Raymond Queneaus "100.000 Milliarden Gedichte". Enzensbergers Poesieautomat und Queneaus Sonettmaschine


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Queneaus Hunderttausend Milliarden Gedichte – eine oberflächliche Betrachtung

3. Enzensbergers Poesieautomat und Queneaus Sonettmaschine
3.1. Von Papierstreifen und Zufallsgeneratoren – eine äußerliche Gegenüberstellung
3.2. Von Sonetten und Zufallsgedichten – eine innerliche Gegenüberstellung

4. Der Sonettautomat – Versuch einer möglichen Symbiose

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

In unserer heutigen, digitalisierten und automatisierten Zeit, in der Automaten und Maschinen nicht mehr nur dazu dienen, Dinge zu bewegen, zu erstellen, zu entsorgen etc., sondern in der Lage sind, Wörter, Texte, letztlich ganze Romane zu schreiben, mag es beinahe altmodisch erscheinen, sich im Kontext einer Hausarbeit zur Digitalen Poesie mit einem Buch auseinanderzusetzen. Doch darf man bei all der Blicke in die Zukunft, welche durch die öffentlichen Medien entworfen werden1, nicht vergessen, den Blick nach hinten, an den (möglichen) Anfang dieser Digitalen Poesie zu werfen. Wie begann das Erschaffen von Texten mittels mathematischer Techniken wie Aleatorik oder Kombinatorik? Gab es so etwas wie Maschinen im Buchformat, also wortwörtliche TEXTmaschinen? Diese Fragen kann man deutlich bejahen, mehr noch, man muss bei genaue(re)r Beantwortung historisch sogar weiter zurückblicken, als es in der vorliegenden Arbeit getan werden soll2.

Raymond Queneaus Hunderttausend Milliarden Gedichte (im Folgenden HMG) sollen in der folgenden Arbeit als Beispiel dafür dienen, dass es bereits vor Entwicklung der Digitalen Poesie maschinenartige Erzeugnisse gab, welche mittels verschiedener Techniken Texte generiereren konnten, im Falle der HMG Sonette .

Nach einer oberflächlichen Betrachtung von Queneaus Textsammlung (oder Textbaukasten oder Sonettbausatz?) soll eine gegenüberstellende Betrachtung zwischen Queneaus HMG und Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomaten hinsichtlich ihres inneren und äußeren Aufbaus (bzw. der "Hartware" und der "Weichware“3 ) stattfinden. Hierbei soll es darum gehen, Unterschiede, vor allem aber Gemeinsamkeiten beider Textgeneratoren aufzuzeigen und zu bewerten. Letztlich sollen eigene Überlegungen bezüglich einer theoretischen Zusammenkunft resp. Vereinigung beider Beispiele von textgenerierenden Automaten sowie ihrer Konzeption und Realisierungsmöglichkeiten angestellt, also der Blick letztlich wieder in Richtung Zukunft gerichtet werden.

2. Queneaus Hunderttausend Milliarden Gedichte – eine oberflächliche Betrachtung

Raymond Queneaus HMG können zweifelsohne als Gründungsdokument, wenn nicht gar als eine Art Manifest der französischen Oulipo-Bewegung der 60er Jahre angesehen werden. Während das eigentliche Manifest von Queneaus Kollegen François le Lionnais verfasst wurde und erst im Jahre 1962 erschien, wurden die HMG bereits ein Jahr zuvor veröffentlicht – somit erschien eines der bedeutendsten Werke der Oulipo-Bewegung bereits vor Veröffentlichung ihres eigenen Manifests. Man könnte auch sagen, dass das Ergebnis der Anwendung der Regeln, welche sich die Oulipisten bei ihrer Textproduktion auferlegten, erschien, bevor Leser überhaupt das wichtige Regelwerk, das premier manifeste, lesen konnten.4 Doch worum handelt es sich bei diesem literarischen Werk mit diesem doch sehr mathematischen Titel?

