ebenso als Beendigung der Beziehung durch den Tod verstanden werden.

Die vorliegende Arbeit soll somit, nach einer kurzen Erörterung des Verhältnisses zwischen Wolframs Text und dem Perceval Chrétien de Troyes, veranschaulichen, welche verschiedenen Betrachtungen bezüglich des Abschiedes Gahmurets von Belakane in der Forschung existieren. Zudem soll dargestellt werden, wie es sich mit den Argumenten des Abschiedes bei Herzeloyde verhält und wie der endgültige Abschied, der Tod Gahmurets und die Benachrichtigung Herzeloydes über selbigen, erzählerisch umgesetzt wird. Anschließend sollen beide Abschiede im Sinne eines Fazits zusammengefasst werden.

2. Unterschiede zum Perceval von Chrétien de Troyes

Bereits auf den ersten Blick fällt auf, dass Chrétien de Troyes die Geschichte vom Vater Parzivals in seinem Artusroman nicht behandelt, die Handlung des Romans setzt ein, als Parzival im Wald auf die Ritter trifft, wir befinden uns im dritten Buch des Parzival Wolframs. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass es sich beim Perceval um ein Fragment handelt, Chrétien seinen Roman durchaus weiter konzipiert hatte. Zudem gab es „zwei nachträgliche Prologe und vier Fortsetzungen“3, von denen der sogenannte Bliocadran -Prolog eine mögliche neben vielen französischen Quellen sein könnte, so BUMKE. Allerdings sei sehr unklar, inwiefern Wolfram „[...] die Geschichte Gahmurets aus verschiedenen Motiven der französischen Literatur selber zusammengefügt hat oder […] sich auf eine zusammenhängende französische Quelle stützen konnte.“4

3. Die Abschiede des Gahmuret und ihre (fatalen) Folgen

3. 1. Belakane – ein Abschied aus Glaubensgründen?

Dass es sich beim Abschied Gahmurets von der 'schönen Morin' Belakane um ein zumindest fragwürdiges Verhalten seinerseits handelt, liegt ohne Zweifel auf der Hand. Wie anders mag es erscheinen, wenn sich der edle und vermählte Ritter über Nacht mit einem Schiff auf die Reise nach neuer âventiure begibt, und seiner Frau nichts weiter als einen Brief mit einer Bekundung seines Schmerzes, seiner Trauer und auch seiner Liebe, letztlich aber mit der vermeintlichen Begründung seines Abschiedes hinterlässt? Gahmuret verweist auf die existenten religiösen Unterschiede zwischen ihm und Belakane (sie als Heidin, er als Christ), schließlich erklärt er, dass Belakane, sollte sie bereit sein, sich taufen zu lassen, ihn zurückgewinnen könne (Pz., 56,25/26). Freilich, ein ehrenhafter und würdiger Abschied ist dies nicht. Und doch wäre es, wenngleich einfach, zu oberflächlich, bezeichnete man Gahmurets Abschied und den damit verbundenen Brief samt religiöser Argumentation als eine schlichte Schutzbehauptung.

Im Folgenden sollen zwei Aspekte des Abschiedes genauer untersucht werden: Einerseits die Frage, inwieweit Gahmurets religiöse Argumentation tatsächlich als reine Schutzbehauptung angesehen werden kann oder lediglich einen Teil möglicher Gründe darstellt. Andererseits soll hinterfragt werden, inwiefern es sich seitens des Verlassenden um einen endgültigen oder vielmehr um einen lediglich zeitweiligen Abschied handelt.

Bezüglich der religiösen Argumentation Gahmurets lässt sich sagen, dass eine eine Ehe zwischen Heiden und Christen im Mittelalter unproblematisch erscheint, sofern es zum Glaubenswechsel seitens des Heiden, in diesem Fall Belakane, kommt. SPROEDT schreibt dazu:

Nichts aber ist dem Mittelalter geläufiger und selbstverständlicher, als da[ss] der Christ von seine heidnischen Partner die Konversion verlangt. Wenn an Gahmurets Wunsch, Belakane möge sich taufen lassen, also etwas Auffälliges ist, so ist es gewiss nicht, dass er ihn zur Bedingung für eine feste Verbindung macht, sondern vielmehr, dass er es erst jetzt tut und da[s] er nun ihre Entscheidung gar nicht abwartet, bevor er sie verlässt.5