Nun, einfach ausgedrückt könnte man sagen, der Name sei Programm, da dieses Werk in der Tat Hunderttausend Milliarden Gedichte, präziser formuliert, Sonette, enthält. Diese schier gigantisch wirkende Menge an Texten entsteht durch das Prinzip der Kombinatorik, welches Queneau in einer eigens für die HMG verfassten Gebrauchsanweisung ebenso prägnant wie amüsant beschreibt:

„Da sich die Dinge nun einmal so verhalten und jeder Vers auf einer Lamelle steht, ist leicht einzusehen, dass der Leser 10 14 verschiedene Möglichkeiten bilden kann, das heißt Hunderttausend Milliarden. Um für die Skeptiker genauer zu sein: mit jedem Vers (zehn an der Zahl) kann man zehn verschiedene zweite Verse in Übereinstimmung bringen; es gibt also hundert verschiedene Kombinationen der beiden ersten Verse; wenn man den dritten hinzufügt, wird es tausend geben, und für die zehn vollständigen Sonette aus vierzehn Versen hat man also das oben genannte Ergebnis.“5

Queneau belässt es jedoch nicht nur dabei, das Zustandekommen der Verse zu beschreiben, sondern gibt auch Aufschluss über einen Aspekt, den man ohne die Erwähnung durch ihn wohl vernachlässigen würde, nämlich wird der Leser (oder Benutzer?) darüber in Kenntnis gesetzt, wie viel Zeit er mit dem Lesen aller Sonette zubringen könnte – eine Zahl, welche ebenso gigantisch wirkt wie die höchstmögliche Anzahl der entstehenden Sonette – Queneau schreibt, dass die Lektüre der Gesamtheit aller möglichen kombinierbaren Sonette einen Zeitraum von ca. zweihundert Millionen Jahren in Anspruch nehmen würde (dabei sei eine vierundzwanzigstündige Lektüre allerdings Voraussetzung).6

Doch womit genau haben wir es als Leser, als Nutzer dieses Buches, dieses textgenerierenden Werkes, eigentlich genau zu tun?

Es handelt sich um eine Sammlung verschiedener Sonette, welche nicht nacheinander auf einander folgende, papierne Seiten abgedruckt wurden, sondern deren Seiten lamellenartig eingeschnitten wurden, sodass die einzelnen vierzehn Verse des Sonettes kombinierbar werden. Daraus ergaben sich für Queneau als geistigen Urheber dieses Sonett-Sammelsuriums mehrere Herausforderungen. Zunächst einmal die Tatsache, dass das Sonett eine formal sehr streng gegliederte Art der Gedichte darstellt, man denke beispielsweise an das stets gleiche Reimschema, welches bei einer kombinatorischen Sammlung von Sonetten beibehalten werden muss – in Queneaus Fall handelt es sich um das Reimschema abab / abab / ccd / eed. Auch grammatisch erwiesen sich die HMG für ihren geistigen Urheber als eine wahre Schwierigkeit, denn „[d]ie grammatikalische Struktur schließlich musste die gleiche sein und unveränderlich bleiben für jede Versvertauschung. […] Ich habe ebenfalls darauf geachtet, da[ss] es in den verschiedenen Sonetten von einem Vers zum anderen keine Unstimmigkeit gab vom Weiblichen zum Männlichen oder von der Einzahl zur Mehrzahl.“7 Es wird also deutlich, dass es Queneau keinesfalls darum ging, ohne große Anstrengungen eine größtmögliche Anzahl von Sonetten zu erdenken und sie letztlich in dieser vorhandenen Form zu publizieren – ganz im Gegenteil, es gingen den HMG mehrere Prozesse kreativen Denkens und Schaffens voraus. Der sprachliche Zusammenhang als Regel wurde formuliert – auch inhaltlich stellte sich Queneau die Aufgabe, einen Zusammenhang innerhalb eines Sonettes, aber auch innerhalb des Zyklus der 1014 Gedichte zu erschaffen. Den inhaltlichen Zusammenhang formuliert FLORIAN CRAMER folgendermaßen:

„Die 'Themen ' und 'Kontinuitäten' der zehn Einzelsonette fügen sich zur Beschreibung einer Weltreise, die pauschaltouristische Stereotypen aneinanderreiht und mit schlichtphilosophisch-banalen Betrachtungen abschließt.“8