Es ist also keineswegs der Umstand problematisch, dass religiöse Differenzen thematisiert werden, sondern der Zeitpunkt, an dem es durch Gahmuret getan wird. Gerade diese Problematik wirft die nächste Frage auf, nämlich, inwieweit es andere Gründe für seinen plötzlichen Sinneswandel geben kann, wenn nicht gar geben muss. Eine Antwort, wenngleich keine endgültige, liefert uns Wolframs Text, in dem es heißt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Pz., 54, 17-226 )

Das Sehnen nach Ritterschaft bzw. das Nichtfinden eben solcher kann als weiterer Grund für den Abschied und die Beendigung des Liebesverhältnisses angenommen werden. Gahmuret, welcher sich stets dem Widerstreit zwischen âventiure und mînne ausgesetzt, verspürt den Konflikt ein weiteres Mal aufbrechen. Welche Alternativen bleiben ihm nun? Bleibt er bei seinem wip, verzichtet er auf weitere ritterliche Abenteuer und umgekehrt. WIEGAND formuliert das Dilemma Gahmurets wie folgt:

Trotz der Liebe hat er keine „freude“ (P[z].[,] 54[,]20), keinen hohen muot mehr. Die eheliche Liebe wirkt sich für Gahmuret nicht fruchtbar aus.7

[...]


1 Siehe hierzu: FRITSCH-RÖßLER, Waltraud (1999): Finis Amoris. Ende, Gefährdung und Wandel von Liebe im hochmittelalterlichen deutschen Roman. Tübingen: Narr (Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft, 42).

2 Exemplarisch seien folgende Forschungsbeiträge benannt: HATHEYER Bettina (2004): Gahmuret und Belakâne. Gescheiterte Liebe wegen verschiedener Konfessionen? In: Ulrich Müller und Margarete Springeth (Hg.): Paare und Paarungen. Festschrift für Werner Wunderlich zum 60. Geburtstag. Unter Mitarbeit von Michaela Auer-Müller. Stuttgart: Heinz (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, 420), S. 219–229 SPROEDT, Kriemhild (1964): Gahmuret und Belakane. Verbindung von Heidentum und Christentum in einem menschlichen Schicksal. Dissertation. Universität Hamburg, Hamburg. Philosophische Fakultät.

3 BUMKE, Joachim (2004): Wolfram von Eschenbach. 8. Aufl. Stuttgart: Metzler (Sammlung Metzler, 36), S. 240

4 BUMKE (2004), S. 241

5 SPROEDT (1964), S. 59.

6 Zitiert nach WOLFRAM VON ESCHENBACH (2003): Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann; Übersetzung von Peter Knecht; Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival-Interpretation von Bernd Schirok. 2. Aufl. Berlin [u.a.]: de Gruyter.

7 WIEGAND, Herbert Ernst (1972): Studien zur Minne und Ehe in Wolframs Parzival und Hartmans Artusepik. Berlin, New York: de Gruyter (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker, 49 (173)), S. 255

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Verlassen, vereinsamt, verstorben. Gahmurets Abschiede von Belakane und Herzeloyde im "Parzival" Wolframs von Eschenbach
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Wolframs 'Parzival' im Kontext mittelalterlichen Erzählens
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V305642
ISBN (eBook)
9783668035928
ISBN (Buch)
9783668035935
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parzival, Wolfram, Wolfram von Eschenbach, Gahmuret, Belakane, Herzeloyde, Abschiede, Abschied, Frauenfiguren, Frauen, Witwen, Tod, âventiure, mînne, Ehe, trîuwe, Mediävistik, Ältere Literatur, Chrétien de Troyes, Chrétien, Perceval, Artussaga, Artusroman, Abschiedsbrief, Glaubensunterschiede, Religion., Ritter, Turnier, Klage, Krieg
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2015, Verlassen, vereinsamt, verstorben. Gahmurets Abschiede von Belakane und Herzeloyde im "Parzival" Wolframs von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305642

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