Cramer bezieht sich in seiner Aussage bezüglich des Inhaltes der Sonette auf die von ihm als Einzelsonette bezeichneten Ausgangssonette, also die Texte, welche entstehen, wenn alle Verse in ihrer Möglichkeit übereinstimmen oder, um es vereinfacht auszudrücken, alle einzelnen Lamellen gleich oft umgeblättert wurden, es also zu keiner abweichenden Kombination von Verschiebungen innerhalb der Zeilen (bzw. der Lamellen) gekommen ist. Modifiziert man jedoch diese einzelnen Verse, verändert man also die Gestalt der Ausgangssonette, so wird das Angebot an Themen und Inhalten jedoch deutlich erweitert, man erhält eine „kleine Enzyklopädie dichterischer Topoi“9. Es ist also festzustellen, dass Queneau mit seinen HMG eine ungeheure Vielfalt an den Tag legt, ja vielmehr, dem Leser anbietet. Fraglich ist hierbei jedoch, ob man von einem klassischen Leser reden kann. Schließlich ist es keinesfalls so, dass Queneau als Autor einen Text verfasst, der vom Leser schlichtweg gelesen und verstanden werden soll. Vielmehr handelt es sich um einen konstruierenden Leser, einen Leser, der mittels des Inventars, welches Queneau als geistiger Vater und in gewisser Weise Konstrukteur ihm reicht, eigenständig Sonette erschaffen kann – der Leser ist hier also vielmehr als Benutzer und letztendlich auch als eine Art Co-Produzent zu verstehen, der ohne große Anstrengungen, sondern allein durch das Verschieben der einzelnen Verse bzw. das Versetzen der Lamellen, Texte generieren kann. Somit ist es durchaus nachvollziehbar, wenn von Queneaus Werk unter anderem auch als „ Sonettbaukasten10 gesprochen wird. Wie bei einem Modellbausatz erhält der Benutzer (resp. Leser) sowohl einzelne Bausteine als auch eine Anleitung zum Erstellen der Sonette. Diese Umstände führen zwangsläufig zu der nicht uninteressanten Fragestellung, inwieweit es sich bei den HMG tatsächlich um ein Buch, oder nicht doch um eine Maschine handelt, welche durch das Auftreten als Buch sozusagen versteckt wird. In diesem Kontext erscheint das folgende, dem Baukasten vorangestellte Zitat Alan Turings, äußerst interessant, wenngleich fraglich ist, ob es sich tatsächlich um einen Ausspruch von ihm handelt11:

„Nur eine Maschine vermag ein für eine andere Maschine geschriebenes Sonett zu würdigen.“12

[...]


1 ) bspw. Lobe, Adrian (2015): Quellcode der Bücher. Wie weit reicht die Maschinenliteratur? Frankfurter Allgemeine Zeitung Online. Frankfurt am Main. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/quellcode-der-buecher-wie-weit-reicht-die- maschinenliteratur-13344083.html, zuletzt aktualisiert am 01.01.2015, zuletzt geprüft am 26.02.2015.

2 ) vgl. Link, David (2012): Poesiemaschinen / Maschinenpoesie. Dissertation. Humboldt- Universität, Berlin. Philosophische Fakultät III. Online verfügbar unter http://edoc.hu- berlin.de/dissertationen/link-david-2004-07-27/PDF/Link.pdf, zuletzt geprüft am 26.02.2015, S. 7

3 ) Enzensberger, Hans Magnus (2000): Einladung zu einem Poesieautomaten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 25 bzw. 32

4 Vgl. Cramer, Florian (2006): Exe.cut[up]able statements. Poetische Kalküle und Phantasmen des selbstausführenden Texts, S. 205

5 Queneau, Raymond (1984): Hunderttausend Milliarden Gedichte. aus dem Französischen übertragen von Ludwig Harig. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, [S.2]

6 Ebd.

7 Queneau (1984), [S. 2]

8 Cramer (2006), S. 206

9 Schulze, Holger (2000): Das aleatorische Spiel. Erkundung und Anwendung der nichtintentionalen Werkgenese im 20. Jahrhundert. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 229

10 Schulze (2000), S. 225

11 Siehe dazu: Cramer (2006), S. 205

12 Queneau (1984), [S. 4]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Raymond Queneaus "100.000 Milliarden Gedichte". Enzensbergers Poesieautomat und Queneaus Sonettmaschine
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Digitale Poesie
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V305661
ISBN (eBook)
9783668036482
ISBN (Buch)
9783668036499
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitale Poesie, Enzensberger, Hans, Magnus, Hans Magnus Enzensberger, Queneau, Ray mond, Raymond Queneau, Hunderttausend, Milliarden, Gedichte, Hunderttausend Milliarden Gedichte, Sonettautomat, Textgeneratoren, Maschinenpoesie, Poesieautomat, digital, Computer, Maschine, Literatur, Moderne, Postmoderne
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2015, Raymond Queneaus "100.000 Milliarden Gedichte". Enzensbergers Poesieautomat und Queneaus Sonettmaschine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305661

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